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Gründe für eine Zukunft der Tageszeitung

Die Kommentare auf meinen Artikel über die Äußerungen aus der „Financial Times“ haben mir eines klar gemacht. Es muss noch einmal ein Satz aufgeschrieben werden (vielleicht hab ich das sogar schon einmal, ich glaube aber nicht). Dieser Satz lautet:

Ich sehe keinen logischen Grund, warum Tageszeitungen künftig noch existieren sollten.

Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass man in egal welchem Feld des Lebens, man der Wahrheit ins Auge schauen sollte. Je früher man sich selbst im Strom der Zeit einordnet, desto besser sind die Entscheidungen, die man trifft. Ich möchte betonen, dass ich kein Feind der Tageszeitung bin. Mir wäre es am liebsten, sie würde auf immer weiter existieren, Journalisten alle Freiheiten schenken und sie gut bezahlen, während Verleger auf edelsten Yachten durch das Mittelmeer kreuzen.

shutterstock mann park Zeitung klein(Foto: Shutterstock)

Nur: Das Leben ist kein Ponyhof – das finden alle Ponys doof. Und deshalb müssen wir einfach mal diskutieren über die Lage des Zeitungslandes. Denn wer nicht rechtzeitig die Weichen stellt, gefährdet nicht nur die Zukunft des (Verlags-)Unternehmens, sondern auch Arbeitsplätze. Wir reden hier nicht über das Verschwinden von Papier sondern über das Schicksal von Menschen.

Drei Argumente werden gern dafür ins Feld geführt, dass Tageszeitungen auch in Dekaden noch existieren. Zwei davon sind für mich Scheinargumente, eines eine Geschmacksfrage.

Als da wären:

1. „Kein Medium hat je ein anderes abgelöst.“

Die Rieplsche Fata Morgana. Aus einer Dissertation über Nachrichtentechnik des Altertums, die im Jahr 1913 verfasst wurde, wird ein Gesetz abgeleitet. Das ist schon absurd genug. Wer daran glaubt, der möge bitte auch auflisten, wann er die letzte Steintafel gelesen, die letzte Trommelnachricht gehört und das letzte Telegramm erhalten hat (mehr dazu finden Sie hier).

2. „Es wird immer eine substanzielle Zielgruppe geben, die sich eine Zeitung leisten will.“

Das Morphium für die Branche. Irgendwer wird schon noch immer. Nun werfen die Medienverbände ständig Umfragen auf den Markt – niemand aber hat diese Zielgruppe bisher beziffert. Ihre Größe bleibt somit ominös. Und ohnehin geht es ja nicht um eine statische Zahl von Lesern, die das Überleben der Tageszeitung garantieren. Wir reden hier über einen Prozess, der seit Jahrzehnten läuft: Zeitungen verlieren Leser, weniger Leser bedeuten mit zeitlicher Verzögerung weniger Anzeigeneinnahmen, beides zusammen führt zu Kostenkürzungen, Kostenkürzungen drücken die Qualität, sinkende Qualität wird vom Leser wahrgenommen… Und da ist die Nachrichtenalternative Internet noch gar nicht im Spiel. Derzeit ist kein Ende dieser Entwicklung absehbar und meines Wissens nach hat auch noch niemand eine seriöse Prognose über diesen Zeitpunkt abgegeben.

3. „Eine Zeitung ist etwas sinnliches.“

Die Geschmackssache. Einerseits stimmt es ja: Eine Zeitung hat was Schönes. Andererseits hat selbst Giovanni di Lorenzo schon geklagt, er könne seine „Zeit“ nur schwer im Bett lesen. Und die Aussage setzt voraus, die Zeitung sei das einzige Medium mit einer eigenen Haptik, mit einer Sinnlichkeit. Doch streicheln wir eine Zeitung? Selten. Wer sich nach der Lektüre eines Blattes die Hände wäscht weiß auch, dass dies eine mittelmäßig gute Idee wäre. Im Gegensatz dazu streicheln wir aber unser Iphone. Oder unser Ipad. Da besteht eine besondere Bindung zu technischen Geräte, wir haben sie gerne in der Hand. Und somit könne wir auch sagen: „Unser Handy ist etwas sinnliches“ – ganz ohne Händewaschen. Zu diesem Thema gibt es einen exzellenten Beitrag auf Carta.info.

Dies sind die drei Argumente, die gerne vorgebracht werden. Vielleicht fallen Ihnen, liebe Leser, weitere ein? Dann würde ich mich sehr über Kommentare freuen.

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