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Alle halbe Jahre geistert das Thema durch Medien, Medienblogs und Mediendienste: Zitatabstimmungen. Dabei handelt es sich, für die Nicht-Medienmenschen unter den Lesern, um das Ansinnen von Interviewten, vor einer Veröffentlichung ihre Zitate abzunicken oder verändern zu können.

Es gab eine Zeit, in der ich dazu eine klare Meinung hatte: Das geht gar nicht. 2006 schrieb ich Wütendes zu diesem Thema nach einem Erlebnis der „Zeit“ mit Oliver Kahn. Inzwischen sehe ich das anders. Nicht nur, weil sie die Erlebnisse von Interviewten häufen, in denen Journalisten Merkwürdigkeiten aufschreiben, wie im Fall der „FAZ“ und Spreeblicker Johnny Haeusler. Sondern auch, weil ich selbst in den vergangenen Jahren falsch zitiert wurde oder – beim Wunsch nach einer Abstimmung – Schlimmeres verhindern musste.

Es ist mir weiterhin rätselhaft, warum Journalisten im Zeitalter vielfältiger Aufzeichnungsmöglichkeiten, nicht auf diese zurückgreifen. Selbst ein simples Smartphone reicht ja schon um Aufzeichnungen in Radioqualität zu produzieren. Am Telefon kann man auch den Lautsprecher nutzen.

Natürlich gibt es Interviews, bei denen die Tatsache der Aufzeichnung das Gespräch verändert. Dann aber geht es um ganz sensible Themen und häufig um Menschen, die es nicht gewöhnt sind, mit Medien in Kontakt zu sein. Doch ist Mitschreiben hier tatsächlich die bessere Alternative? Meine Erfahrung als Interviewer ist zumindest, dass ein Aufnahmegerät im Laufe eines solchen Gesprächs aus dem Gedächtnis verschwindet, ein Notizbuch aber – logischerweise – immer präsent ist. Noch dazu fühle ich mich immer wie ein Psychiater mit seinem Patienten, aber das mag subjektiv sein.

Doch diese sensiblen Gespräche sind der weitaus kleinere Teil von Interviews, die Journalisten im Alltag führen. Den allerallergrößten Teil machen das Abrufen von Expertenmeinungen und relativ offensichtliche Fragen aus. Und da ist der Ärger von Interviewten verständlich, wenn sie massiv falsch zitiert werden – und ebenso der Ärger von Journalisten, wenn wegen jedes Pissekrams eine Abstimmung verlangt wird.

kt neumann hochEine Ideallösung kann es nicht geben. Doch freut es mich, dass wir beim IntMag ein Interview mit einem deutschen Vorstandsvorsitzenden geführt haben – ohne Abstimmung. Wie das ging? Wir haben diese Gespräch als Hangout on Air geführt, so dass es in voller Länge für jedermann nachzuschauen ist. Mehr zu diesem Experiment mit Opel-Chef Karl-Thomas Neumann (ja auch der einzige twitternde, deutsche CEO) beim IntMag. 

Natürlich ist auch dies keine Musterlösung. Aber mir ist es ein Rätsel, warum die Redaktionen im Land – Online wir klassisch – dieses kostenlose und leicht zu bedienende Instrument bisher nicht nutzen. Oder warum sie nicht auf anderen Wege Interviews multimedial aufbereiten. In dieser Woche fiel beispielsweise auf, dass selbst Richard Gutjahr als One-Man-Show professionellere Videoinhalte produziert als jeder Verlag. Hier sein Interview mit Yahoo-Jungstar Nick D’Aloisio:

Es gibt also Möglichkeiten, das leidige Abstimmungsthema zu entschärfen. Und mir ist es ein Rätsel, warum so wenige Journalisten, die Optionen nutzen.


Kommentare


Besim Karadeniz 23. Januar 2014 um 13:01

CEO vom Format Karl-Thomas Neumann gibt es viel zu wenige im Land. Ich fürchte, das wird sich beim Stammesgehabe vieler CEO auch nicht sonderlich ändern, Unternehmenstransparenz hin oder her.

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MrsCgn 23. Januar 2014 um 13:30

Dass ein Hangout nicht immer Mittel der Wahl sein kann, liegt m.E. auch daran, dass nicht nur in Interviews, sondern auch anderen Darstellungsformen (Bericht, Nachricht, Portrait usw) zitiert wird. Und in den Gesprächen für Beiträge dieser Art wird viel besprochen, das nicht zwingend in den Artikel gehört, etwa weil es dem Hintergrundwissen dient.
Zitate abzustimmen ist, wie im Blog oben umschrieben, auch nötig, um den Zusammenhang zu erkennen, in dem das Zitat letztlich erscheint.

Übrigens: Auch Aufzeichnungen schützen vor unliebsamen Überraschungen bei der Abstimmung nicht. Mir ist es passiert, dass ein Vorstand seine Antwort auf eine Frage massiv veränderte, obwohl ich die ursprüngliche auf Band hatte. Es war ein schwieriger Prozess, die Kernaussage, die ich wichtig fand, zu erhalten.

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Katharina Kort 23. Januar 2014 um 13:42

Ich werde es demnächst mal ausprobieren, ob das jemand mitmacht.

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Johannes 23. Januar 2014 um 15:35

Ob da nicht einfach ganz viel Googlephobie und Angst um die „Exklusivität“ des Interviews im Spiel ist?

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Ali Schwarzer 23. Januar 2014 um 15:45

Ich verstehe das Problem nicht. Getreu dem Motto „Gesagt ist gesagt“ könnte man Zitate absegnen lassen, um dem Interviewpartner die Sicherheit zu geben, dass er nicht falsch zitiert wurde. Das Umschreiben und Löschen der Antworten (und ggf. mehr), um sich besser darzustellen, wäre abzulehnen. Wer nicht dazu steht, was er sagt, sollte nichts sagen.

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Stephan Noller 24. Januar 2014 um 9:30

Eine Sache wird dabei immer übersehen, die Dir jeder Journalist in USA z.B. sofort bestätigen würde: ohne Zitatabstimmung verlaufen Interviews mit Leuten, die eine Kommunikationsabteilung haben grundsätzlich anders – nämlich viel verschlossener und kontrollierter. Die Zitatabstimmung ist ein hervorragendes tool um offen zu reden – einfach weil man weiß dass zur Not (das ist natürlich wichtig) am Ende redigiert werden kann.

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