Olympia bei ARD und ZDF: Mary Poppins schafft das Fernsehen ab

by Thomas Knüwer on 13. August 2012

Fünf Tage war ich ja in London bei den Olympischen Spielen – und es war großartig. Am erste Morgen zurück in Deutschland hatte ich einen Emotionskater. Keine Volunteers, die einen herzlich an der Straßenbahn grüßen, keine lächelnden Gesichter, keine verrückten Fans, kein Mitschreien, -freuen, -leiden mit Sportlern mehr. Das schlimmste aber: Die Übertragung der BBC gab es nur noch auf dem Laptop.

Ich bin nicht der einzige, wie ich meiner Twitter-Timeline entnehme, der unsagbar genervt und enttäuscht ist von dem, was ARD und ZDF während der Tage in London angerichtet haben. Den Tiefpunkt erreichte dies ganz zum Ende. “Wir mussten gar nicht viel sagen”, resümmierte ARD-Kommentator Tom Bartels seine “Arbeit” während der Schlussfeier.

Währenddessen auf Twitter…

Denn Tom Bartels, Franziska van Almsick und der während der Spiele omnipräsente Rolf Seelmann-Eggebert hatten konsequent Live-Musik mit teilweise unfassbar uninteressantem Halbwissen überquasselt. Zum Beispiel meinte Seelmann-Eggebert während Eric Idle mit “Always look on the bright side of life” das Stadion zum Toben brachte, darauf hinweisen zu müssen, dass Idle ein “Freund” von Prinz Charles sei. Jenem Mitglied der Königsfamilie also, das während der Spiele überhaupt keine Rolle spielte.

Kurz: Es war unerträglich und respektlos gegenüber den auftretenden Künstlern – und natürlich gegenüber den Zuschauern.

Doch dies war ja  nur der Tiefpunkt. Schon zuvor gab es reichlich Wut und Ärger im Social Web und auch in klassischen Medien gegenüber der Art, wie die Spiele übertragen wurden. Nun hat das Meckern über Sportreporter ja Tradition. Doch konnte man während dieser Spiele dank der Livestreams der BBC auf der Seite der EBU parallel gucken und bekam einen Eindruck davon, was in Deutschland schief läuft.

Hier meine subjektive Liste der Qualitätsdifferenzerklärungsversuche:

1. Missverstandene Digitalisierung

Bei den Spielen in Peking belegten ARD und ZDF ihre Spartenkanäle mit Sport. So gab es die längeren Wettkampfbeobachtungen auf den kleinen Sendern, während die Hauptkanäle ein buntes Gemisch aufbereiteten. Nun aber ist das Breitband-Internet da und so entsteht der Irrglaube, man könne die scheinbaren B-Übertragungen abwälzen auf das Internet.

Technisch ist dies  natürlich möglich. Nur halte ich es für einen strategischen Fehler. Denn “Fernsehen” ist ja mehreres: einerseits das technische Endgerät, andererseits die Tätigkeit des Zuschauens und schließlich die Arbeit des Senders. Durch die Verlagerung scheinbar weniger interessanter Wettkämpfe ins Netz wurde für viele Menschen das Endgerät Fernsehen ausgeschaltet. Denn ein Webstream ist heute – seien wir ehrlich – für den allergrößten Teil der Bevölkerung nicht auf das TV-Gerät zu bekommen. Vor allem: Das geht nicht in HD-Qualität. Immerhin lässt sich die ZDF-Mediathek-App via Apple-TV aufschalten. Doch die Qualität ist im besten Fall OK, häufig genug unerträglich.

Noch dazu kommt die ohnehin schon labyrinthische Architektur der ZDF-App (ein Gegenstück der ARD existiert ja nicht einmal), die durch das Anflanschen der Olympia-Kanäle nicht leichter handhabbar wurde. Und haben wir schon  über die Abstürze der App gesprochen? Die häufig ungenügenden Bandbreiten auf Seiten der Sender? Die BBC hat ihre Livestreams in eine Olympia-App gepackt die noch dazu auch einen schriftlichen Nachrichtenteil enthielt. Die optische Qualität der Bewegtbilder lag deutlich über der von ARD und ZDF.  Haben die Deutschen den Ansturm unterschätzt? Immerhin haben laut einer Studie 25% der Deutschen irgendwann Olympia auf einem anderen Gerät als dem Fernseher geschaut.

