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29. Juni 2010
B2B und Social Media – ein Markt wacht auf
30. Juni 2010

Erklär mir die Ökonomie

Nichts ist überraschender als Ökonomie. Zumindest erscheint es so, verfolgt man Medien, die über volkswirtschaftliche Trends und Kennziffern berichten. „Deutsche Wirtschaft wächst überraschend“, „Konsumklima verbessert sich überraschend stark„,  „Ifo Geschäftsklima-Index legt überraschend zu„, „Die Inflationsrate sank im Juni nach vorläufigen Zahlen überraschend deutlich“ – so geht es ständig zu im Reich der VWL. Es scheint, das Leben eines Ökonomen ist ein nicht enden wollendes OH!AH!UI! und Gehmirwechichfassetnich.

Nun ist das Leben ja voller Überraschungen – doch so viele?

Nein, diese Wahrnehmungen der Überraschungen deutet daraufhin, dass Ökonomen ein Vermittlungsproblem haben. Sie können der breiten Öffentlichkeit kaum verständlich machen, was in ihrem Feld passiert. Das ist bitter. Denn selten war das Interesse an ökonomischen Zusammenhängen größer. Und nie war es nötiger zu erläutern, was in der Welt der Wirtschaft vor sich geht. (Foto: Shutterstock)

Also versuchen andere sich in der Interpretation der gesamtwirtschaftlichen Lage – Ökonomie-Blogs. Auch in Deutschland sind – mit reichlich Verspätung – einige entstanden, die durchaus lesenswert sind. Zum Beispiel Egghat, Weissgarnix, das Blicklog oder Markus Gärtners Blog.

In den USA gibt es da noch reichlich mehr – inzwischen mit teils erstaunlichem Einfluss. Das gefällt nicht jedem.

Und so keilte jüngst Kartik Athreya von der Landeszentralbank Richmond aus, wie „Handelsblatt“-Ökonomie-Experte Olaf Storbeck in seinem Blog schreibt. Einen offenen Brief hat er veröffentlicht, in dem er unter anderem schreibt, Ökonomie-Blogs hätten absolut nichts interessantes über Ökonomie zu erzählen.

Sie ahnen die Reaktion: wütender Gegenwind aus Reihen der Kritisierten. Den passendsten Kommentar lieferte dabei für meinen Geschmack The Money Illusion:

„If Athreya really thinks we are so shallow, then I encourage him to enter the fray, start his own blog.  I’d love to debate monetary policy with him.“

Bemerkenswert: Jener offene Brief ist inzwischen nicht mehr öffentlich erhältlich. Storbeck hat ihn aber mal sicher verwahrt.

Zur Haltung des Zentralbankers passt wunderbar das, was „Guardian“-Chefredakteur Alan Rusbridger heute morgen bei einer Skype-Keynote für das Medienforum NRW sagte: „Viele Blogger sind interessante und kompetente Autoren. Wer das ignoriert, ignoriert die Krise der Medienbranche.“

So ähnlich ist es auch in der Ökonomie. Sie muss raus aus ihrem Elfenbeinturm und rein in Blogs und Social Media. Muss erklären, wie sie die Welt sieht – und diskutieren mit jenen, die es anders sehen.

Immerhin: In Deutschland scheint sich langsam etwas zu bewegen. Die „Financial Times Deutschland“ befragte jüngst 1100 Ökonomen und ihr Fachmann fürs Volkswirtschaftliche, Thomas Fricke, schreibt dazu unter anderem:

„Fast jeder Zweite stimmt stark zu, dass die bisher hermetisch wirtschaftlich denkende Zunft (Motto: Wir bieten ökonomische Ideallösungen, die Umsetzbarkeit ist nicht unser Ding) mehr von Psychologen, Soziologen und anderen lernen sollte – um Krisen zu verhindern, in denen es um Herdentriebe und andere Psychophänomene geht.“

Und beim Handelsblatt bloggt ja immerhin mit Harald Uhlig einer der Angesehenen seins Fachs – wenn auch mit desaströsem Layout und leserunfreundlicher Technik.

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