Die Frage, wie wir mit dem Internet umgehen ist mehr als die Frage, wie wir mit dem Internet umgehen

by Thomas Knüwer on 13. Juni 2013

“Es gibt ja auch noch Wichtigeres als das Internet.”

Dieser Satz fällt gern, wenn es in Diskussionen um das Internet geht und ausgesprochen wird er meist von Menschen, die vom Internet eher mittelbegeistert sind. Internetschwerbegeisterten wird mit diesem Ausspruch durch die Blume gesagt, sie sollten sich nicht so haben. Es gibt den Hunger in der Welt, Arbeitslose, Arme, Diskriminierung und Kinderverwahrlosung, weshalb Geduld wichtig sei, im Umgang mit dem Web im Rahmen einer Gesellschaft: Es muss sich eben eine Nummer nehmen, dieses Internet, und auf seine Abarbeitung warten.

Was will man da sagen? Natürlich gibt es Geschehnisse, Zustände und Probleme, die in unserer humanen Bedürfnispyramide weiter unten stehen. Wer hungert, braucht kein Handy. Und doch behaupte ich, die einzig richtige Antwort auf diesen Einwurf muss lauten:

“Nein. Es gibt nichts Wichtigeres als das Internet.”

Um das zu erläutern, blicken wir doch mal auf die aktuelle Nachrichtenlage. Zum Beispiel auf die Proteste in Istanbul. Dabei sollten wir im Hinterkopf haben, wie die Türkei im Vergleich zu Deutschland kommuniziert:

Diese Grafik ließe sich ähnlich für sehr viele Länder erstellen, ein Beispiel ist die Bedeutung von Twitter in Indonesien, Brasilien oder Indien:

Länder weltweit mit dem höchsten Nutzeranteil von Twitter 2012
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Länder wie die Türkei weisen ein hohes Wirtschaftswachstum auf. Ein solches zu erreichen fällt ihnen leichter als Deutschland oder Frankreich, schließlich gehören sie zu den Emerging Markets, ihre Basis ist also eine ganz andere. Gleichzeitig handelt es sich fast immer um Nationen mit einer unsicheren Grundsituation, mit mehr oder weniger instabilen politischen Verhältnissen, mit Volksgruppen, die sehr unterschiedliche Ansichten über die Zukunft eines Landes haben, bis hin zum Umsturz des bestehenden Systems. Doch sind sich die Wirtschaftsexperten einig: Diese Ländern dürften die Zukunft sein.

Wir sollten also nicht glauben, dass diese gewisse Larmoyanz und Rückständigkeit, die Deutschland im Internet-Zeitalter prägen, der Normalzustand ist. Da draußen sieht es anders aus und die Nationen, die dabei sind, die Zukunft der Welt zu prägen, ticken anders.

Warum nutzen gerade Bürger in den aufstrebenden Ländern so stark Social Media? Weil in unsicheren Situationen Einzelkämpfer einen schweren Stand haben. Kontakte und die Möglichkeit, gemeinsam zu agieren sind Gold wert. Das hat nichts mit dem Internet zu tun: In Deutschland galt dies genauso für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Und das Internet, vor allem Social Media, ist das beste Gruppenorganisationsinstrument in der Geschichte der Menschheit.

In der Vor-Internet-Zeit hätten die Bürger der Türkei von den Protesten mutmaßlich nicht einmal etwas erfahren – denn die Medien hätten nicht berichtet. Heute erfahren die Menschen davon gerade weil Medien versagen wie das türkische CNN, die während der Proteste eine Pinguin-Dokumentation zeigte und so zur Lachnummer wurde:

cnn türkei

“Wenn die Medien sich aus einem Thema raushalten, heißt das nicht, dass darüber nicht berichtet wird. Es wird nur woanders berichtet”, ordnete Clay Shirky, Medienwissenschaftler von der New York University, die Lage in der Türkei vergangene Woche beim NRW-Medienforum ein.

Die unkontrollierte Berichterstattung kann Machthabern nicht gefallen. Denn der freie Fluss von Information hat schon immer Machtverhältnisse verschoben, nehmen wir nur den Machtverlust der Kirche nach Erfindung der Druckerpresse. Entsprechend reagierte denn auch der türkische Premier Erdogan, der Social Media zur “schlimmsten Plage der Gesellschaft” ernannte, weil dort so viele Lügen verbreitet würden. Vielleicht bestätigen das seine 2,8 Millionen Follower auf Twitter.

Die Reaktion der Regierung ist aus der Vor-Web-Zeit bekannt: Kritische Autoren wurden drangsaliert und verhaftet. Früher handelte es sich um Schriftsteller und Journalisten, heute um Blogger und Tweeter. Und doch war das Tyrannisieren früher einfacher für Despoten. Ein Schriftsteller ist als Autor nicht ersetzbar, die Auslieferung einer Zeitung kann verhindert werden. die Kontrolle des Internets und mobiler Datenströme ist ungleich schwerer. Wird ein Blogger verhaftet kann immer noch jemand anderes sein Blog weiterführen – und über die Verhaftung berichten. Für Twitter dagegen braucht ein Autor keine große Stilkenntnis, und noch weniger für das Drehen und Hochladen von Videos.

