Gackgackgack Paid Content Gackgackgack

by Thomas Knüwer on 25. Oktober 2012

Anlässlich der Medientage München kündigte Andreas Scherer, Geschäftsführer der Presse-Druck- und Verlags-GmbH zu Augsburg, Mutterhaus der “Augsburger Allgemeinen” und Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Zeitungsverleger, an sein Haus werde auf Paid Content setzen. Zitat: “Es ist aber nur fair und richtig, diejenigen Online-User, die unsere Qualitätsinhalte kostenfrei genutzt haben, an unseren Aufwendungen zu beteiligen.”

Klingt realistisch, oder? Schließlich ist sehr viel von Bezahlinhalten und dem Ende der angeblichen Gratiskultur im Internet die Rede derzeit.

Tja, nur: Jenes Zitat von Andreas Scherer stammt – aus dem Umfeld der Medientage 2009.

Wie weit ist das Thema Paid Content inzwischen in Augsburg? Nun, na ja… Sowohl das in München von der Feuerwehr gerettete Eichhörnchen (investigativer Lokaljournalismus gefällig?) auf der gestrigen Startseite der Augsburger Allgemeinen, noch der drei Tage alte Spielbericht der heimischen Panther ist kostenpflichtig. Und dem “Mediummagazin” sagte der stellvertretende Chefredakteur Jürgen Marks: “Wir werden die Entwicklung aufmerksam beobachten. Voraussetzung ist eine weitere Attraktivitätssteigerung unserer Online-Portale.”

Oder um es kurz zu sagen: Passiert ist nix.

Und das nicht erst seit 2009 und nicht allein in Augsburg. Tatsächlich wurde ja im Jahr 2002 schon – vor ZEHN Jahren – behauptet, nun stünden Bezahlinhalte  bei Nachrichtenseiten aber so was von vor der Tür. Nun, ein Jahrzehnt danach, klingen die Ankündigungen nicht einen Jota anders. Natürlich gelten die Argumente, warum Paid Content bei Nachrichtenseiten nicht funktioniert auch weiterhin:

– Die Verbraucher haben schon immer für Inhalte im Web gezahlt – deshalb gibt es keinen “Gesinnungswandel”.
– Sie zahlen aber nicht für Nachrichteninhalte. Denn diese werden exakt einmal konsumiert und ihre Qualität lässt sich erst nach diesem Konsum beurteilen
– Die Qualität der Nachrichtenseiten ist teilweise hundsmiserabel.
– Die Umsätze aus dem Paid Content reichen weder, um die Angebote zu refinanzieren, noch um die entgehenden Onlinewerbeeinnahmen auszugleichen.
– Paid Content negiert sowohl Suchmaschinen als auch Social Media.
– Es gibt noch immer keine annähernd bequemen Bezahlsysteme.
– Metered Modelle sind nicht Fisch und nicht Fleisch und lassen sich problemlos umgehen – gleichzeitig senken sie aber die Bereitschaft, auf die entsprechenden Seiten zu verlinken.

Das bedeutet nicht, dass Zeitungsverlage unfähig wären, Inhalte zu erzeugen, für die bezahlt wird. Zum Beispiel halte ich RP+ der “Rheinischen Post” weiter für gut gedacht, aber falsch gemacht. Nur fällt dieser Content nicht einfach bei der Alltagsarbeit ab. Und: Er wird auf absehbare Zeit nicht zum Stammgeschäft werden. Der Versuch, tradierte Geschäftsprinzipien auf eine disruptive Technologie zu übertragen ist fruchtlos.

Die Zeit der Verantwortlichen wäre besser investiert in Diskussionen, wie sie der Harvard-Management-Professor Clayton Christensen mit diesem höchst lesenswerten Artikel für die Nieman-Stiftung führt. In die gleiche Richtung geht auch die Studie der Unternehmensberatung Roland Berger, die turi2 heute erwähnt. Ich halte es für eine Fehlinterpretation, wenn es heißt: Roland Berger glaubt an die Zukunft von Print. Vielmehr tritt Berger den Print-Gläubigen auf höchst diplomatische Weise – die Münchener wollen ja Verlagskunden gewinnen – in den Hintern. Die Kreativität und Gedankentiefe der Studie hat zwar Pfützenniveau, es wird gar mit dem Unsinn des Rieplschen Gesetzes argumentiert, doch zwischen den Zeilen sagt Berger: Print stirbt, Verlage müssen deshalb heute in Marken und Strukturen investieren um auf das Abstellen der Druckmaschinen vorbereitet zu sein und mit ihren Marken in der digitalen Welt eine Chance zu haben.

So etwas mögen deutsche Verlagsmanager aber nicht hören. Sie führen sich auf wie Küken, die begackern, dass sie irgendwann in der Zukunft von einem nicht nicht in Sichtweite befindlichen, sicher aber irgendwo vorhandenen Hahn, begattet werden, was dann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit dazu führt, dass ihnen in der Folge ein Ei rausrutscht aus dem hoffentlich ein neues Leben schlüpft.

Ich halte es für legitim, Verlagsmanagern mit Paid-Content-Ambitionen mit den Riten unserer frühen Jahre zu begegnen. Also etwas dem Anlegen der weit geöffneten Hände an die Ohren begleitet durch sängerisch vorgetragene Kommentare wie “Mach doch, mach doch” oder “Feige, feige, Du traust dich sowieso nicht!” Dies kann wahlweise durch das Ausstrecken der Zungen in den Musikpausen ergänzt werden.

Ist das kindisch?

Ja.

Aber auch nicht alberner als die ständigen Ankündigungen der Verlage in Sachen Paid Content.

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