Das Ende der Netzgemeinde

by Thomas Knüwer on 16. Februar 2012

Jeder, der häufiger Vorträge über digitale Themen hält, kennt das Spiel der Fragerunde am Ende. Immer sind zwei, drei Zuhörer im Saal, die vergleichbare Fragen stellen: Wie das denn sei mit den sich entblößenden Teenagern im Internet, mit dem Datenverkauf, mit Kinderpornographie, mit Internetsucht und überhaupt? Sie sind schon während des Vortrags auszumachen: Meist sind sie männlich, grau meliert, bärtig, gerne Pullover- oder Tweed-Sakko-Träger, ihre Körperhaltung ist unterdurchschnittlich offen, die Arme sind verschränkt, der Blick ernst.

Gestern Abend Erlangen, Sparkassenzentrale, 110 Zuhörer beim Vortrag über Social Media. Und eine Überraschung. Denn durchaus gab es kritische Fragen. Doch war die Abendveranstaltung der Medieninitiative Erlangen geprägt von einem Wandel. Da saßen viele Lehrer, politische Vertreter der Stadt und interessierte Bürger. Ein Satz jedoch, der vor allem hinterher an den Stehtischen fiel, war: „Wir haben genug.“ Genug von der negativen Berichterstattung über das Internet, genug vom ständigen Runtermachen und vom Glauben, man könne das Internet irgendwie abschalten. Lehrer berichteten, sie wollten viel mehr machen, würden aber von den Behörden ausgebremst. Ein Vertreter der Polizei erzählte von einer Erlangener Teenager-Truppe, die auf Youtube schon ein paar tausend Abonennten mit ihren Witz-Videos erreiche. Und der Jugendbeauftragte der Stadt meinte beim Blick auf die geöffneten Tabs in meinem Browser, das Thema Acta interessiere ihn besonders.

Nun ist Erlangen eine technisch geprägte Stadt dank Siemens Fraunhofer-Institut und Hochschule. Vielleicht herrscht hier also einfach mehr Offenheit als in anderen Regionen. Doch glaube ich, dass der gestrige Abend Zeichen einer gewissen Wende in der Bevölkerung ist. Weg von der German Facebook Angst hin zu mehr Offenheit ohne unkritisch zu sein.

Getrieben wird dies maßgeblich durch den Nachwuchs. Wenn 100% aller Zehntklässler bei Facebook sind, wie mir gestern ein Lehrer berichtete, werden sich nicht 100% ihrer Eltern dort anmelden – aber eben doch ein hoher Prozentsatz. Von denen wieder merken viele, dass jenes von deutschen Medien so oft verteufelte Internet gar nicht so übel ist, wie das Feuilleton der „Süddeutschen“ ihnen Glauben machen will.

Diese Veränderung kommt spät in Deutschland an – aber sie scheint mir nun endlich da. Und das bedeutet auch den Abschied von der „Netzgemeinde“. Mit jenem wolkigen Begriff versuchen noch immer Politiker und Journalisten den Mythos aufrechtzuerhalten, digitale Themen seien nur etwas, das eine kleine, verschworene Minderheit interessiere, einen Wan Lan Klan in Kapuzenpullis und mit Irokesenhaarschnitt.

Nehmen wir nur die „Financial Times Deutschland“ von gestern. „Die Netzgemeinde hat immer Recht“, überschrieb sie einen Artikel. Auszüge:

„Die Taktik der “Netzgemeinde” und ihres politischen Arms, der Piratenpartei, ist voll aufgegangen. Sie wollten den Druck der Straße gegen Acta mobilisieren – und die Politik hat prompt gekuscht…

Seit dem Überraschungserfolg der Piraten in Berlin haben sich die etablierten Parteien vorgenommen, die sogenannte Netzgemeinde ernster zu nehmen…

Die Macht der Netzgemeinde speist sich aus einer großen Ungewissheit: Die Politiker wissen nicht, wie groß die Gruppe wirklich ist…“

Gemeinde. Das klingt nach Kirche. Nach Kult. Nach Sekte. Und Sekten muss man den Kampf erklären.

Das denken dann auch von der Lobby übernommene Bundestagsabgeordnete wie Ansgar Heveling. Der CDU’ler verfasste ja jene unsäglich eklige Kampfschrift im „Handelsblatt“. Gestern trug ich sie gemünzt auf Rentner zu Beginn meines Vortrags vor – und erntete Entsetzen (und Kopfnicken als ich aufforderte, Politiker wie Ansgar Heveling zum Teufel zu jagen).

Was Figuren wie der Korschenbroicher Musikindustrie-Vertreter übersehen: Die „Netzgemeinde“ ist tot – und vielleicht hat es sie nie gegeben. Stattdessen nutzt der größte Teil der Menschen heute digitale Dienste ganz selbstverständlich, von Facebook über Dropbox und WhatsApp bis MyTaxi. Und je mehr sie diese Dienste nutzen, desto mehr interessieren sie sich für die Zusammenhänge. Nicht alle, das ist klar – aber eben eine steigende Zahl.

So wie es eben Autofahrer gibt, die einfach irgendeinen Untersatz haben wollen; andere, die problemlos einen Reifen wechseln können; die nächsten, die bewusst Mercedes fahren und darauf achten, was diese Marke so auf den Markt bringt; und schließlich die ganz harten Kenner, für die „Auto, Motor, Sport“ eine bibelartige Rolle einnimmt. Praktisch jede dieser Gruppen aber wird sich für ein generelles Tempolimit oder die Erhöhung der Kraftfahrzeugsteuer interessieren.

Das ist die neue Realität in Deutschland: Die Netzgemeinde ist tot – es lebe das Netz. Und wer dessen Nutzung beschränken will, der stellt sich nicht gegen einen Kult oder eine Sekte – sondern gegen einen großen Teil der Bevölkerung.

Aus diesem Grund war ich so angetan vom gestrigen Abend in Erlangen. Nicht nur, dass hier Bürger wesentlich fortschrittsoptimistischer (aber nicht unkritisch) über das Netz sprachen. Sondern auch, weil die Stadt mit der Medieninitiative einen spannenden Versuch wagt. Die Initiative bietet Workshops an Schulen, Fortbildung für Lehrer und Kurse für Eltern an. Die breite Öffentlichkeit soll eine Vortragsreihe erreichen, die sich liest ein Re-Publica-Programm: Christan Stöcker liest aus seinem Buch „Nerd Attack“ (2.3.), Psychatrie-Professor Johannes Kornhuber spricht über „Computerspiele und Spielesucht“ (12.3.), Sandro Gaycken über Cyberwar (2.5.) und Gunter Dueck am 8.5. über das Internet als neues Betriebssystem unserer Gesellschaft. Es wäre schön, wenn andere Städte sich an der Initiative ein Beispiel nähmen.

(Disclosure: Ich erhielt für den Vortrag ein Honorar. Dass ich aber nur selten über Veranstaltungen schreibe, bei denen ich rede, sollte aber Hinweis sein, dass dies nicht diesen Artikel beeinflusst hat.)

 

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