One does not simply criticise Krautreporter

by Thomas Knüwer on 19. Juni 2015

Von wem stammen die folgenden Sätze?

“Mittlerweile haben wir rund 3.000 Mitgliedschaften zusätzlich verkauft. Das ist ein ordentlicher Umsatz, den in Deutschland nicht viele mit Online-Journalismus machen.”

“Man muss zwischen dem Branchentalk, also dem was in den Twitter-Filterbubbles debattiert wird, und dem, was tatsächlich passiert unterscheiden. Die 18.000 Menschen, die uns unterstützen, kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen und sind in der Masse nicht die, die sich in den sozialen Netzwerken beschweren.”

Wer sich eingehender mit Medien beschäftigt, kennt den Duktus und die Argumentation – von Print-Verlagen, die mit aller Macht Paid Content durchsetzen wollen. Und wenn dann jemand einwirft, dass es schwer werden könnte, darüber ein Angebot zu finanzieren, oder wer die Qualität des Dargebotenen kritisiert, der muss sich vorwerfen lassen zu einer ominösen Gemeinde oder Filterblase zu gehören.

krautreporter

Nur: In diesem Fall kommen die Aussagen aus einer ganz anderen, eigentlich deutlich digitaleren Richtung: Krautreporter-Geschäftsführer Sebastian Esser und -Chefredakteur Alexander von Streit. Sie gaben dem Branchendienst Meedia ein Interview, das so derart an Erbrechtmedienhäuser erinnert, dass es den Leser gruselt – gleichzeitig aber eines der größten Probleme der Krautreporter offenlegt.

In den vergangenen Monaten hatte ich immer wieder mal Anlauf genommen, etwas über das crowdgefundete Journalismusprojekt zu schreiben. Jedes Mal aber nahm ich wieder Abstand, weil irgendwo irgendwer wieder einwarf, dass die Krautreporter doch Welpenschutz genössen, sich erst finden müssten, noch immer am Anfang stehen.

Doch wie lang soll dieser Anfang dauern?

Wir erreichen nun den Punkt, da die Crowd-Investoren angeschrieben werden, um sie um den Abschluss regulärer Abos zu bitten. Spätestens jetzt sollten wir wissen, wofür das Projekt steht. Doch eigentlich wissen wir vor allem, wofür es nicht steht. Zum Beispiel für Weiterentwicklung oder Fortschritte.

Denn die Kritikpunkte zur Zeit des ersten Geldsammelns bestehen für mich exakt so weiter. Die Bugwelle, mit der die Krautreporter heranrauschten, war gewaltig. Dies sorgte schon damals für reichlich Kritik. Zu keinem Moment entstand der Eindruck, die Verantwortlichen nähmen sich dieser durchaus fundierten Kritik an, begriffen sie im Sinne des alten Spruchs “Kritik ist Liebe”.

Stattdessen reagierten sie indigniert bis pissig. Noch gestern begegnete mir solch eine Reaktion bei einem Journalisten, den ich für einen der besten in Deutschland halte: Jens Weinreich. Einen fundiert-kritischen Blog-Artikel von Christian Jakubetz kommentierte Weinreich so:

Nur Supi-Dupi-Journalisten dürfen also Supi-Dupi-Journalisten kritisieren. One does not simply criticise a Krautreporter, um es mit einem “Herr der Ringe”-Meme zu sagen.

Bemerkenswert ist dabei, dass Esser und von Streit im Meedia-Interview sogar zu Geschichtsklitterung greifen:

“Esser: Ich habe nie versprochen, den Online-Journalismus zu reparieren oder zu retten. So ein Satz ist nie gefallen. Wer wollte so ein Versprechen auch einhalten? Es handelt sich ganz offensichtlich um eine Projektion. Wenn man nochmal liest, welches Problem wir beschrieben haben, dann stimmt die Diagnose unverändert: Die Werbefinanzierung von Journalismus verändert ihn im Netz zum schlechteren. Wir haben versprochen, es anders zu machen. Und das haben wir getan.

