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Die Frage der Quelle

Am vergangenen Wochenende lieferte ich mir eine lange Twitter-Debatte mit Froben Homburger, dem Nachrichtenchef der DPA als Folge meines Artikels über das Pofalla-Postillon-Affärchens.

Noch immer ist mir nicht ganz klar, was Homburger in diesem speziellen Fall so auf die Palme brachte. Die DPA wurde nicht erwähnt, Reuters für seine Arbeit gelobt. Anscheinend verärgerte ihn meine Beobachtung, dass ich einen massiven Schwerpunkt an Reuters- und „Saarbrücker“-Nennungen ausmachte, er aber DPA betont haben wollte – was hiermit getan sei. 

Doch drehte sich um die Debatte vor allem um die Frage, welche Quellen Journalisten nennen sollten, können, müssen. Und hier lagen unsere Meinungen weit voneinander entfernt. Eigentlich hätte ich dies auf sich beruhen lassen, wenn nicht Michael Klein, Nachrichtenchef der Zeitungsgruppe Lahn-Dill/Wetzlarer Neue Zeitung, nicht nur mitgetweetet hätte – sondern auch einen Beitrag für Newsroom.de verfasst hätte.

Denn es scheint, viele Journalisten entwickeln unerfreuliche Reflexe: Wann immer auch nur der Hauch von Kritik an journalistischer Arbeit – sei sie auch noch so hinterfragenswert – auftaucht, handelt es sich aus ihrer Sicht um eine hinterhältige Attacke einer hirnlosen und nicht weiter zu definierenden Netzgemeinde (warum es aus meiner Sicht keine Netzgemeinde gibt, hatte ich hier mal aufgeschrieben). Quellen, Belege oder genaue Verweise müssen dabei nicht genannt werden, alles ein Haufen, alle in den Sack und den Knüppel raus.

Reden wir also mal über Quellen.

Meine Kritik an der Arbeit der „Saarbrücker Zeitung“ war die mangelnde Quelleneinordnung. „Gut informierte Kreise“ haben das Blatt informiert. Das sagt – exakt überhaupt nichts. Oder haben Sie schon mal eine Nachricht basierend auf „schlecht informierten Kreisen“ gelesen? Selbstverständlich nicht. Informationen von Uninformierten werden nicht veröffentlicht, das ist das Logischste der Welt. Folgerichtig kommen alle Informationen in allen Nachrichten von gut Informierten, weshalb wir diese Formulierung auch einfach streichen können, sie stiehlt Platz, Zeit, Aufmerksamkeit.

Vor allem aber: Die Formulierung „gut informierte Kreise“ ist journalistische Faulheit – oder wahlweise Feigheit.

Über lange Jahre stand sie bei meinem Arbeitgeber „Handelsblatt“ genauso auf dem Index wie in unserer Journalistenschule. Aus genau diesen Gründen. Dabei geht es nicht darum, vertrauliche Quellen öffentlich zu machen. Aber es ist nötig, sie einzuordnen.

Im Fall von Pofalla hat Reuters dies getan: „Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla soll nach Angaben aus dem Bahn-Aufsichtsrat als Chef-Lobbyist in den Vorstand des Staatskonzerns einziehen.“

Im Vergleich DPA: „Entsprechende Informationen wurden der Nachrichtenagentur dpa im Grundsatz bestätigt.“

Was heißt „im Grundsatz“? Und von wem? Steht da nicht. Bei DPA wird dem Leser jede Möglichkeit genommen, eine Information medienkompetent, selbstbestimmt und mündig einzuordnen. Und dies halte ich für mangelndes journalistisches Handwerk.

Dabei lasse ich auch nicht gelten, dass nach Meinung von Nachrichtenchef Klein Quellen gefährdet würden, nähme man solch eine Einordnung vor. Wie gesagt: Deutschlands führende Wirtschafts- und Finanzzeitung hat dies Praxis über Jahre geführt und es sich mit Hinweisen aus welcher groben Richtung eine Information kommt mit niemand verdorben, auch Reuters hat im vorliegenden Fall keine Probleme mit der Einordnung.

Dahinter steckt der Wunsch, Leser, Zuschauer und Zuhörer dumm zu halten. Sie sollen schön alles glauben, was ihnen das Medium vorlegt. So schreibt Klein:

„Ich muss darauf vertrauen können, dass eine von dpa benannte Quelle ebenso wie die des Berliner Korrespondenten Werner Kolhoff belastbar ist, der die Pofalla-Meldung als Erster recherchiert hatte.

Dies zu wissen ist Medienkompetenz.“

Nochmal zusammengefasst und klarer formuliert: Es ist Medienkompetenz, darauf zu vertrauen, dass DPA und der Berlin-Korrespondent einer Lokalzeitung belastbare Informationen haben.

Vertrauen ist Kompetenz.

Nein. Ist es nicht. Medienkompetenz bedeutet zu wissen, dass Quellen Journalisten nutzen um die Öffentlichkeit – und manchmal auch eine Sachlage – zu manipulieren. So versuchen Kommunikationsberater genauso wie Konzernsprecher die Berichterstattung bei Übernahmekämpfen bewusst auf ihre Seite zu drehen. In solch einem Moment ist es unerlässlich zu wissen, aus welcher Richtung eine Information kommt.

