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Die ARD setzt Ferdinand von Schirachs „Terror“ in den Sand

Foto: ARD

Manchmal ist die digitale Inkompetenz in Deutschland derart klischeehaft, dass es niemand glauben würde, erzählte man es jemandem.

Heute Abend gab es einen bemerkenswerten Fernsehabend in der ARD. Ferdinand von Schirachs „Terror“ wurde präsentiert, die Verfilmung eines Theaterstücks, bei dem die Zuschauer am Ende über den Ausgang einer Gerichtsverhandlung abstimmen.

Wer es nicht gesehen hat: Es ging um den Prozess gegen einen Kampfpiloten, der ein von Terroristen entführtes Passagierflugzeug abgeschossen hat, das auf ein Stadion mit 70.000 Zuschauern gefüllt war.

„Terror“ füllt derzeit die Theater und wurde eifrigst in den Feuilletons diskutiert. Es kann niemand überraschen, dass auch der ARD-Abend hervorragende Quoten einfahren würde. Und deshalb ist es nicht verständlich, dass passierte, was die Zyniker unter uns erwartet hatten:

ARD Terror Abstimmung

Auch mir ging es so: Erst eine Voransicht, die mich zur Onlineabstimmung begrüßte, nach ein paar Minuten dann diese Fehlermeldung. Und das auf einem Laptop mit drei Browsern, einem iPhone und einem iPad. War ich der einzige?

Terror ARD Twitter

 

 

 

Mehr noch: Auch die Telefonleitungen waren anscheinend überlastet:

Natürlich kann man nicht vorhersagen, wie viele Menschen Interesse zeigen werden an einer solche Abstimmung. Doch bei einem derart wichtigen Abend (bei dem ich noch dazu ahnen kann, dass die PR-Wirkung massiv sein wird) in den heutigen Zeiten von Lügenpresse-Schreiern buche ich lieber zu viel Kapazität als zu wenig. ARD-Mitarbeiter sehen das anders.

Doch allein die Konstruktion ist natürlich gestrig. Die ARD hätte auch das Social Web einschalten können – zusätzlich zu Telefon und Onlineabstimmung. Einerseits wäre eine Twitter-Abstimmung eine Option gewesen. Andererseits hätte man auch via Twitter eine simple Hashtag-Zählung wählen können (hier droht natürlich die Verfälschung durch Spam-Bots). Und vielleicht hätte Facebook sich sogar überreden lassen, sein auf Gruppen beschränktes Voting-Tool anzupassen.

Auf solche Ideen aber kommt man bei der ARD halt gar nicht. Und die Zuschauer retteten die Sendeanstalt vor einer noch größeren Peinlichkeit. Denn die Abstimmung fiel mit rund 85% zu Gunsten von „unschuldig“ aus. Wäre es knapper gewesen, würden die Mediendienste sicher noch heißer laufen, als sie es ohnehin schon tun werden.

Das Traurige: Faktisch steht die ARD im Jahr 2016, in dem es so viele technische Möglichkeiten gibt, eine solche Abstimmung zu inszenieren schlechter da als einst Frank Elstner mit „Wetten, dass…“. Denn der TED (für die Jüngeren: das war eine Telefonabstimmung) war zumindest in meiner Erinnerung immer erreichbar.

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