Netzwert Reloaded XLIX: Als Jeff Bezos die Zukunft ahnte
7. Dezember 2011
Goldene Blogger 2011
12. Dezember 2011

Ein ganz normaler Rechtsverletzungstag im deutschen Onlinejournalismus

Wenn demnächst einmal ein ach so geplagter Vertreter deutscher Medien darüber wehklagt, dass jenes böse Internet die Rechte nicht achtet, dürfen wir ihm wieder einmal ins Gesicht lachen. Denn wer Urheberrechte und Copyright nicht achtet – das sind bemerkenswert oft deutsche Verlage, wie wir heute wieder einmal breitflächig erleben dürfen.

Gestern Nacht wurde eine Sicherheitslücke bei Facebook bekannt. Wer das Foto eines Nutzers als sexuell anstößig meldete, dem wurden andere Fotos dieses Nutzers gezeigt – auch wenn diese unter der Sicherheitsstufe „Privat“ standen. Entdeckt wurde dies in einem Bodybuilding-Forum, doch so richtig die Runde machte die Geschichte, als ZDNet sie aufgriff. Bevor Facebook die Lücke schloss wurden jedoch die Privat-Fotos von Mark Zuckerberg abgesogen und beim Bilderdienst Imgur eingestellt. Facebook reagierte und beseitigte dies noch am Morgen deutscher Zeit.

ZDNet dokumentiert, wie sehr die Frage diskutiert wurde, ob man eines der Zuckerberg-Fotos zeigen will:

„We debated the photo selection and whether to run one at all. We initially posted the Obama-Zuckerberg and then went with a dinner party. We flipped back to the picture with the most public figures. Ultimately, we decided running the picture made sense.“

Solche moralischen Bedenken kennen deutsche Online-Medien eher selten. Sie basteln doch aus den Bildern Klickstrecken. Zum Beispiel Welt.de, Spiegel Online, Handelsblatt.com, Focus Online und – klar – Bild.de. RP-Online beschränkt sich auf ein einzelnes Bild, was bei diesem Klickstrecken-fixierten Angebot eine Überraschung ist.

Gleich auf zwei Ebenen ist dies verwerflich. Zuckerberg ist eine Person des öffentlichen Lebens, klar. Aber seine Freundin? Seine Freunde? Dieser Gedanke ist wohl zumindest Spiegel Online gekommen – die Hamburger beschränken sich auf Bilder des Facebook-Chefs. Ansonsten aber trampeln Deutschland Online-Journalisten fröhlich über jedwedes Persönlichkeitsrecht hinweg.

Doch dann ist da natürlich die Copyright-Frage. Erstaunlicherweise geben die Online-Medien als Quelle „Facebook“ an. Wir dürfen davon ausgehen, dass die Presseabteilung des Social Network nicht fröhlich die Bilder an eine Pressemitteilung gehangen hat. Somit aber liegt ein klarer Rechteverstoß vor: Das kleine C mit dem Kringel drum herum, liebe Online-Journalisten steht für „Copyright“. Und genauso wie kein normaler Mensch die von Euren Fotografen geschossenen Bilder einfach so übernehmen dürfte, gilt dies auf für Bilder auf Facebook und anderen Seiten. Und dieses „Andere Seiten“ bekommt hier ja eine weitere Bedeutung. Denn vermutlich haben die Redaktionen die Fotos ja nicht durch die Sicherheitslücke auf Facebook erhalten – sondern sie einfach aus Imgur geklaut.

Ja, es ist schlimm, dieses Internet mit all seinen Rechteverletzungen – begangen von deutschen Online-Journalisten.

Und es geht ja auch anders – das zeigen Zeit.de und Sueddeutsche.de. Ein wenig Medienkompotenz und Stil gibt es also doch noch im deutschen Online-Journalismus.

Nachtrag: Die BBC hat bei Facebook in Sache in Bildrechte nachgefragt. Antwort: „The BBC asked Facebook’s permission before publishing the photographs of Mr Zuckerberg. The firm said that as the pictures were now in the public domain it would not be pursuing copyright infringement claims.“ Auch weiterhin ist die Bildverwendung also nicht rechtens – aber Facebook wird die Sache nicht verfolgen. Wie das mit den Persönlichkeitsrechten von Zuckerbergs Freunden aussieht ist offen. (Danke für den Hinweis an Kosmar.)

Teile diesen Beitrag