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Marissa Mayer oder nichts

Heute ist ein besonderer Tag der politischen Korrektheit. Als Blogautor merkt man das schon daran, dass man sich genötigt fühlt, Vorbemerkungen zu machen. Zum Beispiel, dass man Schwangerschaft nicht für eine Krankheit hält. Oder dass es einem so was von egal ist, welches Geschlecht ein Manager hat. Und dann will man diese Vorbemerkungen ergänzen durch ein „aber…“. Und man weiß: Dieses Aber werden eine ganze Reihe Kommentatoren zum Anlass nehmen, einen als Sexisten und Frauenfeind zu brandmarken.

Also zum Thema: Marissa Mayer wird Yahoo-Chefin.

Zweimal habe ich sie getroffen, einmal in einem Gruppeninterview für eine Stunde, dann mal am Rand einer Konferenz für ein paar Minuten zufälligen Small Talk. Sie ist hoch intelligent, jedoch nicht geprägt von der Arroganz, die das Wissen um den eigenen IQ oft hervorbringt. Auf einer Bühne kann sie exakt so langweilig und von PR-Floskeln daher reden wie inzwischen praktisch alle Top-Manager von Google oder Facebook. Doch je länger man mit ihr in kleinerem Rahmen spricht, desto mehr fällt diese PR-Maske und ihre wahre Begeisterung für das, was Menschen heute mit Daten anstellen können, kommt zum Vorschein.

Hätte sie signalisiert, Google verlassen zu wollen – sie wäre sofort die am meisten umworbene Führungsperson der digitalen Branche geworden. Doch stand das nie zur Debatte. Sie gehörte zu den ersten Googlern und mit der Rückkehr von Larry Page musste sie sich definitiv keine Sorgen um ihre Zukunft machen (die finanzielle ist ja ohnehin abgesichert): Page würde Mayer niemals feuern.

Adam Tinworth / CC BY-ND 2.0

Tja, und nun wird sie Chefin von Yahoo. Und das ist auf mehreren Ebenen spannend.

1. Die USA sind in Sachen „Moderne Unternehmensführung“ Deutschland enteilt

Yahoo und Google sind unmittelbare Konkurrenten. Wie wäre ein solcher Wechsel in Deutschland abgelaufen? Anders. Ganz anders. Zunächst einmal haben deutsche Führungskräfte in diesen Flughöhen Kündigungsfristen im Bereich von 12 Monaten. Doch damit nicht genug: In der Regel enthalten ihre Verträge zusätzliche Konkurrenzausschlüsse die ihnen bis zu zwei Jahren nach dem Ausscheiden untersagen bei einem Mitbewerber anzutreten.

Marissa Mayer aber wird heute Yahoo-CEO. Und wir können davon ausgehen, dass sie frühestens im Mai für ihre neue Position angesprochen wurde. Denn da trat Scott Thompson als Chef zurück, nachdem es Ungereimtheiten um seinen Lebenslauf gegeben hatte. Es liegen also gerade mal zwei Monate zwischen dem Erstkontakt zwischen Mayer und Yahoo und ihrem Wechsel.

Solch eine Sperre ist nach kalifornischem Recht nicht erlaubt – vielleicht mal ein Hinweis für Deutschlands Volksvertreter? Dies zeugt von der marktwirtschaftlichen Grundhaltung im US-Management Denn dies zeugt ja von einem gesunden Vertrauen in die Marktwirtschaft: Wenn jemand gehen will, ist er ohnehin nicht aufhalten. Natürlich nimmt er Wissen über künftige Produkte mit zum Konkurrenten. Aber so spielt eben das Leben – denn selbst wenn er versuchen würde, exakt diese Produktideen bei seinem neuen Arbeitgeber umzusetzen, so müsste er schneller sein als sein bisheriger: unwahrscheinlich. Natürlich wird es in den USA auch Unternehmen geben, die scheidende Führungskräfte blockieren – aber es ist bei weitem nicht so normal wie in old Germany.

Natürlich ist Mayers Berufung auch eine Demonstration der alltäglichen Gleichberechtigung zumindest in der US-Web-Branche. Denn seien wir doch mal ehrlich (und politisch unkorrekt): Die Angst vor einer gesetzlich verankerten Frauenquote führt in deutschen Großkonzernen zwar zu einer steigenden Zahl von Vorständinnen – doch werden die auf jene Positionen gesetzt, die strategisch weniger wichtig erscheinen, bevorzugt in die Felder Personal oder Compliance. Das ist der neue, abgeschwächte Sexismus über den viele nicht reden wollen, weil es klingt als seien jene nach oben rückenden Frauen nicht kompetent (was nicht der Fall ist). Aber seien wir ehrlich: Von diesen Positionen aus werden sie keine Chance auf den CEO-Sessel haben.

Darüber aber, dass Mayer eine Frau ist, wird in den USA nicht viel geredet – denn gerade im Tech-Bereich (ein Feld, das Deutschland krampfhaft jungen Mädchen schmackhaft zu machen versucht) sind Vorstandsvorsitzende Alltag, von Carly Fiorina bis Meg Whitman.

Die Frage des Tages aber stellte Claudia Sommer heute morgen auf Twitter:

Rhetorische Frage. Die Antwort lautet: keines. Und das zeugt vom Willen des Boards, trotz hohem, vielleicht gar existenziellem Druck langfristig zu denken – Hut ab. Womit wir wären bei:

2. Ups, Mayer ist schw…

Drüben bei Stefan Niggemeier wird am Fall Peter Altmeier diskutiert, ob schwule Politiker sich outen sollten. Und ob die Nicht-Erwähnung des Schwul-Seins bei gleichzeitiger Betonung der Heterosexualität erstere nicht zu etwas Verschweigenswertem macht.

