Wie der Journalismus sich marginalisiert

by Thomas Knüwer on 12. Dezember 2012

Als ich das erste Mal nach London reiste, als pummeliger Teenager Anfang der 80er, war Speakers Corner noch eine echte Attraktion. Dutzende von Rednern standen da, manche debattierten ernsthaft, andere nicht – und natürlich gab es auch die handelsüblichen Irren.

Heute ist am Rand des Hyde Parks nicht mehr viel los. Fünf, sechs Leute stehen an einem normalen Tag noch auf Kisten oder Kästen und brüllen ihre Theorien über die Welt in die Welt. Die meisten dieser Ansichten sind mit “verschroben” höflich umzeichnet. Doch es werden immer weniger, genauso wie die Zahl Zuschauer abnimmt: Selbst die Narren wissen, dass sie sich zum Narren machen, predigen sie an einem öffentlichen Platz ohne dass sie Mitglied einer Partei im Wahlkampf sind.

Im späten 19. Jahrhundert wurde Speakers Corner eingerichtet um dem Volk einen öffentlichen Ort zum Debattieren zu schaffen. Damals war das sinnvoll. Heute wirkt diese Idee antiquiert. Jede Zeit hat eben ihre Mittel und Wege, ihre Instrumente und Orte der Meinungsfindung und der Moderation des Diskurses der Bürger.

Im Jahr 2012 ist dieser Ort das Internet. Und damit meine ich nicht nur die Versammlung von uns Digital-Narren auf Google+. Jeder von uns kann die Facebook-Updates der eher analog veranlagten Freunde sehen, die genauso Nachrichten über Politik und Gesellschaft verlinken und darüber debattieren. Nehmen wir nur meinen Heimatort Senden: Dort stellt neuerdings ein Unbekannter Tierfiguren in die Mitte eines Kreisverkehrs. Die Gemeinde will das verbieten – die Diskussion in einer privat gegründeten Facebook-Gruppe nähert sich den 300 Kommentaren.

Einen gewichtigen Part im öffentlichen Diskurs übernahmen im Laufe der Jahrhunderte die Massenmedien. Journalismus wird auch deshalb als wichtig für die Gesellschaft erachtet, weil er die Argumente im Rahmen einer Diskussion sammeln und aufbereiten soll und mit seinem Trägermedium einen Ort der Debatte liefern könnte. Über Jahrzehnte erfüllte er diese Rolle: Nehmen wir als plakatives Beispiel nur die Recherchen von Günter Wallraff. Egal ob Obdachlose, Ausländerfeindlichkeit oder die “Bild” – seine Bücher und Artikel stießen Diskussionen in der Öffentlichkeit an.

Aus diesem öffentlichen Diskurs ist ein medialer geworden, oder besser: eine mediale Verwertungskette. Ein Verlag bringt ein Buch heraus, der “Spiegel” bekommt den exklusiven Vorabdruckt, die Zeitungen berichten über den Vorabdruck, die “Bild” versieht das Thema mit menschlichen Beispielen, Fehlern und Übertreibungen, final landet es in den ARD-Talkshows. Ob irgendwo in diesem Zuge überhaupt ein Interesse des Bürger geweckt wird ist oft nicht nachvollziehbar, niemals aber relevant (außer für den Buchverlag, der seine gedruckten Produkte verkaufen muss).

Die Journalisten selbst interessiert dieses Leserinteresse oft genug auch nicht. Seit langen Jahren bewegen sie sich in ihrer eigenen Filterblase. Irgendwann Mitte der 90er gab der “Spiegel” mal eine Reihe von Themenheften heraus, in dem über “Die Journalisten” war eine Studie des Publizistik-Professor Siegfried Weischenberg zu finden. Diese besagte, dass Journalisten sich vor allem mit anderen Journalisten in ihrem Freundeskreis umgeben.

Nun verschärft sich diese Filterblase durch den Druck von oben. Die Einschläge der Medienwandelbomben kommen näher, die Redakteure fürchten um ihren Arbeitsplatz. Diese Sache mit dem Diskurs darf gern stattfinden – nachdem bezahlt wurde. Dieses Bezahlen ist fast manisch in den Fokus vieler gerückt.

