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Amazons Buchläden: Vorsicht Journalisten-Stampede! (Mit Nachtrag)

Vortrag vom 4.1.2016

Je länger ich über diese Sache nachdenke, desto saurer werde ich. Der hier vorliegende Fall ist für mich ein deutliches Beispiel dafür, was im deutschen Journalismus derzeit schief läuft. Weshalb ich den Artikel um einen weiteren Nachtrag ergänzt habe, um dessen Beachtung ich Sie ersuche. 

Als ich noch zur Journalistenschule ging, galt die Zwei-Quellen-Regel: So lange es für eine Information keine zwei Quellen gab, wurde sie nicht veröffentlich. Das hatte gute Gründe: Denn interessierte Seiten hätten sonst Journalisten für ihre Sache manipulieren können.

Schon zwei Jahre später zeigte sich, wie das geht. Bei den langen Übernahmekämpfen Mannesmann/Vodafone und Thyssen/Krupp streuten zahlreiche Seiten Gerüchte. Da lancierten dann Personalberater, sie wüssten garantiert, wer Thyssen-Krupp Chef würde, während Kommunikationsberater brandheiß (und selbstverständlich ohne Kundenauftrag) weitergaben, bei welchem Angebotspreis der Mannesmann-Chef Manfred Esser schwach werden würde. In der Redaktion „Handelsblatt“ gab sich die Chefredaktion alle Mühe, die Zwei-Quellen-Regel zu halten. Doch das wurde immer schwerer, weil die Konkurrenz diesen Leitsatz stillschweigend auf der Herrentoilette erschossen hatte.

Heute erinnert sich anscheinend keiner mehr an solche Regeln. Es reicht, dass irgendwer irgendwas behauptet und die Medienherde entwickelt einen Laufinstinkt, gegen den eine Bisonherde bei einer Stampede wie der wohldurchdachte Osterausflug einer Beamtenfamilie wirkt.

elefanten herde

Glauben Sie nicht, liebe Leserinnen und Leser?

Dann nehmen sie einfach nur die heutige Meldung rund um Amazon.

Spiegel Online:

spon

Welt Online:

welt

Wirtschaftswoche:

wiwo

 

Frankfurter Rundschau:

FR

Der „Buchreport“ sieht als Ziel von Amazon gar nicht die Geschäfte, sondern gleich mal eine Platzierung im Markt (wobei es bemerkenswert wäre, wenn Amazon das Ziel hätte, nur Nummer zwei zu werden):

buchreport

Offenbar plant Amazon das also, das mit den 400 stationären Buchhandlungen. Woher all die Medien das wissen? Weil sie das „Wall Street Journal“ gelesen haben. Das hat wiederum teilgenommen an der Quartals-Telefonkonferenz von General Growth Properties (GGP).

Was, kennen Sie nicht?

Keine Sorge: Die deutschen Medien auch nicht.

General Growth Properties ist ein Chicagoer Immobilienunternehmen, das an 120 Einkaufzentren in den USA beteiligt ist oder sie besitzt. 2009 musste das Unternehmen Gläubigerschutz beantragen, es war das größte Verfahren dieser Art in der Geschichte der US-Immobilienbranche. 2010 wurde der Gläubigerschutz verlassen, unter anderem durch die Abtrennung einiger Einkaufszentren. Derzeit gibt es Gerüchte, dass GGP übernommen werden könnte. 

Jene Zeit war auch das letzte (und für viele Medien auch das erste) Mal, als deutsche Medien über GGP berichteten, so das „Handelsblatt“, Spiegel Online oder die „Frankfurter Rundschau“. Der „Buchreport“ behauptet zwar, eine Fachpublikation zu sein, verschweigt aber gleich mal den Namen von GGP und genauso von seinem Vorstandschef Sandeep Mathrani – was deren Unbekanntheit noch stärker hervorhebt.

Aber was ist denn nun passiert, in dieser Telefonkonferenz?

