Rundshow – das vielleicht größte TV-Experiment des Jahres

by Thomas Knüwer on 14. Mai 2012

Meine Fähigkeit, den Erfolg von TV-Sendungen vorherzusagen ist ja nun dokumentiert ausbaufähig: Ich hielt “Gottschalk Live” für einen Hoffnungsträger und senke hierfür mein Haupt in Scham. Zu sehr hatte ich die Dinosaurigkeit des Herren G. unterschätzt, der nur einfach eine Late-Night-Show am Vorabend durchziehen wollte statt als erster das digitale Leben ins Fernsehen zu integrieren.

Genau das, die Verschmelzung der digitalen Welt mit der Television, wollen derzeit einige. Selbst der “Tatort” musste gestern ohne Mörder auskommen – er darf nun im Netz gejagd werden. “The Voice of Germany” begleitete ihren Sangeswettstreit schon mit eigener App, häufig wurden Kandidaten nach ihrem Auftritt mit getweeteten Reaktionen konfrontiert. Überhaupt: Twitter. Wie schon in vielen anderen Ländern kristallisiert sich der Kurznachrichtendienst als am besten geeignete TV-Begleitung heraus und mit Couchfunk gibt es schon ein Startup, das sich auf genau diese Kombination von Glotze und Handy spezialisiert hat.

Heute Abend aber startet das ambitionierteste Fernseh-Projekt in Sachen Digital-Integration: die Rundshow des Bayerischen Rundfunks.

Ja. “Innovation” und “Bayerischer Rundfunk” waren auch für mich bisher Begriffe die an diametral entgegengesetzten Seite des Medienspektrums standen. Doch der geschätzte Richard Gutjahr, der bisher die Alltags-Nachrichtensendung “Rundschau” mit-moderiert, hat seine Vorgesetzten überzeugen können. Und so startet nun heute um 23 Uhr ein bemerkenswertes Medienexperiment.

Hinweis: Gut, es könnte auch später werden. Denn zuvor spielen der Karlsruher SC und Jahn Regensburg die Frage aus, wer im kommenden Jahr die Ehre hat, beim SC Preußen Münster auflaufen zu dürfen – Verlängerung und Elfmeterschießen sind möglich.

Die Redaktion will tagesaktuell netzaffine Themen aufbereiten. Einerseits in gebauten Beiträgen, andererseits in Debatten und Interviews. Hier der Besuch der Rundshow bei der Facebook-Party von Horst Seehofer:

Diese Debatten finden in einem Google-Hangout statt, der immer mal wieder zugeschaltet wird. Außerdem können sich Zuschauer via iPhone-App mit dem bescheidenen Titel “Die Macht” beteiligen: Einerseits gibt es da Umfragen mit vorgefertigten Antworten (die bisher zu klischeehaft klingen), andererseits einen beständig einsetzbaren Daumen-hoch-oder-runter-Button, der im Studio in Form von Applaus oder Buh-Rufen Gehör findet. Schließlich können Zuschauer auf Fotos und Videos in der App hochladen. Die Redaktion wird diese zwar prüfen – für überraschende primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale reicht die Innovationsfreude des BR dann doch nicht -, die Moderatoren aber wissen nicht, was jeweils auf sie zukommt.

Gutjahr beschreibt im Show-Blog das dann so:

“Wir haben Themen im Auge, die im klassischen Programm selten eine Chance haben. Wir haben Technologien und Workflows am Start, die im herkömmlichen TV-Sendebetrieb bislang nicht zum Einsatz kommen. Wir haben unsere Köpfe geöffnet, Dinge völlig neu zu entwickeln – oder aber auch beizubehalten, sofern uns dies als sinnvoll erschien. Bei diesem Projekt ging es nicht darum, das Fernsehen zu revolutionieren, vielmehr das Medium und seine Möglichkeiten in Kombination mit dem Web spielerisch weiterzudenken.”

Auch in Sachen Redaktionsarbeit ist das Team konsequent: Die Konferenzen werden tagsüber in einem Livestream und im Hangout übertragen, wer will kann reinschauen und mitreden. Man stelle sich das einmal bei der Produktion einer Zeitung vor.

Am vergangenen Freitag beobachtete ich eine Probe im Hangout und es war durchaus spannend. So ein wenig war es noch ADD-Fernsehen, denn rein aus der Seitensicht, die man im Hangout hat, wirkte das Hin und Her zwischen Beiträgen, Moderatoren und Hangout ein wenig hektisch. Ob da jemand, der nur TV schaut noch weiß, was gerade passiert? Das wird maßgeblich von der Spontanität der Moderatoren abhängen. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob es tatsächlich eine gute Idee ist, diese in den vier Wochen, die sich die Rundshow austoben darf, wöchentlich zu wechseln: Nach dem geschätzten Daniel Fiene in der ersten Woche folgt Sascha Lobo und dann Sandra Rieß. Ob eine Woche reicht um sich einzuspielen?

Beantworten lässt sich das sicher nicht nach dem heutigen Abend. Dieses Format ist so neu, dass es sich erst einspielen muss. “Warum wir schon gewonnen haben”, steht über dem Blog-Artikel. Die Tatsache, dass es die Rundshow vier Wochen lang probieren darf ist tatsächlich zunächst ein Sieg. Doch kennen wir die Freundlichkeit der weitesten Teile deutscher Feuilleton- und Medienredakteure klassischer Medien gegenüber diesen Internet-Typen. Und so sind Hohn und Spott selbst bei kleinen Pannen garantiert.

Und deshalb ist mein Rat – machen Sie sich selbst ein Bild. Für mich ist dies das definitiv das interessanteste TV-Experiment des Jahres. Und deshalb: toitoitoi!

Disclosure: Ich kenne einige der Beteiligten des Projektes gut bis sehr gut.

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