Zeitungssterben – eine deutsche Realität

by Thomas Knüwer on 4. April 2011

Gern wird mir vorgeworfen, ich sei zu schwarzmalerisch, geht es um die Zukunft der deutschen Tageszeitungen. Nach diesem Wochenende frage ich mich selbst, ob nicht zu optimistisch bin. Eine Meldung und eine Recherche sind es, die ein Signal sein könnten dafür, dass es um Zeitungen hier zu Lande noch viel schlimmer bestellt ist, als die Öffentlichkeit, aber ebenso die Branche denkt.

Zum einen ist da die “Frankfurter Rundschau”. Sie ist am Wochenende gestorben. Dass es ihr rattenmiserabel ging, das war bekannt. Ich persönlich aber hätte gedacht, DuMont Schauberg würde das Jahr 2011 noch durchhalten. Denkste. Künftig ist die “FR” nicht mehr das überregionale Sprachrohr einer klar definierten Klientel, ja, sie ist nicht mal mehr eine Zeitung aus Frankfurt. Die “Rundschau” ist künftig ein austauschbares Mantelprodukt mit lokalem Anhängsel.

Und dann ist da noch die Recherche von “taz”‘ler Sebastian Heiser in Sachen Schleichwerbung bei Zeitungen und Zeitschriften. Er hat einfach verdeckt nachgefragt, wie das so wäre mit dem Bestellen von Artikeln. Das Ergebnis ist einerseits wenig überraschend – andererseits in seiner Detailliertheit erschreckend.

Dabei geht die “taz” erstaunlich sanft mit den Ergebnissen um. In ihrem Online-Artikel wie in der Pressemitteilung stellt sie vor allem drei Blätter an den Pranger: die “FR”, das “Neue Deutschland” sowie die “Westdeutsche Allgemeine Zeitung”.

Nun sind dies tatsächlich die drei heftigsten Ergebnisse in Sachen Vermischung von Redaktion und Anzeigen. Wie zum Beispiel die “Waz” vorgefertigte Modelle zum Kauf redaktionellen Platzes anbietet – das macht jede Äußerung zur Qualität der Lokalzeitung aus den Mündern von Bodo Hombach oder Ulrich Reitz zur Satire.

Andererseits ist es nicht neu, wie sehr sich Verlage einen in den Tasche lügen, geht es um Beilagen und Sonderveröffentlichungen.

Der Leser wisse, dass in selbigen nicht die Redaktionsansprüche des Restblattes gelten, wird allen Ernstes behauptet. Außerdem stehe das doch drüber. Gemeint sind damit eben Begriffe wie “Spezial” in 8-Punkt-Schrift. Nirgends wird erklärt, wie solche Beilagen enstehen – der Leser weiß das ja. Und Pontius Pilatus war frei von Schuld nach dem er seine Hände gewaschen hatte.

Wie sehr diese Autosuggestion in Verlagen Einzug gehalten hat, demonstrieren die Äußerungen der Chefredakteure bei der “taz”-Recherche. Und hier kommt der Punkt, an dem ich die “taz” kritisieren muss. Denn sie greift sich Blätter heraus, die leicht angreifbar sind und deren Angriff ein wenig Nutzen bringt. Die “Waz” ist eine ex-linke Zeitung, “ND” und “FR” spielen teils im gleichen Markt wie die “taz” selbst.

Fehlte etwa der Mut zur Attacke auf die “Zeit” und ihren Chefredakteur Giovanni di Lorenzo?

Der weiß offensichtlich nicht, was in seinem Haus passiert. Tatsächlich wirbt die “Zeit” bei Anzeigenkunden sogar mit dem Satz: “Urlaub & Service – Ihr persönlicher PR-Text in der ZEIT Reise Beilage!” Di Lorenzo findet das nicht weiter schlimm, die Beilagen seien halt optisch abgesetzt. Tatsächlich aber hat derBGH – lesenswert im “taz”-Blog die Auflistung von Urteilen – klar entschieden, dass auch in eine Beilage die Vermischung von Anzeigen und Redaktion nicht erlaubt ist und dass ein Leser bei einem Artikel journalistische Arbeit erwartet.

Wenigstens lässt Di Lorenzo jetzt angeblich die Rechtslage prüfen. Ob das bei Jörg Riebartsch, dem Chefredakteur des “Darmstädter Echo” auch so ist? Oder bei Klaus Rost, dem Chefredakteur der “Märkischen Allgemeinen”? Ginge es Verlagen und Verlegern tatsächlich um Qualität, so müssten diese beiden hochkantig rausfliegen.

Das wird natürlich nicht passieren. Dazu ist das System: “Der Leser ist zu blöd um zu merken, dass wir ihm mit Anzeigen PR unterjubeln” zu sehr in die DNA der Verlage eingedrungen. Ich erinnere da auch gern mal wieder an die unsäglichen “Merian”-Hefte. Nein, der Leser wird das schon nicht merken – und wenn, dann wird es ihn nicht stören.

Und wenn doch?

Verlage sind die FDP der Medienwelt: Ihnen geht es nicht mehr um Haltung, Richtung, Vision oder Aufgabe. Ihnen geht es um Umsätze und Gewinne, dem Gegenstück zu politischen Stimmen. Das funktioniert so lange gut, wie der Kunde – egal ob Wähler oder Leser – nicht genauer hinschaut. Sobald er das aber tut, verabschiedet er sich. Und der so entstehende Schaden ist nicht wieder gutzumachen.

Der Schaden bedeutet: Leserverlust. Und Leserverlust bedeutet in der Folge Anzeigenverlust. Und gemeinsam folgt das Zeitungssterben. Da ist die “Frankfurter Rundschau” nur der Anfang – es wird noch sehr viel düsterer werden, als die meisten Vertreter der Print-Branche derzeit glauben.

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