Re-Publica 11: Oder Felix Schwenzel

by Thomas Knüwer on 16. April 2011

Und am Ende war alles wie früher. Da saßen auf dem Podium des großen Saals der Berliner Kalkscheune vier Menschen, die eine Software verwenden, die gemeinhin als Blog bezeichnet wird. Und sie erzählen, warum sie das tun, dieses Bloggen.Die Antworten sind profan: Weil sie nicht mehr ohne können, weil sie Spaß daran haben, weil es ihr Leben bereichert, weil sie sich selbst über Themen klarwerden.

Anke Gröner, Felix Schwenzel, Jörg Kantel, Don Dahlmann – vor fünf Jahren waren das Namen, die ich nur aus dem Digitalen kannte. 2007 saß ich ebenfalls in der Berliner Kalkscheune. Es war eine Dienstreise, von der das gedruckte Handelsblatt am Ende nichts hatte. Man mochte nichts drucken über diese merkwürdigen Hobbyautoren, zu denen einige Kollegen mich auch zählten. Wird sich nie durchsetzen, dieses Internet.

In jenen ersten Tagen in der Kalkscheune lernte ich eine Reihe von Bloggern das erste Mal kennen. Diese Kontakte halten bis heute, es sind Freundschaften entstanden. Nach der Re-Publica 2007 hatte ich auch das Gefühl: Da entsteht etwas, das nicht mehr weggehen wird. Und es wird die Welt ein Stückchen verändern.

Vielleicht fühlte ich deshalb eine nicht unerhebliche Nostalgie, als Re-Publica-Mitorganisator Andreas Gebhardt verkündete, was nur logisch und richtig ist: Die größte deutsche Web-Konferenz sucht sich ein neue Zuhause – die Kombination aus Kalkscheune und Friedrichstadtpalast ist zu klein geworden.

Wohin es geht? Das wollen die Gründer in den kommenden Wochen verraten. Sicher aber dürfte sein: Es wird schwer, die passende Heimat zu finden.

Denn die Re-Publica befindet sich in einem Zwiespalt, der nicht aufzulösen ist. Einerseits sind da die, die Unkommerzialität fordern – gleichzeitig aber Zeter, Mordio und Elitismus schreien, wenn sie keine Karte mehr bekommen. Und natürlich: Viel bezahlen wollen sie auch nicht. Andererseits lässt sich eine Veranstaltung für 3000 Menschen eben nicht aus dem Nichts zaubern. Und Sponsoren fordern für ihr Geld Gegenleistung – alles andere wäre gegenüber ihren Besitzern und Mitarbeitern nicht verantwortbare Geldverbrennung.

Am Mittwoch um 10.45 sprach schon der erste Tweet von einer schlecht organisierten Verkaufsveranstaltung. Vielleicht war das ironisch gemeint. Vielleicht war dies nur ein Troll. Vielleicht ein Vollidiot. Anderswo (und ich habe keine Lust, diesen Unsinn zu verlinken) erklärt ein Besucher, englische Vorträge hätten auf einer deutschen Konferenz nichts verloren. Er selbst spreche nur schlecht englisch.

Die Re-Publica versucht immer wieder solchen Ansprüchen und Forderungen gerecht zu werden. Und das ist nicht immer gut.

In den vergangenen zwei Jahren, zum Beispiel, forderten viele Teilnehmerinnen mehr Podien zu Frauenthemen. Nun gibt es die – und das Genöle war groß über all die Feministinnenthemen.

Das eigentliche Problem der Re-Publica ist der menschliche Reflex eines gewissen Anteils der Besucher, sich nach Bekanntem zu sehnen, gepaart mit mangelndem Mut, sich auf Neues einzulassen. Das traf zum Beispiel gleich am Mittwoch zu. Da versprach das Programm eine junge Dame, die über Blogger forschte und “vorläufige Ergebnisse von Gesprächen mit deutschen Bloggern” vorstellen wollte. Sicher, man hätte sie ohnehin nicht in den großen Saal der Kalkscheune setzen sollen. Aber trotzdem: Klingt das tatsächlich spannend? Es endete in wütenden Debatten über die mangelnde Basis ihrer Studie.

Gleichzeitig sprach im Friedrichstadtpalast Solana Larsen, die Managing Editor von Global Voices, über jene faszinierende Plattform, in der Blogger aus Krisengebieten übersetzt werden. Leider war es erschreckend leer.

Diesen Trieb, das Bekannte zu suchen, trifft auch auf die anwesenden Journalisten zu. Und vielleicht ist das die Erklärung für all den Schwachfug, den sie in fünf Jahren Re-Publica über die Konferenz verfassten: Es sind die falschen Journalisten da. Da werden Schreiber geschickt, die weder sonderlich online-affin sind – noch eine Nähe zu den Themen haben.

