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Eine der größten Fehleinschätzungen meines journalistischen Lebens war Twitter. Im März 2007 schrieb ich in meiner „Handelsblatt“-Kolumne „Knüwer klickt durch“ sanft lächelnd, dass dieser neue Dienst uns Digital-Irre ein paar Monate belustigen würde – und wir dann weiter ziehen würden.

Ein halbes Jahr später nahm ich das zurück. Weil schon damals ein Wandel eingesetzt hatte. Zu Beginn hatte uns der geschätzte Nico Lumma von jedem Kaffeekauf oder Toilettengang („Bin pullern“) in Kenntnis gesetzt, Erkältete posteten „HATSCHI“ und ich selbst erntete Ärger, als ich einen Tag lang nur Tweets von anderen rezitierte („Der @sixtus schreibt…“).

Doch Stück für Stück experimentierten wir Nutzer, entwarfen neue Einsatzmöglichkeiten, die einen wurden ernsthafter, die anderen ernsthaft lustig. Twitter wurde zu dem, was wir daraus machten.

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Genau dieses Gefühl der Twitter-Anfangszeit stellt sich bei sehr vielen ein, die damals dabei waren und nun Snapchat ausprobieren: Was am Ende dabei herauskommt, mag niemand zu sagen – doch da ist dieses Gefühl, dass der Dienst etwas ändert, etwas verschiebt in unserer Kommunikation.

Selbst die falschen Mythen, die um Snapchat kursieren erinnern teilweise an die Anfangstage von Twitter. Und deshalb räumen wir doch einfach mal mit ein paar davon auf…

1. Snapchat ist kein Teenager-Dienst

Snapchat sei ein Kinderding, wollen uns deutsche Medien einreden, dort hätten Erwachsene nichts verloren, behaupten sie. Zum Beispiel Harald Staun, dessen Snapchat-Profil ich nicht finden konnte, in der „FAS“: „

„Die herausragende Fähigkeit der App aber ist es, dass Erwachsene sie nicht verstehen. Selbst jene Blogger, die ihren eigenen Eltern gerade noch erklärt haben, warum man einen Tweet nicht ausdrucken darf, gucken bei Snapchat so, als ob sie jemand davon überzeugen wollte, das Zerkratzen von CDs sei das neue Millionengeschäft.“

(Natürlich nennt Staun keinen konkreten Blogger, im Rahmen der „FAS“ ist diese Vokabel auch gleichbedeutend mit „wichtigtuerische Arschlöcher, die wir Scheiße finden, weil ihnen Schreiben Spaß macht“.)

Tja. Allerdings ist nur ein Drittel der US-Nutzer jünger als 18, sagt der Dienst selber:

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Und 63% der Nutzer sind zwischen 18 und 34 Jahren alt. Der Arzt, der ihnen den Blinddarm entfernt, nutzt also vielleicht Snapchat. Gut, nicht währen der OP – aber generell.

Könnte es sein, dass der Begriff „Millennials“ in mancher Redaktion falsch verortet ist? Millennials, das sind keine Kinder mehr, es sind die 18- bis 34-Jährigen. Das ist natürlich immer noch jung für einen alten Sack wie mich. Andererseits aber fällt in diese Altersklasse auch die Head of Strategy von Puma.

2. Wenn die Alten kommen, werden die Jungen nicht gehen

Oder die „Süddeutsche“: „Die App Snapchat ist bisher genau der Dienst, den Jugendliche nutzen, weil dort nicht Mama und Papa unterwegs sind – schlicht, weil die Eltern die Anwendung nicht verstehen“, schrieb Sara Weber und fragte später „Wechseln die 13-Jährigen jetzt zu einem anderen Dienst?“

Nein, werden sie nicht.