Jener deutschen Medien nicht bekannte CEO jenes nicht bekannten Immobilienunternehmens hat auf die Frage eines Analysten beiläufig erwähnt, Amazon würde 300 bis 400 stationäre Filialen eröffnen wollen. Zitat: „You’ve got Amazon opening brick-and-mortar bookstores and their goal is to open, as I understand, 300 to 400 bookstores.“

So weit er das verstanden hat. Wo er das verstanden hat? Verrät er nicht. Und weil bei einem solchen Call anscheinend keine Journalisten zugelassen sind, wird auch nicht groß nachgefragt.

Es gibt für jene Information also eine Quelle: Die beiläufige und quellenlose Erwähnung eines Managers, der nichts mit Amazon zu tun hat.

Natürlich fragen Medien bei Amazon nach, der Konzern aber kommentiert keine Gerüchte. Das ist natürlich immer eine schwierige Sache, mit den Gerüchten. In Zeiten von Anlegerschutzklagen bleibt Unternehmen aber oft genug keine andere Wahl. Nehmen wir an, es gebe das Gerücht, Unternehmen A wolle Unternehmen B übernehmen. Der Sprecher von Unternehmen A sagt: „Nichts dran“. Zwei Jahre später aber gibt es tatsächlich Verhandlungen – dann könnte das in den USA für eine Klage reichen. Blöd.

Deshalb halten es die allermeisten Konzernsprecher genauso: Zu Gerüchten gibt es keinen Kommentar. Das wissen erfahrene Journalisten auch. Ich dagegen weiß nicht, ob der betreuende Autor bei Spiegel Online unerfahren oder böswillig ist. Denn aus genau daraus dreht Spon dann gleich einen Strick:

„Interessant ist allerdings die Reaktion des Onlinehändlers, wie das „Wall Street Journal“ berichtet: Ein Amazon-Sprecher habe die Äußerungen Mathranis nicht kommentieren wollen – dementierte sie also auch nicht.“

Ganz nebenbei: Früher gehörte es auch zum journalistischen Handwerk, die deutsche Tochter des Unternehmens zu kontaktieren. Die sagt natürlich genauso wenig etwas, aber es gehörte zur Sorgfaltspflicht einzufügen: „Amazon Deutschland wollte dazu ebenfalls keine Stellung nehmen.“ Gleichzeitig baute man so aber ein gutes Verhältnis mit dem jeweiligen Unternehmenssprecher auf, was auch keine schlechte Sache ist.

Solche Tugenden können Sie heute getrost in die Tonne kloppen. Munter schreiben alle ab, was superhyperspannend klingt – auch wenn die Beweislage, höflich geschrieben, wackelig ist. Eine Geschichte muss heute nicht mehr wahr sein – sie muss schön sein. Da kann „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer noch so oft in seinem Editorial das schreiben, was am Samstag zu lesen war:

„Wir müssen uns Zeit nehmen, um Zusammenhänge tatsächlich verstehen und erklären zu können, und wir sollten im Ton moderat bleiben, nicht wahllos mitbrüllen. Dem modernen Leben wird ständige Beschleunigung abverlangt, Journalismus aber braucht klare Gedanken und Ruhe, um aufklären zu können. Gleichwohl müssen wir die richtigen Momente für Zuspitzung und Urteile finden, basierend auf Recherche und Analyse und nicht auf sich selbst erfüllenden Prophezeiungen und Vorurteilen.“

In welcher Welt lebt Brinkbäumer eigentlich? Der Alltag im Journalismus sieht so aus wie heute: Man schreibt von einer US-Zeitung ab, hinterfragt nicht die Meldung, ruft niemand an, sammelt nicht mal eine zusätzliche Stimme ein und fragt sich definitiv nicht, ob das überhaupt logisch ist, was man da runtertippt.

Immerhin: Das „Handelsblatt“ „dreht die Geschichte weiter“ – in Richtung Absurdistan. Denn obwohl es unwahrscheinlich ist, dass sich Mathrani auf Märkte außerhalb der USA bezog, erklärt gleich mal, dass Amazon sowieso keine Chance mit seinen Läden hat, kämen sie nach Deutschland:

Handelsblatt

 

Nachtrag I vom 4.2.:

Quod erat demonstrandum… Die Meldung, dass Amazon 400 Buchläden eröffnen will, stimmt so nicht. Mathrani hat seine Äußerungen zurückgezogen. Und recherchiert hat das Techblog Recode:

„Amazon will indeed open up more bookstores, but it also plans to eventually unveil other types of retail stores in addition to bookstores, according to two sources familiar with the plans. It’s not yet clear what those stores will sell or how they will be formatted, but the retail team’s mission is to reimagine what shopping in a physical store would be like if you merged the best of physical retail with the best of Amazon.

