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Mit dem Fahrrad in die Festung: Was beim Deutschlandfunk als Journalismus durchgeht

Im Rahmen der Landesverrat-Netzpolitik-Affaire machte die „FAZ“ ein Front auf, die aus Sicht vieler Digitaljournalisten eigentlich begraben schien: die zwischen Bloggern und Journalisten. Die rechteslastige Lokalzeitung bezog dabei klar Stellung: Blogger sind eher keine Journalisten.

_MG_7530.jpgSeit gestern bin ich geneigt ihr ein klein wenig zuzustimmen: Vielleicht sind Blogger wirklich keine Journalisten – wenn sie für den Deutschlandfunk arbeiten.

Denn im Korrespondenten-Blog des öffentlich-rechtlichen Senders erschien ein Beitrag vom Hamburg-Korrespondenten Axel Schröder mit dem Titel: „Festung Facebook“. Und dieses Stück ist derart weit von journalistischen Standards entfernt, dass er mich gruseln macht.

Schröders Geschichte beginnt mit dem Foto einer Kollegin, das von einer rechtsradikalen Facebook-Seite unerlaubterweise verwendet wurde. Sie meldet dies dem Netzwerk über den standardisierten Prozess, doch das Abarbeiten solcher Meldungen kann ein paar Tage dauern (dazu ein lesenswerter „Wired“-Artikel). Das ist zu viel Zeit für einen aufrechten Journalisten, weshalb Schröder auf die Idee kommt, persönlich vorstellig zu werden. Bei Facebook. In Hamburg. Ohne Termin.

Ohne Termin deshalb:

„Eine Telefonnummer hat die Firma nicht. Und auch keine Pressestelle. Jedenfalls keine, deren Nummer man durch ein paar Mausklicks recherchieren könnte.“

Und böse schiebt er hinterher: „In dieser Hinsicht sind  Unternehmen aus der Rüstungsbranche oder Atomindustrie vergleichsweise offen und vorbildlich.“

Diese Aussage überrascht.

Ich weißt nicht, in welchem Internet Axel Schröder so herumklickt, in meinem aber ist das alles recht zeitnah recherchierbar. Zum Beispiel mit der Google-Suche „Facebook Hamburg“. Gleich rechts wirft Google Maps die Adresse aus – und von dort ist die Anfahrthilfe nicht weit:

facebook_hamburg_-_Google-Suche

Ähnliche Ergebnisse liefern verwandte Suchanfragen. Wer nur zwei Minuten herumklickt – vielleicht zu viel für Axel Schröder, man liest ja so viel über sinkende Aufmerksamkeitsspannen – stößt auf den Facebook-Auftritt von Facebook-Deutschland. Wer dort auf Info klickt, stößt auf diesen Hinweis:

_4__Facebook

Genau – die Newsroom-Seite der Presseabteilung von Facebook. Wer dort ein – leider am Boden der Seite befindliches Menü – auf Deutschland umstellt, sieht die Kontakt-E-Mail der Pressestelle. Zugegeben: So eine unpersönliche Kontaktaufnahme ist nicht schön.

Was man dagegen tun kann? Vielleicht „Facebook Deutschland Presse“ googeln?

Erster Treffer ist die Facebook-Seite des Presseportals. Journalisten wissen gemeinhin, dass solche Seiten von Unternehmenskommunikatoren gemietet werden, um dort ihre Presseinformationen zu verbreiten. Und unter jeder gut verfassten Pressemitteilung findet sich eine Kontaktperson.

Pressemitteilung_Facebook___Presseportal_de

Ob Facebook wohl auch so arbeitet? Stellen Sie sich vor ihrem geistigen Ohr nun einen Trommelwirbel vor, um diesen Moment spannender zu gestalten, von dem sie ahnen, wie er verlaufen wird. Klicken wir also auf die jüngste Pressemitteilung über eine Kooperation mit Deloitte.

Facebook__Unternehmen_weltweit_schaffen_mehr_Arbeitsplätze___Pressemitteilung_Facebook

Scrollen wir nun durch die Meldung. Zugegeben: Sie ist lang. Aufmerksamkeitsspannendefizite sind nun eine echte Herausforderung. Doch dürfen sie einen hart für den Deutschlandfunk recherchierenden Journalisten im Auftrag des Wahren und Guten aufhalten?

Atemlos erreichen wir also das Ende der Pressemitteilung:

kulow

All dies kostet natürlich fünf Minuten, wenn man langsam tippt. So viel Zeit bleibt nicht, wenn der rechte Mob gerade dabei ist, das verpixelte Foto einer Deutschlandfunkerin zu missbrauchen.

Weshalb sich der edle Ritter auf seine Rosinante schwingt:

„Mit dem Fahrrad geht es zunächst zum Rathausmarkt 5.“

Äh… Wohin?

