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Social Media für Sportler: das Musterbeispiel Sabrina Mockenhaupt

Die deutsche Sport-Berichterstattung wird – leider – dominiert vom Fußball. Wenn selbst Testspiele von Kick-Bundesligisten mehr Raum erhalten als Meisterschaftsfinals im Eishockey oder Handball, dann läuft da etwas schief.

Natürlich ist Fußball mit Abstand die zuschauerträchtigste Sportart. Doch gibt es eben Infos darüber an jeder Ecke – und das mit sinkender Qualität, wie wir auch im Digitalen Quartett kürzlich diskutierten.

Andere Sportarten mögen weniger Anhänger haben – die suchen dafür umso intensiver nach Informationen. Meine These ist: Sowohl Medien können davon profitieren, wenn sie diese kleinere aber engagiertere Zielgruppe bedienen – als auch Sponsoren. Beispiele dafür sind die neue Marken-Strategie von Reebok und die Unterstützung von Ultra-Trail-Läufen durch The North Face.

Das erkennen auch die Athleten. Wir sehen die ersten, die unter Umgehung klassischer Medien zu ihren eigenen Nachrichtenüberbringern werden. Ist das journalistisch unabhängig? Selbstverständlich nicht. Doch häufig genug bleiben den Anhängern einer Sportart oder eines Athleten nur die Wahl – Eigenberichterstattung oder gar keine.

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Selbst die Leichtathletik ist oft genug darauf angewiesen. Klar, derzeit wird die Weltmeisterschaft aus Moskau im Öffentlich-Rechtlichen übertragen (und vielleicht ist das ein Zeichen für eine Wende zum Besseren). Doch der Alltag von Läufern, Springern oder Werfern ist der Spartenkanal. Und so vermeldeten mehrere Medien die erste deusche Goldmedaille in Moskau noch per Push-Mitteilung über ihre Mobile Apps – die zweite durch Diskuswerfer Robert Harting dann aber nicht mehr.

Seit ich selbst ein wenig länger laufe ist mir dabei eine Sportlerin aufgefallen, die ein Musterbeispiel setzt: Sabrina Mockenhaupt.

Sie kommuniziert so offen und ehrlich, wenn auch nur über Facebook und den News-Bereich ihrer Homepage. Ach ja, und auf Twitter – was aber auf ihrer Homepage nicht verlinkt ist. Auch sie lief in Moskau – und scheiterte. Nach rund 8 Km im 10.000-Meter-Finale stieg sie aus.

Für gewöhnlich hätten interessierte Zuschauer in einem solchen Fall allein ihre unmittelbare Reaktion per TV-Interview mitbekommen. Danach wäre es den Medien überlassen geblieben, die Leistung zu interpretieren. Wir erinnern uns da an die Schwimmerin Britta Steffen bei Olympia. Ihr Versuch, Coolness zu suggerieren scheiterte, ihr Satz, das Ausscheiden „sei kein Weltuntergang, durch mich ist auch nicht der Weltfrieden gefährdet. Also ist so weit alles okay“ wurde von der Welt besonders mitfühlend als „Schwafelei“ interpretiert und als Hinweis, dass Steffen zurücktreten werden – was bis heute nicht passiert ist.

Auf ihrer Homepage schreibt die Schwimmerin (oder wahrscheinlicher: ließ schreiben) ein halbes Jahr später über London 2012:

„Mit einigem Abstand bin ich froh und traurig gleichermaßen. Froh, weil ich die Chance hatte, mich im Halbfinale über die 100m F & im Finale über die 50m F zu stellen. Traurig, weil ich meine Saisonbestwerte nicht verbessern konnte. Mit Platz zwölf & vier war ich ernüchtert, weil der Kampf um die Medaillen weit bzw. knapp verloren wurde.“

Die Wucht der Emotionen ist in diesen Zeilen überschaubar.