Bill Clinton SnapchatSelbst wenn die These von den Jugendlichen stimmt, die sich von älteren Generationen abgrenzen (und ich habe da meine Zweifel – wir sehen eher ein stärkeres Miteinander von Generationen), so hat Snapchat eine Architektur, die dem entgegenwirkt. Bei keinem anderen Social Web-Dienst lassen sich die Aktivitäten einzelner Nutzer voneinander derart abgrenzen. Es gibt kein Sharen oder Retweeten, keinen kuratierten Algorithmus. Vielmehr ist es eine der Beschwerlichkeiten von Snapchat, als Nutzer überhaupt gefunden zu werden.

Aber ohnehin zeigt die Vergangenheit eher, dass Jugendlich zur Abgrenzung Dienste anders verwenden, indem sie zum Beispiel einen Sprachcode entwickeln. Etwas ähnliches könnte bei Snapchat bereits laufen. Denn in meiner Altersklasse kenne ich nur wenige, die Snapchat als Messenger regelmäßig verwenden. Vielmehr senden sie in die Öffentlichkeit das, was sie senden wollen. Glauben wir aber Buzzfeed-Autor Ben Rosen, oder besser: seiner 13-jährigen Schwester, ist Messaging die reizvollste Funktion für die ganz jungen: 

„ME: Tell me what your day is like on Snapchat.
BROOKE: When I wake up, I have about 40 snaps from friends. I just roll through and respond to them.
ME: How do you respond? Like, “haha good one, Elsbitch”?
BROOKE: No conversations…it’s mostly selfies. Depending on the person, the selfie changes. Like, if it’s your best friend, you make a gross face, but if it’s someone you like or don’t know very well, it’s more regular.
ME: I’ve seen how fast you do these responses… How are you able to take in all that information so quickly?
BROOKE: I don’t really see what they send. I tap through so fast. It’s rapid fire.“

Natürlich werden es die Jungen sein, die als erste etwas anderes ausprobieren und deshalb Snapchat weniger verwenden. Denn die Jungen werden älter – und die nachfolgende Generation blickt mit anderen Augen auf die Welt, die sie gerade erst entdecken. Außerdem ändern wir uns in jenen Teenagerjahren massiv. Und so wie sich unser Musikgeschmack verändert, verändern sich auch die Anforderungen an digitale Dienste. Zum Beispiel tun sich Jüngere leichter, mit Bildern zu kommunizieren – Ältere sind textstärker. Weil Myspace das nicht erkannt hat, scheiterte das einstige Nummer-1-Netzwerk.

3. Snapchat ist nicht schwer zu verstehen

Dieses ständige Behaupten, dass Menschen, deren Alter mindestens mit einer 2 beginnt, überfordert seien, erreicht langsam den Status der Lächerlichkeit. Natürlich ist der Dienst in seiner Nutzerführung anders als Facebook oder Twitter. Aber: Soooo schwer ist das dann auch wieder nicht. Ich ahne eher, dass der eine oder andere Autor keinen Bock hat, etwas Neues zu lernen.

Gern werden als Beleg des Alte-Säcke-kapieren-es-nicht-Mythos auch die überfüllten Sessions zu Snapchat auf der re:publica herangezogen – gerade so, als habe es nicht genau das bei Twitter auch gegeben. Damals entstanden eigene Konferenzen dazu, zum Beispiel die #140Conf von Jeff Pulver. Denn natürlich wollen Ältere Dienste nicht nur nutzen, sie wollen verstehen, was ihren Erfolg ausmacht, neue Möglichkeiten ausloten und versuchen, die Zukunft zu antizipieren.

4. Jüngere Nutzer wollen keine Werbung

Dieser Mythos hat natürlich noch einen Nebensatz: … und werden Snapchat deshalb verlassen, wenn es Werbung gibt.

Immerhin: eine halbe Richtigkeit ist dabei. Denn niemand, auch Millennials oder die Generation Z, hat Lust auf dumme, schreiende, unkreative Werbung. Genau deshalb steigt unter anderem die Zahl der Adblocker. Andererseits sind Millennials und Teenager nicht konsumfeindlich. Als anekdotisches Indiz abseits der Studien einer der Kommentare, die unter den Youtuber-Videos zu finden waren, die wir für Opel produzierten: „Das ist aber ein elegantes Product Placement von Opel.“ So weit wir recherchieren konnten, war die Autorin unter 18.

