Picinic – die Denkveränderungskonferenz

by Thomas Knüwer on 28. September 2010

Häuser aus künstliche erzeugtem Fleisch. Könnte man bauen. Theoretisch, sagt Experimentalarchitekt und -designer Mitchell Joachim. Mit Bäumen ginge das schon einfacher. Einige Arten könnten in ihrem Wachstum so beeinflusst werden, dass ihre Arme das Gerüst für Baum-Häuser bilden könnten. Gut, das würde so acht bis zehn Jahre dauern.

Wenn Sie solche Ideen für komplett bescheuert halten, obwohl sie theoretisch umsetzbar wären, wenn sie keine Lust haben mal weit in die Zukunft zu denken, dann, lieber Leser, bleiben Sie dem Innovationskongress Picnic fern.

Sollten sie aber genau solche Gedankenspiele für spannend und inspirierend halten – dann kommen Sie.

Die halbe vergangene Woche verbrachte ich auf der Picnic (wo auch das Interview mit Foursquare-Gründer Dennis Crowley entstand), es ist die eine Konferenz im Jahr, die ich nicht missen möchte. Das liegt zum einen am Umfeld. Die alte Westergasfabriek und ihr Park sind ein absoluter Traumort für eine Konferenz. Große Räume, kleine Räume, Freiräume, ein alter Gasometer als zentraler Anlaufpunkt – alles wunderschön. Hier entstehen dann auch die Fotos, die manchen denken lasse, die Picnic bestünde vor allem aus Sandwiches in der Sonne.

In diesem Jahr wurde es noch kuscheliger als sonst. Der ganz große Saal vergangener Jahre, der rund 100 Meter vom Gasometer entfernt liegt, fiel weg – somit wurde die Picnic kompakter. Auch das Wort Konferenz passt eigentlich nicht mehr, die Organisatoren selbst wählen den Begriff “Festival”. Nun, dazu fehlen dann vielleicht doch noch mehr Darbietungen. Doch tatsächlich begegnet man häufig kleine, ungewöhnlichen Aktionen. Da lässt ein Sponsor eine Couch auf Rädern über das Gelände schieben und lädt zum “Couch Surfing”, eine jener Dronen für jedermann steigt auf, viele kleine Workshops ergänzen die Vorträge der Großkopferten. Es passte, dass in diesem Jahr zum ersten Mal kein Konferenz-Organisator oder Journalist die Moderation übernahm, sondern Jon Rosenfeldt vom Impro-Theater Boom Chicago – der beste und unterhaltsamste Konferenzmoderator, den ich je sah.

Die kommen aus weit mehr Bereichen als nur der digitalen Wirtschaft: Stadtentwicklung, Design, Architektur, Hilfsorganisationen – die Picnic deckt weite Felder ab. Ein Grundtenor war in diesem Jahr noch stärker als bisher der Glaube, dass die Denkweise anderer Felder uns bei der Lösung von Problem helfen.

Ein typisches Beispiel dafür lieferte Natalie Jeremijenko von der Environmental Health Clinic, einem Ableger der New York University.

Hier werden lokale Umweltprobleme behandelt wie eine Krankheit, oder besser: wie eine Gesundheitsstörung. Wer etwas tun möchte bekommt einen Termin, schildert die Lage – und am Ende gibt es Handlungsvorschläge so wie beim Ernährungsberater den Diätplan.

Reinier de Graaf dagegen fragte sich, ob Städte sich in die falsche Richtung bewegen, weil die Stadtväter Visionen haben statt einer Philosophie. Der Partner des von Rem Koolhaas gegründeten Office for Metropolitan Architecture vermisst in diesen Tagen ein theoretisches Fundament des Städtebaus, so wie es dies in den 70ern gegeben hat. Stattdessen würden Visionen propagiert, die sich fast immer an den Messgraden von Städterankings orientieren würden, zum Beispiel dem des “Economist”. Berater würden dann K0nzepte entwerfen, die wenig bis nichts mit der Lage einer Stadt zu tun hätten.

Das soll nicht heißen, dass es nicht konkret würde in der Westergasfabriek. Tim Kobe, der für Apple das Design der Shops entwarf, zeigte neue Entwürfe für Citibank Japan, die wenig mit dem alten Bild einer Bank zu tun haben. Schade, dass er ein lausiger Redner war und wenig über den Entwurfsprozess berichtete.

