Ein offener Brief an Julia Friedrichs

by Thomas Knüwer on 17. August 2012

Sehr geehrte Frau Friedrichs,

wir kennen uns nicht. Sie sind eine ordentlich dekorierte Journalistin, ihre bisherige Arbeit ist mir bisher in Erwähnungen und Zitaten begegnet, es hat sich nicht ergeben, dass ich eines ihrer Bücher las. Gelesen/gehört habe ich aber einen Text, den sie für DRadio Kultur verfasst haben und der sich mit Facebook beschäftigt.

Eigentlich könnte man den links liegen lassen. Er ist undurchdacht, wütend und uninformiert, im Internet nennen wir solch einen Ausbruch “Rant”. Dummerweise aber legen Sie alle Hebel in mir um, wenn es darum geht die Probleme des Journalismus in Deutschland zu beschreiben. Und deshalb möchte ich einige Passagen Ihres Werkes näher betrachten.

Sie erlauben?

Eines Tages, behaupten Sie, fragte Ihr Geldautomat, ob er ihr Facebook-Freund sein dürfe. Das klingt so irgendwie mittellustig. Faktisch aber fragte Sie natürlich nicht Ihr Geldautomat, sondern Ihre Bank. Die fragt sie ständig irgendwelche Sachen am Geldautomat, bei mir war es gestern zum Beispiele “Sind Sie zufrieden mit uns?”. Banken nutzen die Wartezeit auf das Geld zur Kommunikation. Das kann man gut finden, muss man nicht. Weil es aber um Facebook geht, finden Sie es doof. Übrigens: Sie implizieren natürlich, Sie hätten am Geldautomat einen Like-Butten drücken können – ich behaupte: Das war nicht möglich.

Problem Nummer eins des Journalismus derzeit also: Verdrehung der Fakten.

Sie wollen nicht auf Facebook sein. Das ist überhaupt kein Problem. Man kann sich natürlich fragen – und dies tue ich hier im Blog ja häufig – ob nicht Journalisten ob Ihres Berufsstandes unabdingbar eine Technologie beherrschen müssen, die sich so schnell in unserer Gesellschaft verbreitet hat, wie keine andere in der Geschichte der Menschheit. Ich meine: ja. In der Journalistenschule haben wir deftige Witze darüber gemacht, dass Mitte der 90er nicht jeder Redakteur des “Tagesspiegel” über ein eigenes Telefon verfügte. Doch dies ist dann eine andere Debatte.

Widmen wir uns lieber Problem Nummer zwei des Journalismus: Wenn Journalisten etwas nicht mögen, wollen Sie, dass alle anderen es auch nicht mögen. Mehr noch: Sie verachten Menschen, die in einer Sache einen Nutzen finden, den Sie subjektiv für sich selbst nicht nachvollziehen können.

Sie, Frau Friedrichs, möchten zum Beispiel nicht mit einem Café befreundet sein, das Sie häufig besuchen. Ihr gutes Recht. Nur: Den allermeisten Menschen geht es anders. Wenn wir häufig ein Restaurant oder eine Bar aufsuchen, tun wir dies nicht aus Masochismus. Wir mögen den Laden. Mehr noch: Häufig entwickelt sich eine lockere Beziehung zwischen Stammgast und Stammpersonal. Und wir entwickeln Vorlieben: Wenn es in der “Brasserie Hülsmann” frische Pfifferlinge gibt, dann möchte ich das sofort wissen – denn die Saison ist ja nicht lang.

Auch bei anderen Produkten, die wir häufig konsumieren, lassen wir Menschen uns gern informieren. Wenn zum Beispiel der Berliner Modeladen “Firmament” die neue Laufkollektion von Gyakusou reinbekommt, möchte ich schnell informiert sein. Denn Gyakusou ist die einzige Laufbekleidung, die nicht aussieht, als sei man ohne Fallschirm über Legoland abgestürzt. Doch weil es eine japanische Marke ist, sind große Größen schnell ausverkauft – und tatsächlich sind die Sachen in Deutschland nur schwer zu bekommen. Ich freue mich also, wenn ich schnell informiert werde, ohne dass ich eine E-Mail bekommen, mein Handy klingelt oder ich Papier aus meinem zu kleinen Briefkasten dröseln muss.

Sie möchten solche eine Werbung nicht. Das ist OK. Nur: Auch hier nervt es Sie, ja, es macht Sie aggressiv, dass andere Menschen anders denken als Sie. Dies vermischt sich wieder mit Problem Nummer eins. Denn Sie schreiben:

“Absurde Anfragen wie diese häuften sich: Der Hersteller des Buggys, den ich für meinen Sohn kaufte, wollte mein Freund werden. Das Cafe, in dem ich mittags oft esse, auch. Mein Fußballverein sowieso. Es folgten: Mein Fernsehprogramm. Mein Radiosender. Sie alle baten mich, ihnen doch zu Facebook zu folgen.”

