re:publica ist, was man draus macht #rp15

by Thomas Knüwer on 14. Mai 2015

Man kommt ja zu nix, in diesen Tagen. Nicht mal zum jährlichen Fazit der re:publica. Dabei waren es auch in diesem Jahr drei anregende, wundervolle und warmherzige Tage.

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Wenngleich mangelnde Veränderung gleich zweifach ein dominierendes Thema war. Da wären zum einen jene, die demonstrativ nicht kommen oder lautstark absagen. Das geht bereits länger so und nicht nur für mich wirken Tweets wie “Das Geld spar ich mir lieber” oder “Wer will da schon hin” angesichts einer wieder mal gestiegenen Besucherzahl – diesmal auf 7.000 – peinlich. “Nichtachtung ist die schlimmste Form der Strafe”, sagte mein journalistischer Lehr-Herr Ferdinand Simoneit immer – und vielleicht lernen einige bis zum kommenden Mai diesen Satz. Nicht hinfahren, ignorieren, schweigen.

IMG_9688Leider gab es in diesem Jahr zwei Menschen aus Digitalien (die ich beide sehr schätze), die so lautstark ihre Abstinenz verkündeten, dass es schmerzte (nein, nicht Sascha Lobo). Denn wenn als Begründung angeführt wird, dass auf der re:publica über ein Thema diskutiert wird, dem man selbst kritisch gegenübersteht, oder ein Redner oder eine Rednerin eine große Bühne zugewiesen bekommt, die man nicht mag, dann habe ich damit ein Problem. Denn würde dies von jemand anders so gesagt, würden diese Personen sofort von Zensurbegehren schreiben.

Und schließlich steht es ja jedem offen, die Agenda der rp zu verändern – mit eigenen Vortrags- und Panel-Ideen. Der Journalist Friedemann Karig ist ein Beispiel dafür: “Die Abschaffung der Wahrheit” ist einfach mal eine gute, interessante Idee, die Karig unterhaltsam vortrug:

Ein anderes Beispiel war Karyn Riegel, die über die Verbreitung von Food Trends sprach und anschließend zu einer Kostprobe von Tofu-Burgern mit Rezepten aus IBM’s Watson-Programm lud (leider ohne Kameras).

Oder Thomas Wiegold und Sascha Stoltenow, die mit trockenem Humor die digitale Kommunikation des Islamischen Staates mit Corporate Communication verglichen.

Mein persönlicher Höhepunkt: der 89-Jährige Zygmund Bauman zum Wandel der Privatsphäre zur Öffentlichkeit:

Es gibt keine andere Konferenz, die ein derart breites Themenspektrum abdeckt, von Quantenphysik über Inklusion, Journalismus in Afrika bis zur Reform des deutschen Gesundheitssystems. Dies haben wir ein klein wenig in unserem Digitalen Quartett abzubilden versucht:

Vielleicht verfing wegen dieser Vielfältigkeit das Oberthema nicht recht: “Finding Europe” klang bemerkenswert konkret. Doch niemand rief “Heureka!”, weil er Europa gefunden hatte und so recht suchen mochten nur die wenigsten. Es war ein zeitgemäßer Versuch, dieses Oberthema – funktioniert hat es aus meiner Sicht nicht.

Die re:publica ist auch der einzige Ort, den ich kenne, an dem sich eine Aktivistenszene und Vertreter der Wirtschaft und (manchmal) der Politik begegnen. Manchmal kommen diese beiden Seiten dann auch auf der Bühne ins Gespräch, zumindest wenn die Moderatorin Eva Schulz heißt und Metro-Frau Carmen Hillebrand sowie Wurst-Aktivist Hendrik Haase beim Foodblogger-Panel die richtigen Fragen stellt. Solche Momente noch stärker zu fördern sollte ein Thema für die re:publica 2016 werden.

Was sich auch nie ändert: Die Berichterstattung klassischer Medien. Gut, sie ist nicht mehr so gehässig wie früher, aber die Handreichung für Journalisten aus dem vergangenen Jahr war weitestgehend auch 2015 z gebrauchen.

“Die ganze Aktivisten haben ja nichts erreicht”, schrieb die klassische Presse in diesem Jahr. Das ist einerseits nicht falsch, zeugt aber auch von einer erstaunlichen Selbstwahrnehmung. Denn wenn nichts erreicht wurde, NSA & Co. weiter überwachen, die Kanzlerin das nichts kümmert, Sigmar Gabriel in Gestalt der Vorratsdatenspeicherung Deutschland weiterhin zum Überwachungsstaat machen will – dann sind eben auch die Journalisten gescheitert.

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Denn die großen Medienmarken halte sich selbst doch zugute, die Welt verändern zu können, die vierte Macht im Staate zu sein. Sie haben zu spät die Tragweite all dessen erkannt, was in den vergangenen zwei Jahren passiert ist. Doch geschrieben haben sie viel und tief und oft genug wütend. Mokieren sie sich nun über Aktivisten ohne Erfolgsbilanz, so richtet sich diese Kritik auch gegen sie selbst.

Und schrieben nicht immer alle, Deutschland sei in Sachen Datenschutz etwas Besonderes? Weil hier Nazis und SED Überwachungsstaaten geschaffen hatten und deshalb die Bürger besonders sensibel seien? Müssen wir angesichts der öffentlichen Larmoyanz im Angesicht des amerikanischen Cyberkriegs gegen die deutsche Bevölkerung diese Meinung nicht revidieren?

Bemerkenswert war für mich in diesem Jahr das noch einmal gestiegene Interesse an Panels zu Blog-Themen: Jede der Diskussionen war bestens besucht, manche überfüllt. Ich könnte verstehen, wollten die Organisatoren nicht mehr als Bloggerkonferenz wahrgenommen werden. Doch das hohe Interesse am Bloggen sollte sich 2016 vielleicht stärker im Programm widerspiegeln.

Dann darf es auch wieder optisch bunter werden. Zwei Jahre haute uns das Design der Konferenz um. Diesmal war es grau und grün und – langweilig.

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Aber vielleicht war dies nur der Anlauf für das bunte, opulente Jubiläumsjahr. 10 wird die rp 2016. Hätte damals jemand gesagt, dass aus den 300 oder 400 Leuten, die sich auf den wackeligen Stühlen der Kalkscheune zusammenfanden, etwas derartiges entsteht, wir… hätten es vielleicht geglaubt.

Denn die re:publica war damals gefühlt die richtige Idee zur richtigen Zeit. Genauso wie jetzt der Plan von den rp-Mitgründern Tanja und Johnny Haeusler, ein Festival für digitale Jugendkultur mit Namen Tincon zu gründen.

Deshalb mal im kommenden Jahr absagen, wer will. Die re:publica ist, was jeder für sich daraus macht. Und ihre steigende Besucherzahl zeigt, dass jede Menge Menschen geneigt sind, dieses Prinzip zu verinnerlichen.

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