Snapchat Filter

Und auch hier beugt sich die Snapchat-Architektur diesen Ansprüchen. Unterbrecherwerbung, die das Nutzererlebnis stören könnte, gibt es nicht. Marken können entweder ein Online-Magazin produzieren – wie es Burberry jüngst beispielhaft gut tat. Sie können in den Magazinen Werbung buchen, was im Bereich des Nutzererlebnisses mutmaßlich wie Werbung in Print-Magazinen wahrgenommen wird – allerdings spielerischer. Denn die meisten der Anzeigen nutzen die multimedialen Möglichkeiten der App aus. Schließlich können Unternehmen Markenfilter produzieren, wie der geschätzte Herr Fiene es für unsere SXSW-Wohngemeinschaft tat. Übrigens: Für die Veranstalter von Events sind solche Filter recht günstig zu buchen und somit eine schöne Möglichkeit zum Experiment.

Natürlich können Marken auch eigene Accounts führen. Doch durch die Konstruktion von Snapchat stören sie damit niemand – haben im Gegenzug aber natürlich auch viel Arbeit, um Zuschauer zu gewinnen. Auch hier machte Burberry einen fantastischen Job. Von deutschen Marken habe ich bisher weniger Sinnvolles gesehen. Es ist ja einerseits schön, zu experimentieren. Wenn aber das, was herauskommt aussieht, als hätte man Schülerpraktikanten unbeaufsichtigt herumziehen lassen – wie im Fall von Sixt –, dann habe ich doch meine Zweifel, ob solch ein Auftritt der Marke nicht eher schadet.

5. Snapchat ist nicht für Journalismus geeignet

Echt jetzt? Selbst der von mir hoch geschätzte Christian Jakubetz bloggte jüngst:

„Natürlich hat Snapchat Potential, kein Mensch bestreitet das. Für alles mögliche, aber nicht für das, was man als halbwegs ernsthaften Journalismus bezeichnen kann (dazu würde ich die Kategorie „Ich erzähle euch jetzt mal, wo ich gerade bin und was ich mache“ nicht unbedingt zählen).“

Es hat immer etwas von Nutzerfürdummverkaufen, wenn ich so etwas lese. Die Menschen verwenden diesen Dienst und deshalb ist es für mich in einer Zeit der parzellierten Informationswege Pflicht für Medien, sich zu fragen, ob sie auf diesen Plattformen aktiv sein sollten. Nicht für jedes Medium wird Snapchat passen. Doch die „Bild“ betreibt dort ordentlichen Nachrichtenjournalismus für sehr Junge, die „New York Times“ und CNBC liefern Blicke hinter die Kulissen, die „Vogue“ besucht Modeevents. All das ist für mich ernsthafter Journalismus (was man anders sehen kann, wenn man als „ernsthaft“ nur staatstragendes ansieht).

Wenn man einfach mal offener an die Sache herangeht, kommt man vielleicht auch zu anderen Ergebnissen. So wie Bill Adair, 50-jähriger Professor für Journalismuspraxis an der Top-Uni Duke. Er schreibt:

„My week with Snapchat Discover showed that as the company’s executives expand and overhaul the news platform, they can broaden their audience by offering a wide range of content, including more substantial news. They should resist the urge to dumb-down their content. If they do, the results may be surprising!“

snapchat täthoIch selbst probiere ja so oft wie möglich, einen Medienkommentar zusammenzubasteln. Dabei überrascht mich der ausgeschriebene Zuspruch via Snapchat und Twitter. Während es hier im Blog selten geworden ist, einen Text zu loben (OK, vielleicht sind die Texte auch schlechter geworden, aber das schreibt ja auch keiner), scheint es normaler, Zuspruch für Snaps zu äußern. Warum das so ist, dafür habe ich keine These, nehme sie aber gern in den Kommentaren entgegen. Der Tätho und meine Berichterstattung von der SXSW und der re:publica haben übrigens sprunghaft die Zuschauerzahl meiner Snaps erhöht. 200 bis 250 sind es jetzt – und das ist nicht viel. Andererseits ist auch dies ein Alt-Twitter-Gefühl: echte Freude über jeden Follower und auch ein Blick darauf, wer das ist. Und tatsächlich befinden sich viele darunter, bei denen ich nicht mal ahne, um wen es sich handelt.