Blenden wir hinüber zu Sabrina Mockenhaupt. Ihre erste Reaktion nach dem Rennen auf Facebook:

„Es hat nicht sollen sein! Ich wusste nicht in welcher Welt ich laufen sollte… Ich habe anfangs zu viel gewollt, bin zu schnell angegangen und musste dafür bezahlen! Es hätte heute endlich mal unter die Top Ten gehen können, aber ich habe die Chance redlich versemmelt und dafür gibt’s keine Entschuldigung! Ich gebe nicht auf! Ich weiß, dass ich es kann und ich werde es irgendwann auch zeigen, wenn es drauf ankommt!
Eure traurige Mocki“

Und nun bekommen wir mit, wie die Enttäuschung langsam in die Sportlerin sickert. Denn neben über 1.400 Likes tauchen in den fast 500 Kommentaren auf den Post auch Kritiker auf. Noch einmal reagiert Mockenhaupt:

 „Ja, DNF ist scheisse und dafür gibt’s keine Entschuldigung! Erst recht nicht bei einer WM, da gebe ich meinen Kritikern vollkommen Recht! Leider sind das aber auch die kurzen Momente im Leben eines Sportlers, die man nicht erklären kann! Ich wünschte, ich könnte es! Ich wollte es allen beweisen und hatte es auch drauf, bin aber dabei völlig gescheitert! Aber das gehört zum Leben dazu und bestimmt werde ich beim nächsten Rennen genau an diesen Moment jetzt denken, wo ich mich ärgere, ärgere,ärgere…und wünschte, ich könnte die Uhr nochmal zurück drehen! Hätte, wenn, aber bringt mich aber jetzt nicht wirklich weiter…weiter geht’s! Fühle mich gerade irgendwie alleine, aber das gehört auch dazu und es gibt wahrlich schlimmere Dinge! Denke gerade an meinen Bekannten, den ich letzte Woche nach langer Zeit wieder getroffen habe, voller Lebensfreude, muss dreimal die Woche zur Dialyse, das ist ein wahrer Kämpfer! Das nächste Mal denke ich an ihn, wenn’s wieder schwer wird!

Danke, so tolle Fans wie Euch zu haben!
Eure Mocki“

Der nächste Morgen:

„Die Nacht war schlaflos…ich hatte aber meine Freundin Carolin Hingst an meiner Seite und wir haben die ganze Nacht durchgequatscht, analysiert, gehadert und, und, und…! Es tut mir leid für den Verband, die mir so viel Vertrauen geschenkt und mich für die WM nominiert haben! Es tut mir leid für alle, die mir in der letzten Woche im Training so sehr geholfen haben, dass ich in Topform komme! Es tut mir leid für meinen Trainer, der so viel wieder aus mir rausgeholt hat, wo ich selbst schon dachte, dass ich es nicht mehr könnte! Es tut mir leid für meine Familie und meinen Freund, die mich jetzt wieder aufbauen müssen und wussten, was ich drauf hatte. Es tut mir auch leid für meine Fans, die mich auf meinem Weg immer so treu begleiten und es tut mir leid für mich, dass ich das Glück, was so nah war, nicht ergriffen habe! Man muss die Situation annehmen und ihr ins Auge schauen, was unheimlich schwer fällt und wenn ich damit abgeschlossen habe, bin ich wieder bereit für meine neuen großen Ziele, die dieses Jahr noch anstehen! Das einzig Positive, was ich gerade denke, ist, dass ich nicht an meiner Form gescheitert bin, sondern an meiner Taktik, die mich zermürbt hat…!“

Ein paar Stunden später scheint es, dass sie selbst die Niederlage durch die Kommunikation verarbeitet:

