“Die Zeit”: Absturz eines Mythos

by Thomas Knüwer on 26. März 2015

Vielleicht hat Sabine Rückert Flugangst. Man weiß das nicht, aber es wäre eine fast schon sympathische Erklärung für eine bemerkenswerte journalistische Fehlleistung: die aktuelle Titelgeschichte über den Absturz des Germanwings-Fluges in Frankreich.

zeit mythos

“Absturz eines Mythos”, steht da und der Kranich geht in den Sinkflug. Und: “Wenn eines sicher war, dann die Lufthansa. Das furchtbare Unglück der Germanwings rührt am Selbstverständnis des Konzerns – und der Nation.”

Welch donnernde Worte.

Für alle, die diesen Artikel nicht sofort lesen, sei kurz der Sachstand festgehalten in dem Moment, da “Die Zeit” in Druck ging: Es ist an diese Mittwoch Nachmittag vollkommen unklar und geradezu rätselhaft, weshalb die Maschine nach Erreichen des französischen Festlandes in einen kontrollierten Sinkflug ging und dann zerschellte, ohne das ein Notruf abgegeben wurde. Erst am Donnerstag Morgen, “Die Zeit” ist längst im Verkauf, erfahren wir, dass der Co-Pilot den Piloten aus dem Cockpit ausgeschlossen hat und die These eines Selbstmordes die wahrscheinlichste ist.

Schon als das Hamburger Blatt auf Facebook und Twitter am Mittwoch seine Titelseite teilt, hagelt es Kritik. Geschmacklos sei es, derartige Zeilen zu veröffentlichen, nicht einmal 36 Stunden nach dem Absturz. Und dann den Eindruck zu vermitteln, die Lufthansa selbst sei durch Sicherheits-Schludereien Schuld am Unglück. Ähnliche Kritik mussten sich auch andere Medien anhören, doch ist die Stellung der “Zeit” eben eine besondere: Sie geriert sich als das ausgeruhte Wochenblatt, bei dem tief nachgedacht wird.

zeit titel lufthansa

Die Kritik wurde so deutlich, dass die Social Media-Redaktion doch bat, man möge jene Geschichte erst einmal lesen: “…wir möchten anregen, zuerst die Geschichte zu lesen, bevor Sie sich ein Urteil bilden”.

Nun gut, das habe ich gerade gemacht. Allein, besser macht es die Sache nicht – im Gegenteil.

Zwei Seiten und vier Geschichten umfasst der Schwerpunkt, platziert ist er im Wirtschaftsteil. Um eines vorwegzunehmen: Warum das Selbstverständnis “der Nation” angerührt sein soll, das werden die Leser nie erfahren. Dafür lesen sie in einem kurzen Interview mit einem Flugunfallermittler, dass er nichts weiß und man doch abwarten möge – was eine “Zeit” selbstverständlich nicht abwarten lässt.

Denn eine “Zeit” weiß ja, was passiert ist: Die Lufthansa hat an der Sicherheit gespart und deshalb mussten Menschen sterben. Das steht so explizit selbstverständlich nicht in dem Artikel. Doch nutzt das Blatt sämtliche, vor allem aus dem Boulevardjournalismus bekannten Manipulationsmöglichkeiten, um den Lesern diese These unterzujubeln.

So ist die Haupstory überschrieben mit:

“Ein Glaube zerschellt.
Sicherheit war das große Plus des Lufhansa-Konzerns. Der Absturz stellt alles infrage”

Die Autoren Claus Hecking und Claas Tatje drücken erst auf die Tränendrüse (Szenen aus dem Gymnasium, auf das die verunglückte Schülergruppe ging) und baut dann die Lufthansa auf (“Symbol des Wirtschaftswunders”). Dann führt man die beiden Seiten zusammen – die Rollen für “Gut” und “Böse” sind natürlich klar verteilt.

Und wessen Weltbild so simpel ist, dem fließen auch Textkonstruktionen ganz locker in die Tastatur wie jene über Lufthansa-Chef Carsten Spohr:

“Er setzt mehr auf billig. Und jetzt muss er der Weltöffentlichkeit 150 Tote erklären.”

In diesem voreingenommenen Duktus des Boulevards geht es munter weiter. In keiner Sekunde lässt “Die Zeit” Zweifel daran, dass sie weiß, was selbst Luftfahrtexperten noch nicht zu wissen glauben: Die Einrichtung einer Discount-Airline in Gestalt von Germanwings/Eurowings führt zu einer Vernachlässigung der Sicherheit. Natürlich darf man das so nicht schreiben – journalist deutet mit der Sanftheit einer Abrissbirne die Zusammenhänge an:

“Wie können solche Dumping-Preise Gewinn abwerfen? Um überhaupt eine Chance auf nachhaltige Profite zu haben wird die Eurowings unter ganz anderen Standards operieren müssen als die Lufthansa…

Aber bedeuten viel niedrigere Kosten nicht auch viel weniger Sicherheit? Bedeuten sie nicht, dass die Flugzeuge laxer gewartet oder die Piloten schlechter ausgebildet werden als bei der altehrwürdigen Institution Lufthansa? Das werden sich nun viele Eurowings-Kunden fragen.”

Viele Fragen und selbstverständlich wird “Die Zeit” die Antworten nur unauffällig streifen, um zu verhindern, dass der Leser erkennt, wie sie lauten: Nein und Nein.

Denn viel später erst lesen wir, dass die Piloten von Germanwings und Lufthansa in den gleichen Simulatoren geschult werden und die Maschinen “in denselben Intervallen von denselben Leuten der Lufthansa untersucht und gewartet werden”. 

Das ist doof, denn es läuft der These der “Zeit” entgegen. Also müssen Zweifel beim Leser appliziert werden:

“Es soll keinen Unterschied machen, ob der Passagier eine Lufthansa-Maschine besteigt oder eine von Germanwings…

Oft haben die Flottenmanager in den vergangenen Monaten vor Schludrigkeiten im Cockpit und beim Personal gewarnt – allerdings meinten sie steht die Konkurrenten von Ryanair, nie das eigene Unternehmen. Ein Flugzeugunglück von Germanwings? Das war in Köln so undenkbar wie Rosenmontag und Aschermittwoch an einem Tag. Bis zum vergangenen Dienstag…

Darf sich die Institution Lufthansa wirklich erlauben, Billigflieger zu betreiben?”

Vielleicht werden sich die Autoren auch bei der Pilotengewerkschaft Cockpit bedanken. Denn in der jüngsten Ausgabe des “Spiegel” war ja eine bemerkenswerte Geschichte zu lesen. Eine Lufthansa-Maschine stürzte im vergangenen November mehrere tausend Meter, bis sie von den Piloten abgefangen wurde. Jeder mit journalistischer Erfahrung weiß, warum diese Information vier Monate nach dem Geschehen an die Öffentlichkeit kommt: Sie dürfte aus dem Umfeld der Pilotengewerkschaft gestreut worden sein, um die öffentliche Meinung im Tarifkonflikt zu beeinflussen. So etwas kennt man auch von Großfusionen, gemein hin wird die Info aber nicht so plump platziert (und früher übernahmen Medien solche klar von einer Seite gestreuten Informationen nicht einfach – aber diese Zeiten sind leider vorbei).

Diesen Sturz zitiert auch “Die Zeit” und kommt auf das Alter der Maschine zu sprechen. LH-Sicherheitschef Thomas Winkelmann sagt zwar, dass jenes Alter kein Problem bei regelmäßiger Wartung sei – aber solche Argumente darf eine “Zeit” nicht stehen lassen:

“Die Frage nach dem Alter der Germanwings-Flott wird sich Winkelmann trotzdem zuwenden müssen… Fast ein Vierteljahrhundert hatte die Maschine auf dem Buckel… alte Maschinen zum Aufbau einer neuen Airline.”