So oder so: Wollen Fernsehsender als Vertreter des linearen TV-Konsums relevant bleiben, dürfen sie ihre Zuschauer nicht in das Internet abdrängen. Im Gegenteil: Die überragenden Bilder aus London sind ja gerade dazu geeignet, die Menschen vom klassischen Fernsehen zu überzeugen. Diese Qualität der Produktion war bisher nur in Dokumentarfilmen zu sehen, nun aber geht das auch live. Es muss das Ziel der Sender sein möglichst vielen Menschen ein HD-Erlebnis zu liefern. Wer aber durchgängig Höhepunkte wie das Basketball-Finale verfolgen wollte wurde in das pixelige Asyl des Web geschickt. Langfristig könnte so der Eindruck entstehen: Lineares Fernsehen macht man eben online, das TV-Gerät selbst wird als Display für HD-Medien genutzt. Das Fernsehen als Sendefunktion würde sich so selbst in die zweite Liga schießen.

Auch muss doch die Frage erlaubt sein: Ist eine Olympia-Übertragung wirklich unattraktiver als ein gewöhnlicher Nachmittag bei den öffentlich-rechtlichen Spartensendern? Nehmen wir doch nur den vergangenen Dienstag: Da liefen parallel “Hart aber Herzlich” (Produktion: 1982) auf ZDF neo (sic!), “Die Geheimnisse des John F. Kennedy” (2011) auf ZDF info und die “Hitparade” (1985) auf ZDF kultur (nochmal sic!). In diesem Moment hätte das Zweite die Chance gehabt einmal nicht deckungsgleich mit Kabelkanal, Servus TV oder Tele 5 zu sein: Die Bilder waren eingekauft, die Kommentatoren kommentierten für das Web – in Mainz hätte nur der Schalter umgelegt werden müssen. Doch sich von diesen Privatsendern zu unterscheiden, das muss man eben auch wollen.

2. Zuschauer-Fehlinterpretation

Keiner von uns weiß, was die Masse der Zuschauer tatsächlich will – auch die Redaktionen von ARD und ZDF nicht. Sicher, es gibt ein paar Rückkanäle: Die älteren TV-Gucker (also das normale Durchschnittsalter von ARD und ZDF) wird vielleicht zum Telefon greifen – wenn es die richtige Nummer findet. Denn eingeblendet werden die Kontaktdaten für Zuschauer schon lang nicht mehr. Bleibt noch das Social Web, das sich kräftigst über das aufregte, was es zu sehen gab. So mancher hegte gar die Hoffnung, den Schluss- und Eröffnungsfeierkommentatoren sei nach den ersten Wutattacken der Regler runtergedreht worden. Ich persönlich mag an so viel Einsicht in der Regie nicht glauben.

Nachtrag: Meedia behauptet, die heftigen Reaktionen im Social Web habe die Kommentatoren verstummen lassen. 

Auch manch klassisches Medium schimpfte mit, wodurch der Eindruck entstehen könnte: Es sind nicht nur ein paar Miesepeter, die ihre Probleme mit der Programmgestaltung haben.

Eine Lokalzeitung aus dem Ruhrgebiet schrieb beispielsweise:

“Bei Timo Boll im Tischtennis steht ein Satz zwei Punkte vor der Entscheidung? Schnipp: Weggeschaltet zur  wortreichen Anmoderation des nächsten Beitrags. Noch zwei Stabhochspringerinnen im Wettbewerb? Schnapp: der gefühlt 58. Nachrichtenblock des Tages. Im Fechten geht’s um was? Rüber zum Straßenrennen, und wenn es auch 50 Kilometer vor dem Ziel ist.”

Dabei wird der Zuschauer häufig im Unklaren gelassen, was live ist und was aufgezeichnet. Auch die BBC blendet nicht ein, welche Bilder von der Festplatte kommen – weist aber in der Anmoderation darauf hin. Warum diese Geheimniskrämerei in Deutschland? Ein kleines “Live”-Signet in der Bildschirmecke und alle wären zufrieden gestellt.

Bleibt noch die Programmplanung generell. Auch die BBC bot auf ihrem ersten Kanal einen bunten Mix an. Allerdings hatte sie für mich ein glücklicheres Händchen bei der Frage, welchen Wettbewerb man bis zum Ende zeigt, obwohl eigene Athleten nicht mehr dabei sind. Natürlich sind Medaillenkandidaten aus dem eigenen Land immer am interessantesten. Das ist einfach so: Wir schauen die Olympischen Spiele weil wir Spaß daran haben Menschen dabei zuzusehen, wie sie etwas tun, was sie richtig gut können. Und wir werden nervös, weil diese Menschen zufällig aus dem gleichen Land kommen wie wir.

