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Seit dem Ende des vergangenen Jahres begegnen mir immer mehr Menschen, die sich resigniert bis abfällig über deutsche Medien äußern. Sie alle eint eine frisch entstandene und wachsende Abneigung gegenüber klassischen deutschen Medienmarken. Ausnahmen bilden dabei eigentlich nur die Tagesschau, heute und mit Abstrichen die „Zeit“.

Diese Personen sind nicht rechts, sind keine Lügenpresseschreier, sie sind in der Regel überdurchschnittlich gebildet und überdurchschnittlich verdienend und außerdem keine so Digitalirren wie ich selbst. Jene Abneigung manifestiert sich in Sätzen wie „Denen kann man auch nichts mehr glauben“ oder „Da muss man immer sehr genau hingucken“.

Ich bin der Meinung, dass hier eine Situation entsteht, die bedrohlich ist für unsere freiheitliche Demokratie. Denn was diese Menschen äußern ist nichts anderes, als dass sie das Gefühl haben, eine von der Verfassung geschützte Institution stelle eine Gefahr für die Demokratie dar – der Journalismus.

So mancher, der dies liest wird sich im Kopf jetzt „LÜGENPRESSE!“-Brüllanten vorstellen, doch so sind diese Personen nicht, sie sind vielmehr komplett normale, unaufgeregte Bürger die ohne jede Form von Schaum vor dem Mund äußern, dass sie das Vertrauen in Medien, Redaktionen, JournalistInnen verloren haben.

Und deshalb ängstigt mich diese Entwicklung.

Aber ich kann sie nachvollziehen. Seit Monaten meide ich deutsche Medien, weil ihre Fehler so offensichtlich sind und ich das Gefühl habe, dass ein zu breiter Teil der Redaktionen nicht mehr an einer neutralen Information interessiert ist, sondern als oberstes Ziel in einer emotionalen Aufwühlung des Publikums sieht. Das erste Mal nach dem Abo-Abschluss im „Economist“ lesen war für mich im Dezember wie eine Massage im Wellness-Bereich eines 5-Sterne-Hotels.

In dieser Woche nun erschien die frische Ausgabe des Edelman Trust Barometers, einer Studie, die in einem Dutzend Länder das Vertrauen der Menschen in Institutionen misst.

Sie bestätigte jene oben beschriebenen, anekdotischen Erlebnisse in weiten Teilen. So sind die Deutschen generell misstrauischer als die Bewohner anderer Länder. Doch bei der Frage welche der gesellschaftlichen Elite weiß, was zu tun wäre, landen Journalisten auf einem Wert von 47. Im Vergleich: Wissenschaftler liegen bei 71.

43% der befragten Deutschen glauben, dass Medien sie bewusst täuschen wollen, 59% meinen, sie machten keinen guten Job, wenn es um Unvoreingenommenheit oder Unparteilichkeit geht.

Es gibt zwei große Gewinner dieser Studie: die deutsche Regierung und (wenn auch schwächer als in anderen Ländern) Unternehmen. Global ist die Studie eine Aufforderung an die Wirtschaft, die Führung zu übernehmen. In Deutschland zeigt sich klar, dass die Regierung das Vertrauen gegen Jahresende nicht mal ansatzweise derart verspielt hat, wie dies in anderen Nationen der Fall war.

Die gesamte Studienpräsentation ist sehenswert, wenn auch technisch ausbaufähig umgesetzt. Im deutschen Teil, vorgetragen von Edelmans Landeschefin Christiane Schulz, meine ich aber ein beunruhigendes Muster zu erkennen.

Jene Bereiche, denen die Befragten in Deutschland eher vertrauten, standen in den vergangenen Monaten besonders im Fokus jener emotionalen, oft irrationalen und gern mit Fehlern behafteten Attacken der Medien (und das hat nicht immer etwas mit Corona zu tun).

Die Regierung gehört dazu, klar. Doch im Bereich der Wirtschaft die drei Branchen, denen am meisten Vertrauen entgegen gebracht wurde: Gesundheitswesen, Technologie und Bildung. Oder die beiden Branchen, die im Jahr 2020 am meisten Vertrauen hinzugewannen: Healthcare und Consumer Packaged Goods, also das, was zum Beispiel im Supermarkt steht.

