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König Lear, der Herrscher der Verlage

„Es ist der Fluch der Zeit, dass Irre Blinde führen“, stößt König Lear hervor.

Zu dieser Zeit hat er (wenn ich es recht erinnere) Erkenntnis erlangt, er entflieht dem Wahnsinn. Dieser hält seine Seele umklammert, seit Lear erkannt hat, dass er einen Fehler begangen hat. All sein Reichtum hat er den falschen Menschen, seinen Töchtern, übergeben. Die Gegenleistung war schmal: Einen angenehmen Ruhestand, mehr wünschte sich der Herrscher nicht. Doch die verstoßen ihn, mit seinen Getreuen flieht Lear, gerät in einen Sturm, verliert alles und jeden. Der Wahnsinn lässt ihn das Leben leichter ertragen.

König Lear und der Narr im Sturm - William Doyce

Erst als er erkennt, wie Menschen wirklich sind, kehrt langsam der Geist zurück (alles weitere schauen Sie sich bitte mal im Theater an – wir alle gehen ohnehin zu selten mal hin).

„Es ist der Fluch der Zeit, dass Irre Blinde führen.“

Und ich denke: Kann nur der Branchenverband der Zeitschriftenverleger VDZ gemeint sein.

Als ich heute morgen den Hinweis auf einen zu dieser Zeit noch nicht online befindlichen Artikel aus der „Financial Times Deutschland“ bei Turi2 las, dachte ich noch: „Da haben die Turis mal wieder was etwas hektisch zitiert, das muss ein Scherz sein.“

Aber nein: Die meinen das ernst.

VDZ-Mann Alexander von Reibnitz fordert allen Ernstes, die Verlage sollten an den Einnahmen beteiligt werden, die bei Facebook auf Fan-Seiten ihrer Produkte entstehen. Womöglich gar an jenen Einnahmen durch Anzeigen, die neben der Kommunikation von Nutzern über Verlagsinhalte platziert werden.

Auf solche Ideen muss man erstmal kommen.

Denn es ist ja nicht so, dass Facebook jene Seiten errichtet. Nein, die Verlage sind es selbst. Meistens sind die Seiten dumpfe Ablaichhalden für RSS-Feeds, aber so mancher lässt das eben gern in seine persönlichen Nachrichten einfließen. Die Verlage also nutzen Facebook, um Leser auf ihre Seiten zu ziehen. Und dafür wollen sie nun Geld haben.

Absurd ist eine höfliche Formulierung für solch ein Ansinnen.

Vielleicht müssen wir uns einer brutalen Realität stellen. Die Verlage irren durch den Sturm, haben die Orientierung verloren. Ihre Getreuen, Leser wie Anzeigenkunden, haben sie verstoßen. Nichts ist mehr, wie es war. Sie drehen durch. Ja, es muss wohl so geschrieben werden: König Lear ist es, der Deutschlands Verlage führt.

Selbst wenn Leser über Ihre Arbeit gut sprechen, dies anderen per Facebook mitteilen, auf dass die auch jene Werke erblicken – selbst dann treibt sie nur eines. Geld. Schnelles Geld. Es geht nicht mehr um Gesellschaft und Aufgabe und Demokratie und Langfristigkeit. Nur noch um schnelless Geld.

Und deshalb, so schwer das auch fällt, ist jenes Lear-Zitat so passend. Es endet so:

„Mach, was ich sag; ach, mach doch, was du willst, vor allem: mach dich weg.“

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