Im gleichen Duktus wird auch der Airbus A320 beschrieben. Über den gibt es kaum etwas Negatives zu berichten, “Die Zeit” gibt sich alle Mühe, es trotzdem zu tun. Man könnte zum Beispiel sagen, dass der 320 ein sicheres Flugzeug ist. Oder man tippt: “…der A320 sowie seine Abkömmlinge… waren und sind keine sonderlich unsicheren Flugzeuge”. Sonderlich unsicher – Zack, sofort ist der da, der Zweifel im Kopf des Lesers. Und natürlich: “Aber die A320-Familie hat bekanntermaßen auch Schwachstellen…” 22 Zeilen lang werden Vorfälle geschildert. Im darauf folgenden Absatz heißt es dann: “Airbus hat nach solchen Vorfällen die Modelle entsprechend verbessert.” 22 gegen 2 Zeilen.

Die bei seinem Start komplett neue Joystick-Steuerung wird dann noch begleitet von den pathetischen Worten: “Für viele Piloten schienen die Flugzeuge aber dem Absturz geweiht.”

Die gesamte Story atmet den Muff von “Wir haben es vorher gewusst, die Manager sind schuld”. Zynisch möchte man da darauf hinweisen, dass “Die Zeit” etwas tatsächlich vorher wusste. Denn es gibt ja noch einen Artikeln, einen zitat- und quellenfreien Besinnungsaufsatz darüber, dass wir Fliegen für sicher halten und wir bei den Nachrichten aus Frankreich nun vielleicht das Gefühl bekommen könnten, dass dem nicht so ist. In diesem eher belanglosen Stück aber taucht ein Satz auf, den die Redaktion besser beherzigt hätte: “Wenn frühere Unglücke eine Vorhersage zulassen, dann die, dass es dauern kann, bis der gesamte Hergang aufgeklärt ist.”

Wie konnte es zu dieser journalistischen Fehlleistung kommen? Interessant ist, dass sich einen Tag später, am Erscheinungstag des gedruckten Blattes, nicht Chefredakteur Giovanni di Lorenzo zu Wort meldet – sondern Sabine Rückert.

2010/11 berichtete sie über den Kachelmann-Prozess. Zunächst kritisierte sie in der “Zeit” mit harten Worten Kachelmanns Verteidigung. Dann machte sie dieser ein Angebot. Sie würde sich “engagieren“, wenn die Verteidigung “professionalisiert” würde. Sie machte auch einen Vorschlag: einen Verteidiger, der positiv über ihr Buch gesprochen und schon mal “Die Zeit” vertreten hatte.

Der Verteidigerwechsel kam und mit ihm ein Meinungswechsel bei Rückert. Der Mediendienst Meedia bezeichnete ihren Kachelmann-Prozess-Artikel vom April 2011 als “Machwerk”:

“Aber niemand hat im Fall Kachelmann eine derart beschämende Rolle gespielt wie die preisgekrönte Zeit-Autorin Sabine Rückert, die auf dem besten Weg ist, ihren Ruf als Journalistin zu ruinieren, indem sie die Rolle der Berichterstatterin mit der einer handelnden Prozesspartei verwechselt und im Ergebnis als agitatorische Kraft die “Gegenseite” mit böser Polemik in die Knie zu zwingen versucht. Wer ihren Gerichtsartikel in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung (“Kachelmanns Frauen”) liest, stellt sich am Ende nur eine Frage: Warum lässt man diese Autorin, die so brachial die Nähe zur Verteidigung gesucht und gefunden hat, in dieser Weise das Renommee eines Blattes wie der Zeit missbrauchen? Warum lässt man ihr solch menschen- und frauenverachtenden Nonsens durchgehen, bei dem zweifellos Geschädigte geradezu verhöhnt werden, ohne wenigstens auf die Voreingenommenheit der Schreiberin hinzuweisen? Oder genauer: auf deren Missbrauch ihrer medialen Macht.”