Die eigentliche Funktion des Journalismus gerät darüber in Vergessenheit. Obwohl doch klar ist, dass der Bedarf an Journalismus weiter vorhanden ist und die Menschen natürlich Orte aufsuchen werden, an denen Diskurs entsteht – und an diesen Orten lassen sich dann Geschäfte machen.

“Wie soll eine Gesellschaft ohne Journalismus funktionieren?”, fragen hochrangige Medienchefs in diesen Tagen panisch. Das ist die falsche Frage aus meiner Sicht. Viel zeitgemäßer muss die Betrachtung lauten: “Was tut eine Gesellschaft, wenn der Journalismus seine Funktion in ihrem Rahmen nicht mehr erfüllen will?”

Ein typisches Beispiel dieser Haltung gab es vor ein paar Tagen auf Twitter zu bestaunen. Da hatte Stefan Plöchinger, Chefredakteur von Sueddeutsche.de, sich über einen Text aus dem “Stern” geärgert und diesen als Foto auf Twitter weitergerreicht. Daraufhin meldete sich Lorenz Wolf-Doetinchen zu Wort, der Ressortleiter Politik & Wirtschaft des “Stern”:

Der Bürger darf debattieren – nachdem er gezahlt hat. Nur: Warum sollte er das so wollen? Eintrittsgeld limitiert die Zahl der Disktutanten – und das Weiterreichen der Debattengrundlage, des Artikels, ist auch nicht möglich. Der menschliche Kommunikationsanlass “Hast Du DAS schon gehört?” entfällt somit. Erst recht im Rahmen eines E-Papers, das keine Diskussionsoptionen erlaubt, erst recht keine öffentlichen.

Radikal gesagt ist Wolf-Doetinchens Haltung: Nur wer zahlt bekommt das Recht auf eine Stimme. Doch natürlich würde diese radikale Aussage den “Stern” unnötig überhöhen. Tatsächlich gibt es nun eben überall im Netz Debatten über die Gesellschaft während der “Stern” sich doch eher einen Namen damit gemacht hat, Themen wie “Sex im Ausland”, “Depression” oder “Magersucht” mit schöneren Worten aufzuschreiben als der “Focus” dies zuvor schon getan hat. In einer Welt, in der es eine dramatisch gestiegene Zahl guter Autoren gibt, müssen hauptberuflich tätige Journalisten besser werden.

Tatsächlich aber ziehen sie sich in diesen Tagen aus dem gesellschaftlichen Diskurs zurück, den sie moderieren sollen. Sie schließen sich den fast irrwitzigen Stechschritt-Kommentaren deutscher Zeitungen an, arbeiten darin nicht nur mit Beleidigungen sondern genauso mit Lügen und dem Verschweigen von Gegenargumenten für ihre eigene Argumentation. Dazu lesen Sie  ausführliche Beispiele hier, hier, hier oder hier. Die Argumentation der Print-Gemeinde ist von intellektueller Schlichtheit: Wir verschenken nicht unsere Leistung (und bevor die entsprechenden Kommentare auflaufen – zur Refinanzierung von Journalismus durch Onlinewerbung habe ich hier und hier etwas geschrieben).

Diese Forderung nach Marginalisierung ist bemerkenswert. Denn wer seine Inhalte im Web hinter einer Bezahlschranke versteckt, der verschließt sich der Gesellschaft – und die vergisst ihn dann Stück für Stück. Er wird zu jenem Kumpel, der ins Ausland gegangen ist. Am Anfang fragt der Freundeskreis noch, wie es ihm wohl geht. Doch er schreibt ja nie, man müsste ihn anrufen, das aber ist teuer. Gelegentlich greift noch mal einer zum Hörer, nach einiger Zeit jedoch wird es still. Irgendwann hat er die Köpfe der anderen verlassen, da hilft selbst die Weihnachtskarte nur noch wenig, “Ach, der Frank, ja… *Schweigen*… Wo fahrt ihr dieses Jahr Ski?”