„Mit etwas Abstand werde ich Euch in den nächsten Tagen einen ausführlichen Rennbericht auf meiner Homepage schreiben, damit auch denen, die mich zu Recht kritisieren, vielleicht klar wird, was hinter meinem Sport steckt und der Aufgabe 25 Runden auf der Bahn zu absolvieren! Ich möchte mich nicht beschweren, ich liebe mein Laufen, sowohl auf der Bahn, als auch auf der Strasse nach wie vor und werde weiter kämpfen! Demut ist auf jeden Fall angebracht, aber die bringt mich jetzt auch nicht mehr weiter! Ich habe mich der Situation heute gestellt und versuche jetzt schon wieder nach vorne zu schauen und an meiner mentalen Schwäche zu arbeiten! Mein nächstes großes Ziel wird der New York – Marathon sein, wo ich mich für die EM in Zürich qualifizieren möchte! Das ist wieder eine große Aufgabe, deshalb muss ich jetzt schnell wieder zu mir finden und nach vorne schauen! Glück kann man nicht immer erzwingen…aber beim Schießen dieses Bildes im Central Park habe ich Glück gespürt und das sind die Momente für die ich laufe und lebe!“

Zurück in Deutschland veröffentlicht sie dann einen langen Text auf ihrer Homepage. Wir erleben – leider unter nur sparsamer Verwendung von Absätzen und nicht direkt verlinkbar – das Rennen und die Tage zuvor noch einmal en detail:

„…Aber mein Kopf war leer! Ich schaffte es nicht, mein Kopf war müde, war leer! Zu müde etwas zu denken und dann stand ich auch schon! Ich sah die nächste Läuferin und kurz dachte ich noch, wieder ins Rennen einzusteigen. Aber ich schaffte es nicht! Überlegte nur und realisierte erst mal gar nix! „Nein, nein, nein“ ging es mir durch den Kopf! „Ausstiegen ist so feige! Warum? Warum?“ Es waren doch nur noch 2,2 Km! Während ich meine halbe Runde in den Zielbereich watschelte, war das Rennen auch schon zu Ende und ich bewunderte die Läuferinnen, die alle platt waren und sich aber ins Ziel kämpften. Warum war ich nicht mehr dabei? Warum hat das schwache „Ich“ noch mal gesiegt?…“

Das reicht nicht, um die gesamte Hoheit über die Kommunikation zu erlangen. Doch je mehr Journalisten in Deutschland doch endlich in Social Media ankommen, desto mehr werden sie auch aus den Social-Media-Äußerungen Mockenhaupts zitieren. Und die treuesten Anhänger, die bekommen hier eine authentische Darstellung des Geschehens – und werden das mit Treue danken.

Wie sehr Mockenhaupt selbst den Fans vertraut zeigt sich heute. Denn Lauf-Bundestrainer Wolfgang Heinig hat Mockenhaupt und 5.000-Meter-Läufer Arne Gabius öffentlich kritisiert, den beiden sogar ein Einstellungsproblem attestiert. Gabius selbst wehrt sich auf seiner Homepage.

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Mockenhaupt dagegen sagt nicht sondern postet wortlos einen Link zu dieser Story. Das wirkt unendlich traurig und enttäuscht. Die Diskussion der Leser aber ist keineswegs ausschließlich tröstend. Vielmehr entspinnt sich eine Debatte, wie ich sie in den deutschen Medien so seit Jahren nicht gehört, gelesen oder gesehen habe. Fast wirkt es – im positiven Sinn – wie eine Talkshow zur Leichtathletik zu Themen wie Nominierung, Motivation und Führung von Athleten.

9.500 Likes zählt Sabrina Mockenhaupt auf Facebook. Das ist eine ansehnliche, aber keine sensationelle Zahl. Doch ein Drittel jener Personen ist auf der Seite aktiv – und das wäre eine Traumquote für jede Socia-Media-Präsenz einer Marke.

Und deshalb halte ich diese Seite für einen Vorzeigefall für die Kommunikation von Sportlern im Digitalen Zeitalter.

(Disclosure: Ein Interview mochte Sabrina Mockenhaupt zum Thema nicht geben – was dann irgendwie auch verständlich ist.)

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