Doch nimmt der zweite Aspekt gegenüber dem ersten ab, je spannender und faszinierender die Bilder sind. Ich behaupte: Die wunderschönen Aufnahmen aus London waren häufig stark genug um das Interesse der Zuschauer wachzuhalten – sie bleiben auch ohne deutsche Beteiligung am Ball. Die TV-Macher aber agieren noch immer wie zu jener Zeit, da es häufig quälend war die Spiele zu verfolgen, weshalb als Ausgleich deutsche Athleten ins Bild mussten.

Auch die Sendestruktur gefiel bei den Briten: So ließen Sie bei Interviews im Studio mehr Zeit und bereiteten die Zuschauer auf einzelne Sportarten besser vor. Kleine Einspieler erläuterten die grundsätzlichen Regeln – wohingegen das die deutschen Kommentatoren vor allem mit Worten tun mussten. Das aber machte die Sache nicht verständlicher.

3. Die Arroganz

Nichts dokumentiert die generelle Haltung deutscher Journalisten deutlicher als jener Kommentar in der “FAZ” zu den freiwilligen Helfern von London2012:

“Ist unheimlich zuvorkommend von Euch Engländern, dass Ihr überall, wo es halbwegs olympisch zugeht, einen freiwilligen Helfer hingestellt habt, der ankommende Menschen zu Schlangen aneinanderreiht oder Eintrittskarten prüft oder Fahrstühle beobachtet oder Kaffeeautomaten beaufsichtigt. Wäre allerdings noch viel netter gewesen, wenn Ihr den übereifrigen Volunteers vorab nahegelegt hättet, dass es ein hektisch Daherkommender nicht angemessen zu schätzen weiß, ausgiebig zur Befindlichkeit, zum Wetter und zu der Gesamtsituation befragt zu werden.

Ist ungeheuerlich gut gemeint von Euch, Engländer, aber in vielen Momenten, sorry, passt es nun mal gar nicht: the work calls, Ihr versteht?”

Ja, wo kommen wir da hin, wenn Redakteure einer Zeitung auch noch freundlich sein sollen? Wenn sie nicht mehr grummelig durch den Olympia Park eilen können weil the work calls? Es ist ja so unendlich schwer freundlich zu sein bei all der – Aspiringriff, Kolliergriff – schweren Arbeit und dem ständigen Bestreben, nicht an der eigenen Wichtigkeit zu ersticken.

Diese misantropische Grundhaltung sagt sehr viel aus über das Gefühl der eigenen Bedeutungsschwere. Sie brach sich auch Bahn in den 23 Beteuerungen Franziska van Almsicks, sie sei ja nun als “Expertin” angereist. Das, was sie sagte war oft genug gut und nicht dumm – aber sie trug es mit einer schwer zu ertragenden Arroganz vor. Diese Wichtigstnehmerei war es dann wohl auch, die von Almsick, Bartels und Seelmann-Eggebert dazu antrieb, bei der Schlussfeier schwer zu stoppende Quasselanfälle auszuleben.

Das Gefühl der eigenen Großartigkeit führt dann vielleicht auch zur Hybris zu glauben, man sei lustig. Das ZDF ließ einen Bassett durch’s Bild laufen und verschenkte dessen vermutlich von kleinen, asiatischen Kinderhänden genähtes Ebenbild. Die ARD schickte Tom Theunissen los um den “Goldrausch an der Themse” zu dokumentieren. Theunissen ist ohne Frage ein dekorierter TV-Journalist: Aber wer seine Beitragsreihe lustig findet, der lachte einst auch über die in der Zeitung abgedruckten Witze mit der Überschrift “Humor” oder “Zum Lachen”. Das traf ebenso auf die Zwischenmoderationsfloskeleien von ARD-Nachrichtenvorträger Alexander Bommes und dem jeweiligen Hauptmoderator zu. Bommes selbst machte das locker und ordentlich. Doch immer zum Abschluss der Nachrichten musste es ja lustig werden, zum Beispiel durch gefälschte Schottenrockfotos oder Oberschenkelmessungen – Humor, wie wir ihn seit dem “Blauen Bock” zurecht für ausgestorben hielten.

