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Es gibt diese Momente, da empfinde ich nur noch Traurigkeit, lese ich Äußerungen deutscher Print-Chefredakteure. Das heutige Beispiel für dieses Verhalten liefert anscheinend Peter Stefan Herbst ab, der Chefredakteur der „Saarbrücker Zeitung“. Anscheinend schreibe ich, weil ich die Ausgabe des „Medium Magazin“ noch nicht gelesen hab, in der ein Interview Gastbeitrag mit von ihm zu lesen ist. Doch werden die Kernaussagen des Gesprächs per Pressemitteilung vertrieben, weshalb davon auszugehen ist, dass sie richtig getroffen sind.

„Chefredakteur Herbst verlangt mehr Viralität in deutschen Redaktionen“ ist diese überschrieben und einen Moment dachte ich: War er zur Erkältungssaison noch nie im Großraum?

Aber nein, es geht um jene Viralität, die sich im Internet verbreiten soll:

„Die meisten deutschen Medien verschenken nach Ansicht des „Saarbrücker Zeitung“-Chefredakteurs Peter Stefan Herbst die Chance, mehr Aufmerksamkeit im Netz zu erhaschen. In Redaktionen mangele es nicht an interessanten Inhalten, sondern an attraktiver Aufbereitung und Bewerbung, schreibt Herbst im „medium magazin“ (Ausgabe 9/2014). „Beiträge werden auch auf den privaten Profilen ihrer Autoren immer noch zu selten vorgestellt und diskutiert, obwohl gerade im Freundeskreis das Interesse ja besonders groß sein dürfte.“ Auch seine eigene Redaktion sei vom Idealzustand weit entfernt, räumt er ein.

Inhalte über soziale Netzwerke zu bewerben und „viral“ zu machen ist für Herbst nicht die exklusive Aufgabe des Social-Media-Redakteurs, sondern Pflicht für alle Journalisten: „Die digitale Herausforderung ist kein Thema, das einzelne Mitarbeiter bewältigen können. Hier ist die ganze Redaktion gefordert.“ Erfolgreiche Journalisten seien schon immer auch gute Verkäufer gewesen: „Starke Überschriften, exklusive Nachrichten, überraschende Einstiege, herausragende Bilder, fesselnde Erzählweise, hoher Nutzwert oder profilierte Kommentierung sind und bleiben die besten Waffen im Kampf um Aufmerksamkeit.““

Mein Kopf schlägt wieder einmal auf der Tischkante auf. Natürlich wäre da – und das ist noch irgendwie verzeihlich – der Begriff „viral“. Eigentlich ist dieser  Unfug, denn „viral“ bedeutet, man steckt sich an, kann nichts tun, ist willen- und hilflos. So aber verhält es sich nicht. Menschen weitestgehend sehr bewusste Entscheidungen, was sie weitergeben.

Dazu gibt es ein höchst lesenswertes Buch von Medienprofessor Henry Jenkins und zwei ehemaligen Assistenten: „Spreadable Media“. Ihr über Jahre gelaufenen Untersuchungen demonstrieren klar, dass es keine Viralität im oben beschriebenen Sinne gibt, sondern nur ein Auslösen der bewussten Entscheidung, einen Inhalt zu teilen.

Nun muss Herbst dieses Buch gar nicht kennen. Doch er könnte sich ja schon fragen, warum Inhalte der Nachrichtenseiten von Zeitungen sogar von seinen Redakteuren häufig nicht geteilt werden. Wobei er natürlich Recht hat in der Forderung, dass Journalisten erstmal in Social Media aktiv werden müssen.

Der Grund für das verminderte Teilen ist: Höflichkeit.

Denn was passiert denn immer häufiger, klickt ein Nutzer auf solch einen Link? Na?

Paywall ist das Stichwort.

Auch die „Saarbrücker“ arbeitet mit einem Parkuhrenmodell, bei dem nach einer gewissen Zahl von Artikeln die Schranke fällt. Wer solch einen Link weiterreicht, verhält sich wie ein gut Verdienender, der einen ärmeren Freund in ein teures Lokal lädt und dann vor seinen Augen die Gänseleberpastete futtert.

Links auf Angebote mit Paywall zu teilen ist einfach unhöflich. Diese Unhöflichkeit erreicht ihren Höhepunkt, geht es um eine Null-Toleranz-Paywall. Wie nett Menschen es finden, werden dorthin Links weitergereicht, hat die „Braunschweiger Zeitung“ auf Facebook erfahren:

braunschweiger

Ne satte Schüppe Ärger mehr gibt es dann, wird über Netz-Trends berichtet:

braunschweiger fotos

Tja, vielleicht realisiert Herbst langsam, was die Verlagskonzerne da veranstalten: Sie verabschieden sich via Paywall aus dem öffentlichen Diskurs.

Je enger sie ihre Bezahlschranken setzen, desto mehr werden sie zum Medium der Analogen, der Zurückbleibenden, der letzten 21 Prozent der Deutschen, die nicht online sind. Sie vernachlässigen ihre gesellschaftliche Funktion. Und am Ende werden Redakteure keine Links im Social Web setzen, weil sie zu wenig digital sind – sondern weil sie keinen Job mehr haben.

Nachtrag: Es ist schon ein Kreuz mit den Chefredakteuren. Herr Herbst fühlt sich ungerechtfertigt dargestellt, wie er mir auf Twitter mitteilte. Unter anderem verwende er den Begriff viral im bewussten Beitrag nicht. Bemerkenswert ist jedoch, dass ihn das nicht gestört hat, als das Mediummagazin selbst in einem Tweet schrieb: „Eine Story viral gehen lassen – dazu muss die ganze Redaktion ran“. Diesen Text hat er geretweetet.

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Kommentare


Thomas 6. September 2014 um 19:54

Beim Stichwort „viral“ fällt mir eigentlich immer noch nur Katzencontent ein – oder zumindest ein Werbespot, der ja auch irgendwie auf viral gemacht wurde. Aber wahrscheinlich könnten sich die Zeitungen viel Ärger sparen, wenn sie zumindest die so verbreiteten Links von der Paywall ausnehmen würden. Das macht es zwar nur bedingt besser, aber bekämpft zumindest die schlimmsten Sympthome.

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Moki 7. September 2014 um 7:51

Über Sinn und Unsinn einer Paywall kann man stundenlang trefflich diskutieren. Aber warum sich so am Begriff „viral“ aufhängen? Viral beschreibt doch nur die Verbreitungsforum im Internet. Und das gar nicht mal unpassend. Natürlich Treffen einzelne bewusst die Entscheidung, einen Inhalt im Netz weiter zu verbreiten. Mit einem Virus steckt man sich sicher nicht freiwillig an. Aber durch die schiere Masse der Verbreiter erhält der Begriff „viral“ seine Berechtigung. Versuchen Sie mal als Einzelner die Verbreitung aufzuhalten. Dann spürt man seine Machtlosigkeit – genau wie bei der Verbreitung eines Virus. Und da gewinnt das Bild seine Berechtigung.

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m.g.bauer 5. November 2014 um 23:01

„Diese Unhöflichkeit erreicht ihren Höhepunkt, geht es um eine Null-Tolleranz-Paywall.“
Toleranz hat nix mit toll zu tun

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Thomas Knüwer 6. November 2014 um 10:10

Danke für den Hinweis. Ist korrigiert.

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