Auf diesem Weg sind die meisten Print-Medienhäuser. Sie verlassen freiwillig die Wahrnehmung der Gesellschaft. So mancher Redakteur bemerkt das heute schon. “Mir hat ein Pressesprecher gesagt, ich würde ja kaum noch etwas schreiben”, berichtete mir kürzlich der Redakteur einer großen Zeitung. Dabei schreibt er täglich, nur landen seine Artikel nicht mehr online. “Ich schreibe – aber in der Zeitung”, antwortete er jenem Kommunikator und der quittierte dies mit der Höchststrafe: “Dann hab ich das wohl im Pressespiegel übersehen.”

Das von den Verlagen geforderte Leistungsschutzrecht würde diese Entwicklung beschleunigen.

Wie sich nun auf eine Anfrage der Linken herausstellt, sieht die Bundesregierung juristische Fragen im Zusammenhang mit dieser Verlagssubvention, die nur vor Gericht zu klären sind. Dazu gehört die die Verlinkung von Nachrichtenartikel via Twitter oder Facebook. Das Bundesjustizministerium sagt, es müsse geklärt werden, ob “eine innere Verbindung zwischen dem fremden Werk und den eigenen Gedanken hergestellt wird und das Zitat als Belegstelle oder Erörterungsgrundlage für selbständige Ausführungen des Zitierenden erscheint”. Sprich: Entgegen aller Beteuerungen der ja ohnehin durch Lügen auffallenden Verlagslobby brächte das Leistungsschutzrecht eine juristische Gefahr für jeden, der ein Blog führt, für jeden, der auf Facebook einen Artikel verlinkt, für jeden, der auf Twitter eine Nachricht weiterreicht.

Der öffentliche Diskurs wird zum wirtschaftlichen Risiko. Und verantwortlich dafür sind die, deren ureigenste und von der Verfassung geschützte Aufgabe es ist, genau diese gesellschaftlich wichtige Funktion zu schützen.

Wer ein wenig im Netz unterwegs ist ahnt, was passieren wird. Seit Anbeginn des Massenmediums Internet kursieren Hoaxes, Falschmeldungen mit einem Inhalt, der vor diesem oder jenem Verhalten im Web warnt. Auch auf Facebook treiben sie ihr Unwesen, vor allem geteilt von Menschen, die nicht Social Media anwenden, ohne groß darüber nachzudenken – die Normalbürger. Einen aktuellen und guten Überblick liefert übrigens jederzeit Mimikama.

Es wird schon ein Prozess egal welchen Ausgangs reichen, um den nächsten Hoax zu erschaffen: “Du sollst nicht auf Nachrichtenseiten verlinken – sonst landest Du vor Gericht”. Was werden die Menschen machen? Nicht mehr verlinken. Und sie tun gut daran, sollte die juristische Splittergranate “Leistungsschutzrecht” tatsächlich abgeworfen werden.

Werden die Bürger sich deshalb nicht mehr im Netz austauschen? Natürlich nicht. Sie werden jedoch andere Quellen nutzen, Blogs zum Beispiel. Das ist  einerseits schön – andererseits aber sind die Redaktionen der klassischen Medien ja tatsächlich wichtig für unsere Gesellschaft. Und nun werden sie aus den täglichen Gesprächen der Bürger einfach herausfallen.

In der Marketingtheorie gibt es das Bild des “Relevant Set”. Die Kaufentscheidung des Verbrauchers falle in einem mehrstufigen Prozess, sagt die Wissenschaft. Er beginnt mit den verfügbaren Produkten. Von denen werden aber nur die bekannten gekauft, von denen nur die vertrauten und von denen nur die akzeptierten. Am Ende übrig bleiben die präferierten Produkte. Solch ein Relevant Set kann sich ändern. Maßgeblich daran beteiligt ist eben der zwischenmenschliche Kontakt. Wenn mit einem mal alle über eine neue Marke reden, dann arbeitet sie sich in dieses Set hinein. Genauso aber rutschen Produkte oder Marken heraus, wird man nicht immer mal wieder an sie erinnert.

