Kopflos im “Handelsblatt”

by Thomas Knüwer on 11. April 2012

Nein, dieses Video ist keine Parodie – auch wenn es so scheint.

Es zeigt Handelsblatt.com-Chefredakteur Oliver Stock. Über die Videoqualität müssen wir nicht reden – schlecht gemachtes Fernsehen bleibt schlecht gemachtes Fernsehen, auch wenn es im Internet stattfindet.

Der Inhalt aber ist traurig. Stock bezieht sich noch einmal auf jenen absurd schlechten Artikel “Mein Kopf gehört mir”. Seine Reaktion könnte der Einstieg in eine inhaltliche Debatte sein, könnte in die ursprüngliche Aufgabe des Journalismus münden, der Moderation des öffentlichen Diskurses. Stock könnte Stellung nehmen zu jenen propagandistisch geprägten Auslassungen seines Kollegen, zu den inhaltlichen Fehlern, dem ökonomischen Unsinn. Zur Erinnerung: Jener Artikel war so schlimm, dass Stefan Niggemeier – nun wirklich einer der angesehensten, wenn nicht gar DER angesehenste Medienjournalist der Republik schrieb:

“Ich habe mich an den falschen Altersangaben der »Bild«-Zeitung abgearbeitet, 9live-Sendungen transkribiert, eine dreistellige Zahl von Hitlisten-Sendungen der Dritten Programme zusammengetragen und mehrteilige Dieter-Wedel-Filme ohne vorzuspulen angesehen. Aber die Lügen, der Irrwitz, die Dummheit und die Dreistigkeit, die ganze niederträchtige Propaganda des »Handelsblattes« und anderer Medienpartner in der Kampagne gegen die Piratenpartei und die sogenannte Netzgemeinde: Ich fürchte, die Auseinandersetzung mit all dem übersteigt selbst meinen Masochismus.”

Darauf nun könnte das “Handelsblatt” reagieren.

Könnte.

Will es aber nicht

Stattdessen führt das Video den Kinderkreuzzug noch zickiger fort. Länglich zitiert Stock nicht aus Blog-Beiträgen (dann müsste er ja einen inhaltlichen Diskurs liefern), sondern aus einem Twitter-Meme, das gestern die Runde macht: #wasimHandelsblattfehlt. Das nennt er “Shitstorm” (gut, dass der Shitstorm zuvor in den Blogs ablief und sich dann mustergültig in einem Mem humoristisch Bahn brach, dieses Wissen mag man ihm nicht unterstellen).

Lustig auch: Er zitiert den Twitter-Nutzer Haggybear, “von dem ich nicht weiß, wie er wirklich heißt”. Ich schon. Er heißt Matthias Hackbarth und ist Software-Entwickler. Woher ich das weiß? Steht auf seinem Twitter-Profil. Seine Homepage verrät, dass er in Hameln lebt, für die Postbank Systems arbeitet und noch dazu Unternehmer ist. In seiner Freizeit entwickelt er Plesk-Addons, für die er über Spenden honoriert wird – womit er ein lebender Gegenbeweis zur “Mein Kopf gehört mir”-Story ist.

So etwas nennt man nicht einmal Recherche, sondern einfach “kurz mal gucken” – aber das scheint zu viel erwartet in der Kasernenstraße 67. Ach ja, auf Stocks Smartphone steht “T-Online”? Ich bestreite das. Kaffeekapseln sind teurer geworden? Ich bevorzuge ja gemahlende Bohnen, aber auch diese Preiserhöhung würde ich bestreiten. Na gut, Korinthen werden beim “Handelsblatt” schon lang nicht mehr gekackt.

Und dann, sagt er, das “Handelsblatt” habe trotzdem Recht. Warum? Sagt er nicht.

Für ihn sind die Reaktionen ein “Sturm im Wasserglas”. Allein auf diesem Blog haben rund 10.000 Menschen den Artikel gelesen, sie kamen aus rund 1000 verschiedenen IP-Adressen, eine mittlere dreistellige Zahl von Firmen-Netzen ist erkennbar (und viele Unternehmen machen sich ja nicht auf diesem Weg kenntlich), darunter alles was so im DAX zu finden ist. Und natürlich sind viele Werber darunter und ebenso Mediaplaner. Es kann sein, dass all diese Leser anderer Meinung sind als ich und das ist vollkommen OK. Es kann aber auch sein, dass Sie meinem Standpunkt folgen. Und sich ihren Teil denken, zum “Handelsblatt” und seiner Art über die Welt zu berichten. Dann wäre der Kampagnenjournalismus in Sachen Urheberrecht eine Imageschädigung, die in der Geschichte des “Handelsblatt” einmalig wäre.

Lang und breit – 99 Sekunden können ja schon nach 9 Sekunden ECHT lang werden – lässt sich Stock am Anfang auch darüber aus, wofür er Geld bezahlt hat. Für sein Handy, für Benzin. Und dann, sagt er, habe er etwas umsonst bekommen – die Reaktionen auf jenen Artikel. Anscheinend findet er das schlecht, zumindest ist sein Ton so zu werten. Offensichtlich ist eine kostenlos geäußerte Meinung bei ihm nichts wert, also bitte keine Leserbriefe schicken.

Doch wieso überhaupt soll das umsonst gewesen sein? Einerseits dürfte ihm bei der Betrachtung dieser Reaktionen reichlich Werbung begegnet sein – zum anderen dürfte selbst beim “Handelsblatt” eine Datenleitung Geld kosten. Stock zahlte also mit dem Wertvollsten was er hat – Lebenszeit (gut, vielleicht ist er suizigefährdet, dann würde ich mit tiefer Entschuldigung meine Meinung revidieren). Früher war diese Lebenszeit den Anzeigenleuten bei seinem Arbeitgeber viel wert. Aber, hey, the times, they are a-changin. Schließlich jedoch stellte ihm sein Arbeitgeber den Internetzugang und den Computer. Auch dafür mag Stock keinen Wert sehen. Erstaunlich.

Nun, vielleicht hat das “Handelsblatt” seinen Kopf nicht verloren, wie Stefan Niggemeier schreibt – sondern nur Teile der Redaktion jeden journalistischen Qualitätsanspruch und mancher darüber gar den Verstand.

Previous post:

Next post: