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Spiegel Daily: Niedrige Erwartungen noch untertroffen

Vor zwei Wochen wurde bekannt, dass Sven Böll vom „Spiegel“ zur Kommunikationsberatung Hering Schuppener wechselt. Seit gestern müssen wir vermuten, dass es sich um eine Flucht handelte.

Denn Böll ist nicht nur als Journalist gut beleumundet, er war auch der Lenker eines besonderen Projektes: dem Innovationsreport des Spiegel-Verlags. Diese interne Untersuchung listete vor einem Jahr all die Probleme des Hauses in Sachen Innovation und digitaler Wandel in bemerkenswerter Schonungslosigkeit auf. Es ist noch immer aus Sicht der deutschen Verlagsbranche ein historisches Dokument.

Zwei Wochen, nachdem Bölls Abgang bekannt wurde, ging ein mit großen Ankündigungen versehenes Projekt an den Start, das angeblich im Rahmen der „Spiegel“-Strategie eine bedeutende Rolle einnimmt: Spiegel Daily. Man wolle damit auch Tageszeitungen angreifen, erklärte der inzwischen entfernte Spiegel-Online-Chefredakteur Florian Harms im vergangenen Jahr laut Meedia.de. Angesichts dessen, was dabei herausgekommen ist, bleibt allen, die an eine Innovationskraft des Spiegel-Verlags glauben, nur die Flucht.

 

Was ist Spiegel Daily?

Eine „smarte Abendzeitung“, behauptet der „Spiegel“. Und wirbt mit dem Slogan „Nur was heute wichtig ist“.

Halten wir zunächst fest: Spiegel Daily ist keine Zeitung, eine Zeitung wird gedruckt. Spiegel Daily ist eine Web-Seite hinter einer Abo-Schranke.

Die Idee: Die Welt wird um 17 Uhr „angehalten“ – so nennen die das wirklich. Und wer dann auf die Seite blickt, soll einen Nachrichtenüberblick erhalten. Ziel: „Entschleunigung, Einordnung und Orientierung.“ (Zitat Eigenwerbung).

„Spiegel Daily ist ein Gemeinschaftsprojekt der Redaktionen von Spiegel, Spiegel Online und Spiegel TV. Wir haben diese hervorragenden Voraussetzungen der Spiegel-Gruppe genutzt, um ein neues journalistisches Produkt zu entwickeln – eine digitale Tageszeitung für ein Publikum, das täglich das Weltgeschehen verstehen will, ohne permanent online zu sein“, beschreibt es „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer.

 

Und wie ist nun Spiegel Daily?

Es ist bemerkenswert, dass es selbst einem großen Verlagshaus wie dem Spiegel noch gelingt, meine niedrigen Erwartungen noch zu untertreffen. Spiegel Daily ist auf jeder Ebene eine Enttäuschung. Es ist angesichts des Ergebnisses nur schwer vorstellbar, dass im Rahmen des Projektes Begriffe fielen wie:

  • Mobiloptimierung
  • Nutzungssituation
  • User Experience
  • User Journey

 

Journalistisch prekariär

Das Weltgeschehen soll der Leser verstehen, behauptet Brinkbäumer. Dazu die Liste der Top-Meldungen gestern:

  • „Trump nicht ganz dicht“: Die Weitergabe vertraulicher Informationen – noch ohne Trumps Bitte an Comey, die FBI-Untersuchung einzustellen (die kam nach 17 Uhr)
  • „Schön bunt hier“: Koalitionsmöglichkeiten in NRW
  • „Wannacry“: Spur führt nach Nordkorea
  • „Teure Schnäppchen“: Osnabrücker Jura-Professor behauptet, gefälschte Markenprodukte bedrohen die innere Sicherheit
  • „Wer Cannes, der Cannes“: Vorschau auf die – Zusammenfassung – nicht weiter wichtigen Filmfestspiele
  • Wetterbericht von Jörg Kachelmann

Und dann gibt es noch einen Artikel, an dem man sehr schön festmachen kann, wie prekariär der Journalismus von Spiegel Daily daherkommt. Überschrieben ist er mit „Ein Toter, 133 Betroffene“ und wird so eingeleitet:

„Angehörige, Freunde, Sanitäter: Jeder tödliche Unfall betrifft das Leben von über 100 Menschen. Was eine neue Studie enthüllt.“

Diese Studie stammt von Imap und wurde beauftragt vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat, der sich eine bessere PR als in Spiegel Daily nicht hätte kaufen können. Denn nichts wird hinterfragt, stattdessen gibt es flott zusammengegoogelte Behauptungen wie:

„Auch wenn es viele glauben: Der Mensch ist nicht multitaskingfähig, weder Frauen noch Männer. Das Gehirn kann nur eine, maximal zwei komplexe Aufgaben gleichzeitig koordinieren. Bei verschiedenen Tätigkeiten, wie Fahren und Telefonieren, schaltet das Gehirn zwischen ihnen hin und her, sodass keine Aufgabe mehr ausreichend sicher ausgeführt werden kann.“

Sagt wer? Vielleicht Zeit.de im Jahr 2012. Dies ist zumindest der erste Treffer bei mir, wenn ich die entsprechenden Suchworte eintippe.

Nur in einem Punkt ist es nicht so doll gelaufen für den Verkehrssicherheitsrat. Der Grund für die Studie ist eine Plakatkampagne, wie auch Spiegel Daily im ersten Absatz anteasert:

„Plakate auf deutschen Autobahnen sollen nun das Leid von Angehörigen in Großaufnahme zeigen, um Fahrer zu warnen. „

Blöd nur, dass der Autor vergessen hat, darauf weiter einzugehen – na ja, kann schon mal passieren, wenn man einen so langen Text von 3.139 Zeichen verfasst (in der Redaktion des gedruckten „Spiegel“ nennt man das Kurzmeldung, glaube ich), dass man am Ende vergisst, was man am Anfang eingeleitet hat.

Auch jene Markenpiraterie-Story kommt übrigens ohne eine weitere Quelle aus. Ist das Konzept? Die Welt einordnen, in dem man unwidersprochen Leute reden lässt? In meiner Journalistenschulzeit galt dieses Fehlen von Drittstimmen noch als Makel – aber hey, ich bin ein alter Sack.

Und immerhin gibt es doch so schöne, bunte Geschichte, ohne die ein Leser die Welt nicht verstehen wird. Über die Gefahr von Koffeein, Bunker in Albanien oder den Confed-Cup. Der findet zwar erst im Juni statt, doch Spiegel Daily nimmt schon mal vorweg, dass etliche Stars nicht dabei sein werden, obwohl die Kader erst heute bekanntgegeben werden. All das muss man am gestrigen Tag gewusst haben, behauptet Spiegel Daily – oben drüber steht schließlich „Nur was heute wichtig ist“. Oder ist damit gemeint, dass man die Geschichten schnell wieder vergessen soll?

Viel beachtet wurden die Videoformate, denn Harald Schmidt und Jörg Kachelmann sind wieder da. Im Fall von Schmidt muss man sagen: leider. Ein improvisierender Schmidt war noch nie gut, hier ist er inhaltlich traurig. Das wird nicht besser durch die Aufzeichnung via Skype, denn die Datenleitung ist schlecht, das Bild körnig, der Ton hallig, der Hintergrund deprimierend. Man hat das Gefühl, da sendet einer aus dem Exil in einer exotischen Botschaft.

Kachelmann erklärt das Wetter auf einem Spielplatz in einer Hochhaussiedlung. Und da ist eben keine Wetterkarte. Liebe Spiegelaner, eine solche Karte ist keine Verzierung, sondern Mehrwert für den Zuschauer.

All das ist Amateur-Fernsehen, das durch Im-Internet-Sein nicht auf den Status der Mittelmäßigkeit gehoben wird.

Selbst en detail gibt es bemerkenswerte Dellen. So will die Redaktion in der „Auslese“ Lese-Tipps aus dem Web geben. Doch für den Starttag musste sogar ein Artikel aus der „New York Times“ her, der Ende April erschienen ist. Und selbstverständlich kommen all diese Lesetipps nur von anderen Medienhäusern, nicht von diesen Bloggern oder ähnlichem Internet-Kroppzeug.

Cordt Schnibben selbst füllt den Debattenmonitor, oder wie ihn mein Handy nennt „Debattenmonitc“.

Dort will er die Storys liefern, die am Tag die höchste Aufmerksamkeit im Social Web erhielten. Nach welchen Maßstäben dies erfolgt, bleibt offen. Während er bei der Facebook-Wertung einen Postillon-Artikel vor einem von Formel1.de und einem Spiegel-Stück sieht, wirft der Messdienst 10000Flies diese Liste aus:

Spiegel Daily will Qualität abliefern – und bleibt im Bereich des Social Media Monitoring ein gehöriges Stück unter der des Meedia-Newsletters #trending, der im gleichen Gebiet operiert.

Vor allem muss man all dies aber im Kontext der Nutzungssituation betrachten…

 

Konzeptionell missraten

Es gibt inzwischen viele Angebote, die sich an der Nachrichtenfilterung zu einem bestimmten Zeitpunkt versuchen – und sie treffen auf Resonanz. Eigentlich war der Mediendienst turi2 der erste, inzwischen gibt es Chefredakteurs-Newsletter oder eine Top-Story-App vom „Handelsblatt“. Erstaunlich ist für mich weiterhin, dass es kein einziges, individualisierbares Angebot gibt, sollte es sich doch herumgesprochen haben, dass die Menschen da draußen alle unterschiedliche Interessen haben – und Technik ermöglicht, diese zu befriedigen.