Statt aber Konferenzberichterstattung zu betreiben – die für den Leser bei egal welcher Konferenz komplett unergiebig ist – sollten Experten dorthin. Die Menschen, die beim “Tagesspiegel” Berichte aus Nordafrika redigieren, hätten sich vielleicht ihre Kollegin Noha Atef anhören können. Die war hautnah dabei und berichtete vom Einsatz digitaler Instrumente im Rahmen der Revolution. Oder Patrick Meier, der Chef der Crisis Mapping Einheit der Non-Profit-Organisation Ushahidi. „Karten verändern die Welt“, sagt er und liefert faszinierende Beispiele. So verorteten Studenten in Boston auf Open-Source-Karten Orte mit Hilfsbedürftigen nach dem Erdbeben in Haiti. Diese Karten wurden dann sogar von der helfenden US-Armee genutzt.

Journalisten, die über die Bundeswehr und Verteidigungspolitik schreiben, hätten sich Sandro Gaycken von der FU Berlin gönnen können. Der sprach mit staubtrockenem Humor über Cyberwar. Der finde nicht im Internet statt, sondern meist per Manipulation der Hardware. Besonders absurd: Ein Marine-Schiff ist heutzutage so vollgepfropft mit Software, dass ein Reboot des Systems eine Woche dauert – “In der Zeit geht paddeln – aber sonst nicht viel.”

Auch um Modeblogs ging es. Und Produktdesign. Und um Datenschutz. Doch Journalisten verhalten sich wie viele derjenigen, die über die Re-Publica meckern: Sie besuchen jene Sessions, in denen irgendwas vertrautes auftaucht. Der alte Konflikt zwischen Bloggern und Journalisten, zum Beispiel. Oder Sascha Lobo. Oder Paid-Content-Diskussionen. Oder Sascha Lobo. Oder Felix Schwenzel. Oder Sascha Lobo.

Aus Sicht der Journalisten wirft dies ein weiteres trauriges Licht auf den Redaktionsalltag. Kaum noch ein Schreiber darf raus um sich mit Hintergrundwissen zu bereichern. Er muss gleichzeitig etwas abliefern. Also heißt es meist: Feuilletonist, geh Du voran. Heraus kommen dann absurde Schriften wie die von der Informationsüberflutung des “Tagesspiegel”-Manns Johannes Schneider. Drei Tage sind für einen einzelnen Menschen zuviel? Würde ich nicht unterschreiben und kaum jemand, den ich in Berlin getroffen habe. Und was wollte Schneider wohl über die SXSW schreiben? Die Cebit?

Und dann sind da noch jene, die nicht Journalisten sind – aber trotzdem meckern. Natürlich hat ein zahlender Besucher Recht auf Ärger, wenn in die Kalkscheune niemand mehr hineingelassen wird. Aber war es tatsächlich so schlimm? Gab es tatsächlich längere Zeiten, in denen man entweder nicht in die Kalkscheune kam oder im Friedrichstadtpalast nichts spannendes zu hören war? Merkwürdig ist auch: Ich habe mit vielen, vielen Menschen in den drei Tagen zumindest kurz gesprochen – und niemand hat gemeckert. Was diese Re-Publica übrigens von ihre Vorgängern (da gab es immer einige, die nicht zufrieden waren) und vielen anderen Konferenzen unterschied.

Die meisten Meckerer sind ohnehin nicht da gewesen. Es ist ein Ritual, dass sie nach der Re-Publica die kritischen Artikel herumreichen. So etwas nennt man Nachkauf-Bestätigung. Ihre Konsumentscheidung war das Fernbleiben – und dass dies die richtige Entscheidung war, bestätigen sie sich durch Informationsfilterung. Das ist menschlich.

Die Realität ist: Die Re-Publica wird im kommenden Jahr weiter wachsen. Es gibt schon heute nur wenige Kongresse egal welcher Ausrichtung in Deutschland, die größer sind. Das ist ein sensationeller Erfolg der Organisatoren. Der sollte nach fünf Jahren mal mit einem dicken Glückwunsch begleitet werden. Und mit einem Dank für viele bereichernde Momente: Lawrence Lessig in der Kalkscheune, Peter Kruse vergangenes Jahr, die großartige Julia Probst in diesem.

Noch viel stärker werden diejenigen, die hinfahren, sich 2012 vorfreuen. In Blogs, auf Twitter, auf Facebook. Wenn die neue Lokation nicht völlig versagt, dann werden wir alle auch dann wieder drei schöne Tage haben mit viel Hirnfutter und netten Menschen. Vielleicht singen alle am Ende wieder “Bohemian Raphsody”.

Wer darauf keine Lust hat, der darf gerne wegbleiben. Und meckern. Meckern über ein paar Leute, die eine Konferenz für mehrere tausend Menschen erschaffen haben. Meckern über die Besucher jenes Ereignisses, die drei schöne Tage haben.

Nachtrag vom 17.4.: Bei Cicero gibt es ein bemerkenswertes Interview zur Re-Publica zu lesen. Befragt wurde “Freitag”-Herausgeber Jakob Augstein. Und der nimmt ganz wunderbar die platten Vorurteile seines Interviewers von der mangelnden Relevanz und den schlecht gekleideten Konferenz-Besuchern auseinander (und natürlich erwartet er bei einem Fachkongress Nicht-Fachthemen) – höchst lesenswert (gefunden bei @fiene).

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