Und schließlich steigt die Zahl der Dienste, über die Menschen andere Menschen informieren können. Die Demonstrationen in der Türkei rückten zum Beispiel den Kurzvideodienst Vine mit einem Mal ins Blickfeld:

 

Auch in Deutschland praktisch vergessene Livestreaming-Dienste wie Ustream oder Bamboozer tauchen mit einem Mal aus der Versenkung auf. Dazu Clay Shirky auf dem NRW-Medienforum: “Schauen Sie sich die lustigen Dienste an. Denn heute in drei Jahren wird jemand mit diesen lustigen Diensten etwas ernstes machen.”

Gleichzeitig verschlüsseln die technikkompetenten Türken einen steigenden Teil ihrer Kommunikation. Der VPN-Anbieter Hotspot Shield registrierte gleich am ersten Wochenende der Proteste ein Plus an türkischen Kunden von 1000 Prozent, was 120.000 Kunden bedeutet.

Gern vergessen wird dabei die andere Seite von Social Media. Denn Demonstranten können ja nicht nur über ihre Tätigkeit berichten – sie bekommen auch digitale Bestätigung. Somit verschwindet auch das Gefühl, mit seinem Anliegen nach Veränderung allein zu sein. Dies beschreibt die Soziologin Zeynep Tufkci, die sich sehr intensiv mit der Bedeutung von Social Media im Arabischen Frühling beschäftigt hat, so (ohnehin ist ihr Blog-Post höchst lesenswert):

“…revolutions, political upheavals, and large movements are often result of breaking of “pluralistic ignorance”–ie the idea that you are the only one, or one of few, with a view. Street demonstrations, in that regard, are a form of social media in that they are powerful to the degree that allow citizens to signal a plurality to their fellow citizens, and help break pluralist ignorance.”

Wer diese Kommunikation unterbinden will, muss das Internet abstellen – was dann auch die Datenverbindungen des eigenen Apparates zumindest beeinträchtigen dürfte. Vor allem aber: Es schadet der Wirtschaft. Denn Istanbul ist ja nicht eine einzige, tobende Masse – es ist gleichzeitig eine Metropole, die alltäglich vor sich hin arbeitet. Und ohne Internet geht das in einer globalisierten Welt nur schwer.

Deshalb ist es auch so unendlich naiv, wenn Datenschutz-Pitbull Thilo Weichert vom angeblich unabhängigen Datenschutzzentrum in Schleswig-Holstein, im Zusammenhang mit dem US-Überwachungsprogramm Prism die Verbraucher auffordert, keine US-Dienste mehr zu nutzen: Dies kommt der Aufforderung zur persönlichen Entsozialisierung gleich – was für ein Unfug. Aber gut, es ist halt Thilo Weichert.

Somit wird die Frage, wer wann welche Dienste wie durchlässt von einer Frage der Gesellschaft zu einer der Wirtschaft. Deshalb auch ist die Diskussion um die Drosselpläne der Deutschen Telekom eben nicht nur eine um die Zahl der HD-Filme, die ein Nutzer im Monat betrachten kann – es ist die Debatte um den Wirtschaftsstandort Deutschland, sowohl auf dem Feld des unbeeinträchtigten Marktzugangs für Unternehmen (Netzneutralität) also auch im Bereich der Infrastrukturkosten.

Wer das Internet also abschalten oder teilamputieren möchte, riskiert wirtschaftlichen Schaden für sein Land. Und das ist so ziemlich das letzte, was ein wie auch immer gearteter Regierungschef haben möchte – es sei denn, sein Land pflegt ohnehin wenig ökonomische Außenbeziehungen.

Oder wie Breaking-Views-Redakteur Edward Hadas kommentiert:

“One lesson of the last five centuries is that direct opposition to new media is futile. Governments can close down mobile-phone networks and restrict internet servers, but even the reclusive state of North Korea is liable at border areas. Citizens of normal countries, including Turkey, would simply rebel.”

Bleibt nur die Überwachung. Womit wir natürlich bei Prism wären, dem US-Überwachungsprogramm, und seinem deutschen Gegenstück, der strategischen Fernmeldeaufklärung. Dient Überwachung der Sicherheit? Seien wir ehrlich: Niemand kann das beantworten. Die NSA behauptet nun, Dutzende von Terroranschlägen seien verhindert worden – aber wer wollte der NSA in diesem Punkt glauben?

Für den allerallerallergrößten Teil der Deutschen ist dies ohnehin eine akademische Debatte. Sie werden sich nicht weiter um Überwachungen kümmern. Und doch bestimmt die Frage, wie ein Staat mit diesem Thema umgeht, das Zusammenleben seiner Bürger. Überwachung behindert jene Menschen, die den Mut haben, gegen ihre Arbeitsverträge Informationen weiterzugeben – eben Whistleblower. Je mehr sie grundsätzliche Überwachung fürchten müssen, desto weniger werden sie bereit sein, ihre gesellschaftlich wichtigen Themen in die Öffentlichkeit zu bringen. Zu diesem Punkt dürfen Sie im Geschichtsbuch dann unter DDR nachschlagen. Niemand wird behaupten, in Ostdeutschland habe es an Überwachung gemangelt, niemand wird behaupten, dieses Konzept sei dem Land zuträglich gewesen.