Spiegel Daily will also die Welt um 17 Uhr abbilden. Das ist eine größere Herausforderung als ein Morgen-Dienst. Denn die Arbeit endet für uns Menschen in einem größeren Zeitfenster als sie beginnt. Die Allermeisten aber eint eines: Sie müssen von der Arbeit erst heimkommen, egal ob zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Auto oder dem ÖPNV. Hier wäre die vorderste Nutzungssituation für ein solches Angebot, denn dann kommt das Abendessen und schließlich die Verlustierung, für die Spiegel Daily ja sogar Tipps gibt in Gestalt von TV-Rezensionen oder Buchempfehlungen.

Um während des Heimwegs nützlich zu sein, müsste das Angebot aber krachend mobiloptimiert, am besten noch als App erhältlich sein. Beides ist nicht der Fall. Die Web-Seite schneidet sogar die Werbung von Start-Bucher Audi auf dem iPad ab. Die Navigation ist nicht nur merkwürdig strukturiert (die Rubrikentitel sind luftig allgemein), sondern auch mobil nur schwer bedienbar – mal muss gewischt werden, mal geklickt. Etwas absurd wirkt es, wenn man in der Spiegel Online-App auf den Link zu Daily klickt und der Browser des Handys aufgeht.

Die Videoformate sind besonders problematisch. Denn sie sind nicht mit Schrift verbunden, so wie es derzeit bei vielen Medienangebote mit Videos im Social Web der Fall ist.?Somit sind in der mobilen Nutzungssituation Kopfhörer nötig. Die werden zwar immer gebräuchlicher, doch eher bei einem jungen, medienkundigen Publikum – wird dieses zahlungsbereit sein für ein solches Angebot?

Fun Fact als Einschub: Selbst wer zahlen möchte, bekommt Probleme. Gestern bestätigten mehrere Mitlesende auf Facebook und Twitter, dass sie sich nicht anmelden konnten. Ich selbst konnte nicht per Paypal zahlen, sondern nur mit Kreditkarte. Natürlich war auch dieses Formular nicht mobiloptimiert.

Tja, wer soll und würde denn überhaupt zahlen?

Nachrichtenjunkies? Eher nicht, die haben all diese Infos schon.

Digitalaffine? Wenn die den Tag über keine Nachrichten lesen, werden sie kaum bereit sein, abends dafür zu zahlen. Außerdem werden sie gerne Artikel teilen wollen. Doch die Sharing-Funktion ist so, wie sie sich jetzt darstellt, nicht zeitgemäß: Statt einen Anreißer zu liefern steht vor dem Link einfach „Artikel teilen“ – so was ist seit Jahren eigentlich nicht mehr Stand der Dinge.

Berufstätige, die den Tag über nichts mitbekommen? Die dürften eher weniger digitalaffin sein, denn sie schauen bestenfalls mal in der Mittagspause auf ihr Handy. Doch deshalb brauchen sie ja eine starke Mobiloptimierung. Oder glaubt die „Spiegel“-Redaktion wirklich, diese Klientel setzt sich am Abend mit einem Laptop auf das Sofa?

Analogaffine Rentner ohne Smartphone? Könnte klappen. Doch dafür ist die Navigation nicht einfach genug. Und wie groß ist der Anteil jener in dieser Zielgruppe, die einen Kauf im Internet tätigen?

Gemeinhin macht man bei einem solchen, neuen Produkt eine User Journey auf. Man zeigt all die Wege, wie jenes Produkt im Alltag seiner Zielgruppe Verwendung findet, wie sie wo und wann wohin wandern – das ist ein recht komplexes Unterfangen.

Ich ahne: Eine solche User Journey wurde nicht erstellt. Denn zu schnell erkennt man auf den ersten Blick, wo Anspruch, Qualität und Technik von Spiegel Daily nicht schlüssig erklärbar sind. Und so bleibt nur eine Zielgruppe übrig: „Spiegel“-Redakteure. Die hätten gerne, das ein solches Angebot funktioniert, müssten sie doch so möglichst wenig von ihrem Tun ändern.

Aber die Welt ist kein Ponyhof und deshalb wird Spiegel Daily in seiner heutigen Form keine Chance haben, sich zu refinanzieren.

PS:

Heute morgen verfasste ich eine kürzere Kritik für Meedia. Und wie immer, wenn man ein Medienprodukt kritisiert, laufen jene auf, die Zeit für das Angebot erfordern, man dürfe nicht so schnell kritisieren. Dazu ein paar Punkte:

  1. Spiegel Daily verlangt schon jetzt Geld – deshalb ist eine Kritik legitim.
  2. Theaterstücke werden bei der Premiere renzensiert, nicht nach ein paar Wochen – obwohl die schauspielerische Qualität in dieser Zeit steigt.
  3. Welches Medium gibt irgendwem Zeit? Es ist naiv, dies nun für Medien einzufordern.
  4. Wer digital beim Start nicht überzeugt, verbrennt das Geld, das er in die erste Aufmerksamkeitsgewinnung gesteckt hat.
  5. Wer die Nutzer beim Start enttäuscht, verliert sie in der Regel für immer.

Auch hier gilt: Das Leben ist kein Ponyhof.

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