Der “Spiegel” und die “FAS”- Sturmgeschütze der Datenhandels-Lobbyisten

by Thomas Knüwer on 10. Januar 2011

Seit dem 3. Juli 2009 sind die öffentlichen Debatten über den Datenschutz verlogene Angelegenheiten geworden. An diesem Tag hatte die Bundesregierung die klare Wahl zwischen dem Datenschutz der Bürger und der wirtschaftlichen Interesse einer im Abschwung befindlichen Industrie. Sie entschied sich – zugunsten der Wirtschaft.

An diesem Tag wurde eine Änderung des Bundesdatenschutzgesetzes beschlossen, die weiterhin das Listenprivileg enthält. Die meisten Menschen in Deutschland dürften diesen Begriff noch nie gehört haben. Deshalb: Dieses Privileg erlaubt es personalisierte Daten – also inklusive Name, Adresse und Geburtstag – zu speichern und für Marketingzwecke weiterzugeben. Dabei dürfen die Daten auch an Dritte weitergereicht – oder besser: verkauft – werden.

Ein Skandal, denken Sie? Warum weiß ich davon nichts?

Ganz einfach: Weil die Branche, die dies betrifft die Medienbranche ist – allen voran die Zeitungs- und Zeitungsverlage. Sie gehören zu den größten Adressdatenhändlern der Republik. Deshalb auch bekommen Sie, liebe Leser, diese nervigen Anrufe von Callcentern, die behaupten, Sie hätten an Gewinnspielen teilgenommen, an die Sie sich nicht erinnern können. Deshalb auch bekommen Sie Werbebriefe von Magazinen und Zeitungen – und von anderen Unternehmen, die Datenbankkunden dieser Verlage sind.

(Symbolbild: Deutscher Journalist schreibt über das Internet – Shutterstock)

Ohne diesen Adresshandel, und das ist sicher lustig, sei das Überleben der Verlage nicht garantiert, heulten sie der Politik vor. Und es ist durchaus eklig zu lesen, mit welcher Schleimspur beispielsweise Kultur-Staatsminister Bernd Naumann sich über diesen Erfolg des Lobbyismus und Niederlage des Datenschutzes öffentlich freut.

Journalisten sind in der Lage dieses Listenprivileg – ohne das sie nach Aussage ihrer Geschäftsführungen ja möglicherweise gar keinen Arbeitsplatz mehr hätten – komplett auszublenden. Nein, damit mag sich niemand beschäftigen – im Gegensatz zu Facebook.

Das muss man verstehen. Facebook ist scheinber die neue Bedrohung ihrer Verlage in dem Geschäftsfeld, ohne dass sie laut eigener Aussge nicht überleben können: dem Datenhandel. Die werbenden Unternehmen könnten nämlich mit einem Mal feststellen, dass der Einkauf von Adressen schlicht ineffizient ist. Dass gezielte Werbung am besten dort funktioniert, wo die Nutzer ihre Interessen individualisert preisgeben – und sie mit Werbung erreicht werden, die mutmaßlich ziemlich genau gezielt ist. Das ist etwas anderes als Callcenter-Terror-Anrufe und zugemüllte Briefkästen.

Facebook ist der neue Lieblingsfeind der Journalisten. Der aktuelle “Spiegel” schreit: “Die Unersättlichen – Milliarden-Geschäfte mit privaten Daten”.

Für diesen Artikel gibt es bereits reichlich Prügel im Netz, zum Beispiel bei Was mit Medien und bei Carta. Die inhaltlichen Fehler, die Autor Manfred Dworschak einsammelte, die schiefen Wortbilder und Falschheiten sind zu viele und zu langweilig, um sie hier zu sezieren. Dass Dworschak eine Episode, den Besuch des FBI-Chefs bei Facebook, aus der “Time” abschrieb ohne diese zu nennen – nun, das ist einfach alltägliche und Kollegen misachtende Raubkopiererei.

