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Egal ob Weltmeisterschaft oder Bundesliga-Spieltag: Das Lob für deutsche Sportkommentatoren hält sich in Grenzen, schaue ich während eines Fußball-Spiels in meine Twitter-Timeline.

Nun gehört Meckern ja irgendwie dazu. Und doch: Die Zahl offensichtlicher Patzer deutscher Kommentatoren ist erschreckend, die tatsächliche Spielanalyse bewegt sich in homöopathischen Mengen. Kaum einer von ihnen schaut sich Aufstellungen genauer an, redet über Taktiken oder psychologische Feinheiten. Die meisten ergehen sich darin, das zu schildern, was jeder sieht, garniert mit pseudoemotionalen Äußerungen.

Früher musste das jeder so hinnehmen, egal ob Spieler oder Zuschauer. Kommunikation war nicht möglich.

Und heute? Gibt es Social Media. Und es wächst eine Generation von Sportlern heran, die diese technischen Möglichkeiten aktiv nutzt. Nehmen wir nur Lewis Holtby, derzeit für Mainz aktiv. Er twittert offensichtlich selbst, ebenso DTM-Fahrer Gary Paffett.

Einer nutzt sogar die neuen Möglichkeiten, um zurückzuschlagen: National-Kicker Marcell Jansen vom HSV (Disclosure: Ich trage seit Kindheitstagen eine Raute im Herzen).

Er hat sich darüber geärgert, wie ARD-Kommentator Gert Gottlob seine Auswechslung beim Spiel gegen Belgien kommentierte. Ohne zu wissen, ob Jansen verletzt war, behauptete er, es liege an der Leistung des Linksverteidigers. Jansen reagiert nun auf seiner Homepage:

„Das Problem ist doch folgendes: Wir Spieler stehen im Licht der Öffentlichkeit und da können solche aus der Luft gegriffenen Kommentare berufsschädigend sein…

Es ist doch bedauerlich, das der gute Herr im Zeitalter der modernen Technik und Kommunikation noch nicht einmal wusste, das ich aufgrund einer Verletzung ausgewechselt wurde. Stattdessen bastelte er sich eine Erklärung zusammen – wohlgemerkt vor einigen Millionen Zuschauern – die absolut nicht zutreffend war und mich sehr negativ dargestellt hat. Ich war immer der Meinung, ein Kommentator beschreibt das Geschehen auf dem Spielfeld und, wenn er gut ist, bringt er noch Emotionen und Stimmung rüber, sofern dies das Spiel erlaubt.

Im Ausland bekommen es die Kommentatoren doch auch in einem respektvollem und für den Zuschauer amüsanten Stil hin…

Oder nehmen wir mal einen Typ wie Werner Hansch. Er vermittelt mit seiner Art ein Spiel zu kommentieren, dem Zuschauer positiv Emotionen und Spaß.

Die Tendenz hier in Deutschland ist jedoch eine andere. Es erweckt bei mir manchmal den Eindruck, als wenn die Kommentatoren sich als Popstars fühlen und sie der Meinung sind, sie haben den Fußball erfunden…

Jeder Trainer muss doch, bevor er seine Lizenz erwirbt, einen Trainerschein machen….

Meine Frage ist jetzt: Wie läuft das ganze bei den Kommentatoren ab? Sie erzählen vor Millionen von Menschen ihre Meinung und vermarkten sich damit.

Wichtige Informationen wie z.B. wie lässt der Trainer spielen, welche Aufgaben hat der einzelne Spieler, wie ist die taktische Ausrichtung usw. haben sie jedoch nicht.

Ich habe mich mal gefragt: Wieso gibt es diese nette Funktion im Pay TV, in der ich mir ein ganzes Fußballspiel ohne Kommentar anschauen kann? Hat es vielleicht auch damit zu tun?…

Zum Schluss noch: Wer sich von den Kommentatoren angesprochen fühlt, bitte seid nicht beleidigt. Jetzt wisst ihr aber mal, wie das ist, wenn vor vielen Menschen ein Kommentar gemacht wird…“

Da hat einer erkannt, was möglich ist. Und auf seiner Facebook-Seite reagieren die Fans positiv. Wieder einmal nivelliert das Web vorhandene Macht- und Hierarchiestrukturen. Der Journalist als Mittler zwischen den „Spielern da oben“ und den „Fans da unten“ wird unnötig. Der Spieler selbst erledigt die Kommunikation. Ganz so, wie es Ashton Kutcher und Demi Moore schon in der Welt des Entertainments vorgemacht haben. Stück für Stück werden die, die aus welchen Gründen auch immer, als Promis oder Vips oder Stars gelten die Hoheit über ihre Kommunikation.


Kommentare


Gesammelte Links der letzten Tage (I) | Digitale Notizen 8. September 2010 um 22:19

[…] Marcell Jansen und die Socia-Media-Macht der Prominenz Thomas Knüwer zeigt anhand eines aktuellen Beispiels, wie durch Social Media das Verhältnis von Sportkommentatoren, Sportlern und Zuschauern auf den Kopf gestellt wird. Konkret beschwert sich Marcell Jansen auf seiner Website über Fußball-Kommentatoren, die seinen Ruf durch Spekulationen schädigen. Und Thomas Knüwer diagnostiziert: „Wieder einmal nivelliert das Web vorhandene Macht- und Hierarchiestrukturen. Der Journalist als Mittler zwischen den “Spielern da oben” und den “Fans da unten” wird unnötig.“ […]

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Raimund 9. September 2010 um 10:15

Jawohl Marcel, da haben Sie absolut recht. Die Qualität der Kommentatoren hat stark nachgelassen. Die größten sind auch die, die sich anmaßen zu beurteilen, ob der Ball für einen Torwart haltbar war oder nicht, ohne jemals selbst Fußball gespielt zu haben

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fk 9. September 2010 um 10:17

Schönes, weil ungewöhnliches Beispiel für die Veränderungen und Abkürzungen, die sich durch die Netzkommunikation ergeben.

