Instagram und die traurige Realität des Journalismus

by Thomas Knüwer on 19. Dezember 2012

Vor zwei Wochen besuchte ich mal wieder die Le Web in Paris. Mit über 3000 Besuchern ist sie die größte und wohl wichtigste Konferenz in Europa für die Internet-Branche. Da ich ein paar Artikel für die “Wirtschaftswoche” schreiben werde, war ich dort als Journalist akkreditiert.

Dies war eine recht kommode Situation: Denn ich musste keine Interviewtermine anfragen – sie wurden mir zuhauf angetragen. Egal ob Evernote-Chef Phil Libin oder Paypal-Lenker David Marcus, es war kein Problem exklusive Gespräche mit ihnen zu bekommen. Das hatte einen simplen Grund: Die Zahl der Journalisten aus Deutschland, einem nicht unwichtigen Markt, war höchst überschaubar. Es scheint mir – und natürlich kann es sein, dass ich jemand nicht getroffen habe -, dass nur Bild.de und Venture-TV in Paris waren.

Muss man denn dort hinreisen? Nicht jeder muss. Aber wer die Internet-Branche für ein Medium betreut, wird sicherlich mit vier, fünf oder mehr Geschichten heimreisen. Denn es sind ja nicht nur die Großkopferten interessant – genauso trifft man den Gründer eines neuen Systems für Paid Content, das sogar mich hat grübeln lassen.

Es muss ja auch nicht jeder, der über Digital-Themen schreibt anreisen. Aber wenigstens eine Hand voll? Leute von den großen Medienhäusern?

Doch es ist ja bezeichnend, dass die Le Web auf der Akkreditierten-Seite so deutschbefreit war. Denn genauso geht es in den Redaktionen insgesamt ja in diesem Feld zu. Das Internet ist zwar die disruptivste Technologie unserer Zeit, der digitale Wandel eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen – doch kompetente Autoren sind in Deutschland eine Seltenheit.

Selbst wenn es Redakteure gibt: Reisen dürfen sie oft genug gar nicht mehr. Und überhaupt sind die Redaktionen inzwischen zum Hort von Praktikanten und Volontären geworden, wie wir heute erfahren: Ein Sechstel der Mitarbeiter der eingestellten “Financial Times Deutschland” gehörte in diese Rubrik.

ftd

Natürlich gibt es noch gute Redakteure, die das Feld betreuen. Doch es sind verschwindend wenige – und oft arbeiten sie nicht fest angestellt oder sind Betreiber von Tech-Blogs.

Deutlich zeigt sich die mangelnde Branchenberichterstattung über Netz-Themen in Großredaktionen auch am Beispiel Instagram. Gestern veränderte die Fotoplattform Instagram ihre Nutzungsbedingungen. Es brach ein Sturm los – auch in den USA, stärker aber in Deutschland. Die Behauptung: Instagram verkauft die Fotos der Nutzer weiter.

Nur: Das ist Unsinn – jeder, der die AGB liest kann das leicht feststellen. Und: Tatsächlich verbirgt sich dahinter vielleicht eine andere Geschichte.

Die Passagen, um die es geht lauten:

“To help us deliver interesting paid or sponsored content or promotions, you agree that a business or other entity may pay us to display your username, likeness, photos (along with any associated metadata), and/or actions you take, in connection with paid or sponsored content or promotions, without any compensation to you.”

Haben Sie Worte wie “verkaufen” gefunden? Nein. Steht da auch nicht. Da steht “anzeigen”. Jeder, der sich ein wenig im Web auskennt, sieht sofort die Übertragung der Facebook-Werbung auf Instagram. Was zusammenpasst mit Facebooks sich abzeichnender Idee, ein eigenes Anzeigennetzwerk zu starten, das auch außerhalb der Plattform läuft.

Überhaupt: Warum sollte Facebook in diesen Markt einsteigen? Der Verkauf von Bildern ist ein Margengeschäft geworden. Nur wenige Edel-Agenturen können noch viel Geld für Fotos verlangen – das aber sind dann aufwändige Produktionen. Weit darunter liegen dann die Microstock-Dienste mit ihren geringen Gewinnspannen. Und nun sollen Unternehmen interessiert sein an extrem gefilterten Amateur-Bildern?

