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Germanwings: Der Finanzkrisenmoment der Journalisten

„Du kannst Dir das nicht vorstellen: Da brechen erfahrene Banker vor mir in Tränen aus.“

Das sagt mir eine Person, mit der ich studiert habe, Ende der Nuller Jahre. Sie ist im Bereich Personalberatung/Coaching tätig und führte damals Seminare für Mitarbeiter einer der deutschen Großbanken durch. Diese baute im Zuge der Finanzkrise Mitarbeiter ab. Doch es ging nicht nur um jene, die nach teils langen Jahren beim immer gleichen Arbeitgeber ihren Job verloren. Die gesamte Belegschaft war erschüttert, einerseits durch das, was auf den Finanzmärkten passiert. Viel wichtiger aber: durch den Absturz des sozialen Status im Privaten.

Jene Mitarbeiter berichteten davon, von Freunden mit einem Mal drangsaliert und zu den Schuldigen der Finanzmarktkrise erklärt worden zu sein. Es habe sogar Ehepartner gegeben, die über Tage kein Wort mehr mit ihnen gewechselt hätten. Das Selbstverständnis des seriösen Geldverwalters war innerhalb kurzer Zeit in Grund und Boden geschossen worden – und das betraf Top-Management wie Schalterpersonal. Hinzu kam die hohe Identifikation mit dem Arbeitgeber: Egal ob Deutsch-, Commerz- oder Dresdner Banker: Viele der Mitarbeiter von Kreditinstituten fühlten eine hohe Verbundenheit mit dem Unternehmen, das nun in der Öffentlichkeit kritisiert, beschimpft und runtergeschrieben wurde.

deutsche bankDiese Phase hat das Klima in Banken verändert. Jene hohe Identifikation ist heute seltener zu finden, Zynismus grassiert, gerade das Privatkundengeschäft wirkt bei vielen Banken heute lethargisch und bürokratisch.

Ich frage mich in diesen Tagen des Germanwings-Absturzes, ob der deutsche Journalismus auf genau solch einen Finanzkrisen-Moment zuläuft, auf einen Tipping Point, der die Medienwelt dauerhaft und maßgeblich verändert.

Noch nie zuvor war Medienkritik so wütend und so heftig wie in der vergangenen Woche. Angefangen von spekulativer Berichterstattung bis zur Drangsalierung von Angehörigen und Trauernden – kaum etwas in den deutschen Medien blieb ohne heftigen Gegenwind. Und das betraf, auch wenn es verallgemeinert, praktisch alle: ARD und N-TV, „Bild“ und „Die Zeit“, RP Online und Sueddeutsche.de. Doch nur selten schien diese Kritik auf offene Ohren zu treffen. Einige wenige Online-Sites zogen Teile ihrer Berichterstattung zurück, beispielsweise RP-Online eine Foto-Klickstrecke mit trauernden Angehörigen, N24 erklärte, keine Bilder vom Haus des Co-Piloten mehr zu zeigen.

Doch im Gesamtbild waren dies Ausnahmen, die meisten machten einfach weiter. Begründung: Die anderen machen es auch so, was sollen wir da ändern?

Das ist bequem wie fatal. Denn dieses Vorgehen kollidiert mit zwei Verschiebungen in der Medienwelt:

1. Professionelle Krisenreaktion

Egal ob Lufthansa-CEO oder Polizeikräfte: Das Krisentraining aller, die in eine Krise geraten könnten, ist heute weit professioneller als noch vor 10 Jahren. Und dabei wird die Abschirmung der Medien (oder zumindest deren Beeinflussung) mitgedacht. Wie absurd waren heute im ZDF-Morgenmagazin die Bilder vom Besuch der Angehörgen der japanischen Absturzopfer an der Gedenkstele in Frankreich? Polizei-Wagen fuhren vor, um der Kamera-Horde den Blick auf die Trauernden zu verwehren. Das zeigt, wie vorbereitet die Polizei auf mediale Berichterstattung ist. Was passierte? Die Kameras filmten sich gegenseitig, wie sie nicht filmen konnten, was sie filmen wollten.

Gleichzeitig gieren immer mehr Nachrichtenangebote (und ich finde der englische Begriff News Outlets passt da viel wunderbarer) nach Bildern zur Illustration, Aufmachung, für Klickstrecken und Filme. Also steigt der Anteil der sich selbst fotografierenden, filmenden und interviewenden Journalisten. Die Menschen bekommen einen Eindruck davon, wie groß und unbarmherzig die Objektivmeute des 21. Jahrhunderts ist. Und ich behaupte: Wer diese Bilder sieht, möchte niemals in den Autofokus dieser Meute geraten.

