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Der Presserat: Ein Papiertiger miaut um Anerkennung

Es gibt in Deutschlands Medienwelt Institutionen, deren sofortige Abschaffung niemand kümmern würde, während gleichzeitig die für sie verschwendeten Geldmittel sinnvollere Orten übergeben werden könnten. Zu diesen Institutionen gehören zum Beispiel Landesmedienanstalten.

Oder der Presserat. Erst recht der Presserat. Das „Selbstkontrollorgan“ ist ein Papiertiger ohne Einfluss, ein vermodertes Feigenblatt mit dem die Verlagskonzerne zu verbergen versuchen, dass Moral und Anstand regelmäßig hinter wirtschaftlichen Interessen zurücktreten müssen.

Dieser Presserat hat exakt keinen Einfluss. Er darf ihm vorgeschlagene Artikel mit putzigen Titeln versehen wie „Rüge“ oder „Missbilligung“. Im Geiste sehen wir den greisen Potentaten, wie er mit zitternder Hand eine Rüge dafür erteilt, dass sein Thronfolger vergiftet wurde. Der Presserat ist ein Druckablassventil für besonders erboste Leserbriefschreiber, jenen Typus Mensch also, den der scheidende „FAZ“-Herausgeber Günter Nonnenmacher einst des Fundamentalismus zichtigte.

Schon 1997 erhitzte sich das „Ärzteblatt“ in einem Kommentar:

„Nichts ist kennzeichnender für die Machtlosigkeit dieser Institution als die Tatsache, daß es ohne jede Konsequenzen bleibt, wenn sich beispielsweise ein Großkonzern hartnäckig weigert, in einer seiner Gazetten eine Rüge zu veröffentlichen, die ihm der Presserat – verdientermaßen nach allgemeiner Ansicht – verpaßt hatte. Ein Armutszeugnis auch, daß sich der Presserat mehr darüber unterhält, wie er einen höheren Staatszuschuß für die laufenden Geschäfte ergattern könnte, als darüber, wie sich eine derartige Kostgängerei eigentlich mit der inneren Selbstachtung der Presse verträgt.

Dieser Papiertiger wäre schlachtreif – es sei denn, die Beteiligten raffen sich in einer letzten Kraftanstrengung zur Rettung ihrer berufsständischen Ehrengerichtsbarkeit auf, indem sie Verbands- und Gewerkschaftsfunktionäre auf ihre Plätze verweisen und statt dessen unabhängige Persönlichkeiten an ihre Stelle wählen, die keineswegs alle aus der gleichen Branche sein müssen.“

Gemeint mit jenem Großkonzern war übrigens Axel Springer, noch heute der Konzern, der den Abdruck jener Rügen und Missbilligungen gern mal unter den Tisch fallen lässt. 17 Jahre später ist die Lage nicht besser geworden.

Vielleicht deshalb will jener Presserat der sterbenden Medienhäuser nun noch mehr Wichtigkeit erlangen. Er will allen Ernstes Rügen für die Kommentare unter Artikeln aussprechen.

Ne, jetzt. Kein Scheiß. Das wollen die. Putzig, oder?

Allein schon die Erklärungen zeigen, dass die Papiertigerzoodirektoren eher selten in dieses Interwebs reingucken: „Für die Leserbeiträge in den Online-Foren sollen Regeln aufgestellt werden, die etwa Beleidigungen und Schmähungen verbieten“, schreibt der DJV.

Ach, die gibt es nicht? Natürlich gibt es die. Die allermeisten Verlagshäuser haben irgendwo Kommentarrichtlinien auf ihrer Seite, teilweise auch unter den Kommentarfeldern selbst. Woran es mangelt, ist oft ein aktives Community Management. Auf den allermeisten News-Seiten werden strittige Kommentare kommentarlos gelöscht. Doch ansonsten ist die Kommentarwelt im Großen und Ganzen nicht mehr vergleichbar mit dem Dschungel an Extremismus, der sich in diesen Biotopen vor fünf Jahren bildete. Selbst die früher extrem rechtslastigen Kommentare auf Welt.de sind inzwischen unter spürbarer Aufsicht.

Und nun sollen künftig unter Kommentaren die Rügen oder  Missbilligungen stehen? Was für eine lächerliche Vorstellung. Genauso wie der Glaube, dies beeinflusse Kommentatoren. Denn genau so scheint des der Deutsche Journalisten-Verband zu sehen: „Den Nutzen davon dürften vor allem die Redakteure der Online-Medien haben. Sie haben auch bisher schon die Foren moderiert und Schmähkommentare entweder schnell gelöscht oder gar nicht erst frei geschaltet. Mit klaren Regeln des Presserats wird es ihnen leichter fallen, ihr Handeln zu begründen. Der lapidare Hinweis auf die Forenhaftung des Portalbetreibers trägt nicht wirklich dazu bei, aufgebrachte Kommentarschreiber davon zu überzeugen, warum ihre Lesermeinung nicht veröffentlicht wird.“

Jeder, der sich nur zehn Minuten mit Community Management beschäftigt, weiß aber: Es ist vollkommen egal, ob es um Haus-Regeln oder einen externen Kodex geht – „Haters gonna hate“.

Aber Hauptsache, der Presserat hat wieder etwas zu tun. 178.000 Euro gibt der Staat zu dessen sinnloser Tätigkeit jährlich hinzu, den Rest tragen die Verleger- und Journalistenverbände. Jede der drei beteiligten Seiten könnte ihr Geld sinnvoller investieren.

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