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Gebt Deutschland den Geeks – sonst will es ja keiner

Geek.

Kennen sie diesen Begriff?

Wahrscheinlich nicht: Hierzulande fällt er selten.

Wie sieht es mit Freak aus? Nerd? Vermutlich eher.

Das Onlineangebot der „Süddeutschen Zeitung“ verwendete den Begriff der Nerds 2015 in 100 Artikeln, Freaks in 162.

Die beiden Vokabeln beschreiben in der angelsächsischen Welt Personen, die sich so intensiv mit einem Feld – meisten einem technischen – beschäftigen, dass es unsympathisch und merkwürdig wirkt. Sie gelten als Einzelgänger, Soziopathen und optisch unattraktiv. Sprich: Es ist unterdurchschnittlich nett, jemanden so zu titulieren.

Geeks sind ebenfalls vernarrt in ihr Fachgebiet, doch wollen sie andere für das Feld begeistern, mitreißen, sie sind extrovertiert und kommunikativ. „Geek“ ist ein positives Wort. Bei der „Süddeutschen Zeitung“ fand es vergangenes Jahr 16 mal Verwendung.  Das sagt viel über die Haltung Deutschlands gegenüber jenen Menschen aus, die sich für Technik begeistern.

Merkwürdig. Denn es waren Geeks, die das Land groß machten. Johannes Gutenberg war einer; Carl Benz, der nicht aufgeben wollte von einer Kutsche mit Motor zu träumen; Walter Bruch, der Pionier des Farbfernsehens; oder Computer-Pionier Heinz Nixdorf. Heute vernetzen deutsche Geeks Wissenschaftler rund um den Globs mit dem Social Network Mendeley, gründen Fotografie-Startups oder entwickeln neue Produktionsmethoden für ethisch korrekte Schokolade.

Anerkennung und Respekt ernten sie dafür wenig – im Gegenteil. Sie werden zu Außenseitern erklärt. Zu Nerds. Zu Freaks. Zu Parias. Zum Beispiel vom „Spiegel“: „Macht das Internet doof?“; „Netz ohne Gesetz“; „Die Unersättlichen – Milliardengeschäft mit privaten Daten“ – alles Schlagzeilen seit 2008, gern illustriert mit Bildern, die Hieronymus Boschs „Weltgerichtstryptichon“ wie ein Kindergarten-Picknick aussehen lassen.

„Faschistoide Tendenzen“ macht der Präsident des Verbandes für Privaten Rundfunk VPRT, Jürgen Doetz, bei der Web-Konferenz re:publica aus. SPD-Chef Sigmar Gabriel will – stellvertretend für andere – das Internet vor allem kontrollieren. Und der Bundesinnenminister fordert das Ende von Pseudonymen im Netz, weil er in Blogs immer auf die „gleiche geistige Sauce“ stoße.

Aus diesen Worten spricht Angst. Tatsächlich ist es eine Angst der Eliten und Meinungsführer. Der Politiker, der in Nordafrika gesehen hat, wie schnell der Machtverlust kommen kann, organisiert sich das Volk erstmal mit den Mitteln der neuen Zeit. Und der Medien, die sich weigern, ihr in Jahrzehnten antrainiertes Tun zu verändern. Sie sind nicht die Wichtigsten im Land – aber sie beeinflussen viele Entscheider. Und sie liefern vor allem der Wirtschaft Ausreden, um sich nicht ändern zu müssen.

Derweil gibt es ein anderes Deutschland: das der Bürger. Hunderttausende nutzten schon vor dem offiziellen Start Pokémon Go. Alles Nerds? Natürlich nicht. In aller Alltäglichkeit schauen sie sich einen neuen Dienst einfach mal an, ganz unverkrampft und neugierig.

Die Angst der Eliten passt nicht zum Wirtschaftsstandort D. Der ist nicht allein durch den Bau von Autos und Maschinen groß gworden – sondern durch die Vernetzung mit anderen Ländern. Nur so konnte Deutschland zur Exportnation und „Made in Germany“ zum Qualitätssymbol werden: Nun leben wir im Zeitalter der ultimativen Vernetzung – aber Deutschland will sich und seine Bürger isolieren.

Hans Rosling, schwedischer Gesundheitsökonom, Regierungsberater und einer der wichtigsten Zukunftsdenker der Welt, regt das auf. Was in Deutschland passiert, ist für ihn das „verantwortungslose Verhalten einer ängstlichen Gesellschaft“: „Es ist mir unbegreiflich, dass die Deutschen zum gegenwärtigen Zeitpunkt über Kernenergie und einen Bahnhof diskutieren. Deutschland ist die Werkstatt der Welt. Wer soll die Hardware für ein neues Zeitalter entwerfen, wenn nicht die Deutschen?“

Tatsächlich hat das Land wenig zum digitalen Zeitalter beizutragen. Mehr noch: Es blamiert sich. Beispiel digitaler Polizeifunk, der zur Fußball-WM 2006 funktionieren sollte. „Wir wünschen ihn uns, absolut, dringend, er ist überfällig“, sagte Jörg Radek von der Gewerkschaft der Polizei 2001. Es klang verzweifelt. Der analoge Funk konnte 2009 sogar von einem Spielzeug abgehört werden, das der „Micky Maus“ beilag. Viele Polizist nutzen deshalb notgedrunken private Handys. Seit 22 Jahren plant und bastelt Deutschland an der sicheren Funktechnik, die in anderen Ländern längst eingeführt wurde. Milliarden wurden in das Projekt gesteckt. Die technische Führung hat seit 2010 die – französische – Alcatel-Lucent.