Was hat das für eine Wirkung, wenn jene Bereich unseres Lebens, denen Menschen vertrauen angegriffen werden von einem Bereich, dem sie weniger vertrauen? Werden die ersteren Segmente nach unten gezogen? Oder sinkt das Image der Aggressoren? Denn selbst wenn die Angriffe gerechtfertigt wären ist doch psychologisch nachgewiesen, dass wir Menschen sehr viel Engagement zeigen um nicht das Gefühl zu entwickeln, wir hätten uns für eine falsche Seite entschieden. Wird also „meine“ Seite attackiert, werte ich dann nicht eher den Angreifer ab?

Es wäre nötig, dass sich Redaktionen solchen Fragen stellen. Allein: Das scheint unmöglich.

Jüngst verglich ich Medienhäuser mit Restaurants und listete ein paar Abwehrerlebnisse mit Medien auf:

Seitdem kamen etliche hinzu.

Ein Autor schrieb, der russische Impfstoff sei „unterschätzt“ worden. Auf meine Frage, wie er dazu steht, dass es noch nicht mal eine echte Studie zu diesem Impfstoff gibt – Schweigen. Jene „Der Astra Zeneca-Impfstoff wirkt bei Menschen über 65 nur zu 8%“-Ente des Handelsblatts wurde nicht zurückgezogen, sondern die Redaktion redete sich damit raus, das ein Beamter dies immer noch behaupte (die Zwei-Quellen-Regel scheint ja nicht mehr zu existieren). Als ich ein allgemeines Urteil zu einem Medium tweetete, meldete sich ein Redaktionsvertreter und schrieb, das sei nicht nett von mir und zu allgemein. Ich lieferte ihm daraufhin zwei Beispiele vom gleichen Tag aus seinem Haus, was ihn zur Reaktion veranlasste, er wolle keine Einzelbeispiele diskutieren.

In solchen Debatten kommen dann auch immer ein paar Standardargumente, die eine weitere Argumentation unmöglich machen. Zum Beispiel, dass jene Kritik nicht nachvollziehbar sei, weil es im eigenen Haus ganz anders sei. Liefert man ein Gegenargument heißt es: Das ist ein Einzelfall. Und ohnehin – ein sehr beliebter Redakteurssatz –: „Ich kann dieses Wort Medienkrise nicht mehr hören.“

Das kann ich verstehen. Nur geht eine Krise nicht davon weg, dass man die drei Nichts-Sehen-Nichts-Hören-Nichts-Sagen-Affen in der eigenen Person vereint.

JournalistInnen müssen sich endlich den Fehlentwicklungen ihrer Branche stellen, sie müssen bereit sein, Kritik zu ertragen und auszutragen. Und sie müssen sich ändern.

Passiert das nicht, habe ich Angst vor einer Zukunft, in der die von den Medien abgewendeten Menschen noch viel bunter wirken als eine Querdenker-Demo. Und das würde ich für höchst gefährlich für unsere Demokratie halten.


Kommentare


Frank 19. Februar 2021 um 17:28

"Das eigentliche Kernproblem aber ist, dass wir als Bevölkerung durch die etablierten Medienkanäle nicht sauber und ordentlich informiert und im Internet mit allerlei dubiosen Phantasien überzogen werden, so dass eine vernünftige Meinungsbildung kaum bzw. nur erschwert möglich ist. Ohne diese aber ist ein lösungsbringender Diskurs nicht machbar. Also verhärten sich Fronten, vertiefen sich Gräben und wächst der Schaden an unserer Gesellschaft als demokratischem Gemeinwesen. Diese Schadensfolgen werden uns aber noch lange über die Pandemie hinaus beschäftigen."

https://www.frisches-flensburg.de/14803-2/

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Felix Rohlfs 19. Februar 2021 um 17:58

Aus meiner Sicbt sind die beiden größten Probleme des Journalismus zur Zeit folgende:

(Zu) viele Journalisten verstehen sich auch oder sogar in erstsr Linie als Aktivisten und vwrsuchen nicht einmal mehr ernsthaft, einen möglichst objektiven, auf Ausgleich bedachten Standpunkt einzunehmen. Ich finde das unprofessionell.

Das andere Problem, die mangelnde Fehlerkultur, hast Du ja schon sehr schön dargestellt.