„Diese Adresse liefert eine einfache Telefonbuchsuche via Internet.“

Ja, hömma, Mann der alten Schule, der Schröder. Telefonbuch. Das von der Telekom. Und tatsächlich wirft dieses als einziger Anbieter den Rathausmarkt aus.

facebook_in_hamburg_–_Jetzt_im_Telefonbuch_finden_

Sprich: Die Telekom-Tochter arbeitet mit falschen Daten, denn über Jahre residierte Facebook ja am Großen Burstah, was dann auch Schröder erfährt:

„Facebook suche ich am Hamburger Rathausmarkt allerdings vergeblich. Die Sekretärin einer dort ansässigen Anwaltskanzlei versichert mir: „Sie sind nicht der Erste, der fragt. Aber Facebook hat hier nie gesessen. Nicht in den letzten zehn Jahren! Probieren Sie es mal am Großen Burstah.““

Diese Adresse führt auch der Telefonbuch-Konkurrent Klicktel. Womit wir einfach mal festhalten dürfen, dass wir solchen Telefonbuch-Dinosauriern ruhig Sterbehilfe leisten dürfen.

Schröder aber mystifziert seine Recherche…schwächen, schreibt von Schnitzeljagd, und es soll anscheinend der Eindruck entstehen, als verstecke sich Facebook. Da färben Techniken von Boulevardmedien ein wenig ab.

Am Eingang des neuen Domizils – wer nach „Facebook Hamburg“ googelt, stößt direkt auf die Geschichte über den Umzug, der Anfang diesen Jahres stattfand – gibt es kein Hinweisschild. Dies ist ungewöhnlich. Wenn ich mir allerdings vorstelle, dass noch mehr Leute wie Schröder dann vorstellig würden, kann ich Facebooks Schildlosigkeit ein wenig nachvollziehen.

Und nun steht er da, der Aufrechte. Ein Mitarbeiter lässt ihn rein, er erreicht die Pforte. Wir kennen solche Szenen ja auch Hollywood-Filmen: Unser geknechtete Hauptfigur sucht Gerechtigkeit und spricht beim Pförtner des Großkonzerns vor. Wir wissen, dass er scheitern wird.

„Immerhin stehen wir nur vier Meter von der Milchglastür der Firma entfernt, bei der ich einen Ansprechpartner für unser Problem suche. Sie wehrt ab. Ich bitte sie, meine Visitenkarte mit reinzunehmen und einem Verantwortlichen zu übergeben. Der könnte dann ja überlegen, ob ich eintreten darf. Solange  würde ich warten. Noch einmal will sie mich loswerden und willigt dann doch ein. Sie hält ihre Eingangschip vor den Kartenleser, öffnet die Tür, verschwindet hinter Milchglas.

Fünf Minuten später darf auch ich rein. Die junge Frau steht nun mit einer Kollegin und einem Kollegen hinter dem Facebook-Empfangstresen. „Mit wem darf ich sprechen?“ Sie zuckt die Schultern: mit niemandem.“

Ich weiß nicht, mit wie vielen Unternehmen Axel Schröder bisher zu tun hatte. Und bei wie vielen oberhalb der Größe von 15 Mitarbeitern er einfach mal so reingekommen ist. Eine Firma, die irgendwie so etwas wie Wert auf Sicherheit legt, lässt Menschen nicht einfach so reinspazieren, selbst wenn sie eine Visitenkarte vorlegen. Bei vielen Großkonzernen werden inzwischen Personalausweise und Ansprechpartner verlangt, manchmal wird gar ein Foto des Besuchers geschossen. Und das ist nicht übertrieben: Schließlich sind der der Hauptgrund für gelungene Hack-Attacken menschliche Fehler.

Schröder darf also nicht hinein. Weshalb er all das schreiben darf, was er wahrscheinlich von vorne herein schreiben wollte:

„Kafka kommt mir in den Sinn: im weltweit führenden Unternehmen für die Kommunikation zwischen Menschen im Internetzeitalter findet sich niemand (außer der Empfangsdame), der ansprechbar wäre, der mit mir kommunizieren mag? An der Wand läuft ein Flachbildfernseher. Wahrscheinlich ein Motivationsfilm für die Facebook-Angestellten.“ 

Nein, es ist ein Werbefilm für Besucher – so wie inzwischen in praktisch jeder Firmenzentrale. Wer so wenig an der Wahrheit interessiert ist, der übersetzt natürlich auch mal falsch. Typisch für jeden Facebook-Ableger sind jene Motivationsplakate wie „Move fast, break things“. So sieht das dann in Dublin aus (Foto: Facebook):

_MG_7392

Ein anderes heißt „Stay humble“. Was sinngemäß meint: „Nimm dich nicht so wichtig“ oder „Spiel dich nicht auf“. Oder man übersetzt wörtlich „Bleib demütig“. Was Schröder gleich nochmals erregt:

„Wem gegenüber sollen die Angestellten, wem gegenüber soll ich demütig bleiben? Der großen Maschine Facebook? Einer Maschine, die all unsere Ideen, unsere Vorlieben, all unsere Privatfotos aufsaugt? Die sie dann in Algorithmen zerlegt und umrechnet, um sie dann an die Werbebranche zu verkaufen?“

Na ja, oder vielleicht demütig gegenüber der eigenen Aufgabe? Dass Journalisten mit der Vorstellung, Demut gegenüber ihrer Aufgabe in der Gesellschaft zu haben, nicht viel anfangen können, weiß ich seit dem vergangenen Jahr, als ich genau dies einforderte – und auf Twitter wütende Gegenreaktionen erntete.

