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„Die Zeit“ öffnet das Overton-Fenster

Nun hat sie sich also noch geregt, „Die Zeit“. Die Chefredaktion reagiert in ihrer heutige Ausgabe auf die Kritik, die in der vergangenen Woche ein Pro und Contra über die Frage, ob Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet werden dürfen, oder nicht, ausgelöst hat.


Fehler und Fehlleistungen können passieren – alles wieder gut.

Oder?

Oder auch nicht.

„Die Zeit“ scheint nicht zu realisieren, dass sie Teil eines größeren Problems ist: Sie öffnet rechtsextremen Gedanken den Weg ins Bildungsbürgertum – und genau das wurde von den Rechten so kalkuliert.

Einschub für spätere oder urlaubende Leser: „Die Zeit“ veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 12.7.2018 ein Pro und Contra zur Seenotrettung von Flüchtlingen. Dabei übernahm Mariam Lau die Contra-Position mit Formulierungen wie „Das Ertrinken im Mittelmeer ist ein Problem aus der Hölle, ein politisches Problem, zu dessen Lösung die private Seenotrettung null und nichts beizutragen hat.“ Dabei war der Autorin offensichtlich nicht bekannt, dass die Seenotrettung in Deutschland ohnehin privat organisiert ist. Vor allem aber entstand der Eindruck, Lau sehe ertrinkende Flüchtlinge als temporären Kollateralschaden auf dem Weg zu einer größeren Lösung – die eben noch ein wenig Zeit brauche. Flucht degradierte sie zu einem juristischen Nicht-Problem: Es gebe kein Recht auf Flucht, deshalb sei Seenotrettung nur moralisch hinnehmbar – was der Moral eine untergeordnete Priorität zuwies. Der Text löste einen heftigen Empörungssturm aus. 

Um das zu verstehen, ist ein kleiner Theorieexkurs nötig…

Das Overton-Fenster besagt, dass es in jedem politischen Klima eine Skala der Meinungsäußerung gibt, die definiert was gesellschaftlich akzeptabel gesagt werden darf und was nicht. Dieses Fenster des Akzeptablen allerdings verschiebt sich mit der Veränderung jenes Klimas. Ein Beispiel dafür ist die Frage, was einer Frau gegenüber geäußert werden darf. Die Sekretärin als „Häschen“ zu bezeichnen war in den 50ern noch akzeptabel, heute glücklicherweise nicht mehr.

Das Beispiel zeigt, dass sich jenes Overton Window eigentlich nur sehr langsam verschiebt. Es sei denn – reichweitenstarke Gruppen der Gesellschaft wollen es bewusst in ihre Richtung bewegen.

Diese Theorie gehört zum Handwerkszeug rechtsextremer Kommunikation zumindest in den USA. Der rechte Rand der Republikaner arbeitet bewusst mit der Idee des Overton-Fensters, allen voran Donald Trump. Wenn er extreme, unglaubliche Äußerungen macht wirken weniger extreme, aber immer noch rechte Ansichten mit einem Mal normal. Sehr gut erklärt dies Vox.com:

Natürlich ist das nicht so simpel und mechanisch, wie es klingt. Um jenes Fenster zu verschieben sind mehrere soziale Parteien nötig, es braucht eben ein gesellschaftliches Klima. Zum Beispiel: Lügenpresse-Schreihälse, einen Fake-News-Präsidenten, steigende Preise für Journalismus bei gleichzeitig sinkender Qualität sowie Journalisten, die für die Abschaffung von ARD und ZDF votieren – und mit einem Mal darf über die Existenzberechtigung von Journalismus diskutiert werden.

Der „Zeit“ scheint das Overton-Fenster nicht bewusst zu sein. Erstes Indiz: Jener Text von Mariam Lau von dem ich nicht glaube, dass er früher so erschienen wäre, erst recht nicht ganz früher.