Paid Content sorgt dafür, dass Medienmarken bei jüngeren Menschen erst gar nicht im Relevant Set landen. Und bei älteren? Fallen sie zumindest im Print-Bereich heraus. Denn der Einzelkauf eines gedruckten Produktes ist mit einem kleinen Aufwand verbunden: Ich muss in dem Moment, da ich an einem Verkaufsort vorbeigehe, mich daran erinnern, dass ich ein spezifisches Objekt erwerben wollte. Dabei hilft jener Relevant Set – in dem rutschen die Printobjekte immer weiter nach hinten, denn am zweitwichtigsten Ort der menschlichen Kommunikation (nach dem persönlichen Treffen) werden sie nicht mehr debattiert. Natürlich war das früher anders: Ohne das Internet war der Zwang, sich mit Printprodukten zu informieren eben höher – und somit natürlich der Kaufimpuls.

Als Lösung blieben noch Abos: Sie brächten die Print-Produkte regelmäßig ins Haus, es gibt eine gewisse Hemmschwelle bei vielen Menschen, diese zu kündigen. Doch agieren die deutschen Verlage in Sachen Abos meist unfair gegenüber ihren Kunden: Sehr schnell rutscht man einfach in das Bezahlen hinein, oft sind Kündigungen nur zu bestimmten Zeiten möglich. Und schließlich verkaufen Verlage anscheinend ohne schlechtes Gewissen die Adressdaten ihrer Abo-Kunden. Kein Wunder, dass Abos oft nur noch durch Beigabe teurer Prämien zu verkaufen sind.

Wer aus dem Relevant Set rutscht, wird nicht mehr gekauft. Und schon steigen die wirtschaftlichen Probleme der Medienhäuser. Es beschleunigt sich jene Todesspirale, in der wir uns längst befinden: Weniger Leser bedeuten weniger Anzeigen bedeuten Sparrunden bedeuten sinkende Qualität bedeuten weniger Leser bedeuten…

Natürlich wird es weiterhin Zeitungsleser geben – doch es werden sehr, sehr wenige. Wir haben solch eine Entwicklung schon häufig im Rahmen der Zeitläufte gesehen: Briefmarkensammeln war früher größer, Küfer gab es einst haufenweise, noch in den 70ern hatten wir Nachbarn, die absolut keinen Fernseher haben wollten und allein dem Radio vertrauten.

Dieser kleiner gewordene Kreis der Anhänger eines bestimmten Produktes oder Lebensstils ist sogar in Grenzen kaufkräftig und -willig. Denn um jene Produkte zu erwerben, die seinen gewünschten Lebensstil ermöglichen, ist ein gewisser Aufwand nötig: Die gibt es nicht an jeder Ecke. Doch die Gruppe ist nicht groß genug, damit der Briefmarkenladen im Herzen der Stadt erhalten bleibt, sie reicht nicht für große Fassmacher-Werkstätten mit Dutzenden von Angestellten.

In der Öffentlichkeit werden jene Lebensstile gern belächelt oder verlacht. Warum erhielt jener imaginierte Artikel-Einstieg um die Modelleisenbahn Horst Seehofers, der erst einen Journalistenpreis erhielt und dann nicht, so aufmerksamkeitsstark? Weil er den CSU-Mann als einen im Kopf des Lesers erscheinen ließ, der als Erwachsener mit Spielzeug hantiert. Als Sonderling. Als Freak. Den man sich auch gut vorstellen könnte, wie er eine Seifenkiste auf einen öffentlichen Platz niederwirft, sie besteigt und dann die Sicht der Welt predigt.

Zeitungsleser und Zeitungsmacher sind auf dem besten Weg, genau so wahrgenommen zu werden: die Speakers Corner der Medienwelt, mit immer weniger Touristen, die sich ob des merkwürdigen Schauspiels belustigt fühlen. Der Journalismus marginalisiert sich selbst.

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