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Harald 19. Februar 2021 um 23:15

Die Ergebnisse der Studie sind bzgl. der Glaubwürdigkeit der Medien in der Tat besorgniserregend.

Aber was für ein Ergebnis soll eine Studie liefern, wenn gefragt wird, wie glaubwürdig "die Medien" (oder "die Politiker", "die Unternehmen") sind? Bei solchen Studien stelle ich mir oft die Frage, wie ich selbst auf eine solche Frage antworten würde. Wo mit "die Medien" alles vom "Goldenen Blatt" und der "BILD" bis hin zur "Süddeutschen Zeitung" und der "Tagesschau" gemeint sind. Da ist von 1 bis 6 in Schulnoten alles vertreten, und ich gebe dann eine 3?
(Bei "den Politikern" sähe das Dilemma nicht anders aus.)
Bei einer derartig pauschalen Frage können die "seriösen Medien" gar nicht ablesen, ob auch sie ein Problem attestiert bekommen – oder "nur" der Boulevard.

Zumindest muss man allgemein zustimmen, dass manche Medien ein Glaubwürdigkeitsproblem haben.
Aber was sollen die schon ändern, wenn sie wie die BILD-Zeitung darauf aufgebaut sind, täglich einen Skandal zu liefern? Oder wenn das Geschäftsmodell auf Klick-Wahrscheinlichkeit und Anzeigen-Impressionen aufgebaut ist? Ich sehe bei "den Medien" hier keine Lösung.

Vielleicht ist es auch beruhigend, wenn Leserinnen und Leser erkennen, dass Medien nicht per se vertrauenswürdig sind.
Selektiv sinkende Auflagen und Website-Besuche bei den Haupt-Übeltätern wären genau das Mittel, was die Medienlandschaft verbessern könnte.
Wenn man die Auflagen-Entwicklung von BILD-Zeitung und Süddeutscher Zeitung miteinander vergleicht, geht die Entwicklung zumindest in die richtige Richtung.

(An ihrer Kritikfähigkeit dürfen viele Medien dennoch gern arbeiten – auch die seriöseren.)

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Tim 20. Februar 2021 um 11:21

Ich habe früher immer sehr gern Deutschlandfunk gehört (abgesehen von der grottigen Nationalhymne um Mitternacht, die habe ich noch nie ertragen :-). Vor etwa 20 Jahren begann dann mein ungutes Gefühl beim Hören der Nachrichten. Rund ein Viertel der Nachrichten bestand schon damals regelmäßig aus Verlautbarungsjournalismus: "Der Bundeswirtschaftsminister hat sich gegen XYZ ausgesprochen", "Die SPD warnt vor XYZ", "Ministerpräsident XYZ hat angekündigt". Kann man ja gern alles bringen, aber ganz sicher nicht in den Nachrichten. Bei der Nachrichtenauswahl spürte man dann oft auch den Proporz im Rundfunkrat – beim Deutschlandfunk offenbar ein wichtiges Relevanzkriterium, was heute in der Welt wichtig ist. Und irgendwann vor etwa 15 Jahren wurde offenbar beschlossen, dass man künftig in Interviews ein bisschen mehr Kante zeigen muss. Die DLF-Journalisten brachten fortan verstärkt pseudokritische Fragen, die geübte Politiker ohne jede Anstrengung wunderbar in einfache Tore verwandeln konnten. Fühlte sich für mich wie Komplizenschaft an. Und dieser Laden galt (und gilt!) allen als journalistische Vorzeigekiste, vor allem bei der aktuellen Berichterstattung? Offenbar hat noch niemand BBC gehört.

Später fiel mir deutschen Medien immer stärker auf, was dort alles <i>nicht</i> berichtet wird. Proteste und Massenunruhen in China? Kamen in Deutschland praktisch überhaupt nicht vor. Der schnelle Erfolg von George Bushs "Surge" im Irak 2007? Kam hier erst frühestens ein halbes Jahr später an. Überhaupt Irak – die massenhaften Funde von Saddams Chemiewaffen in den Jahren nach dem Krieg? Sind deutschen Medien noch heute keine Meldung wert. Gründe, warum so viele Amerikaner die Demokraten und vor allem Washington hassen? Entspricht wohl nicht dem eigenen kulturell überlegenen Weltbild. Sachkritik an der EU? Ist gleich Kritik am europäischen Projekt an sich, also populistisch. Usw. usf.