Oder das Flyfire-Projekt: kleine Hubschrauber mit Leuchten, die sich zu fliegenden Anzeigetafeln formieren:

Trocken auf den Punkt kam dagegen Denise Caruso, Autorin des Buchs “Intervention“, in dem sie über Risikoabschätzung im Zeitalter der Biotechnologie schreibt. Antibiotika und DDT hätten gezeigt, dass “man nichts sicher nennen kann, dessen langfristige Folgen man nicht seriös absehen kann”. In Sachen gentechnisch verändertes Saatgut und Biotechnologie insgesamt entstehe derzeit eine Situation, in der auch viele Journalisten Amnesie und Dejà-vu gleichzeitig hätten: “Ich glaube, das hab ich schon mal vergessen.”

Das Zeitalter der Industrialisierung habe sich durch wenig Unsicherheit, vorhersehbaren Veränderungen und größtenteils deren Kontrolle ausgezeichnet. Das Internet-Zeitalter dagegen bestehe aus radikaler, wissenschaftlicher Unsicherheit, unvorhersehbaren Veränderungen und Unkontrollierbarkeit, meint Caruso.

Wie schön wäre ein Streitgespräch zwischen ihr und Stephen Emmott gewesen, dem Chefwissenschaftler von Microsoft. Er bejubelte zwei Tage später die Biotechnologie als Wissenschaft der Zukunft. Dabei sieht er die Funktion von DNA als eine Art Computer-Technologie. Und wer sie so sehe, der könne sich fragen: Lässt sie sich programmieren? Antwort: ja. Das ist nicht wirklich neu, den Traum von individualisierten Medikamenten gibt es schon länger. Wenn aber Microsoft sich mit solch einem Thema beschäftigt… Caruso plus Emmett bewirkt heftiges Magengrummeln.

Das hatte auch Cory Doctorow, der Science-Fiction-Autor und Blogger. Erst erklärte er, warum er seine Werke inzwischen frei unter Creative Commons zur Verfügung stellt – und trotzdem Geld einnimmt (nämlich durch Edel-Versionen). Dann holte er aus gegen das Apple-Imperium: Weil dort nur DRM-geschützte Dateien aufgenommen würden, werde Autoren das Recht verweigert, ihre Werke so zu vermarkten, wie sie es möchten. In der dritten Reihe saß derweil jemand mit ernsten Gesicht und applaudierte nicht: Michael Tschao, Vize-Präsident Produktmarketing bei Apple – und einer der wichtigsten Figuren bei der Ipad-Entwicklung. Auch ein schöner Picnic-Moment.

Überhaupt: Auch um Medien ging es. Allerdings tat sich wenig Neues trotz toller Redner wie Jeff Jarvis oder Mark Glaser. Vielleicht aber beschäftige ich mich auch zu sehr mit diesem Thema um Neues ausmachen zu können. Nicht neu aber höchst unterhaltsam immerhin aber war Evan Ratliff, der für “Wired” versuchte einen Monat lang von der Bildfläche zu verschwinden.

Sie merken schon: Ein finales Fazit zu ziehen ist nicht möglich, dazu ist sie zu vielfältig und bunt. Die Netzpiloten haben eine sehr schöne Zusammenfassung gevideot:

Die Picnic ist, sagte eine Teilnehmerin, wie die teure, tolle Zeitschrift, die man immer schon lesen will – aber nie dazu kommt. Wussten Sie zum Beispiel, dass es auf den Weltmeeren fünf große Strudel gibt, in denen weite Teile des Mülls, den wir in die Meere werfen, zirkulieren? Das erzählte Jo Royle, die Teil der Crew der “Plastiki” war, einem Segelboot, das aus Plastikflaschen gebaut wurde um auf die Kunststoffverschmutzung der Meere aufmerksam zu machen.

Eine Tendenz aber war doch auszumachen: die sich verändernde Rolle von Designern. Sie sind nicht mehr die coolen Jungs, die in stillen Lofts die Zukunft malen. Anscheinend sehen sich immer mehr Designer tatsächlich als integraler Bestandteil des Entstehungsprozesses – das Business-Denken solle ins Design fließen und umgekehrt, sagte Ideo-Creative-Director Tom Hulme.

Wie das aussehen soll zeigt auch seine Rede beim Event des Geldgebers HackFwd:

Drei Tage Picnic sind anstrengend, geistig herausfordernd. Und doch stellt sich bald der Picnic-Kater ein: Das Hirn verlangt nach mehr neuer Ideen und ungewöhnlicher Projekte – aber da kommt erstmal nichts mehr. Bis zum September 2011 – dann steht die nächste Amsterdam-Reise an.

Ach ja, und das mit den Fleischäusern. Ginge zwar, wird aber wohl nichts – “sie sehen einfach schrecklich aus”, meinte Mitchell Joachim.



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