One source says the team is experimenting with some of the ideas discussed in this retail-store-related patent application that Re/code uncovered last year. One of the experiences discussed in the application would allow customers to pick an item from a shelf and automatically be charged for it upon exiting the store without stopping to pay at a checkout counter or kiosk.“

Angesichts dessen, was ich gestern Abend schrieb ist es dann bittere Ironie, dass das Techblog seine Quellenlage so beschreibt: „according to three sources familiar with the group.“ So habe ich das in der Journalistenschule auch mal gelernt.

Früher gab es so etwas wie journalistischen Spinnensinn. Wenn ein Redakteur sich in ein Themengebiet eingearbeitet hatte, dann ahnte er, wann und was an einer News dran war. Er oder sie lag damit nicht immer richtig, doch ein echter Experte für, sagen wir, eine Branche hatte eine verdammt gute Trefferquote. Ich frage mich noch immer, ob Stan Lee und Steve Ditko genau deshalb ihrer Schöpfung Spider-Man diesen Spinnensinn verliehen – schließlich ist er im Nicht-Superhelden-Leben ja Fotojournalist.

Warum das heute so immer seltener existiert? Weil es immer weniger Experten gibt, gerade online. Heute betreuen Redakteure immer weitere Themengebiete, wenn überhaupt. Onlineredaktionen sind oft genug nach Schichten aufgebaut, nicht nach Themen. Und dann muss halt derjenige recherchieren, der gerade da ist. Selbstverständlich hat er weder tiefe Kenntnis über das Berichtsgebiet, noch gute Kontakte.

Selbst aber wenn ein Journalist Expertenwissen aufbauen darf, so wird ihm das immer schwerer gemacht. Zum Beispiel sind die Reiseetats auf marginale Restbestände geschmolzen. Doch wird man über das Telefon kaum genügend Vertrauen aufbauen können, um einem Sprecher mehr als den Standard zu entlocken. Ja, mehr noch: Nötig sind ja Kontakte außerhalb der PR-Abteilung – auch die kann ich ohne Reisen nicht aufbauen.

Hlten wir einfach mal fest: Anscheinend hat kein einziges deutsches Medium einen Experten in Sachen Amazon. Sonst hätte zumindest ja die Recode-Story über eine Patentanmeldung Amazons in Sachen Ladentechnologie in die Einordnung der Story gehört.

Und nur um es nochmal klar zu machen: Nicht jedes Medium muss einen Beobachter für einen der am höchsten an der Börse bewerteten Konzerne der Welt haben, der eine der ältesten Branchen der Menschheit revolutioniert. Nicht jedes.

ABER KEINE EINZIGE VERFICKTE REDAKTION?

Das ist ein Armutszeugnis für den deutschen Journalismus. Auf Facebook meinte ein von mir geschätzter Ex-Kollege meiner Generation, ich solle mich nicht aufregen, dies sei halt so eine Auslandsmeldung, da sei Recherche halt schwierig.

Doch genau das ist ja der Haken: Warum muss ich diese Meldung denn machen? Wo erklären die Medien ihren Lesern denn: „Hey, wir sind uns da auch nicht so sicher…“? Nirgends. Stattdessen „will“ Amazon etwas oder plant „offenbar“ und offenbar ist nicht „eventuell“ sondern mit einer Sicherheit, dass es offen erkennbar ist.