Nun könnte ein Journalist dem geneigten Leser dies erklären. In Deutschland aber ist das nicht möglich. Daten? Werden verkauft. Geht nicht anders. Und so schreien sie es heraus in die Welt: “Instagram verkauft Nutzer-Fotos”. Es ist die typische, platte und nicht durch Kompetenz in der Web-Branche geprägte Haltung deutscher Journalisten, die Marcel Weiß bei Neunetz sehr schön auseinandernimmt. Er schreibt:

“Die deutsche Presse ist mehrheitlich auch nach Jahren nicht in der Lage, halbwegs objektiv über erfolgreiche, also große, in der Regel aus den USA kommende Webdienste zu berichten. Das lässt sich nur mit Vorurteilen gegenüber der Internet-Branche erklären.”

Dies gilt nicht für die gesamte deutsche Journaille – aber für den allergrößten Teil. Dem würde ich soviel Verve in Sachen Datenverkauf auch wünschen, wenn seine eigene Branche massenhaft mit Daten handelt – bei der gehört es ja zum Geschäftsprinzip. 

Selbst journalistisches Handwerk gerät dabei unter die Räder. Instagram ist eine Facebook-Tochter, Facebook hat eine Kommunikationsabteilung in Deutschland. An Journalistenschule wird gelehrt, dass man in solch einem Fall eine Stellungnahme einholt. Nun ist klar: Es wird aller Voraussicht nach ein “Kein Kommentar” geben oder keine Reaktion – die deutschen Kommunikatoren in US-Unternehmen bekommen nicht sonderlich viele Freiheiten. Doch es gehört eben zum Handwerk, die im Artikel erwähnte Seite zumindest um eine Stellungnahme zu bitten. Selbst wenn man weiß, dass am Ende die Zeile “… hat auf Anfrage nicht reagiert” getippt werden muss.

Raten Sie mal.. Genau. Selbst honorige Institutionen führen dies nicht in ihren Stücken auf, weshalb davon auszugehen ist, dass sie Facebook nicht kontaktiert haben.

Diese Schludrigkeit geht einher mit einem pompösen Ego und dem Glauben, eine Facebook-Tochter ändere auf medialen Druck ihre Strategie. Denn Kevin Systrom, der Gründer von Instagram, hat über Nacht eine Klarstellung verfasst. In dieser sagt er klar, dass eine Verkaufsabsicht nie existierte. Außerdem kündigt er an, die AGB verständlicher zu formulieren.

Man könnte das nun beschreiben mit Kundenfreundlichkeit, vorbildlicher Reaktion oder so etwas in der Art. Man kann sich selbst aber zum Bezwinger des Drachen erklären, zum Retter der Menschheit vor dem bösen Zuckerberg. Dann behauptet man, Instagram rudere zurück, es beuge sich dem Druck von Medien und Straße.

Mal ernsthaft: Glaubt tatsächlich irgendjemand, ein börsennotiertes Unternehmen ändere einen völlig neuen Teil seiner Einnahmenströme mal eben so über Nacht? Das ist eine Sicht auf die Wirtschaft, die von Milchmädchen-Naivität geprägt ist.

Natürlich ist diese klare Aussage kein Grund, die Verkaufsartikel zu ergänzen oder vom Netz zu nehmen. Einige Medien haben ihre Berichterstattung ergänzt, selbst aber heute.de und Zeit.de haben ihre fehlerhaften Stücke weiterhin online. Das ZDF, immerhin, hat einen weiteren Artikel geschrieben. Der alte Bericht jedoch hat keine Aktualisierung oder Verlinkung.

Zeit Online hat einen langen “Wir haben viele Fehler”-Artikel gemacht. Er nennt vier Fehler: nur einer liegt bei den Journalisten. Bizarr wird es, wenn die Instagram-Nutzer mit Account-Löschungen ein Fehler vorgeworfen wird. Weshalb waren die wohl so panisch? Derweil steht das fehlerbehaftete Stück weiter online, selbstverständlich ohne Hinweis. Ich meine: Wenn ein Artikel so daneben liegt, muss es legitim sein, ihn zu löschen – im Sinne jener Leser, die das Angebot über eine Suchmaschike erreichen.

zeit

Unterhaltsam ist es auch, wenn via Twitter einige Autoren meinen, das mit dem “verkaufen” sei ja nicht als “verkaufen” gemeint gewesen – es handele sich dabei um eine “journalistische Verkürzung”, es sei “auf den Punkt gebracht” worden. Nein. Ist es nicht. Es ist die verdammte Aufgabe von Journalisten, erst recht wenn sie online ohne physische Platzrestriktion arbeiten, ihren Lesern das Thema zu erklären – und nicht, es zu verkürzen. Diese Verkürzung ist die Aufgabe eines bestimmten Teils der Berichterstatterzunft: dem Boulevardjournalismus.