Im Wirbel um Prism wird dabei übersehen, dass auch hier ein grundlegenderes Problem existiert. Denn der Grund, warum die NSA so munter an alle Daten herankommt, sind richterliche Beschlüsse. Und die basieren auf Gesetzen zur Herausgabe von Daten bei Gefahr für die Öffentlichkeit. Wir müssen uns also fragen, ob diese Gesetze – egal ob in den USA oder Deutschland – geändert werden müssen. Oder brauchen wir sehr viel mehr technkkundige Richter, wie Lawrence Lessig fordert?

Einen interessanten Gegenpunkt in der Diskussion setzt auch David Simon, Ex-Journalist und Autor der TV-Serie “The Wire” in einem langen und lesenswerten Blog-Post:

“The question is more fundamental: Is government accessing the data for the legitimate public safety needs of the society, or are they accessing it in ways that abuse individual liberties and violate personal privacy – and in a manner that is unsupervised.”

Bei all der Diskussionen um Datenschutz, Überwachung und Protest wird gerade in Deutschland übersehen, dass die Möglichkeit, Menschen zu organisieren noch ganz anders genutzt werden kann.

Auch hier ein Blick auf die Nachrichtenlage: 133.000 Menschen folgen der Facebook-Seite “Hochwasser Bayern 2013” – 151.000 interagierten mit dem Angebot. Das Technische Hilfswerk sagte der “FAZ”, die neuen Möglichkeiten der Helferorganisation seien “klasse”. Doch einfach so was im Internet gut finden, das fällt deutschen Medien halt schwer. Und so muss Zeit Online gleich ergänzen: “Die Anteilnahme ist groß, behindert aber auch die Arbeit der Profis.” Im Artikel findet sich kaum ein Hinweis darauf, dass es solche Probleme gibt.

Auch hier zeigt sich, dass die Frage mit dem Internet unsere Gesellschaft bestimmt. Nehmen wir nur die Reaktion der Stadt New York auf das Herannahen von Hurricane Sandy. Über 1.100 offene Datensätze hat die Verwaltung, die Online-Chefin Rachel Haot im März auf der SXSW berichtete, der größten Digital-Konferenz der Welt: “Proaktiv haben wir alle Datensätze auf Aktualität überprüft, die für Sandy wichtig erschienen, zum Beispiel Evakuierungszonen.” Und: “Daten haben eine lebensrettende Komponente. Sie müssen aber auf dem letzten Stand sein und die Menschen müssen Zugang zu ihnen haben.”

Wer hat einen deutschen Verwaltungsangestellten schon einmal so reden gehört? Und so kommt von dieser Seite schon einmal wenig, eher keine Hilfe für Katastrophenfälle. Das trifft auch auf die Medien zu. Während US-Medien viel Kreativität demonstrierten und eine ganze Reihe von Einsatzmöglichkeiten für Daten zeigten, bieten deutsche Medien derzeit ein trauriges Flut-Bild.

nyt sandy

Gern werden im Zusammenhang mit dem Internet wilde Szenarien aufgemacht, wie das Netz Schaden anrichten soll. Deshalb halte ich es für legitim, dies einmal umzudrehen: Das Desinteresse der Verwaltung in Sachen Daten und die Rückständigkeit der Medien in diesem Punkt sorgt dafür, dass die Schäden der Flut sich vergrößern. Mehr Menschen verlieren ihre Habe, als nötig wäre. Nun werden sie (hoffentlich) entschädigt. Wer zahlt das? Wir alle.

Solche Potenzialschäden spielen nur selten eine Rolle in der germanischen Diskussion. Ein schönes Beispiel ist auch die Störerhaftung für Wlan-Betreiber. Diese sorgt dafür, dass deutsche Kommunen keine freien Wlan-Hotspots einführen wollen – die Gefahr, in Haftung genommen zu werden, ist zu groß. Ganz anders laufen Debatten in Großbritannien: Dort sorgt man sich um den Wirtschaftsstandort London, weil in der U-Bahn kein Handy-Empfang vorhanden ist. Und ohnehin tut sich in London – trotz immenser Mieten und Lebenshaltungskosten – Großes, wie in diesem “Wired”-Schwerpunkt nachzulesen ist.

Im Guten, im Schlechten und im Kriselnden – immer bestimmt digitale Technologie, das Internet, mobiler Datenverkehr maßgeblich mit, wie wir miteinander leben, arbeiten und helfen. Das ist keine Zukunftsspinnerei sondern Alltäglichkeit.

Wenn also das nächste mal jemand meint: “Es gibt ja auch noch Wichtigeres als das Internet.” Sollte man ihm entgegnen: “Nein. Gibt es nicht. Denn die Frage, wie wir mit dem Internet umgehen ist mehr, als die Frage, wie wir mit dem Internet umgehen.”

 

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