Denn „Die Zeit“ wäre heute, man muss die aktuelle Generation der Redaktion vielleicht daran erinnern, nicht wo sie ist, wäre da nicht ein Flüchtling gewesen: Marion Gräfin Dönhoff, langjährige Chefredakteurin und Mit-Herausgeberin. Über Wochen hinweg floh sie aus Ostpreußen in den Westen, als die russische Armee auf ihr Landgut zumarschierte. Und dabei verfügte sie über einen Luxus, den die meisten Flüchtlinge jener Zeit nicht besaßen: ein Pferd.

Bekannt wurde sie auch, weil sei aus den Briefen der Zurückgebliebenen zitierte: „Damals, als die Russen kamen, es war ein Dienstag, brannte es an vielen Stellen im Dorf. Als erste wurden die beiden Gespannführer Möhring und Kather, der alte Gärtner Neubert und der Apotheker Wilmar erschossen und auch Frau Lukas von der Klingel… Ein paar Tage später wurden dann Magda Arnheim, Lotte Muss mit Kind und Oma Muss erschossen und in Schönau fünf Arbeiter vom Gut und die Frau vom Förster Schulz, die aber erst nach acht Tagen starb und sich sehr hat quälen müssen. Der alte Muss hat sich damals erhängt.

Wie wäre es der „Zeit“ ergangen, hätte sie damals ein Pro und Contra schreiben lassen unter dem Titel: „Oder soll man es lassen? Deutsche sollen zwangsweise Flüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien aufnehmen. Ist das legitim?“

Und dabei wurden jene Flüchtlinge ja ähnlich angesehen und behandelt wie heute Menschen aus Syrien:

„“Verschwinds, damisches Gesindel“, entgegnete man im Chiemgau dem Flüchtlingsjungen Olaf Ihlau aus Ostpreußen, der sich später als Journalist und Autor einen Namen machte. Manchmal ließ man die Hunde von der Kette. „Flüchtlingsschweine“ und „Polacken“ schimpfte man Vertriebene wie die Ihlaus. Dabei waren sie, allein auf sich gestellt, auf das Mitleid fremder Menschen in einer fremden Umgebung angewiesen. Dass sie als „Zigeuner“ oder „Gesindel“ bezeichnet wurden, entsetzte und erbitterte viele von ihnen. „Die drei großen Übel, das waren die Wildschweine, die Kartoffelkäfer und die Flüchtlinge“, sagte man im Emsland über die Zeit nach dem Krieg. Kein Wunder, dass die Zwangseinquartierung von Vertriebenen mancherorts den sozialen Frieden gefährdete. Besatzungssoldaten mussten die Einheimischen nicht selten mit vorgehaltener Maschinenpistole zwingen, Familien bei sich aufzunehmen.“

Dieser Auszug stammt aus einem Text des Historikers Andreas Kossert vom 12.2.2015 – erschienen in „Die Zeit“.

Natürlich ist es legitim, über die Folgen der Seenotrettung zu debattieren und über Schlepper, die angeblich dies als Geschäftsmodell begreifen. Doch solche Modelle sind ja nicht neu, sondern gehören zum Zynismus einer Krise. Auch rund um die flüchtenden Juden hatte sich einst solch eine „Branche“ aufgebaut, unter anderem verewigt in „Casablanca“. Doch wer dieses Thema als Pro und Contra anlegt, der erhebt die Contra-Meinung auf die Stufe der gesellschaftlichen Akzeptanz. Und das hätte Gräfin Dönhoff nicht zugelassen. Sie verließ „Die Zeit“ zwischenzeitlich, weil das Blatt Texte eines NS-Staatsrechtlers veröffentlichte.

