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Gestern hat kein ARD-Redakteur seine Kinder geschlagen

Bitte lesen Sie diesen Text und fragen sich danach, was sie von den erwähnten Journalisten der ARD halten.

Gestern hat kein ARD-Redakteur seine Kinder geschlagen. Dies ist ein Hoffnungszeichen, ist doch die Zahl der polizeilich erfassten Fälle von Kindesmisshandlung in Deutschland von 2001 bis 2015 um 37 Prozent gestiegen. Auf der Oberfläche scheint es gut zu stehen, um den Nachwuchs von ARD-Redakteuren, doch ist offen inwieweit sich die öffentliche Aufmerksamkeit des Themas auf die Sicherheitslage auswirkt und ein Nachlassen der Berichterstattung eine Änderung bewirkt.

Sorgen Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich nach dieser Lektüre um das Wohl von ARD-Kindern? Natürlich nicht, denn sie ahnen was kommt: Natürlich gibt es überhaupt kein Indiz dafür, dass ARD-Redakteure ihre Kinder misshandeln. Doch stünde dieser Text, vielleicht gar in längerer Version, auf einer Nachrichtenseite, oder spräche ihn ein betroffen dreinblickender Reporter in ein Mikrofon mit Windschutz im Corporate Design seines TV-Sender: Was würden Sie dann denken?

Lille Stade euro2016 Deutschland -Ukraine

Mutmaßlich würden sie den Eindruck entwickeln, Kindesmisshandlung sei in der ARD ein ernsthaftes Problem. Denn warum sollte ein journalistisches Medium darüber berichten, wenn dem nicht so wäre? Niemand will Nachrichten sehen, hören oder lesen, in denen das passiert, was jeden Tag passiert.

Der Medienforscher Joachim Westerbarkey hat einmal Nachricht in einem Aufsatz für das Fachmagazin „Communications“ so definiert:  „Nachrichten sind deskriptive Aussagen von geringer thematischer und sprachlicher Komplexität über Ereignisse. Ereignisse sind Veränderungen von Beständen oder Veränderungen von Veränderungen, die als solche wahrgenommen werden.“

Veränderung also. Dass am Morgen die Sonne aufgeht, ist nicht berichtenswert – der Zeitpunkt ist vielleicht die Erwähnung in einer Wetter-App wert.

Womit wir bei der Berichterstattung deutscher Medien über die Europameisterschaft 2016 wären, vor allem den Berichten über das Thema Sicherheit. Im ARD Morgenmagazin befragten heute Kamerateams deutsche Fans, die beim gestrigen Spiel in Paris weilten. Ob sie denn nicht Angst hätten, von Hooligans attackiert zu werden. Die Antwort ist so langweilig wie erwartbar: Nö. Trotzdem erging sich der Bericht in Länge dem „friedlichen Fußballfest“, als ob friedliche Fußballfeste die Ausnahme wären und nach jedem Kick tausende, blutende Anhänger aus den Trümmern der Tribünen gezogen werden müssten.

Die Folgen sind zu spüren, spricht man mit Menschen, die keine Fußballaffinität verspüren: Auch sie fragen sofort, ob man Angst habe, erwähnt man eine eigene Reise zur Euro2016. Denn warum sollten ARD oder ZDF so viel ihrer wertvollen Sendezeit auf das Thema verwenden, gäbe es keine reale Gefahr für jeden einzelnen Zuschauer?

Natürlich gab es Ausschreitungen, natürlich gab es auch Rechtsextreme beim deutschen Spiel in Lille. Und natürlich muss darüber berichtet werden.

Nur: Laut Polizeiangaben befanden sich 300 Problempersonen unter 20.000 deutschen Fans, 1,5 Prozent also. Und genauso ist dann auch die Situation vor Ort: Nur sehr, sehr, sehr wenige deutsche Fans werden etwas von rechten Parolen oder jenem Angriff auf ukrainische Anhänger mitbekommen haben oder das Gefühl von Gefahr empfunden haben – zumindest nicht mehr, als bei einer gewöhnlichen Fußballprofi-Partie, bei der einem der gesunde Menschenverstand sagt, dass man sich von gewissen Anhängergruppen lieber fern hält, so wie man sich in der Düsseldorfer Altstadt von gewissen Personengruppen entfernt.

Der Normalzustand, oder nachrichtentheortisch: der Bestand, eines eines EM- oder WM-Spiels, Olympischer Spiele oder anderer Großereignisse ist friedliche, gute Stimmung (OK, Zyniker werden sagen, dass „gute Stimmung“ bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft eine Meldung wert ist – aber das ist eine andere Diskussion).