Nicht anders im Fall Pofalla. Denn nun behauptet der Aufsichtsrat – die angebliche Bestätigungsquelle Reuters – nichts vom Wechsel des CDUlers zur Bahn zu wissen. Spielt da jemand falsch? Oder war die Quelle der Nachrichtenagentur falsch?

Gerade bei einem solch relativ kleinen Kreis wie einem Aufsichtsrat wird schnell klar, wenn eine Geschichte reportiert wurde, die nicht ganz der Realität entspricht. Dumm für dessen Autor, gut für den Leser. Denn nun wäre der Autor gezwungen die neue Nachrichtenlage einzuordnen und zu klären, wo und weshalb da etwas anders lief als von ihm in der Story angedeutet. Die Folge wäre besserer, stringenterer und klarerer Journalismus.

Stattdessen aber bleiben Redakteure des Jahres 2014 lieber schön schwammig und risikobefreit. Nicht alle, es gibt Journalisten, die hohe Risiken eingehen, aber eben doch ein substanziell großer Wust dieses Berufsstandes.

Das zeigt sich auch bei Lahn-Diller-Wetzlarer Klein. Schwammig schreibt er über die Reaktion auf die Postillon-Geschichte:

„Dem Postillon ist zu danken: Er hat mit seiner Pofalla-Meldung anschaulich gemacht, wie leichtgläubig weite Teile der Netzgemeinde sind und wie wenig Vertrauen sie in das klassische journalistische Handwerk seriöser Medien haben.“

Letzteres ist nicht durch den Postillon ans Licht gekommen, dafür kann man seit Jahren so ziemlich jedes Blog lesen. Aber wer sind die „weiten Teile“? Ach, lieber nicht nennen.

„Der Postillon hat somit die fehlende Medienkompetenz vieler Internet-Nutzer offengelegt, die man allerdings auch schon bislang in manchen Leser-Kommentaren auf Nachrichten-Seiten beobachten konnte.“

„Vieler Internetnutzer“. Ahal. Nur: Wenn das Internet das wichtigste Kommunikationsinstrument unserer Zeit ist, wenn sich dort die Mehrzahl der Deutschen tummelt, bedeutet das nicht auch: „die fehlende Medienkompetenz der Bevölkerung“ und im Umkehrschluss „die fehlende Medienkompetenz der Zeitungsleser“?

Noch dazu ist es nicht von Medienkompetenz durchsetzt, das Internet als AlleseinsindenSackunddraufhauen zu betrachten. Genauso könnte man den Ultrablock eines Fußballstadions vergleichen wollen mit dem „Literarischen Quartett“: Schließlich äußern an beiden Orten Homo Sapiens ihre Meinung.

Belege für dieses „viele Internetnutzer“ muss ein Nachrichtenchef natürlich nicht liefern. Tatsächlich waren es zumindest in meiner Timeline gar nicht so viele Überzeugte der Theorie „Medien schreiben vom Postillon“ ab, sondern eher viele Zweifler und Verwirrte.

Aber nennen wir doch ein paar Menschen, die laut Michael Klein fehlende Medienkompetenz demonstriert haben. Zum Beispiel:

Hm. Oder Jennifer Lachman, deren „Inkompetenz“ über Jahre in der „FTD“ nachzulesen war:

Herr Böhmermann macht gerade eine Fortbildung in Medienkompetenz im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens:

Und ganz schlimm: Hier gibt es sogar ein medieninkompetentes Medium in Berlin:

Nur durch das Ausblenden von Fakten kann Klein seine These von den bösen „Netzaktivisten“ (keine Namen bitte, wir sind Journalist) durchhalten. Und nur so kann er auch schön steil schreiben:

„Es ist eben ein großer Unterschied, ob man in einem Blog seinen Gedanken freien Lauf lässt (was unbestritten ein Wert an sich ist) oder nach festen Regeln den Dingen auf den Grund geht. Je mehr Fälle von der Art Postillon/Pofalla es künftig geben wird, desto größer ist die Chance, dass mehr Menschen diesen Unterschied kennen- und schätzen lernen.“

Denn genau andersherum ist es zumindest, was meinen Artikel betrifft (ich weiß ja nicht, auf welche sich Herr Klein noch bezieht). Gerade Redaktionen richten sich nicht nach festen Regeln bei der Quellenennung: „grundlegend bestätigt“, „informierte Kreise“ – die Zahl austauschbarer Formulierungen, die exakt überhaupt nichts aussagen steigt. Konsequent wäre es da, diese Redewendungen ersatzlos zu streichen – es würde nicht meiner Meinung entsprechen, aber dies wäre dann wenigstens eine von ihm so gelobte klare Regel.

Durch die Nennung ominöser Kreise und Quadrate wollen Journalisten einerseits ihren eigenen Beruf mystifizieren und sich andererseits für Kritik unangreifbarer machen. Sie hoffen, die alte Idee des Gott gegebenen Journalismus erhalten zu können, der vom Himmel regnet um die Menschheit zu erleuchten. Doch dieses In-die-Welt-Senden ist in einer immer komplexeren Welt nicht mehr zeitgemäß. Journalismus muss zu einem offenen Prozess werden – stattdessen will er sich von Außeneinflüssen abschotten und immer weniger Rechenschaft ablegen.

Wundert es da noch jemand, wenn Satireseiten mehr Glaubwürdigkeit besitzen?

Nachtrag: Mein Ex-Chef Bernd Ziesemer hat sich via Twitter zu Wort gemeldet..

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