Facebook Timeline, Facebooks Schicksal

by Thomas Knüwer on 22. September 2011

Es gibt Mechanismen des Medienzirkus, die ich recht ermüdend finde. Ein solcher hat vor einigen Minuten eingesetzt. Denn gerade ging die Rede Mark Zuckerbergs auf Facebooks Hauskongress f8 zu Ende. Und wir können uns sicher sein: Bald schon wird es einen Entrüstungssturm einer gewissen Menge Nutzer geben, mit dem Ziel die angekündigten Änderungen zurückzunehmen. Wahrscheinlich schon jetzt gibt es irgendwo die ersten Tweets die verkünden, der Aussender werde sich nun bei Facebook abmelden und gar nie, nie, nie zurückkehren. Diese Proteste werden die klassischen Medien aufgreifen und sie zum Todesurteil Facebooks erklären. Dann, so in spätestens vier Wochen, wird der Sturm im Wasserglas sich legen, Facebook wird ein wenig nachkorrigieren – aber letztlich seine Änderungen durchbringen.

Dabei geht ein wenig unter, was Mark Zuckerberg da gerade verkündet hat: Seine Sicht der digitalen Welt. Und dass diese sich diametral von der Googles unterscheidet. Bleibt Google bei der derzeitigen Konzeption seines Social Networks Google+, so erleben wir eine hoch spannende Situation. Zwei Unternehmen mit erheblichem Markteinfluss stellen ihre Modelle den Kunden vor – und relativ sicher lässt sich sagen: Nur eines wird am Ende durchkommen.

Was Zuckerberg da verkündet hat verändert Facebook nachhaltig. Es könnte das Nutzerverhalten einerseits und das Internet insgesamt grundlegend umkrempeln.

Erstens: Die Profilseiten der Nutzer werden noch stärker als bisher zu seiner Heimat im Internet. Nicht unbedingt zu der, auf der er selbst sich aufhält, sondern zum Anlaufhafen für alle, die sich für ihn und sein Leben interessieren. Dies betrifft nicht nur die Gegenwart, die beim aktuellen Facebook-Design im Vordergrund steht, sondern auch die Vergangenheit. Die war bisher schwer aufzufinden. Es gibt Bildgalerien und Videos, sicher. Doch die bestimmten Zeiten zuzuordnen war eher beschwerlich und von Raterei geprägt. Viel stärker als bisher wird das Profil Ausdruck des Lebensgefühls eines Nutzers.

Diese Herangehensweise ist das komplette Gegenteil von Google+. Dort gibt es keinen solchen Anlaufhafen. Das merkt, wer einem anderen zum Geburtstag gratulieren möchte. Bei Google+ kann er ihm eine Nachricht schicken (das ist nichts anderes als eine E-Mail) oder eine öffentliche Meldung schreiben, in die er den zu Beglückwünschenden namentlich integriert. Dann aber verschwindet diese Nachricht schnell im Strom der Zeit – und das Geburtstagskind hat nicht recht etwas davon. Ganz anders Facebook: Hier laufen die Gratulanten auf und überschwemmen das Profil – eine Art Emotions-Flashmob. Dieser ist so bei Google+ nicht möglich und macht den Dienst damit ein deutliches Stück kälter.

Wer die weitreichenden Änderungen als Distanzierung Facebooks von Google sieht, liegt meiner Ansicht nach aber falsch. Ein so großes Projekt wird nicht innerhalb weniger Wochen oder Monate (Google+ ist nun drei Monate online) aufgesetzt – Zuckerberg dürfte dies langfristig geplant haben. Und das wäre ein Zeichen dafür, wie er das Netz sieht.

Die zweite große Änderung sind Apps, die den persönlichen Geschmack via Facebook in die Welt strahlen. So können Nutzer des – in Deutschland natürlich aus Gema-Gründen immer noch nicht zu habenden – Musikdienstes Spotify sehen, was ihre Freunde hören – und sich live die Musik ebenfalls gönnen. Das gleiche gilt für gewisse Bewegtbildpartner. Das klingt verdammt cool – wenn es gelingt, die Dienste fließend zu integrieren. Die miserable Qualität von Skype auf Facebook hat gezeigt, dass dies nicht so einfach zu sein scheint.

Wenn es aber klappt, dann wird das Netzwerk zu einem erheblichen Faktor der Vermarktung medialer Inhalten jedweder Couleur. Dies ist nicht zu verwechseln mit einer Google Suche. Auf Facebook werde ich auf mediale Inhalte aufmerksam, auf Google suche ich sie. Dort sorgt der Plus-Button zwar auch für eine Veränderung der Suche durch soziale Elemente – doch muss ich eben zunächst einen Anlass zur Suche haben.

Für Unternehmen mit Produkten wie Inhalten eröffnet das neue Möglichkeiten auf Facebook. Ihre Pages dürften sich ebenfalls bald ändern. Das bedeutet endlich mehr Möglichkeiten, den Facebook-Auftritt dem Firmend-Design anzunähern. Statt der drögen Info-Seite lässt sich dann die Historie einer Marke erzählen, alte Werbespots könnten zum Beispiel chronologisch integriert werden (wenn das Unternehmen elegant über das Problem hinweg geht, dass eventuelle Model-Rechte ausgelaufen sind).

Und: Für Verbraucher wird es leichter, Marken und Waren an Freunde zu empfehlen. Außerhalb digitalisierbarer Inhalte dürften Rabattcoupons und Testprodukte an Bedeutung gewinnen. Und für journalistische Inhalte könnten die Apps ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Dabei spielen die Medienhäuser selbst bisher keine große Rolle bei der Verbreitung ihrer Inhalte auf Facebook – es scheint, die Nutzer akzeptierten sie dort nicht recht. Nun könnten sie via Apps eine neue Bedeutung erlangen. Allerdings: Bisher sind Nachrichten-Apps auf Facebook nicht gerade auf Begeisterung gestoßen. Vielleicht, weil sie das alte Nachrichtensystem auf das Social Web übertragen: Ich lege mich auf eine bestimmte Quelle fest, die mir alle News liefert. Das aber ist nicht mehr zeitgemäß: Heute entscheiden Verbraucher nach der Nachricht, nicht nach dem Sender.

Die neue Form der Apps hat aber möglicherweise einen Haken. Es klang bei Zuckerberg ansatzweise so, als könnten die Anwendungen recht freizügig Nachrichten auf Nutzerprofile stellen. Da sind Verwirrungen programmiert, so wie es sie einst beim dann abgestellten Werbedienst Beacon gab. Doch um das genau beurteilen zu können, sind noch mehr Details nötig.

Dies sind so weit reichende Änderungen, dass Protestpostings und -gruppen eine logische Folge sind. Zerbrechen wird Facebook daran nicht. Viel mehr ist es die langfristige Sicht der Dinge, die entscheiden werden, ob die Plattform die Nervenbahn unseres digitalen Daseins wird – oder ihr Gründer die Welt vollkommen falsch eingeschätzt hat. Sicher ist: Mit dem heutigen Tag hat Mark Zuckerberg einen mutigen und riskanten Schritt gewagt. Die Programmiererkonferenz f8 wird übrigens “fate” ausgesprochen. Übersetzt heißt das: Schicksal. Ein passender Titel.

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