Ich traue deutschen Journalisten heute einfach nicht mehr zu, mich sachgerecht über die Welt zu unterrichten. Man merkt natürlich oft, dass sie z.B. Themen aus dem "Economist" aufgreifen, aber meiner Meinung nach fehlt fast allen Haltung, Neugier und ein gesundes allgemeines Misstrauen gegenüber den Eliten.

Die Berichterstattung über Corona möchte ich davon übrigens ausnehmen, da habe ich mich insgesamt gut und kritisch informiert gefühlt.

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Walter König 20. Februar 2021 um 19:31

Ich glaube diese Widersprüche gibt es schon seit Jahrzehnten, nur artikuliert man sie jetzt viel häufiger. Aber sie haben sicher auch zugenommen.
Schröders "meine Politik ist alternativlos", von Merkel wiederholt, war da ein Fanal.
Teilweise ist der Meinungsmainstream sehr bedrohlich geworden, auch das Strafrecht wird hier immer häufiger instrumentalisiert.

Hat man bei bestimmten Themen eine differenzierte Meinung, konnte man die in den 90ern noch offener äußern, habe ich auch in meinen zwei Berufen erlebt
( Fernsehtechniker und Verkäufer in der Bahnhofsbuchhandlung ). Heute wird man schnell verbal bedroht, denn entweder geht AfDlern oder Ultraliberalen meine Meinung nicht weit genug, für sie bin ich dann auch ein "Feind", während ich für alle anderen ein "AfD Sympathisant" oder ein was-weiß-ich bin.
( Einer hat mich mal als "Anarchosyndikalist" beschimpft, ich mußte erstmal ergoogeln was dies ist )

Es wird zwar so viel geschrieben und geredet wie nie, aber in den 60er-90er Jahren konnte ich viel besser diskutieren. Nicht mit den Betonköpfen der DKP oder NPD, aber mit "normalen" Bürgern. Aber von denen gibts entweder immer weniger, oder sie klinken sich aus Frust aus einem Gespräch immer mehr aus.

Zu sehr trennen sich die Mileus auch immer mehr, haben immer weniger Berührungspunkte, nicht nur im Internet.
Bei den Journalisten vermute ich, abseits vom Druck des Chefredakteurs, eben auch Marktkonformität. Schließlich hat diese Politik des schiefen Sozialstaats, der Strafrechtserweiterung und der Schuldenexzesse eine Mehrheit, nur warum verkaufen sich dann die Blätter, die dieses abfeiern und bejubeln nicht entsprechend ?
Besonders negativ fällt mir auf, daß man etwa seit der Jahrtausendwende aus Mücken Elefanten macht, nicht nur ganz selten wie früher, sondern sie bestimmen die mediale Welt für einige Tage, nur um daraufhin nicht zu verschwinden, sondern man beleuchtet dann diesen Skandal als skandalöse Berichterstattung erneut, sozusagen wie bei der Innenrevision einer Behörde, die aber ständig Pressekonferenzen gibt.
Mein Lieblingsbeispiel die "Bobbycar Affäre" des Christian W.
Man kann dann selbst den SPIEGEL u.a. Medien nicht mehr ernst nehmen.

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Tom 22. Februar 2021 um 10:08

Als vollkommen unwichtiger Ottonormalbürger erlebe ich Medien meistens aus der KonsumentInnensicht, und stelle dabei vieles von dem fest, das hier bereits beschrieben wurde.

Darüber hinaus wurde ich in meinem bisherigen Leben vielleicht 5 oder 6 mal interviewt, meistens zu eher trivialen Themen. Und jedes einzelne Mal war das veröffentlichte Ergebnis voller unnötiger Fehler. Namen stimmten nicht, Bildunterschriften wurden vertauscht, Zitate nicht nur ungenau widergegeben, sondern teilweise ins exakte Gegenteil verkehrt.

Das waren, alles in allem, eher triviale Fehler in Beiträgen zu eher weniger relevanten Themen. ABER ich habe gelernt, das viele JournalistInnen sich nicht einmal die Mühe machen die grundlegensten Standards zu erfüllen. Und die Situation hat sich seitdem nicht verbessert.