Sabine Rückerts Karriere hat das nicht geschadet, sie ist heute stellvertretende Chefredakteurin. Und in dieser Funktion schien sie den Hut aufgehabt zu haben in Sachen Titel. Weshalb sie nun versuchen muss, unbeholfen die Wogen zu glätten:

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Bin ich der einzige, der findet, dass dieser Text merkwürdig wirkt? Gerade so, als habe Rückert zu diesem Zeitpunkt nichts von der Möglichkeit eines Suizids gewusst? Nur erschien jener Text eben, als diese Information draußen war.

Entlarvend wird es, wenn sie schreibt, der Titel werde missverstanden, weil die Ursache des Absturzes nicht bekannt sei. Denn dann hätte die Redaktion hier einen bewusst missverständlichen Titel abgeliefert – sie selbst kannte die Hintergründe ja nicht.

Vollkommen missverständnisfrei stellt sich der Titel aber dar, nimmt man einfach an, was auch die Autoren annahmen: dass die Germanwings-Maschine wegen technischer Probleme in Zusammenhang mit Billigwartung abgestürzt ist. Dann ergibt all das einen Sinn. Dann aber müsste “Die Zeit” eingestehen, dass sie Bockmist gebaut hat. Und das würde am Selbstverständnis kratzen. Denn keine Redaktion geriert sich unangreifbarer als die am Speersort. Sie macht keine Fehler, das signalisiert das gesamte Auftreten auf Podien und der Öffentlichkeit. “Die Zeit” ist unangreifbar, eine moralische Instanz, die “Zeit” ist der Papst unter den journalistischen Medien. Weshalb “Absturz eines Mythos” auch weiterhin über der Facebook-Seite der “Zeit” zu finden ist – trotz fast ausschließlich negativer Reaktionen.

Wenn die aber spekulieren darf, tu ich das auch mal. Denn ich glaube, es ist Folgendes passiert: In der vorletzten Ausgabe des “Manager Magazins” war nämlich Lufthansa-Chef Spohr auf dem Cover. Die Story analysierte mit deftigen, aber kundigen Worten seine Wings-Strategie und erläuterte zahlreiche Hürden und Herausforderungen.

Es ist nichts Neues, dass andere Redaktionen – “Die Zeit” ist nicht die einzige – solche Geschichten “nachklappern”, wie es im Branchenjargon heißt. Und vermutlich stand eine solche LH-Management-Geschichte auf dem Themenplan. Also wurde sie aktualisiert und aufgeblasen, verlor dabei aber ihren eigentlichen Sinn. Dann noch schnell eine A320-Story zusammenschrubben, ein Kurzinterview führen und einen Besinnungsaufsatz ohne Recherche – fertig ist das Themenpaket. Rückert will zeigen, dass sie “aktuell” kann.

Wir dürfen auch vermuten, dass Chefredakteur Giovanni di Lorenzo gerade nicht im Haus weilte, vielleicht macht er Urlaub. Wovon wir aber auch ausgehen dürfen: Er hat diese Seite 1 auch gesehen und sie zumindest nicht verhindert. Denn ich habe bisher keinen Magazin-Chefredakteur kennengelernt, der nicht auch im Urlaub zumindest auf seine Seite 1 draufgeschaut hätte – das gebietet schon die Berufsehre (und oft das eigene Ego).

Die Pseudo-Entschuldigung von Sabine Rückert wird die Wogen nicht glätten. Nötig wäre ein echter Kotau mit deutlichen Worten. Und vielleicht bleibt der öffentliche Meinungsdruck so hoch, dass wir Entsprechendes in der kommenden Ausgabe lesen, diesmal aber vom Chefredakteur.

Doch genau diese Behäbigkeit zeigt: Der Absturz hat nicht am Selbstverständis der Nation gerührt, nicht an dem der Lufthansa – und am Selbstverständnis der  “Zeit” erst recht nicht.

Zu den sonstigen Fehlleistungen deutscher Medien lesen Sie bitte den hervorragenden Beitrag im Bildblog. 

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