Für mich ist die Tatsache, dass Marissa Mayer schwanger ist und Anfang Oktober ein Kind bekommt eine Information, die erwähnt werden sollte. Zum einen ist auch sie eine Demonstration für den Punkt 1. Und natürlich ist es auch boulevardeskem Interesse, wenn eine Schwangere zum ersten Mal den Chefsessel eines Großkonzerns übernimmt. Andererseits wird sie über einige Wochen weniger belastbar sein (das ist nun mal so) und im schlimmsten Fall besteht die Möglichkeit, dass sie ausfällt. Dies ist bei einem börsennotierten Unternehmen eine für Anleger wichtige Information.

Heute morgen, gegen acht Uhr, war auf den meisten, großen Online-Nachrichtenseiten in Deutschland diese Information nicht zu finden. Grund: Sie war erst im Laufe der Nacht aufgekommen. Weder Spiegel Online, noch Sueddeutsche.de, Welt.de oder Handelsblatt.com hatten zu einer Zeit, da viele ihrer Leser sich einen Nachrichtenüberblick verschaffen, diese Information online. Und ich frage mich: Müssen die Redaktionen nicht früher aufstehen? Immerhin ist die Meldung wichtig genug, als dass sie auch vier Stunden später noch auf den Startseiten gespielt wird.

3. Yahoos letzter Wurf

Kommen wir zum Geschäft. Die Analysen sind  eindeutig: Mayer ist eine Produkt-Getriebene, somit will das Board des Ex-Web-Riesen offensichtlich mit neuen Produkten retten, was noch zu retten ist. Denn dass der violette Konzern in einer verzweifelten Lage ist, das ist auch klar. Tatsächlich könnte dies auch der richtige Moment sein. Marc Andreessen – nun wirklich einer der Spürhunde des Silicon Valley – hat es auf der Brainstorm-Konferenz ganz richtig gesagt: 

„It feels like a lot of the work we put into building the PC industry and the Internet and now the smartphone industry, a lot of that work got us to the point where we have the Internet in everyone’s hands… It seems like now the game is really beginning, and we’re going to see what the great killer apps and the great Internet franchise businesses are that are going to be built. That was the conversation that everyone was having in 1999. We were all just early. Back then there were only 50 million people using the Internet versus two billion, and now and we’re on our way to five billion smartphones. Now we have the chance to build the businesses that we thought we were going to build in 1999.“

Während AOL versucht, sich als Inhalte-Plattform neu zu erfinden, will Yahoo die andere Richtung wählen. Mobile bietet die Möglichkeit, sich mit Produkten wieder ins Spiel zu bringen. Und genauso wie ich – im Gegensatz zu den meisten, deutschen Journalisten – AOL längst noch nicht für tot halte, so hat auch Yahoo eine echte Chance zu Überleben.

Nur: Ist Marissa Mayer wirklich die richtige für dies Position? Ja, sie bringt Technik-Kompetenz mit. Ja, sie denkt vom Produkt aus. Ja, sie ist hoch intelligent.

Aber: Welche Produkte aus Mayers Zuständigkeit sind uns in den vergangenen drei Jahren aufgefallen?

Yep.

Genau.

Eines der letzten Produkte, das sie noch in ihrer Rolle als Verantwortliche für die Web-Suche bei Google präsentierte, war Google Squared – ein Nebenprodukt, dass Larry Pages Großreinemachen nicht überstand. Ab 2010 war sie zuständig für lokale Dienste. Doch nur ein Jahr später wurde ihr mit Jeff Huber jemand vor die Nase, oder besser: auf den Kopf, gesetzt. Nach den letzten Ankündigungen Apples droht Google gar nur noch das zweitcoolste Karten-Angebot im Web zu haben.

Über ihren Auftritt bei der SXSW 2011 schrieb ich:

„Neues hatte sie nicht zu bieten. Sie bejubelte Hotpot, bei dem Nutzer Orte bewerten können oder anhand der Empfehlungen von Freunden solche vorgeschlagen bekommen. Das ist schön – aber bereits existent. Foursquare ist in diesem Punkt mit seiner neuen Version Google um Jahre voraus.

Mayer liegt richtig, wenn sie sagt: “Ortsbasierte Daten setzen Suchen in einen neuen Kontext.” Doch belegte sie das mit einem Beispiel, das sie mir bereit bei einem Interview im Dezember 2008 nannte: Wenn man einen Vogel im Wald sehen, könne man seinen Namen nicht erfahren. Bilderkennung sei auf weit absehbare Zeit dazu nicht in der Lage. Zusammen mit dem Ort, an dem man sich befinde, könne die Suche aber ensprechend eingeschränkt werden.

Zweieinhalb Jahre später gibt es dieses Beispiel noch immer – es könnte ein Hinweis auf die Festgefahrenheit bei Google sein.“

Sprich: Es besteht die handfeste Möglichkeit, dass Marissa Mayer Probleme hat, ihre PS auf die Straße zu bekommen. Denn es ist die eine Sache, im Rahmen eines Startups ein Produkt schnell weiterzuentwickeln. Doch es ist etwas ganz anderes in einer immer bürokratischer werdenden Konzernstruktur Themen durch die Hierarchien hindurch zu treiben. In den vergangenen drei Jahren hat Mayer nicht den Eindruck erweckt, die tun zu können.

Möglicherweise kann sie dies ja und hat es nur bei Google nicht beweisen können. Dann hat Yahoo eine Chance – wenn nicht, droht der Fall gleich zweier großer Namen des Silicon Valley: Yahoo und Marissa Mayer.

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