Skip to main content

<
Manhattan so menschenleer, wie das in Manhattan geht, die gerade aufgehende Sonne vergoldete die ersten Wolkenkratzer. Und wir, eine jedwede Form von Kleidungsästhetik ignorierende Gruppe von Menschen besteigt eine Fähre nach Staten Island. Es ist der 7. November 2021.

Ich war bereits etliche Male in New York, aber nur dieses eine Mal in Staten Island, jenem geographisch abgehängten Teil der Metropole. Viel gesehen habe ich davon nicht, nur einige Stunden ein abgezäuntes Gelände mit Dixie-Klos, umrandet von herbstlichen Bäumen. Dann ging es hurtigen Fußes raus aus und wieder gen Manhattan.

Denn es war der Tag des New York Marathons und nachdem es 2012 nur zum Underground Marathon reichte (die ausführliche Geschichte gibt es hier), konnten wir ihn nun endlich laufen (und dass dies trotz Nach-Corona-Einreisebeschränkungen ging, dafür gebührt ewiger Dank und Respekt dem Herzensteam von Laufreisen.de).

Würde mich jemand fragen, ob ich beim nächsten NY-Trip Staten Island einbauen würde, ich hätte mit „Hä? Warum?“ geantwortet – bis Anfang Juli.

Dann startete die neue Staffel von „Revisionist History“, einem meiner Lieblingspodcasts. Sachbuchautor Malcolm Gladwell bereitet darin unterhaltsam, lehrreich und vor allem überraschend Zusammenhänge der Geschichte auf, die übersehen oder falsch betrachtet werden.

Die jüngste Staffel heißt „The Staten Island Problem“ und wurde recherchiert und gehostet von Gladwells Mitarbeiter Ben Naddaff-Hafrey.

Sie dreht sich um einen Moment der New Yorker Geschichte, über den ich nichts wusste: 1993 wollte sich Staten Island vom Bundesstaat New York trennen – inklusive Rats- und Volksabstimmung.

Warum es so kam und was dann passierte, spiegelt sich in vielen Teilen der Welt heute wider – eben auch im Aufstieg der AFD in Ostdeutschland.

Denn Staten Island fühlte sich immer ignoriert, so wie Teile des Ostens. Spitzname: „The forgotten borough“. Hier lebten jene, die Familien gründen wollten und sich andere Stadtteile nicht leisten konnten oder um die Sicherheit des Nachwuchses fürchteten, denn New York war damals noch nicht jene vergleichsweise sichere und einigermaßen saubere Stadt, die es heute ist. Unter jenen Staten Islandern: viele Polizisten, viele Feuerwehrleute und weit überwiegend Menschen weißer Hautfarbe.

Niemand kam nach Staten Island, einfach um mal zu gucken. Das hatte auch einen Grund. Der Bezirk wurde dominiert vom bis heute größten, von Menschen geschaffenen Objekt der Welt: einer Müllhalde.

1990 gab es einen Erdrutsch in der New Yorker Politik, der all des beförderte: David Dinkins wurde der erste farbige Bürgermeister – was in Staten Island wenig Begeisterung auslöste. Also blieb Dinkins eine Woche im Bezirk um die Menschen von sich zu überzeugen, doch auf der Müllhalde blieb er nur wenige Stunden – nicht genug nach Meinung seiner lokalen Kritiker.

Es entstand eine Sezessionsbewegung, die in ihrer Schrägheit an Coronaleugner, „Er hat sich das nicht ausgesucht“-Sängerinnen und andere merkwürdige Gestalten erinnert. Doch sie hatte Erfolg mit der Botschaft, dass Staten Island als nach Bevölkerung kleinster Bezirk niemals etwas gegen die anderen vier Bezirke durchsetzen könne – erst recht nicht die Schließung der Müllkippe, deren Gerüche gern mal in die Wohnbezirke wehten und die angeblich das Grundwasser verpestete.

Dahinter steht eine spannende Frage: ist eine Demokratie eine Frage von Menschen oder von Orten? Auch in Deutschland ist dies ja unterschwellig ein Dilemma: Sachsen-Anhalt hat nicht viele Bewohner, also weniger Einfluss bei Bundestagswahlen, steht aber im Bundesrat gleichberechtigt neben NRW.

Am Ende scheiterte der Trennungsversuch in der New Yorker Staatsversammlung. Doch dies gebar den Aufstieg eines Politikers, der sich nah an Staten Island und die Sezessionsbewegung herangekuschelt hatte: Rudy Giuliani.

Bürgermeister Dinkins wollte das Verhalten der New Yorker Polizei unabhängig kontrollieren. Dagegen wehrten sich 4.000 Polizisten im September 1992 auf der Straße. Viele waren betrunken, sie attackierten Autos und belästigten Farbige, griffen Journalisten an. Und: Sie wollten das Rathaus stürmen.

Dinkins war zu dieser Zeit auf einer Beerdigung, Verwaltungsvertreter baten Generalstaatsanwalt Giuliani, die Angreifer zu beruhigen – er tat genau das Gegenteil.

Wer sich nun an die Stürmung des Capitols 2021 erinnert fühlt – kein Wunder. Denn Giuliani gebar Donald Trump. Und so spielte sich das, was in New York passierte, nochmal auf nationaler und nun globaler Ebene ab.

„The Staten Island Problem“ zeigt schlüssig auf, wie das Gefühl, abgehängt zu sein und ignoriert zu werden, bei Menschen den Kopf ausschaltet, wie aus ganz normalen Leuten Gegner der Verfassung werden und wie mächtig Erzählungen sein können – weshalb wir neue brauchen. Zum Beispiel die von der Müllhalde. Sie ist heute stillgelegt und umgeformt zu einem riesigen Naturpark, in dem es so viele Rehe gibt, dass sie sogar zum Problem werden.

Also: Podcastempfehung „Revisionist History – The Staten Island Problem“, zu hören überall, wo es Podcasts gibt.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen


Keine Kommentare vorhanden


Du hast eine Frage oder eine Meinung zum Artikel? Teile sie mit uns!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*
*