Kevin Systrom ist übrigens ein sehr angenehmer Gesprächspartner, wie ich auf der Le Web feststellen konnte. Auf der Bühne ist er bereits durchdrungen von jenem merkwürdigen Tonfall, den Rednertrainer im Silicon Valle allen Facebookern und Googleanern antrainiern. Bei unserem Interview jedoch spricht er entspannt und ruhig. “Netter Typ”, denkt man.

Er sieht Instagram weniger als schlichte Fotoseite:

“Wir diskutieren intern sehr viel darüber, dass sich Instagram von einem Netzwerk, in dem man Fotos teilt, verändern könnte in etwas deutlich Öffentlicheres. Einen Ort, in dem man sieht, was auf der Welt gerade passiert. Ein Beispiel dafür waren die Bilder nach Hurricane Sandy: Man konnte sehen, wo Menschen sind und wie es dort aussieht. Auf Dauer kann ich mir vorstellen, dass Instagram ein Ort ist, an dem wir die Welt in einem bestimmten Moment sehen – egal wo man sich befindet.”

Und:

“Dies ist die große Herausforderung der kommenden Jahre: Wir bringen wir all diese Daten zusammen und geben ihnen einen Sinn? Und: Wie heben wir das hervor, was die Menschen interessieren könnte?” 

Wenn er so etwas sagt, wirkt Systrom wie ein weniger nerdiger Mark Zuckerberg. Auch der sah in seinem Baby immer mehr als nur eine technische Plattform.

Doch gibt es etwas, was mich nachdenklich macht – und dies ist für mich die eigentliche Nachricht hinter der AGB-Veränderung. Ich frage mich: Ist Kevin Systrom bei Instagram entmachtet?

Bei unserem Gespräch fragte ich ihn nach der Monetarisierung:

“Dies war sicher drängender, als wir ein unabhängiges Unternehmen waren. Als Teil von Facebook versuchen wir herauszuarbeiten, welcher Beitrag, den wir leisten können, bedeutender ist: der monetäre oder die Interaktion auf Facebook durch unsere Fotos. Wir müssen also nicht unbedingt in dieser Sekunde herausfinden, wie wir Einnahmen erzielen – denn unser Produkt sorgt dafür, dass die Menschen Facebook stärker nutzen.”

Auch habe sich nicht viel geändert, seit Instagram übernommen worden ist:

“Das Leben hat sich nicht großartig verändert, außer dass ich jetzt nach Menlo Park fahren muss. Unsere Büros waren ja in San Francisco. Das einzige, was sich tatsächlich geändert hat ist unser Innovationstempo. Wir konnten unser Team schnell vergrößern. Deshalb konnten wir Ideen schneller starten. Web Profiles sind dafür ein Beispiel. Das planten wir schon länger. Als wir zu Facebook zogen waren wir in der Lage, die Ressourcen zu nutzen: Wir fanden sofort zwei Programmierer, die an dem Projekt mitarbeiteten. Wir bewegen uns also schneller, aber wir sind noch das gleiche Team – nur etwas größer und pendeln länger.”

Diese Unabhängigkeit im Handel sollte auch erhalten bleiben:

“Sie sollen den Eindruck haben, dass Instragram die Unterstützung Facebooks hat. Aber die Marke an sich ist einzigartig und wertvoll – und das will Mark erhalten.”

Exakt 14 Tage später ist all das Makulatur. Nun wird der Boden für die Monetarisierung bereitet. Und mir scheint: Systrom wusste zu diesem Zeitpunkt nichts davon – sonst hätte er eine andere Sprache gewählt.

Weshalb ich behaupte: Er ist zwar noch die nette Vorzeigefigur bei Instagram – doch die geschäftlichen Entscheidungen trifft Facebook.

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