Doch noch immer gibt es Funklöcher und Abhörmöglichkeiten. Immerhin hat somit die Funk-Verwaltungsbehörde mehr zu tun bekommen. Sie gibt es schon seit 2007 – mit 150 Bediensteten.

Die Zahl der Projekte, die ähnlich verlaufen sind, ist Legion. Theseus sollte einst mit öffentlichen Mitteln eine Suchmaschine erdenken – doch das Projekt schenkte Unternehmen überzogene Summen, damit sie Technologien entwickeln, die sie ohnehin entwickelt hätten. Die digitale Lohnsteuerkarte ist krachend gescheitert, der elektronische Personalausweis war problemlos zu hacken. Das Verkehrsleitsystem „Ruhrpilot“ hat laut „Welt“ 34 Millionen Euro gekostet – aber kaum brauchbare Informationen geliefert. Wann immer in Deutschland Technik ins Spiel kommt, ist die Peinlichkeit nicht weit.

Gibt es einen öffentlichen Aufschrei angesichts der Geldverbrennerei?

Nein.

Das ist ja was mit Technik, damit mag man sich nicht abplagen. Und man würde anecken, eben als Nerd oder Freak tituliert werden. So ist es kein Wunder, dass im Jahr 2016 noch immer kein einziger deutscher Politiker mit einer bedeutenden Rede zur Netzpolitik auffällig geworden ist.

Diese Haltung gefährdet die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands. Denn dass es nicht reichen wird künftig tolle Autos zu bauen, ist absehbar. Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung aus dem Jahr 2009 passt perfekt ins Bild: Es wurden Kindergärten und Schulen gebaut sowie – klar – viele, viele Straßen. Doch nur ein kleiner Teil der über 23 Milliarden floss in schnelle Datenleitungen, freies WLan oder die Förderung von Technologiegründern.

Dabei geht es anders. Wie in Südkorea: Das Land ersetzt sämtliche Schulbücher mit Tablets. Endlich leiden die Schüler dann nicht mehr unter veralteten Lehrwerken. Gleichzeitig lernt der Nachwuchs von Seoul bis Busan den Umgang mit Technologie – und zwar mit einheimischer: Die digitalen Lesegeräte kommen von Samsung. Ein Konjunkturprogramm auf Asiatisch.

Wie rechtliche Rahmenbedingungen für eine Kultur der Innovation aussehen können, demonstrierten auch die Niederlande. Sie gossen die Netzneutralität in ein Gesetz. Sprich: Online-Zugangsanbieter müssen alle Daten gleich behandeln. So müssen Verbraucher nicht mehr fürchten, für Internetzugänge mehr zu zahlen, wenn sie gerne Youtube-Videos sehen wollen. Und Maschinenbauer müssen sich nicht sorgen, dass ihre Online-Wartungsdaten sich  hinter dem Streaming-Strom finanzkräftiger Medienkonzernen anstellen müssen.

In Deutschland dagegen schon: Die großen Telekomkonzerne kratzen beharrlich an der Netzneutralität, einem Fundament für Kreativität und Innovation im Web. Kein Politiker, der sie dafür kritisieren würde.

Oder New York: Ex-Bürgermeister Michael Bloomberg installierte eine Digitalstrategie.k Öffenliche Plätze bekamen freie WLan-Zugänge, die Bürger zuhause schnellere Web-Anschlüsse; die Verwaltungsdaten der Stadt sind frei zugänglich; über Facebook werden Bürger schneller informiert; in Krisensituationen (wie dem Hurricane Sandy) kann jedermann mit offenen Instrumenten, zum Beispiel Karten, Hilfe organisieren – das sind nur einige der vielen Maßnahmen. Die Verantwortung für diese Strategie hatte die erste Chief Digital Officer New Yorks, Rachel Sterne. Als das Frauenportal MyDaily sie fragte, ob sie schon immer ein Geek gewesen sei, antwortete sie lachend: „Ich würde sagen: ja.“

Ein Geek für Deutschland – das wäre eine Idee. Oder mehrere. Viele. Geeks haben das Fachwissen, das in der Politik fehlt und oft auch in der Wirtschaft. Und sie sind bereit, es zu teilen. Sie sind nicht Experten von Frank Plasbergs Würden, sondern weil sie sich in ihre Fachgebiete mit aller Kraft hineinwühlen. Menschen, die sich für neue Ideen, neues Denken begeistern. Deren Leidenschaft uns mitreißt. Die uns den Weg weisen und uns für den Wandel entflammen.

Geben wir ihnen Freiheit und Einfluss!

 

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