Humor ist die schwierigste aller journalistischen Stilformen. Genau deshalb werden heute so wenig Glossen geschrieben. Und vielleicht ist das der Grund, warum die BBC auf solche Einspieler, so weit ich es registrierte, verzichtete. Übrigens: Früher überließen ARD und ZDF den Humor  Profis. Die heute so moralinsaure Elke Heidenreich erlebte ihren großen Durchbruch als Olympia-kommentierende Hausfrau Else Stratmann in den 80ern, wie sich die Älteren vielleicht erinnern.

Letztlich aber geht es ja um die Kompetenz in Sachen Sport. Leider erschien die Vorbereitung der Berichterstatter auch hier ausbaubedürftig. Weder waren sie immer auf der Höhe des Wettkampfs und seinem verbundenen Regelwerk, noch war das Allgemeinwissen fehlerfrei. Geht es auch anders? Ja. Das bewies Eurosport ständig. Dort sitzen die Experten – leider aber, so weit ich weiß, nicht mit Akkreditierung vor Ort.

Auch die Reporter und Moderatoren der BBC waren nicht immer hochkompetetent in all den Sportarten, über die sie berichteten. Aber: Sie erschienen deutlich sicherer als ihre germanischen Gegenstücke. Bei denen war auffällig, wie lustvoll sie sich in englischen Fachbegriffen suhlten. Nicht, dass sie Anglizismen verwendeten störte – sondern mit welch aufgesetztem Tonfall sie dies taten. Und wie gern sie Fachvokabeln mit dem blödsinnigen Adjektiv “sogenannt” versahen. Wenn etwas so genannt wird, dann wird es so genannt – und das muss nicht betont werden. Außer der Sprecher will mit scheinbaren Fachwissen strunzen.

4. Die mangelnde Achtung vor Leistung

Dies ist die Titelgeschichte der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” von gestern:

Was für eine unsagbare Arroganz trieft aus diesen Zeilen?

Das deutsche Olympiateam ist nach der Anzahl der Medaillen die Nummer 5 im Medaillenspiegel, nach Goldmedaillen die Nummer 6. Aber die “FAS” hätte wohl gern Deutschland über allesn gesehen. Besonders verachtenswert ist dabei der Vergleich mit Kasachstan. Es ist die erste Nation, die im Medaillenspiegel nach dem deutschen Team auftaucht, die irgendwie skurril und klein klingt. Tatsächlich liegt Deutschland auch vor Frankreich, Italien oder Australien und all diese vor Kasachstan – aber für den gemeinen, grundsätzlich beschissen gelaunten FAZ-Mitarbeiter war das nicht lustig genug. Man will rumhacken und vernichten – jeder, der nicht Gold gewinnt, sei aus dem Land gejagt und nie wieder mit einem Cent Fördergeld bedacht. Auch hier bietet sich der Vergleich mit der BBC und den englischen Zeitungen an: Im Königreich dominiert zunächst die Achtung vor der sportlichen Leistung. Was nicht heißt, dass schwache Leistungen nicht kritisiert werden.

Beispiel Thomas Lurz: Vor seinem Wettkampf im Langstreckenschwimmen betonte er, gewinnen zu wollen. Die anderen aber seien auch gut, sagte er, und dass er kein Übergott sei. Er gewann Silber. Reaktion der Medien: Im Fernsehen wurde immer wieder betont, dass es “nur” Silber sei. Die “Welt” jammert, dass seine Krönung ausgeblieben sei. Spiegel Online klagte: “Dass er mit seiner Silbermedaille nun die Ehre der deutschen Schwimmer gerettet hat, ist ihm jedoch völlig egal – er hatte auf Gold gehofft.”

Das sind nur einige der ähnlich klingenden Artikel, die allen klar machen sollen: In Deutschland zählt für Journlaisten am Ende nur der Sieg. Hoffentlich konnte sich Lurz trotzdem ein wenig über Silber freuen – wo es ihm doch alle vermiesen wollten.

Diese aggressive Haltung überträgt sich dann auf die Zuschauer. Doch wendet sich deren Gefühl, glaube ich, nicht gegen den Sportler – sondern gegen den Berichterstatter. Denn geht es um Wettbewerbe, bei denen Sportler des eigenen (in diesem Fall: deutschen) Teams antreten, so erwartet der Zuschauer eine Euphorisierung. Er will den Berichterstatter auf der Seite der favorisierten Mannschaft sehen, er will die vokale Unterstützung des Athleten als Verlängerung der eigenen Gefühlswelt. Deshalb war es auch ziemlicher Unsinn, dass die “Zeit” in der vergangenen Woche den Patriotismus der ARD- und ZDF-Leute kritisierte.