Dieses Verweigern gegenüber der Veröffentlichung jedweder möglichen Denkweise eines Themas nennt man Haltung. Rechte Kreise versuchen auch hier das Overton-Fenster zu verschieben. Sie bezeichnen es als „Zensur“ oder „Denkverbot“, wenn hetzerische Texte nicht veröffentlicht werden und bereiten damit der Idee einen Boden, dass auch extreme Meinungen Raum bekommen dürfen. Motto: „Das wird man doch mal andenken dürfen.“ Nein, darf man nicht, soll man nicht. Solche Meinungen dürfen gern im Hallraum der rechten Filterblase, von Tichys Einblick bis Kopp-Verlag versanden. Wer ihnen Raum gibt, der macht sie gesellschaftsfähig und unterstützt sie dadurch.

So wie „Die Zeit“. Und dabei ist Laus Text keine Ausnahme.

Schließlich gehört bei ihr der Kolumnist Harald Martenstein zum Inventar. Einst war er ein brillanter, witziger Schreiber. Heute ist Martenstein einer jener konservativen Autoren, die aus nicht nachvollziehbaren Gründen immer weiter nach rechts abdriften, bis sie zur Karikaturen ihrer selbst werden, so wie Matthias Matussek, Henryk Broder und Roland Tichy.

Dies kritisierte auch Deutschlands scharfsinnigster Medienjournalist Stefan Niggemeier immer wieder. Jüngst trafen die beiden in einem Interview für Übermedien aufeinander, es wurde ein ernüchterndes Gespräch. Bezeichnend fand ich diese Passage Martensteins:

„Man sollte mit der Verteidigung der Freiheit nicht warten, bis es keine Freiheit mehr gibt. Kürzlich ist hier in der Stasi-Gedenkstätte einer der Männer rausgeschmissen worden, die da Führungen machen, weil er sich der AfD zugewandt hat. Das erinnert nicht nur an die DDR, es erinnert auch an kommunistische Briefträger, die in den siebziger Jahren in Westdeutschland rausgeschmissen wurden. Ich finde das nicht richtig. Außerdem wurde dem Mann vorgeworfen, dass er sich in einem Interview der „Berliner Zeitung“ für die Freilassung von Horst Mahler eingesetzt hat, diesem Nazi. Weil er sich für die Freilassung von Horst Mahler einsetzt, unterstellt man ihm, dass er die wirklich ekelhaften Auffassungen von Horst Mahler teilt, von denen er sich ausdrücklich distanziert hat. Das ist ganz und gar übel. Es ist vollkommen irre, jemandem, der sagt: Es ist ein Gebot der Humanität, einen todkranken Greis aus dem Gefängnis freizulassen, zu unterstellen, er sei ein Gesinnungsgenosse. Das kann ja sein, aber wir wissen es nicht.“

Doch. Wir wissen es.

Zum einen sagt Martenstein selbst, dass der Herr AFD-Anhänger ist. Zum anderen verschweigt er das Faktum, dass dieser auch die Zahl der von den Nazis ermordeten Juden anzweifelt, wie T-Online berichtet. Martenstein argumentiert deckungsgleich mit Rechtsextremen: Freiheit bedeutet, alles sagen zu dürfen – und diese Freiheit werde beschnitten. Dass Freiheit nicht bedeutet, dass jeder überall alles sagen darf, ohne kritisiert zu werden, ist keine Option. Mehr noch: Im Interview betont er noch, gerade derartige Meinungen fördern zu wollen, versteckt unter der Rentner-Vokabel „Gegen den Stachel löcken“. Und so hilft Martenstein, das Overton-Fenster nach rechts zu verschieben und extreme Meinungen zu legitimieren.