Am Ende fühlt sich der Leser dann verarscht, wenn er dahinter kommt, was für ein unkundiger Mist ihm vorgelegt wurde. Genau so entstehen dann Lügenpresse-Vorwürfe: Weil das Brot-und-Butter-Geschäft nicht stimmt. Denn wie gesagt: Man muss diese Meldung ja nicht machen – aber, hey, die war halt schnell und gedankenlos hingerotzt. Und weil sie hingerotzt wird, darf dann der Altmedien-Experte des „Handelsblatt“ einen halben Tag verschwenden zu imaginieren, was passieren würde, wenn passiert, was nicht passieren wird. Das ist nackte Verschwendung wertvoller Ressourcen.

Ich bin jetzt gespannt, wie die Korrekturen zu dieser Meldung heute verlaufen.

Nachtrag II vom 4.2.16:

In Sachen Korrekturen kam es wie erwartet: An den Leser denkt keiner. So lesen wir bei der „Wirtschaftswoche“ zwar gleich zwei Artikel über das Zurückrudern des GGP-Chefs – doch er Ursprungsartikel ist in seiner Fehlerhaftigkeit weiterhin online. So geht es bei allen Seiten, die gestern über das Thema berichtet haben: Niemand korrigert den falschen Artikel. Man geht also davon aus, dass jeder Leser, der über das Social Web, das Archiv oder Suchmaschinen auf einen nicht ganz frischen Artikel trifft, nochmal nachgooglet, ob die darin enthaltene Information richtig ist.

Nein, Quatsch – davon geht keine Redaktion aus. Leider aber ist es anscheinen notwendig, genau das zu tun.

Mehr noch: Welt Online übernimmt automatisiert die Berichterstattung der gedruckten „Welt Kompakt“, so dass die falsche Meldung heute nochmal online gespielt wird, was mit dem Hashtag #ScheißderHunddrauf versehen werden kann.

Auch die „Süddeutsche“ hat jene Reise nach Absurdistan angetreten. In der gestrigen Berichterstattung taucht zum Beispiel ein Satz auf, der unter Logik-Dadaismus eingeordnet werden darf:

„Der Mann“ (gemeint ist der GGP-Chef) „ist mit seinem Unternehmen an 120 Einkaufszentren in den USA beteiligt, er dürfte daher gute Einblicke haben. Zumal Amazon seit einigen Monaten einen Laden-Prototypen in Seattle betreibt.“

Und das hat was miteinander zu tun? Ach ja, nichts. Denn University Village, die Mall, in der jener Amazon-Laden seinen Sitz hat, gehört nicht GGP, sondern der Supermarktkette QFC.

Das „Handelsblatt“ erreicht derweil die nächste Stufe:

Handelsblatt Amazon

Genau. Medien heizen die Spekulation weiter an. Medien wie – das „Handelsblatt“.

 

Was ich nicht gefunden habe? Einen Hinweis auf eine spannende Entwicklung im US-Buchhandelsmarkt. Denn dort sind zwar die großen Handelsketten den Bach runtergegangen. Doch die Zahl der kleinen, unabhängigen Buchhändler stieg zwischen 2011 und 2014 um 8%, wie Slate berichtet. Warum? Darum:

„The short answer is that by listing their shares as public companiesboth Borders and Barnes & Noble were drawn into a negative vortex that destroyed the former and has crippled the latter. Not only did they become public companies, but they positioned themselves as high-growth companies, focused on innovation and disruption. That forced them to compete with the growth company par excellence in their space: Amazon. It also forced them to pursue high sales volume at the expense of inventories. Those strategies, as it turned out, were precisely wrong for the actual business they were in: selling books to a selective audience. Which is precisely what independent bookstores are good at…

Independent bookstores never had to answer to the dictates of public markets. Many of their proprietors understood, intuitively and from conversations with customers, that a well-curated selection—an inventory of old and new books—was their primary and maybe only competitive advantage.“ 

Sprich: Das Geschäftsmodell von Barnes & Noble funktioniert nicht mehr – der Markt für Bücher ist aber weiterhin vorhanden. Wenn Amazon nun daran arbeitet, die Idee des Buchladens auf kleinerer Fläche als ein Barnes & Noble neu zu erfinden, könnte das ein Erfolg versprechender Ansatz sein.

Diese Tendenz im US-Markt finde ich spannend. Deutsche Journalisten anscheinend nicht. Oder haben sie gar nicht recherchiert?

 

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