Das eigentlich bemerkenswerte an dem länglichen und oft langweiligen Stück aber ist: Es dreht sich gar nicht um Facebook. Tatsächlich geht es eben um das Gegenteil des Dienstes – um jene Datensammler, die der normale Nutzer kaum mitbekommt. Deren Daten verlieren mit zunehmendem Erfolg von Social Networks an Wert. Denn bisher werden sie von Online-Vermarktern genutzt. Doch je mehr Web-Werbung auf Plattformen wandert, die sich selbst vermarkten und für die Werbe-Zielung sorgen – desto weniger werden andere gebraucht.

Dieser Zusammenhang aber ist zu kompliziert für den “Spiegel”. Da muss unbedingt Facebook auf den Titel – das verkauft sich eben besser. Außerdem droht Facebook auch noch Werbegelder von klassischen Medien abzuziehen. Und: Natürlich mischt der “Spiegel” selbst kräftig mit beim Datenverkauf. Das hat der geschätzte Richard Gutjahr schon mal sehr schön aufgeschrieben und auf den Punkt gebracht: “Eure Doppelmoral kotzt mich an.” Der “Spiegel” ist somit eine Mischung aus Boulevard-Journalismus und Lobbyisten-Blatt.

Jener Martin Dworschak benutzt dabei die ähnliche Methoden der Leser-Irreführung wie sein Kollege Patrick Bernau in der jüngsten “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”: Fehlen mal Fakten um die steile These zu untermauern wird eine paranoide Atmosphäre des Fragestellens und Vermutens aufgebaut. So ungefähr wie der gute Freund, der einen flüsternd fragt: “Glaubst Du, Deine Frau ist Dir treu?” Überrascht fragt man zurück: “Was? Warum fragst Du das?” Und die Antwort lautet: “Och, Du, nur so…” Der Verdacht wird im Hinterkopf bleiben.

Genauso wie beim Leser der Herren Dworschak und Bernau und bei denen von Niklas Hoffmann von der “Süddeutschen Zeitung”. Der “Spiegel”-Mann, zum Beispiel, fragt scheinbar unschuldig: “Was ist eigentlich so verwerflich daran, wenn die Werbung immer besser zu den eigenen Bedürfnissen passt?” Ja, was? Wenn es nichts wäre, würde die Frage ja nicht gestellt.

Bernau agiert ähnlich – jedoch mehr mit in seiner Phantasie entstehenden Katastrophen. Es könne noch viel für Facebook schief gehen, orakelt er: “Ein neuer Konkurrent kann auftauchen. Oder ein leichtsinniger Programmierfehler, der einen Datenskandal auslöst – größer als alle zuvor” (Was sonst? Es kann doch nur der größte aller Zeiten sein, der GröDaz, sozusagen).

Ja, so was kann passieren, man nennt das Marktwirtschaft. A-Klasse, Elch-Test, Sie erinnern sich. Es ist ein System, in dem Bernau angeblich bewandert sein soll – ab jetzt darf man Zweifel haben. Im Juli, übrigens, verfasste Bernau einen löblichen Artikel auf den Schmierstoffhersteller Fuchs Petrolub. Dabei zog er nicht in Erwägung zu fragen, was passiert, wenn ein großes Werk des Unternehmens in Flammen aufginge, oder gar ein Terroranschlag verübt würde. Düstere Verdächtigungen sind nur was für Unternehmen, die den eigenen Arbeitgeber scheinbar gefährden.

Die dürfen dann auch munter abgewertet werden. Dworschak unterstellt Werbehelfern, sie seien “sinister”. Warum auch immer, er schreibt es nicht. Und Bernau nennt Facebook “Quasselbude”. Und um zu zeigen, wie eklig der Laden ist, schreibt er (immerhin unter halber Quellennennung) ein Anekdötchen aus David Kirkpatricks empfehlenswertem Buch “The Facebook Effect” ab: Einst bezog Mark Zuckerberg mit Freunden ein Haus in Kalifornien. Es war Sommer, sie tranken Bier, rauchten ein wenig Hasch und rutschten per selbstgebauter Seilrutsche in den Swimming Pool. Am Ende war das Haus demoliert.