Als Schröder erfolglos das Facebook-Büro verlässt, hat sich das Problem denn auch erledigt. Das bewusste Foto ist gelöscht und natürlich muss unserer tapferer Ritter zumindest so tun, als habe er dazu beigetragen:

„Entweder, weil die „Melde“-Funktion auf Facebook tatsächlich funktioniert hat. Oder, weil ich am Empfangstresen des Internet-Riesen ein Beschwerde-Formular ausfüllen durfte, das die junge Facebook-Mitarbeiterin dann nach Kalifornien ins Headquarter geschickt hat. Per Fax, ganz altmodisch.“

Ziemliche Sicherheit dürfte derjenige haben, der das Foto digital gemeldet hat – denn Facebook klärt den Meldenden ja darüber auf, wie der Prozess verlaufen ist.

Nun hat Facebook ja wirklich ein Kommentarproblem. Doch ist es eben nicht so einfach mit den Löschungen, darüber schrieb ich meine Meinung vor einigen Tagen und weiter bin ich der Meinung, dass Facebook hier mehr Verantwortung übernehmen muss, die Folgen uns möglicherweise aber nicht gefallen werden.

Auch in Sachen Kommunikation wünschte ich mir mehr Offenheit – nicht nur in der Kommentar-Debatte. Doch wer als Journalist regelmäßig über Facebook schreibt, der bekommt – wie in jeder Branche und jedem Unternehmen – einen kurzen, schnellen Draht zur Presseabteilung, zum Beispiel in Person von Tina Kulow, die einen guten Job macht. Für diese Journalisten ist es auch normal geworden, bei allen möglichen Fragen ihrer persönlichen Kontakte auf Faceobook Tina in den Kommentaren zu markieren. Sehr, sehr oft meldet sie sich dann auch zu Wort.

Was sie nicht verhindern kann: Facebook ist ein amerikanisches Unternehmen. Und amerikanische Unternehmen kommunizieren in einer merkwürdigen, militärisch anmutenden Art: alle sind auf Linie. Im Gegenzug musste ich bei den meisten US-Unternehmen, mit denen ich im Laufe meiner Zeit als Journalist zu tun hatte, nie ein Interview abstimmen (auch bei Facebook nicht, allerdings ist diese Erfahrung etliche Jahre alt). Sprich: Wer als Journalist ein Interview bekommt, hat größere Freiheiten als gegenüber deutschen Führungskräften.

Ich aber rätsele, was so einen wie Schröder antreibt, derartiges aufzuschreiben. Weiß er wirklich nicht, wie man eine Adresse und einen Kontakt ergoogelt? Hat er wirklich keinen Kontakt in den Zentralredaktion, um einen kundigen Redakteur nach einem Ansprechpartner zu fragen? Weiß er tatsächlich nicht, wie es in Unternehmen zugeht?

Dann wäre er inkompetent.

Oder hegt er einen derart großen Hass gegen Facebook, das er alles tut, um seinen Leser zu täuschen, ja, man muss sagen: zu belügen? Immerhin lassen sich ja durchaus antikapitalistische Tendenzen aus seinen Äußerungen zum Thema Werbung herauslesen.

Glaubt er wirklich, dass dies funktioniert? Der normalmenschliche Reflex im digitalen Zeitalter ist ja bei vielen der Versuch, diese beschriebene (angebliche) Geheimniskrämerei selbst zu erkunden. Beschreibungen wie die von Schröder sind eine Einladung zum Selbst-Googeln. Und dann stellen seine Leser flott fest, was für einen Unfug er geschrieben hat.

Und wie fühlt sich einer wie Axel Schröder, wenn er den „Veröffentlichen“-Button klickt? Ich stelle mir das so vor, wie in einer Anekdote, die mein Lehr-Herr Ferdinand Simoneit uns Volontären erzählte. Die vom Politikredakteur des „Schwarzwälder Boten“, der einen wütenden Kommentar gegen den Bundeskanzler schreibt und sich dann zufrieden zurücklegt und seufzt: „Dem hab ichs mal wieder richtig gezeigt.“

Dass Schröders Leser nicht so dumm sind, wie er vielleicht glaubt, zeigt sich in den Kommentaren unter seinem Blog-Artikel. 18 sind es, die meisten sind ein klein wenig fassungslos über das Gelesene.

So wie ich auch. Es ist mir unverständlich, wie Journalisten – noch dazu mit einem öffentlich-rechtlichen Hintergrund – sich derart weit von ihren beruflichen Grundtugenden entfernen. Allein: Ich beobachte eine steigende Zahl von ihnen.

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