2020 – Gedanken zur Zukunft des Internets

by Thomas Knüwer on 27. Juli 2010

Ein wenig lustig ist das schon. Gestern ist im Klartext-Verlag ein Buch erschienen mit dem Titel “2020 – Gedanken zur Zukunft des Internets”. Es ist eine Sammlung von Artikeln, einen davon habe ich beigesteuert. Er handelt von der Art und Weise, wie Unternehmen sich durch Social Media verändern werden.

Das Schmunzelige daran ist: Die Herausgeber des Buchs sind Hubert Burda, Matthias Döpfner, Bodo Hombach und Jürgen Rüttgers. Pardon, Hubert Burda, Mathias Döpfner, Bodo Hombach und Jürgen Rüttgers.

Ja, trotzdem hat man mich auch gefragt, ob ich etwas beisteuern möchte. Nun bin ich bei solchen Anthologien generell etwas skeptisch. Und wenn Burda, Döpfner, Hombach und Rüttgers etwas zur Zukunft der Medien einsammeln nimmt einem das nicht die Sorge.

Nun also ist das Werk da – und es ist besser als ich gedacht hätte.

Sicher: Wer sich ständig mit digitalen Fragen beschäftigt, wer täglich Netzpolitik und Rivva liest, für den wird wenig Neues dabei sein. Vielleicht die trockene aber interessante Ausführung der Mediziner Ulrich Hegerl und Nico Niedermeier zu den Chancen des Internets bei der Arbeit mit psychisch Kranken. Oder die Abhandlung der Linguistin Angelika Stoerrer zur Veränderung der Sprach durch das Web.

Doch Experten zählen vermutlich nicht zur Zielgruppe. Nein, das Buch richtet sich eher an jene, die sich nicht so gut oder so mittelmäßig auskennen.

Die aber werden einiges finden, was lesenswert ist. Zum Beispiel eine sehr gute Erläuterung von Cloud Computing durch Informatik-Professor Odej Kao und eine Analyse zur Maschine-zu-Maschine-Kommunikation von Marketing-Professor Michael Paetsch. Auch Peter Kruse, einer der besten Redner auf der Re-Publica, ist dabei, ebenso Twitter-Expertin Nicole Simon mit einem Text über, klar, Twitter.

Leider leidet “2020” unter dem Problem aller Anthologien. Ein einheitlicher Stil ist nicht möglich. So wechselt sich journalistischer Stil ab mit schwülstiger Selbstbeweihräucherung, dann ein trockener Wissenschaftstext gefolgt von zusammenhanglosem Text-Wirrwarr. Damit muss man leben, es macht das Lesen ein wenig anstrengend. Manches mal wäre besser gewesen, einen Journalisten zu beauftragen, das Thema von neutraler Warte anzugehen. Denn platt Firmendarstellungen wie die Bejubelung des E-Sports durch EA-Chef Olaf Coenen sind komplett verzichtbar.

Natürlich gibt es auch Tiefpunkte. Die Herausgeber, zum Beispiel, schreiben Beliebigkeiten darnieder. Noch trauriger sind Texte wie der von Familienministerin Kristina Schröder. Ich hatte ja schon gedacht, sie könnte ein digitaler Hoffnungsträger werden – hier aber liefert sie einen Text mit dem Entsetzen auslösenden Fazit: Die Internet-Sperren von Ursula von der Leyen sind nur deshalb so vor die Wand gelaufen, weil sie falsch erklärt wurden. Medienforscher Stephan Russ-Mohl demonstriert ebenfalls ein weiteres Mal, dass er im digitalen Zeitalter noch nicht recht angekommen ist. Den Tiefpunkt aber liefert Zukunftsforscher Horst Opaschowski: ein Staccato an Sätzen, die scheinbar beliebig hintereinander gesetzt wurden.

Einen der Herausgeber muss ich aber doch herausgreifen: Bodo Hombach. Sein Text “Über das Internet und die Entgrenzung kultureller und zeitlicher Lebensräume” lässt einen Blick in seine Psyche zu. Für ihn sind jene Menschen, die das Netz nutzen recht klar einzuordnen: Er sieht sie als leichtlebige, verantwortungslose, isolierte Naivlinge.

Auszug:

“Wer mit dem Joystick aufgewachsen ist und nur noch per Touchscreen mit virtuellen Geldströmen hantiert, täuscht sich leichter über die dahinterliegenden Schicksale hinweg….

Die jüngere Generation steht dem Problem (der immer schneller sich verbreitenden Information) ehrfurchtslos gegenüber und überlässt sich naiv und angstfrei der chaotischen Vielfalt von Informationen und Meinungen, die per Klick erreichbar sind. Jeder ist ständig auf Sendung und Empfang, und bisher spüren nur die Sensibleren, dass sie für die unbegrenzten Möglichkeiten mit der wachsenden Mühe zahlen, aus dem Chaos das Sinnvolle herauszustanzen.”

Aus den Zeilen trieft: Hombach hält sich für solch einen Sensiblen. Seinen Text schließt er bewusst mit “Kein Fazit”. Er schreibt:

“Das ist ein Aufruf zum großen gesellschaftlichen Dialog über die Frage: Wie können wir die Chancen des Netzes ausbauen und Stärken und die Risiken beherrschen?”

Nun ist das so, mit diesem Buch. Eigentlich sollte es solch einen Dialog geben mit ihm, Döpfner, vielleicht noch anderen Medienvertretern sowie den Verfassern des Internet-Manifestes, zu denen ich auch gehörte. Es war eine spannende Idee – woraus nie etwas wurde. Das lag nicht an unserer Seite. Danach forderte Hombach schon einmal einen Dialog ein – doch auf eine offene E-Mail hat er nie reagiert. Ob er es diesmal ernst meint? Fraglich. Immerhin ist dabei aber eine ordentliche Sammlung von Aufsätzen zu digitalen Themen entstanden – das ist ja auch etwas.

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