Von Streit: Das hat sich wirklich arg hochgeschaukelt. Wir haben tatsächlich gesagt: Der Online-Journalismus ist kaputt. Der letzte Satz dieser etwas längeren Passage war dann: Wir bekommen das wieder hin. Die Erwartungshaltung mit der viele Leute in die Unterstützung und Beobachtung des Krautreporter-Projektes gegangen sind, ist einfach extrem hoch. Wir werden meistens nicht an dem Tatsächlichen, sondern an der Erwartungshaltung gemessen.”

Nun, schauen wir uns doch an, was damals zu lesen war:

Krautreporter2

Der Satz ist nie gefallen? Es ging um die Werbefinanzierung? Vielleicht ist dies eine subjektive Wahrnehmung – aber ich lese diese Passage komplett anders. Und anscheinend bin ich ja nicht der einzige. Denn dieser kühne Satz mit dem kaputten Onlinejournalismus ist den Krautreportern schon damals um die Ohren gehauen worden. Zu keinem Zeitpunkt kam einer der Verantwortlichen auf die Idee zu sagen: “Ok, ok, wir haben uns vergallopiert – lasst uns nochmal neu reinkommen in unsere Beziehung.”

Auch die graue Vermengung von Sparker und Krautreporter wurde nie so richtig offen gelegt. Jene Plattform programmierte den wenig freudvollen Auftritt der Krautreporter zwar kostenlos, fungierte danach aber als technischer Dienstleister. Das wäre unbedenklich, wenn nicht Krautreporter-Geschäftsführer Sebastian Esser gleichzeitig einer der zwei Geschäftsführer von Sparker wäre. Wie hätten die kritischen Krautreporter-Reporter wohl darüber berichtet, wenn es nicht um sie ginge?

Ständig schwang in der Geschichte des Projektes Arroganz mit. Man mache alles richtig, man müsse Verständnis haben, Kritiker seien nur Nörgler und Neider. Das hat sich bedauerlicherweise bis heute nicht geändert. So sagt der von mir hoch geschätzte Alexander von Streit im Meedia-Interview: “Wir werden… an den Erwartungen gemessen.”

JA, WORAN ZUR HÖLLE DENN SONST?

Zur Messung einer Leistung bedarf es einer Messgröße. Für die Messung einer qualitativen Leistung gibt es keine objektiven Maßstäbe. Also entsteht Enttäuschung oder Begeisterung aus der Differenz von Erwartung und wahrgenommener Qualität. Wenn von Streit dies nun kritisiert, benimmt er sich wie ein Restaurantbesitzer, der ein Menü auf Sterne-Niveau ankündigt, Tiefkühlkost auftischt und sich dann beschwert, wenn seine Gäste das nicht so dolle finden.

Wobei er natürlich in einem Punkt Recht hat: Es ist eine massive Fehlwahrnehmung entstanden, denen die Krautreporter allerdings auch nie entgegen getreten sind (vielleicht, weil sie half, Geld einzusammeln). Denn in ihren ersten Missionstexten hat die Seite nie den Eindruck vermittelt hochgradig investigativ zu sein. Wer sich die Texte heute durchliest, stößt auf Sätze wie: “Wir möchten Erklärjournalismus groß machen, der interessant, aber nicht hechelnd die Welt Stück für Stück in Ruhe erklärt.” Tatsächlich ist es (wenn ich es richtig sehe) nicht gelungen, auch nur Story zu veröffentlichen, die in das Feld des Investigativjournalismus fällt.