Mein Fazit ist, ich glaube nicht an die "Lügenpresse", ich weiß aber, dass wir es in viel zu vielen Fällen mit abgrundtief schlechtem Journalismus zu tun haben.

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ClaudiaBerlin 22. Februar 2021 um 12:16

Die angestrebte "emotionale Aufwühlung des Publikums" ist so ziemlich der Kern des Problems. Der Kampf um Klicks / Zugriffe mittels Headlines wird so immer weiter eskaliert – bei mir führt das einfach nur zum Überdruss, zum "Medienfasten", von "Vertrauen" kann echt nicht mehr die Rede sein.
Was da z.B. in Sachen "Eigenheime verbieten" aus dem Zusammenhang gerissen, aufs Übelste verplattet durch unzählige auf Krawall bürstende Headlines skandalisiert wurde, ist so ein Beispiel von vielen.
Ein Elend sind auch die unzähligen Nicht-Nachrichten: man wird mit einer Headline gelockt, doch im Artikel steht dann gar nichts, kein bisschen mehr Info – nur dass man noch nichts weiß. Ja Himmel, dann lässt mich doch in Ruhe mit solchen "Artikeln""!!!

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Leider anonym 22. Februar 2021 um 12:29

Ich mache hauptberuflich PR und es ist einfach unmöglich, in dem Beruf zu arbeiten und den deutschen Journalismus nicht zu verachten. Außer in der Nische herrscht überall fröhliches Dilettantentum, keiner recherchiert mehr irgendwas nach, haarsträubende Fehler sind Alltag, die Agenda der Akteure im öffentlichen Raum (Lobbygruppen, Firmen, Politiker) wird selten hinterfragt. Ist einfach alles Wurscht, Hauptsache, es klickt irgendwie.

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Zeddi 22. Februar 2021 um 20:47

Ich fände es klasse wenn ich das Gefühl hätte das Journalisten zumindest mal die 3,4 relevanten Wikipediaartikel zu einem Thema gelesen hätten auf der "Fakten" ebene.

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Richard Heller 22. Februar 2021 um 21:00

Meines Erachtens ist das große Problem die Masse bei wenig Klasse. Nicolas Clasen hat in seinem "Der digitale Tsumani" sehr schön dargestellt, dass in Deutschland (zuerst BRD + DDR, dann Gesamtdeutschland) immer weniger Zeitung gelesen wird – und das seit 1945! Die Zeitungsverkäufe sind (BRD + DDR) bis 1982 dennoch kontinuierlich und recht steil angestiegen, was ich auf die immer bessere Wohnsituation zurückführe. Seit 1983 sinken die Verkäufe ebenso steil (auch in der DDR!) mit einem minimalen Gegenanstieg 1991-1992, seitdem wieder steil fallend. Das hat die Zeitungen aber nicht gestört denn bis ca. 2000 stiegen die Einnahmen (Anzeigengeschäft) dennoch immer weiter an und garantierten ein sorgenfreies Leben mit einer Kapitalrendite zwischen 10 % und 20 %.

Es gab also immer sehr viele Zeitungen mit sehr vielen Journalisten. Max Goldt hat es mal in seinem "Der Krapfen auf dem Sims" sehr schön auf den Punkt gebracht:. Das Kapitel "Der Interview-Unfug" ist überhaupt sehr lesenswert. Auf S. 157 heißt es:

"An sich handelt es sich bei den junk journalists um respektable Alltagsmenschen. Vor hundert Jahren wären sie Pferdekutscher oder Näherin geworden.
Doch sie leben heute und haben daher Abitur und halten sich für normale Tätigkeiten unumkehrbar überqualifiziert. Sie könnten so wunderbar Karfoffeln
schälen, aber sie wollen urteilen und durchschauen, Menschen von vermeintlichen Podesten stoßen, nachweisen, dass alle nur mit Wasser kochen."

Dass Max Goldt Recht hat, ist den obenstehenden Kommentaren zu entnehmen.

