Apples nächste Revolution: Sprache

by Thomas Knüwer on 5. Oktober 2011

Wenn Sie einem deutschen Technik-Journalisten etwas zum Geburtstag schenken, so denken Sie an eines: Die Verpackung ist wichtiger als der Inhalt. Mehr noch: Die spektakuläre Einhüllung des Präsentes ist die condicio sine qua non, ohne die geht nichts, billiges Geschenkpapier führt zur Unmittelbaren Abwertung des Überbrachten.

So sieht die Lehre aus den Reaktionen auf Apples Keynote am gestrigen Abend aus. “Enttäuschung macht sich breit“, konstatiert die “Frankfurter Rundschau”. Apple habe seine Fans “genarrt“, behauptet die “Welt” – obwohl doch eher der Autor von Gerüchten genarrt wurde, denen er Glauben geschenkt hat. “Wenig revolutionäres” macht der “Stern” aus – was im Umkehrschluss bedeutet, selbst ein revolutionäres Ding reicht nicht mehr um den Revolutionstestosteron-Spiegel der potemkinschen Redaktion auf Pegel zu halten. Eine besondere Form der Leser-Irreführung betreibt dagegen die “Berliner Morgenpost”. Sie nämlich hat die Berichterstattung nach Ende der Keynote abgestellt, hey, es war halt noch gutes Wetter. So behauptet sie, der Aktienkurs von Apple sei eingebrochen. Das war er zunächst auch – so wie der Gesamtmarkt. Und so wie der Gesamtmarkt ging auch Apples Kurs in der letzten Handelsstunde steil nach oben – und endete im leichten Plus (woraus mancher Sensations heischende Schreiber auch machen könnte: “Apple-Keynote zieht Nasdaq nach oben” – was natürlich genauso Blödsinn wäre).

So lange so ein Handy nicht schön aussieht, taugt es für viele deutsche Journalisten nichts. Erstaunlich. Denn gestern gab es mehrere Punkte, die jene Keynote sehr wohl spektakulär machten – weil sie einen Blick auf die Zukunft eröffneten.

Da ist zum einen das Thema Großkonzerne und Apple. 92% der Fortune500-Rangliste (eine Aufstellung der größten Unternehmen der USA) verwendeten bereits iPhones, hieß es. Gepaart mit ständig auftauchenden Meldungen, nach denen Großkonzerne die Einsatzmöglichkeiten des iPad ausloten, darf gefragt werden: Sind diese mobilen Geräte Apples Einfallstor in die Unternehmenswelt? Ich glaube: ja. Einerseits steigt der Druck der Mitarbeiter: Sie wollen iPhones und iPads als Statussymbol – und sobald dieses Wollen die Chefetage erreicht, wird daraus eine Order an die IT-Abteilung: Umsetzen! Der nächste Schritt ist ebenfalls absehbar: Apple Laptops. Und dann iMacs. Das passiert nicht heute oder morgen, es wird Jahre dauern. Aber Microsoft sollte schon mal anfangen, sich gewaltige Sorgen zu machen.

Der andere Punkt sind die neuen Leistungsdaten des iPhone. Sein größtes Manko – ein Akku, der schneller leergesaugt wird als eine Sunkist-Packung durch einen dehydrierten Sechsjährigen – dürfte beseitigt sein. Gleichzeitig dürfte die neue CPU das Thema Spiele noch einmal vorantreiben – und Spiele sind ein höchst lukrativer Markt. Und schließlich wird die Kamera einerseits den Markt kleiner Fotoapparate schrumpfen lassen, vor allem aber den kleiner Videokameras. Dies dürfte vor allem Kodak derzeit nicht in den Kram passen. Der Konzern kämpft ums Überleben – eventuell hat Apple ihm gestern einen Todespieks versetzt.

Schließlich aber – und vor allem – das Thema Sprachsteuerung. Die nächste, spannende Grenze für alle Unternehmen, die IT einsetzen (Ego-Booster-Zusatz: wie ich vor einem Jahr schon mal anmerkte). Was Apple da gestern unter dem Namen Siri zeigte, wirkt auf den ersten Blick verspielt. Doch es muss auch verspielt sein, weil die Art, wie wir alle Arten von technischen Geräten bedienen sich revolutionär verändern könnte (Hallo, Stern.de!).

 

Wir alle leben sehr viel mobiler als früher, die meisten aber wollen schneller kommunizieren – in vielen Situationen prallen hier Welten aufeinander (und Apple zeigt einige typische in seinem Video). Das betrifft eben nicht nur Handys. Ford arbeitet an der Vision, jedes mobile Endgerät mit Bluetooth an seine Fahrzeuge zu koppeln und bei jedem Sprachausgabe und Sprachsteuerung zu ermöglichen. Oder Haustechnik: Der seit quälend langen Jahren bei jeder Internationalen Funkausstellung bejubelte Kühlschrank mit Internetanschluss wird weiterhin die offensichtlichste aller PR-Nummern bleiben. Doch war ich jüngst in einem Haus zu Gast, dessen Licht über ein Touchscreen und eine iPhone-App gesteuert wurden, das ganze entworfen vom Tradtionsschalter-Unternehmen Gira aus Radevormwald. Wie offensichtlich logisch ist auch hier eine Sprachsteuerung?

Die größte Hürde stellt dabei weiterhin die Anpassung an verschiedene Sprachen dar – auch Apple weist auf seiner Homepage darauf hin, dass gewisse Funktionen nicht in allen Ländern zur Verfügung stehen. Doch je nach Größe des Marktes ist dies nur eine Frage der Zeit – und der deutschsprachige Markt ist ein großer und kaufkräftiger. Langfristig dürfte dann die individuelle Erkennung eines Nutzers per Sprache die nächste Herausforderung sein – Mund statt Schlüssel, heißt die Vision.

Das alles finden deutsche Journalisten unrevolutionär und langweilig. Enttäuschend. Sie fühlen sich genarrt. War halt keine neue Verpackung um das spannende Paket. Und ohne Geschenkband und Konfetti mögen sich die Berichterstatter eben nicht begeistern.

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