Das Missverständnis des Norbert Lammert: Der Mensch ist dem Menschen ein Nachrichtenfilter
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Der Unterschied
2. April 2012

Vielleicht hat Norbert Lammert doch recht

Bitte beachten Sie das Update unten.

Heute Mittag schrieb ich lang und breit eine Replik auf die unkundigen Äußerungen von Bundestagspräsident Norbert Lammert in Sachen Internet. Unter anderem halte ich seine Äußerung für nicht tragfähig, dass im Internet anonyme Horden die Meinungsfreiheit missbrauchen.

Nur wenige Stunden später muss ich mich wohl ein Stück weit revidieren.

Denn da gibt es eine anonyme Horde, die sich feige hinter einem dreibuchstabigen Kürzel versteckt. Sie attackiert eine unbescholtene Frau, die mit Namen genannt wird. Diese Frau muss sich gefallen lassen mit einem Stinktier verglichen zu werden. Ein anderes Mal gibt es ein Portrait von ihr mit aufgeschnittenem Kopf, darin sehen wir kein Hirn, sondern Luftblasen. Die zugehörige Überschrift behauptet, diese Dame habe keinen Kopf.

Ja, diese feige, aggressive, ohne jede Kinderstube ausgestattete Meuchel-Meute muss Norbert Lammert gemeint haben, als er im Interview mit dem „Spiegel“ sagte:

„Wir beobachten im Internet an vielen Stellen eine Art der Auseinandersetzung, die in Aggressivität, Wortwahl und Tonlage die Grenzen überschreitet, die dieselben Leute auf der Straße für sich setzen würden.“

Wie diese pseudonyme Bande heißt? Sie schimpft sich CDU Nordrhein-Westfalen.

Die Ruhrbarone zeigen heute eine Kampagne ohne Absender. Die Motive bewegen sich auf einem Niveau, das selbst für Crystal-Meth-abhängige Schabrackentapire peinlich wäre:

Von solchen Ausflüssen der Verdauungsorgane gibt es noch so einige. Bemerkenswert ist dabei: Nirgends taucht die CDU auf. „Besser Röttgen“ steht da, verziert in Christdemokraten-Orange und der einzige Verweis nach außen ist eine Facebook-Gruppe mit dem enthirnten Titel „Weniger Kraft“. Dort sehen wir die nächste Besser-Röttzigkeit:

Hannelore Kraft mit geöffneter Hirnschale in der Blasen blubbern und dem auf Pekip-Intellekt-Niveau schwebenden Spruch:  „Ohne Köpfchen bleibt nur Kraft“.

Diese Seite wird nirgends auf den CDU-Präsenzen erwähnt, weder auf der Homepage der CDU NRW, noch auf der von Norbert Röttgen. Auf diesen Präsenzen entsteht ansonsten der Eindruck, die CDU wolle ihren Wahlkampf mit der Leidenschaft eines Liegenschaftsbeamten 12 Stunden vor der Pensionierung führen. Das Blog, zum Beispiel, hat seinen letzten Eintrag vor einem Monat bekommen, es geht um Mitgliederzahlen. Huch, jetzt bin ich kurz eingenickt.

Möglicherweise erleben wir mit Besser Röttgen/Weniger Kraft den nächsten, peinlichen Versuch einer deutschen Partei, einen Trend aus den USA zu kopieren. Dort gibt es, den nicht kopierenswerten Parteifinanzierungsregeln ist es geschuldet, Gruppierungen die nicht offiziell den Parteien oder Kandidaten angehören, trotzdem aber Wahlkampf für diese betreiben. Dabei kann sich der Kandidat dann entschließen, einen Spot oder ein Plakat zu genehmigen – oder eben nicht.

Möglicherweise hat irgendein Wahlstratege zwischen Speed-Pille, zu viel Bier und einer Runde Koks gedacht, dies sei doch eine tolle Möglichkeit, so richtig aggressiven Wahlkampf zu machen, der diese ganzen jungen Wähler anspricht, die diese Chaoten von den Piraten wählen. Deshalb muss das jetzt so auf Facebook sein und so.

Wenn dem so war, dann ist dies eine Bankrotterklärung. Die Unterstützung für Joachim Gauck als Bundespräsident (nein, ich bin weiterhin kein Unterstützer Gaucks) zeigt, dass sich sehr, sehr viele Menschen nach Wulff und FDP und KTG  nun ernsthafte Politik herbeisehnen. Und was macht die CDU NRW? Sie lacht sie aus. Sie hält die Wähler für einen betrunkenen, taumelnden Mob, der sich an schwachmatischen Witzen berauscht.

Norbert Lammert sagte im „Spiegel“:

„Aber in unserer Demokratie sollten wir das, was wir im ,wirklichen’ Leben für angemessen und richtig erachten, grundsätzlich auch im virtuellen Bereich geltend machen.“

Diese Mahnung galt dann wohl seinen Parteifreund Norbert Röttgen. Vielleicht erlebt er ihn häufiger im Vollrausch.

Update: Inzwischen hat sich bei den Ruhrbaronen einiges getan – was die Affaire noch lustiger macht.