Damit nicht genug. In jener „Die Zeit“-Ausgabe vom 12. Juli 2018 findet sich ein weiterer, problematischer Text, vielleicht liegt es an seiner stilistischen Kryptik, dass er nicht mehr Aufmerksamkeit erhielt. Sein Autor Mohamed Amjahid ist nachweisbar kein Rechter – im Gegenteil. Doch ist ihm dieser Text ganz furchtbar misslungen. Die Frage, die er stellt ist schon merkwürdig: „Was aber wenn der Hauptantrieb der Rechtspopulisten… und das Leitmotiv der AFD-Wähler nicht etwas Angst wäre – sondern Mut?“

Nein, es wird kaum besser. Hier ein paar Zitate:

„Alice Weidel beweist ihre Courage bei jeder Gelegenheit und mit Bravour: Wenn sie kalkuliert aus Talkshow-Runden stürmt, öffentlich ihre – ohne Papiere beschäftigte – syrische Haushaltshilfe als ,Freundin der Familie‘ bezeichnet oder stichfeste Recherchen von Journalisten schlicht ,Lügen‘ nennt…

In der AFD finden sich auf allen Ebenen Funktionsträger, die tapfer mit allen Regeln brechen und entschlossen den Common Sense missachten: Alexander Gauland…, Beatrix von Storch…, und Björn Höcke (ohnehin der Mutigste von allen)…

Sich dieser Wut (gegen die AFD) mit billigen Provokationen willentlich auszusetzen, verlangt nach Selbstgewissheit und Standhaftigkeit. 

…bleibt nur eine Schlussfolgerung übrig: Die AFD ist die mutigste aller Parteien.

Sich als Bürger – egal in welcher Form – zu einer stramm rechten Partei zu bekennen, braucht also Mumm.

Wer sich zu ihr bekannt (zur AFD) – ob als Wähler oder als Mitglied –, braucht aufgrund der Unsicherheit dieses politischen Angebots eine gehörige Ladung Mut.“

Das steht da wirklich so.

In „Die Zeit“.

Und das einzige, was diesen Text von einem Lob auf Rechtsradikalität differenziert sind einige Ironie-Einsprengsel und der einabsatzige Einschub, dass man Mut auch mal neutral und nicht allein positiv interpretieren könnte.

Gäbe es noch die Haltung einer Gräfin Dönhoff, wäre dieser Text so nie erschienen. Es ist legitim, Mut auszudefinieren. Doch Sätze „Die AFD ist die mutigste aller Parteien“ zu veröffentlichen – erst recht im digitalen Zeitalter, in dem einzelne Zitate ihres Kontextes so einfach beraubt werden können – ist nicht geprägt von Verantwortungsbewusstsein. Der Satz „Die NPD ist die mutigste aller Parteien“ im Rahmen von „Die Zeit“ hätte vor 10 Jahren für einen Aufschrei gesorgt. Heute nicht mehr: Das Overton Window hat sich verschoben.

Was tun? Wir brauchen wieder Haltung. Wir brauchen Chefredakteure, die nicht der Meinung sind, alles in Pros und Contras zu verwandeln, alles zuspitzen und gegen den Stachel löcken zu müssen, für die Provokation kein Wert an sich ist. Im Hause der „Zeit“ gibt es so jemanden, es ist Online-Chefredakteur Jochen Wegner. Obwohl, das stimmt nicht ganz: Er sitzt eben nicht am Speersort in Hamburg. Etliche Jahre vor seinem Amtsantritt ist die Redaktion von Zeit Online von Hamburg nach Berlin gezogen, es gibt Beteiligte, die dies noch heute als „Flucht“ bezeichnen, weil die Onliner keine Chance hatten, von den Printlern ernst genommen zu werden (aber das ist eine andere Geschichte).

Natürlich helfen bei dieser Verschiebung andere viel kräftiger mit, allen voran Axel Springer. Doch ist „Die Zeit“ ein vielleicht wichtigerer Antreiber der Fensterverschiebung. Sie klappert hinterher und signalisiert so dem eher liberalen Bürgertum, dass es angemessen ist, Holocaust-Leugner zu unterstützen, Menschen ersaufen zu lassen und die AFD mutig zu nennen.

Künftig, schreibt die „Die Zeit“-Chefredaktion ohne sich zu entschuldigen, will sie „es wieder“ bessermachen. Was „es“ ist, bleibt offen.

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