Wie wäre es, Snapchat mal zu durchdenken?

Deutsche Medien neigen dazu, ihre ganz eigene Form des Hype-Cycle zu entwickeln. Ist ein neuer Digital-Dienst erfolgreich, ist er einerseits der „Killer“ der großen Plattformen – völlig egal, ob er mit diesen überhaupt in Wettbewerb steht. Zum anderen ist er nur für junge Menschen geeignet und Ältere sollten die Finger davon lassen, weil sonst die Jungen fliehen.

All das ist so vorhersehbare Berichterstattung, dass es unendlich langweilt. Diese Berichterstattung ist ein Cargo-Kult, würde der wundervolle Gunter Dueck sagen, eine reflexhafte Symbolhandlung, die nichts bewirkt. Mehr dazu in seinem tollen re:publica-Vortrag:

Snapchat ist ein Dienst, der auf vielen Ebenen in die Zeit passt:

  • In einer Welt, in der selbst Authentizität vorgetäuscht wird („Stromberg“, Dogma95, Seehofers Modelleisenbahn) erreicht Snapchat eine neue Ebene der Glaubwürdigkeit. Gerade weil die technische Qualität unterdurchschnittlich ist, glaubt man, am Ort des Geschehens zu sein. Und Snapchat drängt Nutzer mit seiner Restriktion der linearen Produktion auch in diese Richtung.
  • Nutzer müssen sich weniger Sorgen machen, dass sich ihre Inhalte ohne ihren Willen weiterverbreiten.
  • Negative Kommentare lassen sich massiv limitieren.
  • Es ist sehr leicht (ja, leicht), Inhalte zu veröffentlichen und durch die 24-Stunden-Frist muss man sich weniger Sorgen machen, was mit diesen Inhalten passiert.
  • Der Einsatz von Emojis und Filtern entspricht dem Zeitgeist: Schließlich kommunizieren selbst Menschen nahe des Rentenalters heute mit Smileys und Zwinkerfressen.
  • Er ermöglicht das professionell angehauchte Aufhübschen von Videoinhalten – mit einem Mal kann jeder wirken wie die „heute show“.

Schade, dass man über solche Thesen in Deutschland nicht medial diskutieren kann.


Kommentare


Robert 7. Juni 2016 um 15:18

Danke für diesen Beitrag.
Ich muss ehrlich gestehen, ich habe Snapchat immer noch nicht verstanden und werde hier wohl auch einen Trend verschlafen.

Ich persönlich kann einfach nichts damit anfangen, sich so extrovertiert zur Schau zu stellen. Das muss man auch mögen.

Andererseits nutzen wir das im Sportbereich, da passt das sehr gut hin, weil es Emotionen wunderbar überträgt.

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Christian Arns 9. Juni 2016 um 16:09

Toller Beitrag. Ich nutze Snapchat täglich und auch sehr häufig. Ich bin der Meinung, dass Snapchat viel persönlicher als z.B. Whatsapp ist. Nur sind 10 Sekunden für Videos doch sehr kurz. Trotzdem macht es unheimlich Spaß dieses „neue“ soziale Netzwerk zu nutzen. Bei Interesse kann man mich gern hinzufügen: arns.christian

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Michael 3. Juli 2016 um 9:37

6.Ich brauche es (vorerst) nicht.
Eine App, die so sperrig ist und mit der ich wegen mangelnder Netzwerk-Funktionalitäten (wie Followerlisten u.ä.) so wenig anfangen kann, bleibt halt ungenutzt liegen. Die Attraktivität einer App, die man erst durchdenken muss, ist sowieso gering. Entweder ihr Nutzen erschließt sich einem schnell intuitiv oder man lässt es halt bleiben.

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