Masse statt Klasse eben. Aber seid nicht nur die Auflagen, sondern auch die Einnahmen runtergehen, befinden wir uns in der Medienkrise, für die Journalisten, dieses im Durchschnitt anencephale Volk, schon lange den Grund ausgemacht hat: Google ist es (seit 1983???), nicht die eigene Fehlleistung. Ganz vorne dran ist hier etwa Michael Hanfeld, der in der Fatz immer mal wieder zum Fremdschämen schöne Artikel schreibt. Währenddessen werden Periodica von ihren eigenen Verlagen entwaffnet: Der "Stern" verliert das, was ein bundesweites Magazin ausmacht, nämlich das Ressort "Politik und Wirtschaft", in Süddeutschland wird ein Zeitungsarchiv dichtgemacht. Wir erinnern uns: Das Spiegel-Archiv etwa ist gefürchtet bzw. war es, als Journalisten noch dort reingeschaut hatten.

Das alles hat sein Gutes: Die meisten Zeitungen sind überzählig und -flüssig und können weg. Bei der Gelegenheit kann man den überflüggien weil unfähigen Teil der Journalisten auf die Straße setzen und ihnen im Arbeitszeugnis "er hat sich bemüht" attestieren. Dazu gehören nicht nur die Was-mit-Medien-Leute, sondern durchaus so vermeintliche Edelfedern wie Michael Hanfeld und Jasper von Altenbockum von der Faz.

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Walter König 26. Februar 2021 um 14:00

@ Richard Heller: Die stagnierenden, bzw. bei einigen Zeitungstiteln in der DDR ab 1983 rückläufigen Auflagen, die in erster Linie die Blockparteien betreffen, sind eher Folge eines Papiermangels. Für die Zuteilung war ja die SED zuständig, die sich besonders bei der LDPD und der NDPD weigerte das Papierkontingent zu erhöhen.
In einigen Großstädten war es gar nicht so einfach den "Morgen", bzw. die "National-Zeitung" ( so hieß sie tatsächlich ) zu bekommen, geschweige denn MOSAIK oder gar DAS MAGAZIN. Das Interesse war schon da, selbst bei diesen nur minimal von der Generallinie abweichenden Titeln.
Zur Wendezeit haben die Pressekonzerne den DDR Zeitungsmarkt kaputtgemacht, sie verkauften ihre Titel unter Selbstkostenpreis, nur um Marktanteile zu gewinnen. Nur durch die Wendewirren und Treuhandchaos ist zu erklären, daß sie bis auf ein paar Rügen damit durchkamen.
Ich frage mich oft, wie der Pressemarkt in den 90er und 00er Jahren ausgesehen hätte, wenn nicht Springer und Co. ihre mit DM ausgepreisten Zeitungen zum Kurs von 1:1 DDR Mark verkauft hätten.

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Frank70 23. Februar 2021 um 9:42

"Auf meine Frage, wie er dazu steht, dass es noch nicht mal eine echte Studie zu diesem Impfstoff gibt – Schweigen."
–> https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(21)00234-8/fulltext

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Thomas Knüwer 23. Februar 2021 um 9:46

@Frank70: Genau das meinte ich. Es handelt sich hier nicht mal um eine Studie im Preprint-Stadium, sondern nach eigener Betitelung um eine "interim analysis", die nach Meinung von Experten einige Ungereimtheiten enthält.

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Frank70 23. Februar 2021 um 11:04

@Thomas Knüwer: Genau das meine ich: Eine interim analysis gleichzusetzen mit "nicht echt" und "nicht mal…" halte ich für sehr tendenziös. Warum ? Nur weil es russische Wissenschaftler sind ? Sind das keine Experten ? Beruflich bin ich dem wissenschaftlichen Veröffentlichen nicht gerade fern und weiss daher, dass Journalbeiträge bzgl. interim analysis alles andere als unseriös sind. Zusätzlich gehe ich davon aus, dass besagter Journalbeitrag vorher durch ein blind peer review gegangen ist, d.h. von anderen Experten, denen die Autoren nicht bekannt waren, überprüft wurde. Ferner würden mich die Experten mit den Ungereimtheiten interessieren: Welche Experten sind das und welche Ungereimtheiten wurden identifiziert ? Haben Sie da nähere Informationen ?

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Thomas Knüwer 23. Februar 2021 um 14:06

@Frank70: Sie legen mir Worte in den Mund. Eine Interim-Analyse ist keine Studie, nicht mal eine Vorstudie – und das hat nichts mit Russen oder irgendeiner Nation zu tun. Es gibt fachliche Zweifel an den Informationen, zum Beispiel hier erläutert in „Science“ (sorry, mein WordPress hakt gerade in Sachen Links): www.sciencemag.org/news/2020/11/russia-s-claim-successful-covid-19-vaccine-doesn-t-pass-smell-test-critics-say.

