Netzwert Reloaded IX: Feuern Sie Ihre PR-Agentur
25. Oktober 2010
Afghanistan heute
27. Oktober 2010

Der alltägliche Sieg des Boulevard

Tageszeitungen lese ich praktisch nur noch im Flugzeug. So wie heute auf dem Weg nach Berlin. Dort kebbelte ich mich im Rahmen eines Seminars des Instituts für Sozial- und Wirtschaftspolitische Ausbildung mit Rolf Kleine, dem Hauptstadtbüro-Leiter von „Bild“. Ich denke, es war ganz unterhaltsam.

Auf dem Flug dorthin blätterte ich also durch den Blätterwald. Und was nun folgt ist eine komplett subjektive Auswahl, ein paar Notizen und Dinge, die mir aufgefallen sind. Das ist in keiner Weise repräsentatitv – gefühlt aber irgendwie der normale Alltag deutscher Zeitungen. Und eines vorweg: Ich habe kein einziges Stück gefunden, das mich begeistert, überrascht oder herumgerissen hätte.

Financial Times Deutschland: Der Boulevard hat gewonnen. „Wikileaks stellt Großmacht USA bloß… Mehr Tote als bekannt“, schreit mir die Seite 1 entgegen. Und: „Berlin wagt Tabubruch für Euro-Rettung“. Oder „Cash für alle Fälle“. Auch wenn es hier um Wirtschaft und Politik geht – der Duktus ist bekannt. In diesem Tonfall schrieb einst die „Bild“ – die heute nochmal aggressiver daher kommt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Denk ich an Deutschland“ ist eine Konferenz überschrieben, die von der „FAZ“ mitorganisiert wird. Weshalb sie auch in der Zeitung auftauchen muss – egal, ob das interessant ist oder nicht. Kleine Inhaltssplitter werden irgendwie zu einem Text gegossen, Tiefe kommt so nicht auf. Auch deshalb weil über die Hälfte der ganzen Seite, die sich der Konferenz widmet aus Fotos besteht. Welchen Gewinn zieht der Leser aus den 362.879. Bild von Kurt Biedenkopf? Aus einem Portrait von Wolfgang Nowak, dem Geschäftsführer der mitveranstaltenden Herrhausen-Gesellschaft? Einer eher unglücklichen Ablichtung der in der Bildzeile nicht weiter eingordneten Necla  Kelek? Keinen. Aber die Großkopferten waren mal in der Zeitung und die beiden Redakteure mussten sich nicht noch mehr Text aus den Fingern saugen.

Handelsblatt: Seit einiger Zeit vergibt mein ehemaliger Arbeitgeber den „Pinocchio des Tages“. Politiker und Manager sollen bei Lügen und Schwindeleien ertappt werden, je länger die Nase des Pinocchio, desto größer die Distanz zur Wahrheit. Heute ist die Nase mittellang, weil Apple-Chef Steve Jobs gesagt hat: „Wir haben mit Leichtigkeit Blackberry geschlagen mit ihren 12,1 Mio. Geräten im jüngsten Quartal… und ich sehe nicht, dass die in absehbarer Zeit werden aufholen können.“ Das „Handelsblatt“ kommentiert: „So kann’s gehen: Den Rekordverkauf von 14,4 Mio. Iphones im Quartal wollte Jobs mit einem Seitenhieb auf die Konkurrenz feiern“ und erklärt den Haken. Der Blackberry-Hersteller Rim beendet sein Quartal im verkaufsschwachen August, Apple im besseren September. Nach Jobs Äußerung hat Rim seine Schätzung für das laufende Quartal eingeworfen, es sind 13,8 bis 14,4 Millionen Geräte. Moment – das sind doch immer noch weniger als Apple. Weshalb der Pinocchio? Weil das „Handelsblatt“ die Apple-Zahl auch noch falsch verwendete – es waren 14,1 Mio. Geräte. Was bedeutet: Die beiden sind gleich auf. Gibt’s auch nen Pinocchio, der sich zwischen seinen Fäden verheddert hat?

Süddeutsche Zeitung: Wieder siegt der Boulevard. „Bund trickst bei Schuldenbremse“ klingt nach fiesen Machenschaften der Regierung. Wer den Artikel aber durcharbeitet kommt zum Schluss: Das Thema ist komplexer als es die reißerische Schlagzeile glauben machen will.

Nochmal Süddeutsche Zeitung: Das heutige Streiflicht wirft einen Scheinwerfer auf die Haltung von Journalisten gegenüber ihren Lesern. Zitat: „Kurzum, man muss sich den Zeitungsleser als einen glücklichen Menschen vorstellen, auch und gerade wenn in der Zeitung mal wieder Unsinn steht. Denn dann hat der Zeitungsleser das erlesene Vergnügen, einen empörten Leserbrief zu schreiben.“ Leserbriefschreiber, sagte „FAZ“-Mitherausgeber Günther Nonnenmacher einmal, seien für ihn alle Fundamentalisten. Vielleicht hat die „Süddeutsche“ noch einen Job für ihn?

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Und nochmal Boulevard-Triumph. Am Freitag Abend verletzte sich HSV-Torhüter Frank Rost. Doch wältze er sich nicht schmerzverzerrt vom Platz, nein, er ging einfach. Blöd, wenn man eine Spalte „FAZ“ zu füllen hat. Und so baut diese ein Mysterium auf: „So einen Abgang hat man auch noch nicht gesehen in der Bundesliga. Einmal drehte Frank Rost das rechte Bein noch angewinkelt zur Seite, ein letzter Test in Sachen Stabilität. Ohne sichtbare Regung ging er dann ganz langsam aus seinem Tor Richtung Hamburger Bank. Der Ball war vorher übers Gehäuse geflogen, Abstoß für den HSV, willkommene Pause für Rost, um einen merkwürdigen Marsch anzutreten, der eine verdutzte Mannschaft zurückließ. Was wollte Rost… Ohne es jemand anzuzeigen beendete Rost die Abendschicht dann einfach.“ Das Geheimnis: Rost war verletzt. Tja, so leicht sind „FAZ“-Redakteure zu überraschen.

Die Artikel sind übrigens nicht verlinkt, weil sie, so weit ich sehe, nicht online stehen oder nur hinter einer Bezahlwand.

All dies sind einfach kleine Dinge, die mir auffielen. Nichts besonderes. Aber irgendwie will mir immer weniger einleuchten, warum ich selbst im Flugzeug noch Zeitungen lesen sollte.

Teile diesen Beitrag