Das klingt nach sonnenbebrillten, halbseidenen Türstehern, die Sie anraunzen: “Wolle Freunde werde?” Tatsächlich aber dürften jene Unternehmen nur irgendwo das – zugegebenermaßen unterhübsche – Logo von Facebook auf Werbematerialien platziert haben, die es zuvor auch schon gab. Weshalb regen Sie sich darüber auf? Mir scheint: Weil Sie sich aufregen wollen.

Denn tatsächlich gab es ja humanoide Wesen, die Sie ansprachen: Ihre Freunde. “Was? Du bist nicht auf Facebook?”, wurden Sie gefragt. Das kann schnell nerven, stimmt. Aber: Sie schreiben, Sie hätten sich gerechtfertigt. Warum? Was haben Sie für Freunde, die nicht akzeptieren, wenn Sie sagen: “Nö, keinen Bock drauf.” Gleichzeitig aber: Was sind Sie für eine Journalistin, die nicht versucht, solch einer Massenfaszination nachzugehen?

Ich weiß nicht, ob Sie sich überhaupt mal auf Facebook versucht haben. Schnell stößt man dort auf Verschollene Menschen, Schulfreunde, Kommilitonen. Sie sind ja nun jünger, da gibt es noch nicht so viele Verschollene, zugegeben. Nein, zu denen muss man keinen Kontakt pflegen. Aber man kann. Und darf. Wenn man will. Viele Menschen freuen sich aber über Kontakte aus der Vergangenheit und das gemeinsame Erinnern. So hat mich jemand in eine Facebook-Gruppe namens “Du bist Sendener, wenn…” eingeladen. Über 1000 Mitglieder hat sie und die frischen ihre Kindheitserinnerungen an Senden, meinen Heimatort, auf. Vieles von dem, was da geschrieben wird, hatte ich längst vergessen, es ist ein Ort des nostalgischen Erinnerns.

Sie müssen da nicht mitmachen. Doch wir Menschen sind halt so. Was uns zum Problem Nummer drei des Journalismus bringt: Misanthropie.

Es scheint für deutsche Journalisten ein Zeichen der Schwäche zu sein, sich für etwas zu begeistern – erst recht für die Begeisterung anderer Menschen. Sie halten die Aussage Mark Zuckerbergs, Facebook erfülle eine soziale Mission für “Geschwätz”. Ich weiß nicht, wie sehr Sie sich mit Zuckerberg beschäftigt haben, ob Sie beispielsweise das fabelhafte Buch “Der Facebook-Effekt” von David Kirkpatrick gelesen haben. Danach, jedenfalls, fällt es schwer Ihre Behauptung aufrecht zu erhalten.

Dass über Facebook Massendemonstrationen gegen die Farc-Rebellen in Kolumbien organisiert wurden, dass der Dienst eine maßgebliche Rolle bei den Revolutionen in Nordafrika spielte, dass Menschen sich dort zu allerlei politischen und wirtschaftlichen Anliegen organisieren und sogar Einfluss auf eine schlechte TV-Liveübertragung nehmen – all dies ist für Sie, Frau Friedrichs, “Geschwätz”.

Warum? Weil Facebook Geld verdient. Und Unternehmen können nur schlecht sein, wenn sie Geld verdienen. Alles andere geht nicht. Dies ist Problem Nummer vier des deutschen Journalismus: Er ist wirtschaftsfeindlich. Mehr noch: Er ist wirtschaftsinkompetent.

Dafür liefern Sie ein dramatisches Beispiel. Denn Sie behaupten: Facebook verkauft Daten. Sie schreiben:

“Für ein Allerweltsprofil zahlen Adresshändler und Werbeunternehmen laut Schätzungen nicht mehr als einen Cent. Ein guter Datensatz aber kann einen halben Dollar bringen. 

Facebook hat viele dieser guten Datensätze…

Dass Profile mit echten Namen auf dem Datenmarkt einfach mehr wert sind, erwähnte die Firma nicht… 

Fassen wir also das längst Bekannte zusammen: Facebook ist ein Unternehmen, dass um jeden Preis an möglichst viele Daten kommen will. Das sie scannt und speichert und verkauft.”

Frau Friedrichs, ich behaupte: Sie haben keinerlei Informationen, nach denen Facebook Daten verkauft. Mehr noch: Ich behaupte, Sie haben in diesem Punkt nicht recherchiert.

Facebook, und genauso Google, verkauft keine Daten. Die Unternehmen wären schön blöd, wenn sie dies täten. Denn es ist ihr Geschäftsfundament, Daten NICHT zu verkaufen, sondern exklusiv zu nutzen um gezielte Werbung abzuzeigen. Diese gezielte Werbung kann man natürlich – Stichwort: Wirtschaftsfeindlichkeit – verwerflich finden. Nur, ohne Werbung funktioniert ein großer Teil der Wirtschaft eben nicht.

