Das Digitale Quartett #66: Deutschlands Google-Hass
13. Oktober 2014
Das Digitale Quartett live im BASE_camp
28. Oktober 2014

„Xtra“ absurd

Ich habe eine Information für Sie, die Sie möglicherweise überraschen wird: Google hat nur noch drei Jahre zu leben. 2017 ist Sense. Aus. Vorbei.

So vorhergesagt hat es im Jahr 2007 der Kölner Verleger Christian DuMont Schütte. In einem Interview mit der „FAZ“ sagte er damals:

„An meinem fünfzigsten Geburtstag im Frühjahr habe ich die These aufgestellt: In zehn Jahren ist Google tot. Ich habe in der Tat die Hoffnung, dass das, was sich jetzt im Markt befindet, übermorgen nicht mehr existiert. Die ersten Anzeichen dafür sehen Sie schon: die Ebay-Euphorie ist vorbei. Der Lebenszyklus der Internet-Ideen ist sowohl technisch wie inhaltlich ganz anders als bei herkömmlichen Unternehmen in der Old Economy. Dieser Nachteil hat den Vorteil, dass der Markt mit neuen Ideen immer wieder neu erobert werden kann.“

Weiter gestand er ein:

„Wir müssen erkennen, dass die Vertriebsform Print für die junge Zielgruppe nicht funktioniert. Sie geht nicht zum Kiosk und zahlt für Informationen.“

Sieben Jahre später hat sein Verlag eine desolate Bilanz für 2012 vorgelegt und seine Eigenkapitalquote auf magere 10,5 Prozent geschrumpft.

Es ist zu begüßen, dass DuMont trotzdem ein neues Projekt an den Start bringt. Doch es klingt wie eine Geschichte aus Stromberg, was da kommt. Nochmal zusammengefasst: Google dürfte bis 2017 nicht verschwinden, junge Zielgruppen sind über Print nicht zu erreichen.

1413811718Preisfrage: Was macht DuMont Schauberg?

Eine Tageszeitung für junge Leute.

Ne, das ist kein Scherz.

„Xtra“ heißt das Produkt und es handelt sich um eine Nachmittagszeitung. „Xtra‘ will junge Leser zwischen 19 und 39 Jahren ansprechen und sie mit Kölner Themen begeistern, die wirklich für sie relevant sind“, zitiert DWDL den zuständigen „Express“-Chefredakteur Carsten Fiedler. Die Dummy-Ausgabe zeigt so relevante Kölner Themen wie „Kleine Läden gegen Amazon“ oder „Jogi, wer knipst gleich gegen Irland?“.

Und natürlich soll die Ästhetik der digitalen Welt auch auf Papier stattfinden, gerade so, als sei das jemals von Erfolg gekrönt gewesen. Allein die grundsätzliche Idee macht schon Kopf schütteln: Schließlich ist die Ästhetik des Web maßgeblich beschränkt durch technische Limitationen, die Zeitungen nicht haben. Zeitungen könnten also das optisch leserfreundlichere Medium sein. Ein Print-Medium mit der Ästhetik des Web ist das Gegenstück zur „Online-Zeitung“, die nur einmal täglich aktualisiert wird.

Besonders bemerkenswert wird es , wenn die Werbung für „Xtra“ die Zielgruppe auch noch beschimpft. Der Slogan „Kölns erste Morgenzeitung für Studenten“ erinnert nicht nur an den Uralt-Witz von WDR-Moderator Claus-Dieter Haller „Guten Tag, liebe Hörer. Guten Morgen, liebe Studenten.“ Nein, angesichts der Unzufriedenheit vieler Studenten über ihre zugeballerten Stundenpläne zeugt diese Werbung vor allem von der großen Distanz zu denen, die erreicht werden soll.

Zurecht erinnert sich der Branchendienst Meedia daran, dass während der New Economy DuMont ein deckungsgleiches Projekt auflegte: „Köln Extra“, „Kölner Morgen“, damals eine Zeitung für die „Generation SMS“. Wenn also demnächst in Medien wieder von einer Blasenbildung wie zu Dotcom-Zeiten die Schreibe ist, dreht es sich vielleicht nicht um das Internet – sondern die Print-Branche.

„Köln Extra“ existierte übrigens 17 Monate. Heut in 17 Monaten ist das Frühjahr 2016. Und wir dürfen gespannt sein, ob DuMont Schauberg dann noch existiert.

Foto: DuMont Schauberg

Nachtrag vom 27. März 2015: Das ging ja noch schneller als gedacht – nach nur einem halben Jahr verabschiedet sich „Xtra“ wieder vom Markt.

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