Mehr dazu auch bei „Nature“: www.nature.com/articles/d41586-020-02619-4

Diese wurden auch im NDR Corona Update thematisiert: www.ndr.de/nachrichten/info/Ciesek-im-Corona-Podcast-Jede-Lockerung-fuehrt-zu-mehr-Kontakten,coronavirusupdate154.html

Ein wenig wundert mich, dass Sie einerseits Fachtermine verwenden, andererseits aber diese nun wirklich nicht neuen Zweifel nicht kennen. Es bleibt weiterhin erstaunlich und bemerkenswert, dass zu diesem Impfstoff keine Studie existiert – entweder die Produzenten sind sehr, sehr, sehr langsam, oder… Tja? Was? Ohne Studie wird es im EU-Raum keine Zulassung geben, egal ob man aus Russland, den Osterinseln oder Kattenvenne kommt. Dass es gleichzeitig Zweifel gibt an einen Produkt, dass aus einem autokratisch geführten Land kommt, dessen Autokrat nachweislich und seit Jahren versucht, mit Desinformation und durch Hackerangriffe Demokratien zu destabilisieren, ist außerdem nachvollziehbar und nach meiner Meinung richtig.

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Frank70 23. Februar 2021 um 15:58

Danke für die links. Diese Zweifel an genau der Veröffentlichung kannte ich in der Tat nicht. Besonders die Verweigerung sich mit internationalen Standards zu harmonisieren ist natürlich äußerst verdächtig. Die Infragestellung der Signifikanz aufgrund von kleinerer Stichprobenausprägung ist jedoch mit Vorsicht zu geniessen: Nachgewiesene Signifikanz ist nachgewiesene Signifikanz (natürlich vorausgesetzt man hat bei kleinerer Stichprobenausprägung nur die dafür zulässigen Signifikanztests verwendet). Dass Signifikanznachweise bei kleinerer Stichprobenausprägung grundsätzlich unseriös seien, ist leider ein weit verbreiteter Irrglaube (Pseudoexperten führen in diesem Zusammenhang gerne mal den Begriff "notwendige statistische Mindestpower" an). Nun aber genug der Klugscheißerei: Ich ziehe meine Kritik an Ihrer Position zurück.

Frank70 23. Februar 2021 um 11:11

…gestatten Sie mir zusätzlich noch eine kleine Provokation, alleine um mal wieder Whataboutism zu bedienen ;-):
Unsere Astronauten fliegen seit Jahren mit "nicht echten" Rakten aus Russland zur ISS…

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Frank70 23. Februar 2021 um 11:14

…natürlich meinte ich "Raketen" anstatt "Rakten" (–> lag wahrscheinlich an den Rückenschmerzen durchs home office)

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Thomas Knüwer 23. Februar 2021 um 14:13

Dass diese Einlassung verwirrter Unfug ist, ist uns beiden sicherlich klar.

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Frank70 23. Februar 2021 um 16:01

Da sind wir uns einig. 🙂


Fabian 23. Februar 2021 um 9:48

Ich sehe tatsächlich ausschließlich Verlautbarungsjournalismus. Nach einem Jahr Pandemie habe ich aus den Medien immer noch nichts erhellendes über das Virus erfahren – nur dpa Meldungen und Pressekonferenzen.

Möchte ich wissen, wie die Impfung funktioniert; wie der Bestellvorgang wirklich abgelaufen ist; muss ich nach Formaten wie Jung und Naiv oder Mailab auf YouTube suchen. (Beides exzellenter Journalismus.)
– doch werde dort vom Algorithums sofort zu Verschwörungstheorien weiterempfohlen.

