Was Verlage von Yahoo lernen können
13. August 2010
Google Streetview und die Einbrecher
17. August 2010

Thomas Wiegold verlässt den „Focus“

Im vergangenen März tat sich trauriges und überraschendes beim „Focus“. Thomas Wiegold, angesehener Experte für Verteidigungs- und Bundeswehrthemen, legte sein Blog „Augen geradeaus“ still. Einfach so. Ohne Begründung.

Freiwillig geschah dies nicht, dazu hatte Wiegold zu viel Energie und Leidenschaft in „Augen geradeaus“ gelegt. Zu den Gründen wollte er sich nicht äußern, so darf nur spekuliert werden, ob er als Angestellter des bayerischen Burda-Verlags dem CSU-Verteidigungsminister möglicherweise auf die Füße getreten ist. Wir wissen es nicht.

Schon damals hielt ich dies für einen deutlichen Rückwärtsschritt beim „Focus“. Denn Wiegold als crossmedialer Journalist mit Expertenwissen in einem speziellen Thema war für mich ein Vorbild für die Zukunft des Journalismus.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch mit Thomas Wiegold am Rande des feierlichen Gelöbnisses vor dem Reichstag, 20.7.2010. Foto: Carsten Koall.

Nun die nächste überraschende Meldung: Thomas Wiegold wird den „Focus“ verlassen. Dort konnten sich Mitarbeiter jüngst an einer nach meinen Informationen großzügigen Abfindungsregelung beteiligen, laut „Horizont“ haben 60 Mitarbeiter sich zu diesem Schritt entschlossen. Der „Focus“ kommt somit ohne betriebsbedingte Kündigungen aus, was wie ein Erfolg klingt – faktisch aber die größte anzunehmende Niederlage für Unternehmen bedeutet. Stichworte: Ratten und sinkende Schiffe.

Thomas Wiegold hat nun „Augen geradeaus“ wieder eröffnet – auf eigene Rechnung unter Augengeradeaus.net. Die DE-Endung war schon besetzt von einer Seite für das Wachregiment „Friedrich Engels“.

Dazu und zu seinem Schritt in die Selbstständigkeit habe ich Wiegold ein paar Fragen gestellt:

Thomas, erst war dein Blog beim Focus still, nun gehst Du – steht das in Zusammenhang?T
Ich bitte um Verständnis: Es gibt Fragen, auf die ich keine Antwort geben kann.

Die offensichtlichste Frage: Möchtest Du jetzt vom Bloggen leben?
Das wäre ziemlich vermessen, oder? In Deutschland von einem Blog leben, das nicht eines der Hype-Themen wie Internet oder Gadgets besetzt, ist wahrscheinlich für lange Zeit kaum möglich. Ich sehe mich als freien Journalisten – der aber das Bloggen als wichtigen Teil der journalistischen Arbeit begreift. Wenn mein Blog in absehbarer Zeit auch zu meinem Lebensunterhalt beitragen sollte, würde mich das sehr freuen.

Du betreust – mit Verlaub – ein Orchideenthema. Haben solche Themen im Web keine Chance, weil sie zu wenige Leser anlocken – oder sind sie besonders chancenreich, weil die Leser besonders interessiert sind?
Die Frage kann ich noch nicht beantworten. Obwohl ich glaube, dass gar nicht so wenige Leser an diesem Thema Interesse haben – nicht wenn es um die Details eines Sturmgewehrs oder die Kampfraumkühlanlage der Panzerhaubitze 2000 geht. Aber Fragen des – ja sehr umstrittenen – Einsatzes in Afghanistan oder die Zukunft der Wehrpflicht interessieren viele Menschen. Und für die, die sich detaillierter mit dem Thema auseinandersetzen wollen, gibt es in Deutschland, im Unterschied zu den USA, recht wenige journalistische Angebote im Internet.

Wie werden Deine bisherigen Kontakte mit Deiner neuen Freiheit umgehen? Wird es nun schwerer oder gar unmöglich, Reisen nach Afghanistan oder in ähnliche Gebiete zu machen?
Da bin ich guter Hoffnung. Viele meiner Kontakte haben mir versichert, dass sie auch weiterhin mit dem freien Journalisten und Blogger Thomas Wiegold reden wollen – nicht zuletzt aus wohl verstandenem Eigeninteresse: In der Bundeswehr haben viele mein altes Blog gelesen und schauen hoffentlich auch auf das neue „Augen geradeaus!“. Was ich schreibe, erreicht viele Soldaten unmittelbarer als die so genannten Mainstream-Medien. Und Reisen in Kriegs- und Krisengebiete werden weiterhin möglich sein. Wahrscheinlich nicht immer mit den Top-Politikern – aber wenn die Truppe sich nicht um einen Politiker kümmern muss, hat man oft mehr Zeit zum Gespräch. Ich möchte es weiterhin so machen wie in den vergangenen Jahren: Mindestens zwei bis drei Mal im Jahr nach Afghanistan, möglichst ein oder zwei Mal ans Horn von Afrika, wegen der Piraterie. Und wer weiß, welche Regionen ich in den nächsten Jahren noch zu sehen bekomme.

Was fiel Dir bei Deinem Focus-Abschied am schwersten?
Der Abschied von lieben Kollegen und der Verzicht auf das weltbeste Sekretariat. Und, auch das gebe ich offen zu: nach fast 30 Jahren Tätigkeit als fest angestellter Journalist werde ich bestimmt manchmal grübeln, wie ich mein Konto wieder auffülle.

Worauf freust Du Dich nun besonders?
Dass ich eigenständig die Schwerpunkte meiner Arbeit setze – auch wenn ich dann bei diesem Orchideenthema sehr lange auf eine einzelne Blüte schaue…
Teile diesen Beitrag