2. Steigende Medienkompetenz

Nicht nur diese Bilder sorgen dafür, dass die allermeisten Menschen heute zumindest glauben, eine bessere Vorstellung über die Funktionsweise von Medien zu haben. Überall wird genau das ja thematisiert: im Dschungelcamp, im Social Web, auf Medienseiten. Natürlich entsteht so auch die Vorstellung von der Lügenpresse: Die Menschen machen sich heute wesentlich mehr Gedanken darüber, wie Medien funktionieren als vor zehn oder 20 Jahren.

Nun rächt sich, dass eine Reihe Großkopferter der Branche etwas für ihre Unternehmen in Anspruch genommen haben, was sie schon lang nicht mehr liefern können: Haltung. Allerdings, wie der „Journalist“ 2013 schrieb: „Haltung ist teuer, weil sie kein journalistisches Produkt ist, mit dem sich als solches Geld verdienen lässt. Haltung kostet, weshalb sie guten Journalismus auszeichnet.“

Die Öffentlichkeit fordert nun genau diese Haltung ein – und zu viele Redaktionen scheitern daran. Wenn Medienhäuser beispielsweise Fotos des Co-Piloten mit der einzigen Begründung veröffentlichen, dass andere das auch tun, so zeigen sie die Haltung von Lemmingen. Es ist das Gegenteil von dem, was sie in den vergangenen Jahren des Medienwandels für sich in Anspruch genommen haben.

Denn gerade der Germanwings-Absturz ist eine Art perfekter Sturm in Sachen Medienethik: Die ganze Welt berichtet, womit unterschiedliche Medien-Gesetze und -Rituale gelten; Kinder sind im Spiel; der Täter war mutmaßlich krank – doch ob seine Krankheit allein verantwortlich ist, darüber streiten selbst Experten; die exakten Details sind ohne Flugschreiber schwer zu analysieren; und so weiter, und so weiter.

Die offenen Fragen sind Legion. Doch es hilft nicht, sie deshalb einfach zu ignorieren. Schon längst hätten Medien beispielsweise Beiräte installieren können für solche Fälle, gewählt aus der Social-Web-Community. Diese Beiräte könnte dann in solchen Fällen als akzeptiertes Ombudsorgan agieren. Doch von solchen Modellen sind wir meilenweit entfernt. Stattdessen reagieren die meisten Redaktionen geradezu patzig auf Kritik und tun sie ab als Genöle einiger, weniger – schließlich würden die Klickzahlen ja stimmen. Scheuklappen auf, Kopf runter, durch.

Fast ist man geneigt: Es gibt eine Ausnahme, wenn auch eher durch Zufall – Spiegel Online. „Guter Journalismus macht keine Kompromisse“ stand unter einer Art Missions-Statement von Chefredakteur Florian Harms. Der Text erschien einen Tag nach dem Absturz, dürfte aber länger geplant gewesen sein. Auszug:

„Unser Anspruch ist es, jeden Tag, auch unter dem Zeitdruck eines minutenaktuellen Mediums, so exakt, ausgewogen, transparent und wahrhaftig wie irgend möglich zu berichten. Damit Sie nicht nur eine einseitige oder verkürzte Darstellung von Ereignissen bekommen, sondern sich anhand verlässlicher, häufig investigativ recherchierter Nachrichten, kundiger Erläuterungen und pointierter Meinungsbeiträge aus unterschiedlichen Perspektiven Ihr eigenes Bild von der Welt machen können. Diesem Journalismus sind wir verpflichtet, getreu dem Satz von Rudolf Augstein: „Sagen, was ist.““

Es hätte so schön sein können. Solch eine klare Aufstellung ist im Rahmen einer größeren Organisation richtig und wichtig. Wer so etwas veröffentlicht, setzt klare Leitplanken: Es ist klar, was der Chef will. Bemerkenswerterweise gibt es in Medienunternehmen solche Grundsatzerklärungen nur höchst selten in schriftlicher Form.

Allein: An der Ericusspitze hat nur noch einer das Sagen und der heißt Klaus Brinkbäumer. Der neue Print-Chef scheint dabei, den „Spiegel“ konsequent in Richtung aggressiven Boulevardjournalismus auszurichten. Erst erklärte er Digital-Unternehmen zur umstürzlerischen Weltregierung, dann stellte er Angela Merkel in eine Reihe mit Nazi-Größen, jetzt fantasiert die Redaktion in der aktuellen Ausgabe über eine Person, die sie nie getroffen hat Sätze wie:

„Er tötete, per Knopfdruck, vielleicht nur, weil er es in seiner Position und in diesen Minuten… einfach konnte; ein größenwahnsinniger Nihilist und Narziss…“

Weiter geht die Brinkbäumer-Mannschaft in Richtung Witwenschütteln, wie man es gemeinhin nur von den düstersten Momenten der „Bild“ kennt:

„Als am Donnerstagmorgen die Berichte über den Streit an der Cockpit-Tür bekannt werden, schließt ein mittelgroßer Mann mit schütterem Haupthaar noch schnell die Tür der Gartenhütte ab, bevor er ins Haus flüchtet. Gleich darauf sagt er über die Sprechanlage des Hauses nur zwei kurze Sätze: “Wir sind unendlich betroffen”…“

Harms hehres Ansinnen hat bei so einem Ober-Chef keine Chance: Auch Spiegel Online knickt ein, beginnt, den Namen des Co-Piloten zu nennen (immerhin mit Erklärung, leider lautet die „Weil die anderen es auch machen“) und veröffentlicht Artikel-Spekulatiusse wie „Was die Leiche des Co-Piloten verraten könnte“ (Antwort: nichts).