“So sah die Kinderstube eines Unternehmens aus, das jetzt 50 Milliarden Dollar wert sein soll”, schreibt Bernau. Ziel ist es im Kopf des Lesers Facebook und Mark Zuckerberg abzuwerten. Blöd natürlich, dass sein Hauptexperte, Julian Riedlbauer von Corporate Finance Partners, ihm nicht beispringen mag. Mysteriös wird dieser aufgebauscht: “Er kennt eine Reihe von Kennzahlen, mittels derer Facebook sich mit anderen Firmen vergleichen lässt.”

Huihuihiu, da ist er aber gut informiert, der Riedlbauer (der diesen Satz mutmaßlich nicht kannte). Tatsächlich scheinen den beiden nicht einmal die 9-Monats-Zahlen bekannt gewesen zu sein, die am 6. Januar (drei Tage vor Erscheinen der “FAS”) durchsickerten. Auch nimmt sich Bernau keine Zeit zu erklären, dass Unternehmenswerte immer eine Wette auf die Zukunft sind. Und er tut so, als ob Facebook noch immer vor allem von Studenten genutzt würde. Tja, und die aktuellen Nutzerzahlen zu recherchieren – das darf man echt nicht erwarten..

Wichtiger war Bernau die mögliche Quasselbuden-Katastrophe auf das Absurdeste hochzuschreiben. Denn Facebook, danke an Patrick Bernau, dass wir es endlich erfahren, könnte die Weltwirtschaft in die Tiefe reißen:

“Der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Simon Johnson, hält es deshalb für gefährlich, dass eine Großbank wie Goldman Sachs mit Firmen wie Facebook spekuliert. Schließlich trage das Risiko letztlich der Steuerzahler, der die Bank retten muss, wenn sie zu viel Geld verliert. Doch die 500 Facebook-Millionen werden Goldman nicht an den Rand der Insolvenz bringen.”

Auch hier das gleiche Prinzip: Wenn das nicht passiert – warum schreibt er es dann? Damit es im Hinterkopf bleibt. Was Bernau nicht erwähnt: Das Investment von Goldman beträgt 0,88% des 2010er Umsatzes der Bank und 0,51% des Börsenwertes.

Platter dagegen die “Süddeutsche”. Dort muss Niklas Hoffmann den Leser schon mit dem Dampfhammer und feuilletonistischen Anwandlungen darauf aufmerksam machen, dass er sich unwohl zu fühlen hat:

“Aber die real existierende Möglichkeit, mit nur einer einzigen Abfrage bislang verstreute Online- und Offline-Daten verzehrfertig zusammenzuführen, lässt auch viele aus der Generation der Digital Natives mit einem gewissen Unwohlsein zurück. Ontologisches und epistemologisches Ich werden ganz unvermittelt miteinander verschmolzen.”

Hinzu komme, dass die Nutzer Facebook ja nicht liebten. Nun, nicht jeder Mensch liebt Dienste, die er nutzt. Er liebt seinen Telefonanbieter vielleicht nicht, den Hersteller seines Autos oder sein Energieunternehmen, vielleicht nicht einmal seine Tageszeitung – es sind Instrumente, die ihre Zweck erfüllen. Vor allem aber ist die These insgesamt steil, ist die Facebook-Fanseite doch die zweitstärkste Markenseite im Netzwerk weltweit (hinter Zynga Poker).

Ja, so sind sie Deutschlands Journalisten im Jahr 2011. Lobbyisten im Auftrag ihrer Herren. Wenn Sie also demnächst mal etwas in einem Magazin wie dem “Spiegel” oder einer Zeitung wie der “Frankfurter Allgemeinen” lesen, dann tun sie das gleiche, was die Journalisten mit dem Internet machen. Stellen Sie alles, was sie lesen unter Generalverdacht – und glauben es nicht.

Ob es sich dann noch lohnt, jene Blätter zu kaufen, das dürfen Sie selbst entscheiden. Der “Spiegel”, übrigens, hat erst jüngst seinen Preis erhöht.

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