Die bewusste Kampagne wurde anscheinend er…, nein das Wort erdacht wäre wohl falsch,… brochen von einer Werbeagentur namens Friedsam & Gemein, die erstaunlicherweise nicht in NRW sitzt – sondern in Wiesbaden und Sinzig (Rheinland-Pfalz). Auf ihrer Homepage schwurbelt sie recht viel um das Anstoßen von Gesprächen herum. Besonders unterhaltsam die Passage:

„Die Steigerung der positiven Gespräche über Sie um nur 12 Prozent, verdoppelt Ihr Wachstum. Das haben Studien führender Wirtschaftsberatungsunternehmen ergeben.“

In der Kundenliste von Friedsam & Gemein findet sich – die CDU Deutschland.

Beim Pottblog und den  Ruhrbaronen kommentiert nun jemand unter dem Pseudonym fj:

„Das ist eine rein private Initiative. Da ich der Gemein bin, weiß ich, dass wir das ganz alleine gemacht haben. So wie Sie Ihre politische Auffassung haben und kundtun, mache ich das auch. Auf meine Art und mit meinen Mitteln. Es gibt welche die finden das gut. Es gibt welche, die finden das doof.“

Dies widerspricht einem Bericht der „Berliner Morgenpost“. Die nämlich schreibt (hinter Paywall, deshalb nicht verlinkt):

„Und auch in Sachen Werbung wird die CDU nun aktiv. Unter www.facebook.com/WenigerKraft sind bereits erste Plakatmotive zu sehen, nach dem Motto: „Mehr Köpfchen. Weniger Kraft“ oder: „Weil Köpfchen mehr bewegt als Kraft“.“

Wie käme ein Journalist auf diese winzige Facebook-Gruppe, würde ihn nicht jemand darauf hinweisen?

Ich bin mir auch nicht sicher, ob wir fj trauen dürfen. Denn es ist nur schwer zu fassen, dass allen Ernstes der Geschäftsführer einer Werbeagentur für einen aktuellen oder ehemaligen Kunden ohne dessen Auftrag oder Zustimmung eine Kampagne entwirft. Auch wenn dort nirgends CDU drauf- oder dransteht, so soll doch eindeutig der Eindruck erweckt werden, die Partei sei der Absender des Ganzen. Nein, ich mag nicht glauben, dass jemand so unfassbar dumm ist. Das erinnert durchaus an den Fall Maredo und Scholz + Friends aus der vergangenen Woche (Details können Sie hier und hier nachlesen.).

Noch dazu ist diese Kampagne ja kein Ausbund an schillernder Kreativität, kein Vorzeigeobjekt. Sie ist platt und dumm – wird aber nun die nicht so fürchterlich bekannte Werbeagentur überregional bekannt machen. Für – so sich nicht noch etwas anderes herausstellt – Eigenmächtigkeit, Plattheit und Dummheit.

Als Sahne-, pardon, Kothäubchen liefert jener fj auch noch ein Kommentarniveau bei den Ruhrbaronen ab, das sich genau auf jener Ebene befinden dürfte, von der Norbert Lammert sprach. Und deshalb zweifele ich eben: Kann jemand allen Ernstes SO dumm sein?

Die CDU NRW distanziert sich in den Kommentaren bei den Ruhrbaronen von der „Arbeit“ der Wiesbadener Werber. Ob sie auch die „Morgenpost“ um eine Korrektur ersuchen wird, ließ die Sprecherin noch nicht verlauten.

Sicher aber ist: Eine kraftvolle Kommunikation (beachten sie den schalen Wortwitz) sieht anders aus. Glaubt die Partei tatsächlich, das Thema würde sich durch verschweigen von selbst erledigen? Nötig wäre eine klare Stellungnahme und Distanzierung. Und bei der Bundeszentrale sollte ausfindig gemacht werden, wer Übel & Gefährlich Friedsam & Gemein beauftragt hat um zu besprechen, ob nicht ein deutlicher Anruf in Wiesbaden eine gute Idee sein könnte.

Solange dies aber nicht passiert bleibt der Eindruck, dass hier tatsächlich verfahren wird wie in den USA: Für die Drecksarbeit wird jemand außerhalb der Partei losgeschickt – und dann wäscht man sich die Hände in Unschuld.

Nachtrag vom 28.3.: Durch meine Ex-Kollegen vom „Handelsblatt“ werde ich gerade darauf aufmerksam gemacht, dass Friedsam & Gemein die CDU Deutschland über Nacht von ihrer Kundenliste genommen hat.

Nächster Nachtrag: OK – andererseits ist die offizielle Kampagne von Norbert Röttgen nur einen Hauch weniger schauderhaft…

Und noch ein Nachtrag: Das Verhalten der Werbeagentur auf der Facebook-Seite gleicht einer gewissen Chief-Creative-Bunker-Mentalität. Zitat: „Einschüchterungsversuche gehören offenkundig zum Repertoire der Gegenseite. Wovor haben die nur Angst? Wir machen weiter.“
Derweil wurde ein Link auf diesen Blog-Artikel zwar gelöscht. Aktuell aber findet sich diese Parodie noch auf der Seite:

Bei den Ruhrbaronen nennt die Sprecherin der CDU NRW derweil die Aktion „niveaulos“. Und: „Wir kennen diese Agentur nicht, haben denen auch noch nie einen Auftrag gegeben. Und wenn ich mir anschaue, was die fabriziert haben, können sie es sich auch künftig ersparen, uns anzusprechen… Ich weiß nicht was diese Agentur für die Bundes-CDU gemacht hat, aber auf keinen Fall etwas, das so geschmacklos ist, wie diese Facebook-Kampagne.“

Nachtrag vom 30.3.: Nun hat die Agentur die Inhalte der Facebook-Seite gelöscht und kündigt einen Neustart am Montag an.

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