Diese Werbenutzung, Frau Friedrichs, ist vollkommen normal und hat nichts mit dem Internet zu tun. So dürfte Ihr Verlag eher nicht Anzeigen im “Kicker” für Ihre Bücher geschaltet haben, sondern eher, sagen wir, in der “FAZ”. Nun ist diese Werbeschaltung noch effizienter möglich, das klingt kalt und unnahbar, andererseits sorgen Unternehmen mit schwarzen Zahlen dafür, dass ihre Mitarbeiter Arbeit haben. Wir sind uns sich einig: Das ist nicht ganz so übel.

Wenn es um das Verkaufen von Daten geht, hätten Sie vielleicht einmal etwas über Deutschlands Medienhäuser schreiben können, die teils zu den größten Adressehändlern gehören. Doch an dieses Thema traut sich niemand heran, auch Sie nicht. Vielleicht würde dann die nächste Rezension eines Ihrer Bücher auch nicht so schön ausfallen. Verlage sind nachtragend, müssen Sie wissen.

Kommen wir aber zum nächsten Problem deutscher Journalisten: mangelnde Neugier.

Im hinteren Teil ihres Textes schreiben Sie:

“Warum um alles in der Welt sollte ich ihm (Mark Zuckerberg – d. Autor) meine Daten geben? Warum geben meine Freunde ihm ihre Daten?”

Tja, warum? Sie stellen eine Frage – und beantworten Sie nicht. Früher wäre diese Frage Ausgangspunkt zur Recherche gewesen. Eine ausgangsoffene Recherche, wohlgemerkt. Man hätte sich einfach mal angeschaut, vielleicht gar mitgemacht, als Journalist. Aber nicht, um das dann hinterher kaputtzuschreiben – sondern um eine Faszination nachzuvollziehen. Dabei geht es nicht darum, unkritisch zu sein – aber eben auch nicht darum, auf Teufel komm raus den Menschen etwas zu verleiden, was sie fasziniert. Solch eine Art des Journalismus kann ich Deutschland im Jahr 2012 praktisch überhaupt nicht mehr ausmachen. Wenn sich Menschen en masse für etwas begeistern, wird es grundsätzlich verlächerlicht und attackiert.

Kommen wir aber zum finalen Absatz Ihres Textes, sehr geehrte Frau Friedrich. Es ist die Passage, die nun mich endgültig wütend gemacht hat. Denn Sie schreiben:

“Meldungen der letzten Wochen allerdings lassen mich nun hoffen, dass der Spuk irgendwann vorüber sein könnte: In den USA ist die Zahl der Facebook-Nutzer in den vergangenen sechs Monaten erstmals leicht zurückgegangen. Im letzten Quartal machte die Firma über 150 Millionen Dollar Verlust und die anfangs gehypte Aktie ist seit Handelsbeginn um satte 40 Prozent abgerutscht. Ich würde mich freuen, wenn das der Anfang vom Ende wäre.”

Hier vermischen sich alle jene Probleme, die ich zuvor beschrieb. Denn dieser angebliche Niedergang der Nutzerzahlen beruht – und das haben viele Journalisten nicht hinterfragt – auf der selbst geschriebenen Software eines US-Analysten. Es kann sein, dass das richtig ist – aber wir wissen es nicht. Und ich gehe nicht davon aus, dass Sie jenen Analysten kontaktiert haben? Eine Debatte um den desatrösen Verlauf des Facebook-Kurses spare ich mir – denn dies impliziert, dass die Börse derzeit rational handelt (was sie nach meiner Meinung nicht tut). Doch gehört es eben auch zur selektiven Wahrnehmung, wenn man unerwähnt lässt, dass jener Quartalsverlust durch Ausgaben beim Börsengang entstand.

Alles egal, angesichts Ihres letzten Satzes: Sie wünschen Facebook den Tod.

Bitte? Sie wünschen rund 4.000 Menschen die Arbeitslosigkeit? Warum? Weil Facebook sie nervt? Selbst wenn Facebook Daten verkaufen würde: Wünschen Sie dann auch Deutschlands Verlagen den Tod?

Frau Friedrich, Sie schreiben/sprechen diesen Text für DRadio Kultur. Finanziert wurde Ihr Honorar durch Rundfunkgebühren. Diese werden eingetrieben durch die GEZ, eine Institution, bei der ich aus eigener Erfahrung von mafiösen Instrumenten berichten kann, und die selbst Adressen potenzieller Nichtzahler ankauft.

Was würden Sie sagen, wenn Sie hier lesen, dass ich mich freuen würde über den Anfang vom Ende des Deutschlandradios?

Vielleicht denken Sie darüber mal nach, bevor Sie das nächste mal einen so unreflektierten und unambitionierten Unsinn aufschreiben, wie Ihren Facebook-Text.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Knüwer

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