Deshalb schaffen Medien ein falsches Bild der Realität. Sie erzeugen eine unnötige Angst, geschaffen aus dem eigenen Weltbild. Wie das aussieht, demonstriert heute die „Rheinische Post“. Die Stadt Düsseldorf hat einen „Angst-Atlas“ (heißt wirklich so) erstudien lassen um festzustellen, in welchen Düsseldorfer Vierteln die Menschen Angst vor was haben. Für die „RP“ kann natürlich nicht sein, was aus Sicht des terrorsüchtigen Journalisten nicht sein darf: dass Menschen gar keine Angst haben.

Und so wird die Studie eher angezweifelt, als von diesem Weltbild abzurücken. Zitat:

„Großveranstaltungen und Sportevents halten elf Prozent der Befragten für unsicher, neun Prozent fürchten sich am Rheinufer. Zehn Prozent der befragten Frauen und acht Prozent der Männer meiden Großveranstaltungen sogar aus Sorge um die Sicherheit. An dieser Stelle kann der repräsentative Charakter der Befragung bezweifelt werden: Gefragt wurde im März 2015, vor den Terroranschlägen von Paris und den massenhaften Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht auch in Düsseldorf.“

Lille Grand Place Deutschland Ukraine

Das Default Setting deutscher Journalisten ist der Alarmismus. Wie ein Vampir von Blut, so nähren sich die Nachrichtensauger von der Verängstigung ihrer Zielgruppe. Ihnen ist nicht daran gelegen, dass Menschen vorurteilsfrei aufgeklärt sind, sich einen nüchternen Blick auf die Realität verschaffen. Die Nachrichtensauger ziehen sie hinein ein eine von Monstern erfüllte Düsternis, die „John Sinclair“-Romane aussehen lassen wie „Die kleine Raupe Nimmersatt“.

Theo Koll, der Pariser Studioleiter des ZDF, ist auch einer von ihnen. Gestern stand er vor dem Stade de France und erklärte, scheinbar und auf der Oberfläche sei alles sicher. Doch da gebe es ja so viel Sicherheitspersonal und zwischen seinen Sätzen sollte der Zuschauer annehmen, dass es ja sehr unsicher sei, genau deshalb so viel Polizei vor Ort und dass diese den Ort nicht sicherer mache.

Natürlich muss über ein Thema wie Hooligans bei der EM berichtet werden. Wo aber war der deutsche Journalist, der sich mit dieser Szene auskennt? Der sich wenigstens im Vorfeld der EM – besser noch seit langem – damit beschäftigt hat? Der nachfragt, ob die französische Polizei und die Behörden der jeweiligen Länder richtig agiert haben, um Ausschreitungen zu verhindern? Einen habe ich gefunden: Fabian Scheler von Zeit Online hat ein lesenswertes Stück unter der Überschrift „Die französische Polizei ist das Problem“ (das ich aus Gründen des Leistungsschutzrechtes leider nicht verlinken kann). Oder aber die Schweizer „Wochenzeitung“: einer ihrer Reporter recherchiert auf Buch-Niveau über Hooligans und erklärt nun sehr lesenswert, warum die Engländer nicht das Problem sind. 

An solchen Themen zu werkeln macht mehr Arbeit, als auf dem Grand Place in Lille vor einer Kamera zu stehen, hinter sich zu deuten und zu repetieren, dass dort ukrainische Fans von deutschen Hooligans angegriffen wurden (wie es beispielsweise RTL tat). Man muss etwas tun, was anstrengend ist: recherchieren und kreativ sein – ohne, dass ein Ergebnis klar absehbar ist.

Da ist es einfacher, in die Nachrichtenschleife einzusteigen, die den Journalisten bequem von Thema zu Thema trägt. Denn was war das bestimmende Sujet vor der EM? Erinnern sie sich noch?

Terror.

Über den Terror redet derzeit niemand mehr. Auch hier ist es wichtig zu berichten, doch die allermeisten Berichte bestanden daraus, Angst erzeugende Quellen zu aggregieren und sich dann vor ein Stadion zu stellen um mit bedeutungsschwerem Gesicht zu erklären, wie sehr die EM vom Terror überschattet wird. Das lässt sich dann beliebig dehnen: Bei Spielerinterviews wird nach Angst gefragt, bei deutschen Fans vor Ort genauso und die französische Polizei liefert mit ihren an Robocop erinnernden Uniformen das Schnittmaterial.

Bis dann ein paar Hooligans kommen und den Nachrichtenstrom in eine andere Richtung lenken. Bei Spielerinterviews wird nach Gewalt im Stadion gefragt, deutsche Fans vor Ort werden gefragt, ob sie Angst haben und die französische Polizei liefert mit ihren an Robocop erinnernden Uniformen das Schnittmaterial.

Wer sich so treiben lässt, der muss sich um andere, kreative Themen oder Herangehensweisen keine Gedanken mehr machen. Das ist sehr bequem und letztlich macht man doch nichts falsch, oder? Also, außer Menschen zu verängstigen – und dass ist ein hinnehmbarer Kollateralschaden, wenn einem Gesellschaft oder Berufsethos egal sind.

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