Der Herr der 10000 Flies

by Thomas Knüwer on 23. Januar 2013

Einst, so berichtet Papa Blogger aus den Zeiten der frühen Medienkriege, gab es in Germanien die deutschen Blogcharts. Dies war eine Hitliste, oder wie spätere Generationen es nennen würden “ein Ranking”, der meistverlinkten Weblogs des Landes.

Diese Blogcharts waren nicht perfekt, es war nicht alles schlecht, aber wir hatten ja nichts – vor allem keine vernünftige Verlinkungsmessung. Hinzu kam, dass Blogs sich weiterentwickelten und sich die Frage stellte: Was ist überhaupt ein Blog und was nicht? Müssen Kommentare sein? Dann wäre das Bildblog raus. Sind magazinartige Seiten auf WordPress Blogs?

Das alles machte dem Vater der Blogcharts, Jens “Popkulturjunkie” Schröder gar viel Müh’ und Sorgen. Denn jene Charts waren ein Hobby neben seiner Arbeit beim Branchendienst Meedia. Und so entschlief jene Hitliste vor langer, langer Zeit.

Schnappschuss (2013-01-23 10.30.25)Doch wer Jens kennt, der ahnte: Irgendwann kommt da wieder was. Irgendwann ist heute. Und das was heißt “10000 Flies“. Der Name – na ja. Das Ergebnis: superspannend.

Die 10000 Fliegen listen Artikel auf, die im deutschen Social-Media-Bereich besonders häufig geliked, retweetet oder geplust wurden. In den eigenen Worten der Fliegen-Herren geht das so:

“Durch umfangreiche Recherchen ermitteln wir ständig, welche Medien und Blogs in den sozialen Netzwerken eine gewisse Resonanz erreichen. Diese Medien werden in unser System eingepflegt und ihre Inhalte werden von dem Zeitpunkt an komplett von 10000 Flies erfasst. Mit Hilfe der offiziellen API-Schnittstellen von Facebook, Twitter und Google werden anschließend die Zahlen der Likes, Shares, Comments, Tweets und +1s ermittelt und daraus die täglichen Charts erstellt. Derzeit findet sich im 10000-Flies-System eine vierstellige Zahl von Quellen, die monatlich rund 250.000 Beiträge veröffentlichen. Unsere täglichen Charts werden jeweils in der Nacht ermittelt und stehen um 9 Uhr morgens zur Verfügung. Zudem gibt es Wochen-, Monats- und Alltime-Charts.”

Nun weiß jeder, der sich mit Social Media Monitoring befasst, dass die Sache nicht ganz so einfach sein wird. Denn Artikel laufen gern auch mal über mehrere, leicht veränderte URL, die offiziellen Zahlen bei Likes und Retweets sind manchmal mit Vorsicht zu genießen. Vor allem aber werden Quellen, die zuvor nicht auftauchten, zunächst nicht registriert. Dies dürfte dazu führen, dass sich schnell verbreitende Viral-Phänomene etwas länger brauchen, um in der Liste aufzutauchen.

Doch dies ist Meckern auf hohem Niveau. Die 10000 Flies sind ein richtig guter Ansatz und bieten Einblicke in Ecken des Internet, die häufig gar nicht wahrgenommen werden.

Derzeit, beispielsweise, steht das Veganblog der Tierschutzorganisation Peta an Platz 1 mit einer Story über ein illegale Nerzfarm in Bielefeld, gefolgt von der digitalen Vorpremiere des neuen Songs der Metalcore-Band Bring me the Horizons beim Online-Auftritt des Magazins “Metal Hammer”.  Unter die Top10 schafft es auch eine Geschichte über Andrea Berg von einer Seite namens Schlagerplanet.

Was noch erstaunlich ist: Die Social Media-Macht von Welt.de. Unter den Top10 finden sich vier Geschichten aus dem Welt-Netzwerk, jedoch keine einzige von Spiegel Online. Es dürfte spannend werden, dies weiter zu analysieren.

Wir sehen hier ein ganz anderes Abbild des deutschen Social Web. Eines der normalen Menschen, bei denen Facebook Alltag ist, die aber nicht über Netzneutralität oder Leistungsschutzrecht debattieren. Wir werden dadurch auch Wirkungen in der Aktivistenszene sehen: Denn die Nutzer dieser Seiten gilt es für jene Themen zu sensibilisieren. Und natürlich werden auch Marketing-Leute in Unternehmen und Agenturen ein Auge auf 10000 Flies werfen.

10000 Fliest ist Seite, die wir in Deutschland brauchten – Hut ab vor Jens Schröder. Und wieder einmal dürfen wir fragen: Warum kommt ein solches Angebot nicht von einem der Unternehmen, die für Nachrichtenfilterung und -aggregation eigentlich zuständig sind – den Verlagen?

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