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Jürgen Rummel 23. Februar 2021 um 10:35

Mein Problem mit den Medien, öffentlich-rechtlich wie privat im Sinne von Tages- und Wochenzeitungen ist, die Informationen sind vielmals oberflächlich, oftmals ohne weitere Recherche oder Ergänzung von dpa übernommen und des Öfteren unsachlich verkürzt wiedergegeben. Hinzu kommt seit einem Jahr der Drang, mir als Hörer und Leser eine Agenda des richtigen Sprechens und Schreibens beizubringen (sprich gendergerecht und vorgeblich nicht diskriminierend). Ergebnis sind Beiträge im Rundfunk, die nicht verständlich sind und in der Presse Artikel, die einfach unleserlich werden.
Informationsgehalt und Informationsgenauigkeit nehmen im selbem Umfang ab, wie versucht wird, mich zu "missionieren", "auf den rechten Weg zu bringen". Ergebnis, ich kaufe immer seltener eine Zeitung, ich schalte tatsächlich öfter das Radio aus (Deutschlandfunk, RBB Radio 1). Fernsehen spielt bei mir nur zur Unterhaltung eine Rolle, Fernsehrunden wie Maischberger, Anne Will, Hart aber fair, etc. fallen komplett raus, weil nicht ausgewogen, der Kreis der Diskutanten ist doch sehr überschaubar, der Missionierungsdrang zu groß.

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Norbert Budzi 23. Februar 2021 um 11:43

In seinem eigenen Blog kann jeder Blogger natürlich schreiben, wie und was er will. Allerdings sehen – wie oben schon von Felix Rohlfs angemerkt – viele Journalisten ihre Rolle eher als Aktivisten.
Wer als vermeintlicher Journalist daherkommt, aber "JournalistInnen" schreibt, hat bei mir von vornherein verschissen.
Neben Neugier – besser noch: Skepsis, es muss nicht unbedingt Misstrauen sein – und einen guten Gespür für Widersprüchlichkeiten (auch eigene!) gehört Sprachbeherrschung zu den unabdingbaren Voraussetzungen für guten Journalismus. Beherrschung der Sprache bedeutet im Journalismus nicht nur, die Sprache (also das ihr inhärente System, im Deutschen z.B. das "generische Maskulinum") zu beherrschen, sondern auch sich selbst bei der Verwendung der Sprache zu beherrschen. Das unterscheidet Journalismus von Feuilleton, Kabarett, Literatur und eben politischem Aktivismus.

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Thomas Knüwer 23. Februar 2021 um 14:15

@Norbert Budzi: Wenn Sie auf diesen Artikel blicken, sehen Sie rechts einen Autorenkasten. Dem dürfen Sie entnehmen, dass ich 14 Jahre lang in der Redaktion Handelsblatt journalistisch tätig war. Ihre weiteren Einlassung zeugen eher von einer merkwürdigen Unwilligkeit, sich dem Argumenten zu Wort zu melden.

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Markus Hoffmann 23. Februar 2021 um 21:06

Prinzipiell teile ich Ihre Einschätzung über die Vertrauenskrise in die klassischen Medien.
Allerdings entspringen die gewählten Beispiele dafür, dass diese Krise berechtigt ist, Ihrer persönlichen Sichtweise. Warum der SZ-Artikel zu Igor Levit antisemitisch gewesen sein sollte, das habe ich nicht verstanden. Herr Levit darf in den Medien für seine Aussagen kritisiert werden (und sogar für seinen Klavierstil, wenn man ihn nicht mag). Dass er Jude ist ändert daran gar nichts.

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Thomas Knüwer 24. Februar 2021 um 10:08

@Markus Hoffmann: Die Einschätzung, dass der Levit-Artikel antisemitische Züge trägt, muss man nicht teilen. Allerdings wird diese Meinung unter anderem geteilt von der Jüdischen Allgemeinen oder von Carlin Emke, die dazu einen sehr klugen Text für die Süddeutsche schrieb. Sprich: Kluge und durchdachte Menschen sind dieser Einschätzung. Der dabei entscheidende Faktor war die implizite Aufforderung, still zu sein – dann würden die Anfeindungen aufhören. Und dies ist nicht akzeptabel.

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Oliver Thiele 24. Februar 2021 um 13:46

Bei aller Liebe, ein "Vertrauensverlust" von 3% ist sowas von im Streubereich der Statistik. Bemerkenswert ist eher, dass das Vertrauen in den Journalismus bei 50 (oder "47") % dümpelt. Und wenn das 2010 noch bei, sagen wir, 60% lag, würden mich die Schlussfolgerungen – die interessant sind, bitte nicht missverstehen – noch mehr überzeugen. Dass 30% der Leute offenbar kein Vertrauen in "die Wissenschaft" haben, ist allerdings doch auch eher bedenklich.

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