Gestern wurde der Grimme Online Award verliehen. Es ist schon bezeichnend, dass die Krautreporter es nicht auf die Nominiertenliste eines Preises geschafft haben, der einerseits journalistische Qualität unterstützt, andererseits bereit ist, sympathische Projekte zu unterstützen, selbst wenn sie nicht überbordende Geldmittel haben. Im Gegensatz zu den Krautreportern wurde das gemeinnützige Recherchebüro Correctiv für seine fantastische Recherchereise zum Abschuss des Flugs MH17 ausgezeichnet. Genau solch ein Stück ist den Krautreportern in diesen neun Monaten nicht einmal ansatzweise gelungen. Das war vielleicht auch nicht das Ziel, doch hatten viele in der Medienbranche dies erhofft und erwartet.

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Aber was gab es nun? Vor allem lange Artikel.

Thematisch war eine substanzielle Zahl dabei, die tatsächlich an anderem Ort noch nie aufgeschrieben wurden. Bei einigen war dies nicht verständlich, bei anderen schon. Allein: Es waren auch zu viele, die sehr, sehr beliebig daher kamen. Um ein Beispiel zu bringen: Einen Arzt zur gesellschaftlichen Debatte über Fettleibigkeit zu interviewen, gehört nicht zu den kreativen Meisterleistungen. Ebenso wenig wie der morgendliche Newsletter: Drei Nachrichtenthemen herauszugreifen und dann auf bevorzugt große Nachrichtenseiten zu verlinken – dafür braucht es keine Krautreporter.

Die allermeisten dieser Geschichten waren noch dazu zu lang. Es ist nicht den Krautreportern vorzuwerfen, dass es insgesamt zu wenige Autoren in Deutschland gibt (und ich fürchte: ihre Zahl sinkt eher), die in der Lage sind, eine lange Reportage so aufzubauen, dass der Leser durch eine emotionale Berg- und Talfahrt geschickt wird, an einer Geschichte mitleidet und am Ende das Gefühl hat, seine Zeit sinnvoll investiert zu haben.

Vorzuwerfen ist ihnen aber, dass sie nie den Versuch unternommen haben, mit Erzählformen zu experimentieren. Bilder, Videos, Töne – all das gibt es schon. Wo aber war der mutige Versuche, Dinge anders zu machen.

Noch einmal Grimme Online: Ausgezeichnet wurde gestern der Schweizer Journalistenschüler Daniel Barben für “Mamour, mon amour”. Ganz reduziert und ohne Möglichkeit des Vorspulens erzählt er die Liebesgeschichte einer Schweizerin und einem Senegalesen ohne gültige Papier. Man muss das nicht mögen: Doch es ist radikal anders. Solch ein Stadium haben die Krautreporter nie erreicht.

Seien wir ehrlich: Der Normalzustand der Krautreporter war gepflegtes Mittelmaß. Nicht mehr, nicht weniger. Und vielleicht deshalb tauchten Artikel der Seite im von den Machern so verächtlich als Filterblase titulierten Social Web nur selten auf. In meinen Streams auf Facebook und Twitter wurden keine Krautreportagen weitergereicht, auf Rivva tauchten sie ebenfalls kaum auf. All dies ist ein Zeichen, dass die Artikel nicht die Qualität mitbrachten, um von Menschen impulsiv geteilt zu werden. Nur ganz selten wollte man eine der Storys jemand vor die Nase halten und mit leicht zittriger Stimme sagen: “Hast Du das gelesen? Musst Du lesen!”

Dass es trotzdem gelungen ist, 3.000 Abos zu verkaufen, ist ein Erfolg. Und vielleicht bin ich auch nicht die Zielgruppe. Genauer: Ich bin ganz sicher nicht die Zielgruppe, denn wahrscheinlich werde ich nun ebenfalls als Nörgler bezeichnet. Nur bin ich eben auch Kunde von Krautreporter und einer der Crowd-Geldgeber. Und deshalb nehme ich mir heraus zu sagen: Das Projekt Krautreporter scheitert nach meiner Meinung an einem Mangel an Selbstreflexion und Kritikfähigkeit.

Wenn mich Esser dann in der angekündigten Mail fragt, ob ich ein Abo abschließen möchte, werde ich dankend ablehnen.

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