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Zeitungssterben, nächste Runde: „Abendzeitung“

Heute tut mir ein Mensch besonders leid: Arno Makowsky, Chefredakteur der „Abendzeitung“.

Im Mai 2011 saßen wir auf einem Podium beim der Veranstaltungsreiche Mediacoffee und diskutierten über die Zukunft der Medien. Und Makowsky habe ich als sehr angenehmen und sympathischen Menschen in Erinnerung.

ots.Video: "Expedition ins Ungewisse": dpa-Tochter news aktuell setzt Diskussionsreihe Ÿber Zukunft der Medien fort

Heute nun wird bekannt: Die „Abendzeitung“ meldet Insolvenz an. Und diese Pleite zeigt, was deutschen Zeitungsverlagen als nächster Schritt bevorsteht: Untergang mangels Finanzierung. 70 Millionen Verlust sind seit 2001 aufgelaufen, 10 Millionen allein im vergangenen Jahr. Die Verlegerfamilie zieht nun die Reißleine, denn die Hoffnung, dass ein anderer Verlag die „AZ“ kaufen könnte, hat sich zerschlagen. Und dass angesichts dieser Zahlen eine Bank noch Geld gibt, erscheint wenig wahrscheinlich.

Bei jenem Mediacoffee sprach Makowsky, wenn ich mich recht erinnere, in druckreifen Sätzen. Er gab keinerlei Dummheiten von sich, war souverän und höchst talkshowgeeignet. Nur: Innovative Idee kamen eben auch nicht von ihm. Während Richard Gutjahr Vorfreude auf die Zukunft ausstrahlte, wirkte Makowsky eher wie ein journalistischer Rheinländer mit dem Motto „Et hätt noch immer jotjejange“.

Genau so steht die „AZ“ auch heute da. Sie ist – immer betrachtet aus der Sicht eines Düsseldorfers, der sie bei häufigen Besuchen in München in die Finger bekommt – die vielleicht anspruchvollste Boulevardzeitung Deutschlands. Doch darüber hinaus, im Digitalen, passiert viel zu wenig. Die Homepage ist bestenfalls Mittelmaß. Die Handy-App verzeichnet laut dem zuverlässigen Marktforscher Xyologic magere 1.900 Downloads auf Android und rund 21.000 auf iOS. Allerdings wird die Apple-Version alles andere als gut bewertet.

Auf Facebook zählt das Blatt knapp über 20.000 Likes mit einer guten Aktivierungsrate von rund 12 Prozent. Teils aber kamen über Wochen keine Fans hinzu, die Nachrichtenauswahl wirkt eklektisch, mit Fotos oder anderen Formaten als Likes wird nicht gearbeitet. Auf Google+ sind es gerade mal 509 Mitleser und hier wird mal was gepostet, wenn Zeit ist. Auf Twitter gibt es immerhin rund 14.000 Follower. Auf der Homepage ist ein Facebook-Widget eingebunden, G+ textlich verlinkt, auf Twitter wird gar nicht hingewiesen (oder übersehe ich dies?).

Das alles ist OK. Aber OK reicht heute eben nicht mehr, will man ein Zeitungsunternehmen am Leben erhalten. Die „Abendzeitung“ ist ein Musterbeispiel für die Lage der täglich erscheinenden Totholzmedien: Seit Jahren sinkt die Auflage, mit ihr die Werbeeinnahmen, woraufhin die Kosten gekürzt werden, was die Qualität senkt, so dass noch mehr Leser gehen und die Auflage in die Todesspirale schwenkt.

Spricht man Lokalverleger auf solch eine Lage an, ist schnell die Rede von „notwendigen Konzentrationsprozessen“. Und davon, dass das böse, böse Kartellrecht ja Fusionen verhindere. Tatsächlich glaube ich, dass Verleger wie Dirk Ippen, der genau so bei einem anderen Podium, auf dem ich auch saß, argumentierte, dies glauben: Das Heil ist die Konzentration in großen Zeitungskonzernen.

Doch dies wird nicht die Erlösung bringen. Denn auch die großen potenziellen Aufkäufer sind längst dabei, das Wasser aus dem Bug des sinkenden Schiffes zu schüppen. Nehmen wir nur DuMont: Die Eigenkapitalquote der Kölner liegt bei existenzgefährdenden 10,5 Prozent. Oder die Ex-Waz-Funke-Gruppe in Essen – spätestens seit dem Deal mit Axel Springer hoch verschuldet.

Selbst jene Häuser, die noch nicht tief in den roten Zahlen stecken, werden Aufkäufe nicht bewältigen können. Denn sie haben eben nicht cash gehortet und bräuchten zur Finanzierung einer Übernahme Bankkredite. Doch welche Bank mag noch Geld an einen Zeitungsverlag geben?

Was wir heute mit der Abendzeitung sehen ist der Vorbote der nächsten Stufe des Zeitungssterbens: Es ist die bittere Erkenntnis der selbständigen Verlegerfamilien, dass niemand da ist, der sie rauskaufen möchte. Weshalb irgendwann nur die Insolvenz bleibt.

Denn seien wir ehrlich: Wer glaubt noch, dass die Verlagskonzerne eine Wende schaffen? Dass sie mit einem Mal zu digitalen Innovationshäusern werden?

Karsten Lohmeyer ist noch da optimistischer als ich. Er schreibt bei Lousy Pennies zur Insolvenz der „Abendzeitung“:

„Wer jetzt als Verleger noch Geld in der Kriegskasse hat, sollte sich ganz schnell überlegen, wie er sein Haus zum Innovationshaus abseits seiner etablierten Marken machen kann. Warum nicht etwa ein paar Projekte von journalistischen Bloggern mit ein paar LousyPennies und betriebswirtschaftlicher Komeptenz unterstützten und mal sehen, was passiert? Warum kein deutsches watson.ch schaffen? Ein de Correspondent?

Wohin es führt, weiter Millionen in überholte Geschäftsmodelle zu stecken, hat man an der Abendzeitung gesehen. Ich glaube, dass man nur mit einem Prozent der kolportierten Verlust-Summe von 70 Millionen Euro ein tolles Projekt hätte auf die Beine stellen können, das die Zukunft der Marke Abendzeitung hätte sein können – oder zumindest des Verlages.“

Ich bin Münsterländer und deshalb von Geburt an pessimistischer. Seit 30 Jahren sinken Zeitungsauflagen, seit 15 Jahren könnten die Verlage wissen, dass digitale Technologie ihr Kerngeschäft von Grund auf verändern wird. Passiert ist – verdammt wenig. Und jetzt haben sie kaum mehr Raum, um zu manövieren.

Foto: OTS/news aktuell

Nachtrag vom 6.3.14: Nun spricht der „AZ“-Verleger Werner Friedmann in de „Süddeutschen“. Und was Turi2 daraus zitiert, strotzt nur so vor Arroganz. Da kritisiert er die „Süddeutsche“ allen Ernstes, dass die sein Blatt nicht kaufen wollte. Dann habe die Druckerei viel zu viel Geld verlangt (wer hat denn den Vertrag verhandelt). Wenn die nun wegen der „AZ“ über die Isar ginge, ist ihm das egal, denn sie habe gutes Geld verdient. Und mit einem Mal wird aus einem liberalen bis linken Verleger ein vergrätzter Marktradikaler.

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