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Schufa und Daten aus dem Social Web: Es geht um mehr

In diesen Minuten ist das Schlagwort #Schufa die Nummer eins unter den meistverwendeten Twitter-Hashtags in Deutschland. Grund ist eine Meldung des NDR Hörfunks, nach denen die Schufa beim Hasso-Plattner-Institut ein Projekt in Auftrag gegeben, bei dem es um die Frage geht, ob die Schufa Daten aus dem Social Web für ihre Arbeit nutzen kann.

Jenes Projekt unter dem Kampfnamen „SchufaLab@HPI“ (ein Titel, den sich nur Menschen ausgedacht haben können, die die deutsche Sprache sehr, sehr hassen) löst die erwartbaren Empörungsreflexe aus. Zum Beispiel fokussieren sich viele Medien auf ihr Lieblingsopfer Facebook, sogar die die Tagesschau. Dabei wäre doch eher anzunehmen, dass viel mehr bei der Durchforstung der Xing-Kontakte zu holen sein könnte.

Und natürlich nutzt auch unser Lieblings Ego-PR’ler unter den Datenschützern, der Schleswig-Holsteiner Thilo Weichert die Gelegenheit um sich wieder einmal zu entsetzen und zu behaupten, es sei eine neue Dimension erreicht.

Leider ist diese Erregung am heutigen Tag ein neues Zeichen dafür, wie platt und boulevardesk Debatten um das digitale Zeitalter in Deutschland geführt werden. Treten wir doch einfach mal einen Schritt zurück und schauen uns an, was genau da passiert.

Die Schufa ist ein privates Unternehmen, das Auskunft über die Kreditwürdigkeit von Menschen gibt. Bisher beschränken sich ihre Daten auf sehr harte Fakten wie Bankkonten oder Telefonrechnungen. Aus diesen Daten errechnet die Schufa einen Kreditwürdigkeitsindex, den Score (ich ahne, welche Seite den Projekttitel mit dem Plattner-Institut entworfen hat). Bürger haben dabei das Recht, einmal jährlich eine Eigenauskunft einzuholen.

Den meisten Menschen rückt die Schufa im Zusammenhang mit privaten Krediten ins Gedächtnis: schlechte Schufa – keine Kohle, so der simple Gedankengang. Und weil so viele, bedürftige Menschen kein Geld erhalten ist die Schufa gemeinhin schlecht beleumundet.

Tatsächlich aber erfüllt sie eine wichtige Funktion. Denn nicht nur Banken, auch Unternehmen brauchen eine Einschätzung darüber, ob sie jemand Ware liefern dürfen, ohne dass dieser direkt zahlt. Haben sie diese Informationen nicht, wird das alltägliche Wirtschaftsleben entweder zum Glücksspiel – oder es stirbt komplett für Unternehmen, die am Anfang stehen, gerade eine Delle durchlaufen oder mit einem Mal einen Auftrag erhalten, der größer als ihre bisherigen ist. Nehmen wir nur Handwerksbetriebe: Die müssen bei größeren Projekten eventuell eine größere Menge Material ordern als je zuvor – bezahlt werden sie aber erst später. Ohne Schufa-Informationen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Händler sie nicht beliefern.

Die Schufa, also, erfüllt eine wichtige Funktion. Dass sie nun erforschen möchte, ob die Daten im Web für ihre Arbeit zuträglich sind, ist zunächst einmal ihr gutes Recht, ja vielleicht gar ihre Pflicht. Denn: Es gibt ja kein Gesetz, dass die Verwendung dieser Daten limitieren würde.

Und derzeit reden wir ja über ein Forschungsprojekt und wäre der NDR Hörfunk nicht so berauscht davon, endlich mal eine Exklusivmeldung zu haben, so würde er in einem Anfall von Seriosität vielleicht ja auch abdämpfenderweise darauf hinweisen, dass in jenem Papier keine Forderungen oder Absichten auftauchen, sondern „Projektmöglichkeiten und Denkrichtungen“.

Und würden die anderen Medien nicht inzwischen das Boulevard als ihr Territorium betrachten, dann würde ihnen klar, dass die verlockende Schlagzeile „Schufa will Daten bei Facebook & Co. sammeln“ (Welt.de) völlig falsch ist und die Meldung „Schufa will Facebook-Nutzer durchleuchten“ (Spiegel Online – anscheinend stand das Sammeln hier auch einmal im Titel) erheblich falsch und „Schufa will sich aus Sozialen Netzwerken bedienen“ (Hamburger Abendblatt) immer noch falsch ist.

Denn:

1. Geht es um die Analyse von Daten – ob diese dann aktiv gesammelt werden, ist offen.

2. Weiß die Schufa nicht, ob sie Facebook-Daten brauchen kann und

3. ob sie überhaupt mit den im Social Web zu bekommenden Daten etwas anfangen kann.

Sie will also nicht irgendwas, denn für das Wollen hätte eine Entscheidungsfindung stattfinden müssen.

Vielleicht haben wir ja Glück und die Debatte verschiebt sich nach den ersten Erregungen des Boulevardjournalismus in die Richtung, die wir tatsächlich brauchen. Denn – und dieses Problem wird im lesenswerten Buch „Public Parts“ von Jeff Jarvis weiter erläutert – stellt uns der digitale Wandel ja vor die Frage, wann wir die Weiterverwendung welcher öffentlich zugänglicher Daten zulassen wollen.

Dabei darf es nicht um Einzelfallentscheidungen gehen wie „Die Schufa darf das aber nicht“, es geht um größere, komplexere Zusammenhänge. Zum Beispiel auch um die Frage, ob in Bewerbungsprozessen die Verwendung von Social-Media-Informationen erlaubt ist (was in den USA gerade auf politischer Ebene debattiert wird, Maryland will dies bald verbieten).

Schnell ist man versucht „Ja, aber so was von“ zu schreien. Doch was, wenn diese Information einem Bewerber helfen, einen Job zu bekommen? Was übrigens, wenn Daten aus Social Media einer Person oder einem Unternehmen in Deutschland zu einem Kredit verhelfen? Und überhaupt: Sollte ein Personal-Verantwortlicher nicht bestrebt sein, alle möglichen Informationen zu bekommen? Denn die Entscheidung, wen er einstellt hat ja nicht nur Auswirkungen auf den neuen Mitarbeiter, sondern genauso auf das Wohlergehen des Unternehmens und somit auf die anderen Angestellten.

Solche Fragen zu untersuchen liegt auf der Straße. Längst hätten deutsche Wissenschaftler aber auch Politiker entsprechende Gutachten finanzieren können. Tun sie aber nicht, so dass die Privatwirtschaft ran muss. Dass die Schufa die Möglichkeiten der Datennutzung ausloten lässt ist nur legitim. Es liegt beim Gesetzgeber zu entscheiden, ob und wie weit sie dies dann später tun darf. Dafür aber sollte man abwarten, was die Analysen ergeben und sich nicht sofort thiloweicherteskes Entsetzen heucheln.

So hat aber der heutige Sturm um die Schufa ja vielleicht ein gutes. Es wäre ein Gewinn für eine solche Debatte, würde die Schufa sich am Ende bereit erklären, die Ergebnisse der Arbeit an SchufaLab@HPI der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – dies entspräche ihrer Bedeutung für die Gesellschaft.

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