4. Das Mary Poppins-Syndrom

Eine besondere Rolle spielen bei Sportereignissen die Interviews mit den Sportlern. Denn was Reporter im Moment der Erregung so babbeln, das ist fast schon egal. Sind die Deutschen unerfolgreich, wird der Kommentatorenton niemals wieder zu hören sein. Gewinnen sie Medaillen überschlägt sich die Stimme am Mikrofon derart, dass über jeden Patzer als Emotionsausbruch hinweg gesehen wird.

Doch Interviews sind anders. Hier erleben wir die Emotion der Sportler. Wir Menschen aber sind ja nun soziale Wesen. Wenn wir einen von uns verletzt sehen, mit Tränen in den Augen gar, leiden wir mit ihm. Deshalb auch waren eine ganze Reihe in meiner Twitter-Timeline entsetzt, als die schwach geschwommenen Fünfkämpferinnen im laufenden Wettbewerb vom ARD-Reporter kritisch hinterfragt wurden. Annika Schleu ging weinend ab, mit fast verächtlichem Grinsen klärte uns der ARD-Mann auf, dass sie nichts sagen wolle. Mitleid? Nicht im öffentlich-rechtlichen System.

Dabei hat der deutsche Sportjournalismus in den vergangenen Jahren eine Art der Frage entwickelt, die den Sportlern kein Entkommen lässt. Die sie nur dumm aussehen lassen kann: die unbeantwortbare Frage. Sie hat den klassischen Kategorien wie offener, geschlossener oder reflektierender Frage längst den Rang abgelaufen.

Beispiel: “Wie glücklich sind Sie jetzt?”

Versuchen Sie mal für sich selbst dies zu beantworten. “Sehr glücklich?” “Superhyperglücklich?” Was erwarten Reporter, die solche eine Frage stellen? Dass der Sportler einen schwarzen Regenschirm öffnet, fröhliche Musik erklingt und dann Robert Harting wie Mary Poppins singt, alles sei “superkalifragilistischexpiallegetisch”? Diese Frage kann kein Mensch der Welt vernünftig beantworten. Erst recht nicht nach einem kräftezehrenden Wettkampf.

Eine weitere Frage-Unsitte ist das Erfinden scheinbar lustiger Situationen. So wurde ein kenianischer Olympiasieger gefragt, ob sein Vater (Bronze-Gewinner in einer anderen Disziplin vor langen Jahren) ihm nun sagen würde: “Du bist der bessere Olympionik”. Munter werden Begebenheiten erfunden, die irgendwie lustig sein könnten aber wenig bis gar nichts mit der Realität zu tun haben. Es ist der missglückte Versuch der Verbrüderung, so als ob man am Tresen lehnt und zum Kumpel murmelt: “Stell Dir vor, der Barkeeper lässt jetzt die Flasche fallen.” Nur man ist eben nicht verkumpelt und gerade bei ausländischen Sportlern scheinen diese Fragen mittelgut anzukommen.

Beide Arten der Un-Fragen sind vor allem eines: vernachlässigtes, journalistisches Handwerk. In England geht auch das anders: Hier wird zuallererst die Leistung des Athleten gewürdigt und das in einem Ton, der ernst gemeint scheint. Dann folgt fast immer eine Frage, die den Athleten in seiner Komfortzone lässt. “Wie sah das Rennen für sie aus?”, zum Beispiel. So beschreibt der Sportler das, was er auch seinem Trainer beschreibt. Er muss nicht betont witzig sein oder unterhaltsam – er ist in seinem Geschäft. Das ist wichtig, denn viele der Olympioniken sind nicht so medientrainiert wie Fußball-Profis.

Vielleicht ist das der Grund, warum die englischen Medaillensieger um ein vielfaches sympathischer und eloquenter wirken: weil man ihnen Sympathie entgegenbringt. Wohingegen Britta Steffen nach ihrem Halbfinal-Aus lapidar verkündet: “Der Weltfrieden ist nicht gefährdet.” Einem Feind zeigt man eben nicht seine wahren Gefühle.

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