Abschreiben mit der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”

by Thomas Knüwer on 18. Oktober 2010

Jürgen Rüttgers sorgt sich um die CDU. Das hat dieses Blog herausgefunden. Er ist der Meinung, die Partei müsse hart kämpfen um weiter Volkspartei zu bleiben.

“Moment”, werden Sie jetzt reinrufen, “woher weiß Indiskretion Ehrensache das?” Und: “Das hab ich doch schon irgendwo…”

Stimmt. Dies vermeldet gestern die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” nach einem Interview mit Rüttgers. Und es wäre sehr schlechter Stil, dies so einfach auf dieses Blog umzumünzen. Unseriös. Eklig. Verwerflich. Vielleicht gar juristisch fragwürdig.

Oder mit einem Wort: Es wäre “FAS”-Stil.

Denn was deren Politik-Redakteur Stefan Tomik im Politik-Teil demonstrierte, wie tief die Moral bei manchen Journalisten gesunken ist – und wie sehr die “FAS” sich auf ein Niveau mit “Bild” und “Express” begibt.

“Spionieren mit Facebook” ist Tomiks Artikel in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” überschrieben. Sogar auf der Seite 1 findet die Story Erwähnung: “Neue Vorwürfe gegen Facebook” heißt es da, und: “Der Internet-Dienst Facebook ermöglicht es, E-Mail-Kontakte von Nichtmitglieder auszuforschen. Das hat diese Zeitung herausgefunden.”

Worum geht es? Wer bei Facebook ein neues Konto anlegt kann dieses direkt nutzen. Er muss nicht zuerst eine Bestätigungs-E-Mail anklicken. Dies hat zur Folge, dass ihm sofort potenzielle Kontakte vorgeschlagen werden. Diese generieren sich aus seiner E-Mail-Adresse. Wenn nämlich andere Personen seine E-Mail (also die des Neuanmelders) in ihrem Adressbuch gespeichert und Facebook erlaubt haben, dieses Adressbuch auf der Suche nach Kontakten zu durchsuchen – dann gleicht Facebook dieses Adressbuch nicht nur einmal ab, sondern speichert anscheinend alle E-Mail-Adressen.

Die “FAS” hat nun die E-Mail-Adresse einer Barbara L. genutzt, die bisher nicht Facebook-Mitglied war. Ihr wurden 20 Kontakte angezeigt, 18 davon kannte sie. Sie fand das “gruselig”.

Einschub: Mich würden eher die zwei Nicht-Bekannten gruseln. Denn die haben Barbara L.’s E-Mail in ihrem Adressbuch – und sie weiß nicht warum. Aber so viel Tiefe wollen wir hier mal nicht erwarten.

Facebook also speichert offensichtlich E-Mail-Adressen von Nicht-Nutzern und somit könnte man herausfinden, welche Personen miteinander in Kontakt stehen.

Wow – eine Exklusivmeldung über Facebook von einer deutschen Zeitung. Hammer.

Sie ahnen, was jetzt kommt. Der zweite eben zitierte Satz müsste, wäre der Autor der Seriosität verpflichtet, umgeschrieben werden. Korrekt lautet er:

“Das hat diese Zeitung in dieser Woche beim Branchendienst Techcrunch, der “taz“, “Welt” oder irgendwo anders gelesen und selbst mal ausprobiert.”

Denn die ganze Sache machte am vergangenen Montag die Runde. Da stellte sich heraus, dass Techcrunch-Gründer Michael Arrington sich genau das mit Google-CEO Eric Schmidt erlaubt hatte. Über Schmidts E-Mail-Adresse konnte er ein gefälschtes Konto erstellen.

Schmidt sah die ganze Sache recht locker:

Weil Arrington – was ihn von Tomik unterscheidet – an der Information seiner Leser interessiert ist, erklärt er auch, warum das bedeutsam – aber erstmal halb so wild ist:

“The fix for this is easy – Facebook shouldn’t let people do anything at all with an account until they’ve verified their email address. But that creates extra friction with account creation, which is probably why they let people do so much before they verify.

And lots of services do the same. But with Facebook, I immediately have access to a pretty robust social graph. All those suggested friends are people that have Eric’s email address, and as I showed it’s pretty easy to fool people into thinking I really was Eric. One person even sent a fairly private message to me.”

Denn tatsächlich ist die einzige Information, die jemand erhält, wenn er so vorgeht die schlichte Tatsache, dass jemandes E-Mail in jemand anders Adressbuch verzeichnet ist. Warum? Wieso? Weshalb? Wissen wir nicht.