Abgesehen davon, dass ich mich auch fürchterlich über Herrn Gottlob aufgeregt habe, u.a. weil er, wie viele deutsche Kommentatoren, das Spiel der deutschen Mannschaft stark negativ kommentierte.

(Fehlt im letzten Satz ein Prädikat a la „zurück gewinnen“?)

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Dirk 9. September 2010 um 11:01

Oh, das freut mich aber, dass auch du seit Kindheitstagen ein Fan von Borussia Mönchengladbach bist. Oder meintest du etwa eine andere Raute? 🙂

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Jochen 9. September 2010 um 12:49

@fk
Hab ich das Spiel auf einem anderen Sender gesehen? Mir war eher das ständige Hochjubeln des tollen Spiels nervig. Sicherlich war das Spiel ein solides, aber Deutschland hätte locker 10-0 gewinnen müssen….

Um daraus keine Sportdebatte zu machen: Ich sehe darin auch eine beliebte Masche der Kommentatoren schon während des Spiels,genau so wie es die Bild-Zeitung macht, Schlagzeilen über den Spielverlauf zu produzieren und dem Spiel weit vor dem Ende eine Wertung zu geben (langweilig, Kloppertruppe, brilliant, usw). Rethy ist dafür ein leider sehr gutes Beispiel wie er an bestimmten Ereignissen im Spiel sich hochzieht und bedeutungsschwanger darin die WEndung eines Spiels sieht… Das deckt sich mit der Aussage, dass Kommentare/Journalisten immer noch meinen, sie wären die Profis und kaum ein anderer könnte etwas selbst verstehen. Allerdings ist da glaube ich Social Media nur ein kleiner Aspekt des Hilfsmittel Internet, mit denen sich Sportfans eben auch ohne Bela Rethy Faktenkärtchen aus dem Internet zu jedem Spieler zusammenschreiben können. Das Internet macht aus Fans bei Interesse einen sehr mündigen Fan und auch Spezialist, der dann keinen Mittler mehr braucht. Social Media ist da wie auch bei anderen Gebieten eine Verbesserung und Optimierung der Kommunikation.

Ich bin übrigens auch ein großer Fan der Stadionoption, bei der der Kommentar weggeschaltet werden kann. Wenn sowieso ein Stadionerlebnis über allem steht, bei dem man keinen Kommentator am Ohr hat, wieso muß das bei einem Spiel im TV anders sein?

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Jochen 9. September 2010 um 17:02

Nachtrag:
Ich beziehe mich bei dem Spiel im ersten Absatz meines vorigen Beitrags natürlich auf das Spiel von Dienstag. Ist dann doch etwas anderes gewesen. Das Freitagspiel konnte ich ohne Kommentar im Stadion sehen. 😉

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5 Freunde im Abseits » Blog Archiv » Zitat des Tages XXVII 9. September 2010 um 19:34

[…] Via: Indiskretion Ehrensache […]

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fk 9. September 2010 um 21:30

@Jochen: Haha, ich dachte schon ich hätte das falsche gesehen. Also, gegen Belgien fand ich die Jungs deutlich besser als Gottlob. Der musste wohl einen Punkt machen, um sich ins Gespräch zu bringen oder anderweitig was zu sagen zu haben, denn wie Thomas richtig schreibt: Analyse (von Taktik/Hintergründen/Psychologie) findet nicht statt.

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Eva Longoria, willst Du mir followen, in guten wie in schlechten Tagen? 10. September 2010 um 9:32

[…] Media erreicht den roten Teppich. Sozusagen. In dieser Woche erlebten wir in Deutschland, wie sich Fußball-Nationalspieler Marcell Jansen erstmals via Homepage und Facebook gegen einen TV-K…. Und wir erleben seit geraumer Zeit, wie Medienunternehmer und Schauspieler Ashton Kutcher mit […]

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Joe 10. September 2010 um 11:36

Sehr guter Punkt, den Jansen bei der Ausbildung anspricht. Eigentlich müsste meiner Meinung nach für jeden, der Sportjournalist werden will, ein Sportstudium Pflicht sein. Dort erhält man zumindest Einblicke in die technischen und taktischen Grundzüge vieler Sportarten. Wenn jemand vier Jahre lang Forstwissenschaft studiert und dann in der Sportredaktion groß wird, in der er mit dem Halbwissen der amtierenden Journalisten konfrontiert wird, ist es kein Wunder, dass er seinen Beruf anschließend auch mit diesem Halbwissen ausübt. Ist in meinen Augen ein riesengroßes Qualitätsproblem im deutschen Sportjournalismus. Sieht man z.B. immer wieder, wenn Scholl Herrn Delling korrigieren muss. Hinzu kommt, dass die Fernsehjournalisten immer mehr selbst zu Hauptdarstellern werden (Stichwort Popstars). Ganz, ganz schlecht ist das.

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Geo 11. September 2010 um 7:54

Ich habe mir aufgrund des Gelabbers der Moderatoren eine Fußball TV freie Zeit bis zur Rückrunde verordnet. Es werden max. ein paar Topspiele geschaut (Bremen – Bayern im DFB Pokal).
Und seit langem stelle ich die Glotze nur für die 90 Minuten plus Nachspielzeit an. Das drumherum ist seit Jahren ein Alptraum.

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haiwen 14. September 2010 um 15:33

@Joe: Das Problem „abc studiert aber xyz-Journalist_in” haben nicht nur Sportredaktionen und es ist auch erstaunlich, wie wenig Problembewußtsein viele Redaktionen und Journalist_innen da haben.

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