Währenddessen nehme ich vor allem im nicht-journalistischen Teil meines Social-Web-Streams immer mehr verlinkte medienkritische Artikel wahr, immer mehr Leute, die sich bisher nicht mit Medien beschäftigten und nun schimpfen. Selbst die bisher wenig kritisierte „Zeit“ bekommt mit einem Mal die volle Breitseite und reagiert mehr als unbeholfen darauf. Und heute reichen diese Menschen den aufrührenden Blog-Post eines Schülers des Gymnasiums in Haltern herum, der jedem zur Lektüre empfohlen sei.

Nachtrag vom 31.3.15: Der Schüler muss sich nun Einschüchterungsversuche von Seiten Spiegel-TV gefallen lassen – auch so eine bemerkenswerte Mediengeschichte. 

Medienkritik wird Mainstream – und den Medien scheint es egal zu sein. Vielleicht auch, weil Journalisten sehr abgeschirmt in ihrer eigenen Filterblase leben. Das ist nichts Neues, schon Ende der 80er zeigte der Münsteraner Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg für das „Spiegel“-Spezial „Die Journalisten“, dass Journalisten vor allem mit Journalisten befreundet sind und häufig Berufstandskollegen heiraten. Daran hat sich aus meiner Sicht wenig geändert: Journalisten fehlt ganz häufig der private Kontakt zu anderen Schichten der Gesellschaft.

Dies sorgte bisher dafür, dass Medienkritik nicht mit voller Wucht traf. Doch kommt seit dem Wochenende ein neues Element hinzu: Journalisten, die sich ihrer Profession schämen. Hans Hoff, einer der bekanntesten Medienautoren der Republik, hat es bei DWDL so geschrieben: 

„Journalismus ist nurmehr ein hohles Gefäß, in das jeder füllt, was er mag oder was er meint, im Auftrag seiner Nutzer einfüllen zu müssen. Das dadurch entstehende Gemisch ist mir unerträglich geworden. Es sind Dinge zusammengekommen, die nicht zusammenkommen sollten. Ich fand mich als Journalist wieder in enger Nachbarschaft zu widerlichsten Existenzen. Ich möchte das nicht mehr. Ich bin kein Journalist mehr.“

Ein Wirtschaftsjournalist facebookt:

„Trauernde Menschen an Flughäfen, die gerade erfahren, dass ihre Verwandten abgetürzt sind und unter Tüchern und Blitzlichtgewittern abgeführt werden? Hat’s in der Tagesschau früher nie gegeben. Spekulationen über Absturzursachen? Gab’s früher nicht, als Medien noch Anstand hatten. Da wurde gewartet, bis der offizielle Untersuchungsbericht ein Jahr später vorlag. Interesse an jedem Detail über einen Menschen, der mutmaßlich einen vollbesetzten Airbus in eine Felswand gelenkt hat? Völlig unverständlich! Den Namen des Co-Piloten veröffentlichen, nachdem Untersuchungsbehörden den Co-Piloten offiziell beschuldigen und eine Traueranzeige es ermöglicht hat, dass jeder Dreijährige den Namen googeln kann?Eine Sauerei sondergleichen! Ich schäme mich für meinen Berufsstand, diese Lügenpresse und ihre permanenten Grenzüberschreitungen!“

Nachtrag: Der Journalist schreibt, er hätte dies ironisch gemeint. Auch seine Timeline hat es nicht so aufgefasst.

Es ist eine besondere Gemengelage, die da gerade zusammenkommt. Und ich glaube, sie wird nachhaltige Folgen für Journalisten haben. Denn nun ist es nicht mehr die „Lüschenbressäää!“ skandierende Pegida-Masse, die sich gegen die Medien wendet. Es sind normale Menschen abseits politischer Extreme, ja, es sind sogar Journalisten selbst.

Wir könnten vor einem wichtigen Moment in der Entwicklung der Nachrichtenmedien stehen: Wenn die Redaktionen nicht bald anfangen Ernst zu machen mit der Kommunikation mit ihren Zielgruppen und dem Einlenken in ein gesamtgesellschaftlich angeseheneres Verhalten, wird dies nicht nur wirtschaftlich Folgen haben. Genauso könnte es schon bald sein, dass Redakteure eine psychologische Betreuung so nötig haben, wie vor einigen Jahren die Banker.

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