Um es nochmal auf Deutsch zu schreiben: Facebook sollte diese Praxis abstellen. Eine Bestätigungs-E-Mail ist gängige Praxis und sollte schnell eingeführt werden.

Aber das reicht natürlich nicht für eine richtig alarmistische “FAS”-Story. Und so behauptet Tomik, er selbst habe das herausgefunden. Das ist einfach mal ganz schlechter Stil. Deshalb habe ich ihn gestern kontaktiert. Seine Reaktion ist aus zwei Gründen bemerkenswert (abgesehen davon, dass er Sonntags reagiert hat, was einfach lobend erwähnt gehört).

Zum einen verwies er mich auf den Online-Artikel: Er habe Arrington doch erwähnt. Ähm… Moment mal – stimmt:

“Erst vergangene Woche hatte sich der amerikanische Blogger und „Techcrunch“-Gründer Michael Arrington auf Facebook als Google-Chef Eric Schmidt ausgegeben.”

Natürlich verlinkt die Geschichte dabei auf die eigene Faz.net-Geschichte, die widerum Techcrunch nicht verlinkt – wir wollen doch nicht mit einem Mal die Leser mit so etwas ungewöhnlichem wie Online-Journalismus verwirren.

Vor allem aber: Moment mal – das angeblich überlegene Medium Print verschweigt mir Informationen, die ich nur online finde? Wenn Frank Schirrmacher demnächst mal wieder das Loblied auf gedrucktes Papier singt, werden wir uns daran erinnern.

Vor allem aber:  Mir reicht das eben nicht. Tomik behauptet, der Unterschied zwischen seiner Geschichte und Arrington liege daran, dass Techcrunch Eric Schmidt gespielt habe:

“In unserer Geschichte haben wir das weitergedreht und auf die Frage konzentriert, ob sich fremde E-Mails ausforschen lassen. Das hängt zwar damit zusammen, habe ich so aber noch nirgendwo gelesen.”

Nun, dann muss ja die Antwort lauten: Nein, geht nicht. Außer der Kontaktierte gibt den Kontakt frei. Tatsächlich aber weiß er das offensichtlich. Denn von E-Mail-Adressen ist ja nicht die Rede: “Der Internetdienst Facebook ermöglicht es, E-Mail-Kontakte von Nichtmitgliedern auszuforschen.” Sicher, nehmen wir  den Recherchedrang von “FAS”-Redakteuren als Maßstab, dann ist “ausforschen” das geeignete Wort – ansonsten aber ist es purer Alarmismus in Boulevard-Attitüde.

Und ganz nebenbei: Dass Facebook E-Mail-Daten von Nicht-Nutzern speichert, das hatten auch deutsche Datenschützer bereits im Sommer kritisiert. Was Tomik weiß, wie er mir schreibt. Auch das also ist nicht neu.

So bleibt festzuhalten: Die angeblich exklusive Geschichte der “FAS” ist nicht im mindesten exklusiv. Und weil im Wochenende Online-Redaktionen dünn besetzt sind, babbeln ausreichend Web-Medien die Geschichte nach, ohne ihre Fachleute zu befragen. Erschreckenderweise auch Seiten wie Welt.de, die ja Anfang der Woche die Sache selbst besser geschrieben berichtet hatten. Immerhin: Süddeutsche Online schreibt die teils krude “FAS”-Story neu um – und RP-Online erkennt gar die Zusammenhänge. Doch sie sind Ausnahmen.

Man kann Tomik für ein Schlitzohr halten. Er hat die Schwächen des journalistischen Herdenbetriebs für sich ausgenutzt. Ich persönlich halte ihn aber für jemand ohne berufsständisches Wertesystem. Jemand, der die Arbeit anderer wenig Wert schätzt. Für mich hat das etwas von Raubrittertum, von Gratismentalität. Wie würde er selbst sich fühlen, brächte er eine echte Exklusivgeschichte ins Haus und ein anderes Blatt würde sie übernehmen mit der Behauptung, der Fokus liege ja anders?

Wer sich fragt, warum Journalisten ein so schlechtes Image haben, warum immer weniger Menschen bereit sind für eine Zeitung zu bezahlen, warum Medienkonzerne taumeln, der könnte die Antwort bei Redakteuren wie Stefan Tomik und Blättern wie der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” finden.

Nachtrag: Sehr lesenswert auch der Artikel bei Netzwertig zum Thema.

Previous post:

Next post: