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AOL – das Vorbild für deutsche Verlage

Wer am heutigen Tag etwas positives über AOL schreibt, muss direkt in Deckung gehen. In der Nacht kündigte der Ex-Internet-Riese die Übernahme der Huffington Post an – für satte 315 Millionen Dollar.

Die US-Tech-Szene läuft Sturm: Die Ablehnung des Deals ist überwältigend. Am heftigsten tritt ein unmittelbarer Rivale der HuffPo zu. Im Daily Beast lässt Dan Lyons kein gutes Haar an AOL und nur wenige an der Wirtschaftskraft der Huffington Post. Etwas ausgewogener und mit Zahlen unterlegt hält Gigaom den Zusammenschluss für keine „wirklich gute Idee“. Die Leser der Plattform laufen derzweil in den Kommentaren schon mal Sturm.

Doch ist der Verkauf tatsächlich solch eine Katastrophe? Ist er nicht viel mehr ein Vorbild für Medienmanager rund um den Globus?Tatsächlich ist das, was bei AOL gerade passiert ein hoch riskantes Pokerspiel. Der einstige Zugangsanbieter will zum Online-Großverlag werden. Zum reinen Medienhaus. Dafür ist CEO Tim Armstrong auf eine gewaltige Einkaufstour gegangen: Engadget, Techcrunch, Huffington Post – sie alle gehören nun zu AOL.

Diese Strategie kann er perfekt verkaufen – Armstrong ist ein Vertriebsmann. Mit Recht aber wird kritisiert, dass Vertriebler an der Spitze von Journalismus-Unternehmen oft scheitern, weil sie nur auf Zahlen fixiert sind und die Qualität der Inhalte aus den Augen verlieren – oder sie nie im Auge hatten. Es wäre ein leichtes Armstrong genau das zu unterscheiden: Jüngst wuchen sie Online-Werbeausgaben gesamt – doch AOL nahm weniger ein. Da stimmt offensichtlich etwas nicht.

Nun aber hat Armstrong jemand, der sich um die Inhalte kümmern könnte: Arianna Huffington. Es ist schwer vorstellbar, dass sie sich – trotz einigerhundert Millionen – zur Ruhe setzt. Hat sie Lust auf AOL, könnte sie die anderen Qualitätsanbieter aus dem AOL-Reich mitreißen. So wäre sie das ganze Gegenteil des destruktiven Michael Arrington, bei dem seit dem Verkauf seines Babys Techcrunch das Gefühl ensteht, er provoziert seinen Rauswurf. An ihrer Seite hat sie außerdem ihren COO Greg Coleman – der sich mit dem Content-Massengeschäft bestens auskennt: Lange Jahre arbeitet er bei Yahoo – und bei AOL. Hier noch einmal das Interview, das ich vergangenes Jahr mit ihm führte:

Es ist nicht ausgeschlossen, dass Armstrongs Konzept aufgeht. Die Idee eines großen Inhalteanbieters mit der Bandbreite vom Billigstcontent bis zur Top-Qualität – und somit allen Möglichkeiten für Werbekunden – ist ja nicht dumm. Die entscheidende Frage wird wohl sein, ob der AOL-Außendienst ebenso gute Verkäufer beschäftigt wie sie im Vorstand sitzen. Die aktuellen Einnahmen pro Leser aber sind ein Desaster.

Was derzeit aus meiner Sicht aber vergessen wird ist der Grund, warum AOL sich dieser Radikalkur unterzieht: Das Unternehmen hat keine Wahl.

Derzeit bezieht AOL noch immer eine ordentliche Summe von Kunden mit archaisch langsamen Online-Zugängen. Auf Dauer wird diese Quelle versiegen. DSL-Zugänge aber hat der Konzern verschlafen – oder der Einstieg in das Geschäft schien zu teuer. Somit blieb eben nur eine Umorientierung (oder die freiwillige Schließung)

AOL aber kämpft. Klugerweise leitet Armstrong dabei die Wende in dem Moment ein, da er noch Manövriermasse hat. Und hier wird er zum Vorbild für deutsche Zeitungsverlage. Die drohen nämlich zu lang zu warten. Noch können die meisten von ihnen investieren in den digitalen Wandel. Doch das Zeitfenster schließt sich: Irgendwann wird das freie Kapitel fehlen, um sich zu ändern.

Alles oder nicht – das ist das aktuelle Spiel von AOL. Ob es klappt? Ich bin skeptisch. Doch ganz ausschließen würde ich nicht, dass am Ende – in einigen Jahren – das „alles“ steht.

(Foto: AOL)

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